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Aktueller Online-Flyer vom 21. Mai 2018  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Ein neues Verständnis für unsere „gemeinsamen" Werte
Von Evelyn Hecht-Galinski

Krieg ist immer ein schrecklicher Zustand und mit großem Leid verbunden. Tatsächlich ist gerade Deutschland wieder einmal damit beschäftigt, sich mit den angeblichen „Völkerrechtsverbrechen" der Türkei und Russlands zu befassen - während Netanjahu mit seinem Staatsterror unbehelligt fortfährt und das Völkerrecht sowie die Menschenrechte mit Füßen tritt. Während in Deutschland friedliche und mehr als verständliche Proteste palästinensischer Demonstranten, nach der unglaublichen Trump-Entscheidung Jerusalem als Hauptstadt des „Jüdischen Staates" anzuerkennen, verunglimpft wurden und ihnen sogar mit Abschiebung gedroht wurde, können gewalttätige PKK-Sympathisanten gegen türkische Bürger in Deutschland frei agieren - so wie zuletzt im Flughafen Hannover geschehen. Ich möchte klarstellen, dass ich Demonstrationen aller Art für wichtig und z.T. auch für nützlich halte und gegen jegliche Repressalien bin - aber was momentan in Deutschland abläuft, haben wir der verfehlten Regierungspolitik zu verdanken.

Wenn es um Ditib geht, dann wird kritisiert, was man beim Zentralrat der Juden oder christlichen Kirchen „normal" findet. Unerträglich, wie auf die Art der Islamhass in Deutschland geschürt wird. Ich erinnere mich noch sehr gut: Als der Gaza-Völkermord stattfand, riefen jüdische Verbände in Deutschland zu Solidaritätsdemonstrationen auf und beteten für IDF-Soldaten. Das ist sicher keine Aufgabe für eine Organisation in Deutschland, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts fungiert. Das, was bei jüdischen Organisationen und christlichen Kirchen in Deutschland toleriert wird, erfährt auf der anderen Seite Kritik, wenn es sich um Muslime handelt. Mit Kriegspropaganda kennen sich jüdische Organisationen seit Jahren gut aus - was ihnen aber im philosemitischen Deutschland nicht übel genommen wird. Das dürfen wir nicht ohne Widerspruch hinnehmen!

Erschreckender Art und Weise hat sich der Islamhass einen Weg verschafft, um ausgelebt zu werden - was eignet sich da besser als das selbst geformte „Feindbild Erdogan"? Ganz klar, man muss sicher nicht alles unterstützen, was momentan in der Türkei geschieht, aber vergessen wir nicht: Es gab dort vor nicht allzu langer Zeit einen Putschversuch.

Stellen wir uns vor, hier wäre gegen Merkel geputscht worden. Was wären hier für „Notstandsgesetze" angesagt gewesen? Kann man den Ärger von Präsident Erdogan nicht nachvollziehen, wenn er mit ansehen muss, wie in Deutschland viele verdächtigte Gülen-Putschisten um Asyl bitten und es ihnen gewährt wird?

Natürlich sollte jeder Verfolgte das Recht haben, einen Antrag zur Aufnahme zu stellen - es muss aber jeder Einzelfall gründlich geprüft werden, ob derjenige es auch verdient, Asyl zu erhalten.

Es stimmt etwas nicht mehr im Staate Deutschland

Wenn dann noch auf der anderen Seite Vorschläge gemacht werden, muslimische Flüchtlinge als „Antisemiten" zu brandmarken und auszuweisen - wenn sie das „Existenzrecht" Israels nicht anerkennen wollen oder gegen den „Jüdischen Staat" protestieren und nachgemachte Davidstern-Flaggen verbrennen - dann stimmt etwas nicht mehr im Staate Deutschland.

Während der israelische Ministerpräsident Netanjahu als Bollwerk gegen den „islamischen Terror" als Star der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft" gefeiert, Israel immer mehr in die EU eingebunden und für Völkerrechtsverbrechen mit Assoziierungsabkommen belohnt wird, versucht man die Türkei seit Jahrzehnten von der EU Mitgliedschaft fernzuhalten.

Gerade Kanzlerin Merkel spielte eine mehr als unrühmliche Rolle in diesem traurigen Spiel - war sie es doch, die einen Beitritt der Türkei immer wieder abblockte, mit dem Hinweis auf die Phrase einer „privilegierten" Partnerschaft". Was heißt schon „privilegiert", wenn man draußen bleiben muss?

Allerdings benutzte Merkel die Türkei bereitwillig als „Flüchtlingsabnehmer". Gibt es ein anderes Land, das ähnlich vorbildlich mit den Flüchtlingen umgeht? Wohl kaum!

Denken wir nur an Israel, wo man afrikanische Migranten mit Abschiebung oder Gefängnis droht. Während Israel allen jüdischen Einwanderern im illegal besetzten Palästina ein Heim bietet, wird den Palästinensern dieses legale Rückkehrrecht verweigert - und die Staatengemeinschaft schweigt zu diesem Unrecht.

Auch wenn die Rüstungsgeschäfte sowohl mit der Türkei als auch mit Israel laufen, werden beide Staaten nicht gleich behandelt. Tatsächlich darf man die Gefahr nicht unterschätzen, wenn man so großzügig Rüstungsgüter an Staaten wie Saudi-Arabien, Israel oder Ägypten liefert. Allerdings ist im Gegensatz dazu die Türkei der einzige Nato-Partner und sollte daher anders behandelt werden.

Natürlich sollten wir uns fragen, wie es mit unseren „demokratischen Werten" zu vereinbaren ist, Peschmerga, Extremisten, jüdische Besatzer sowie mehr als fragwürdige Staaten wie Saudi-Arabien und Ägypten aufzurüsten - von denen man nicht ausgehen darf, dass sie sich um Menschenrechte scheren.

Deutsche Panzer und Waffen werden schon seit langem in fragwürdigen und verabscheuungswürdigen Einsätzen genutzt. Denken wir nur an den „Jüdischen Besatzungsstaat", dem wir reichlich mit Steuergeldern finanzierte Rüstungsgüter schenken. Die deutsche Staatsräson wird hier missbraucht, um eigenes Versagen zu vertuschen. Gerade als deutsche Bürgerin mit jüdischen Wurzeln wehre ich mich gegen den Philosemitismus, die übersteigerte „Judenliebe", die den Antisemitismus in Deutschland abgelöst hat. Meine große Angst besteht darin, dass wir demnächst nicht nur den Islamhass, sondern auch die Treibjagd auf Israel-Kritiker erleben werden.

73 Jahre nach Auschwitz Unterstützung eines Terror-Regimes

Gerade Deutschland, das immer wieder von seiner „besonderen Verantwortung" aufgrund der Vergangenheit spricht, wird dieser nicht gerecht, sondern macht sich erneut schuldig, ein Terror-Regime zu unterstützen - nur 73 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Vergessen wir nicht: Es waren keine Muslime die Juden ausrotteten - es waren deutsche Christen, die diese Schandtaten begingen. Wenn sich also heute in Israel Faschismus, Rassismus und Apartheid ausbreiten, dann müssen wir uns dagegen entschieden wehren. Wenn die Nachfahren der Holocaust-Überlebenden im „Jüdischen Staat" diesen missbrauchen, dann müssen wir uns als Diaspora-Nachfahren wehren und schreien: „Nicht in unserem Namen"!

Präsident Erdogan sollte sich weiterhin und noch stärker für die Belange der Palästinenser einsetzen und Muslime weltweit auffordern, sich an die Seite dieser verfolgten und vergessenen Volksgruppe zu stellen. Ich würde mir von ganzen Herzen wünschen, dass sich die muslimische Welt unter Führung von Erdogan endlich zu einer Stimme aufraffen könnte, um den Druck zu erzeugen, den Palästina braucht, um von der widerrechtlichen Besatzung befreit zu werden.

Es war ein guter Anfang, als Präsident Erdogan nach dem empörenden Jerusalem-Beschluss von US-Präsident Trump die Verbrechen des „Jüdischen Staates" beim Namen nannte. Aber das war nur ein Anfang und ein Tropfen auf dem heißen Stein - jetzt wollen wir Taten sehen. Die Menschen in Gaza und im illegal besetzten Palästina warten auf eine mächtige Stimme und Hilfe.

Jerusalem ist das Symbol der Hauptstadt von Palästina und das sollte die ganze Staatengemeinschaft endlich unterstützen - nur dann kann es einen gerechten Frieden geben.

Nicht das Schüren von anti-muslimischen Ressentiments wird letztendlich die Lösung sein, sondern ein fruchtbares Miteinander der Religionen. Der Islam hat eine lange Tradition vorzuweisen und darf nicht mit Hass übersät zu werden.

So sollte die „Operation Olivenzweig" nicht ausarten, sondern wie das Symbol des Olivenzweigs schon signalisiert, zum Frieden führen. Das haben die nach Frieden strebenden und leidenden Menschen der Region verdient.

Wenn sich die Türkei immer mehr vom Westen entfernt, dann sollte der Westen das als Mahnung verstehen. Russland, die Türkei und Iran sollten unsere Verbündeten werden und nicht solche Rassisten wie der US-Präsident Trump und der israelische Ministerpräsident Netanjahu. Wir brauchen ein neues Verständnis im Kampf um unsere GEMEINSAMEN Werte!


Auch erschienen bei dailysabah.com - am 29. Januar 2018


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


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Online-Flyer Nr. 645  vom 31.01.2018

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