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Aktueller Online-Flyer vom 23. September 2018  

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Globales
Eine regionale, eine globale und eine religiöse Betrachtung
Was ist los im Iran und was in Israel?
Von Yavuz Özoguz

In der Zeit des Softwars [1] schießen die Presstituierten der Westlichen Welt im Minutentakt ihre Giftmunition in die Welt hinaus, so dass Journalisten, die an sich selbst den Anspruch erheben, bedacht zu agieren und ernsthaft zu recherchieren, kaum Zeit zum Luftholen zwischen den Giftsalven bleibt, geschweige denn sachlich nachprüfbare Informationen und qualifizierte Kommentare wiederzugeben. Bedauerlicherweise betrifft die Ungeduld nicht nur die noch verbliebenen politikinteressierten Bürger mit Westaffinität, sondern zunehmend auch jugendliche Muslime, die in der Ungeduld des Zeitgeistes nach Antworten verlangen, welche als Gegengift der ihnen minütlich eingeflößten Propaganda entgegenwirkt.

Regionale Betrachtung


Die inneriranische Betrachtung zu den Protesten in der Islamischen Republik Iran ist durchaus komplex. Die ersten Proteste begannen nicht etwa vor wenigen Tagen, sondern werden schon seit Wochen in verschiedenen Städten durchgeführt, ohne dass die Westliche Welt davon erfahren hätte. Kein Wunder, denn die Proteste richteten sich ausschließlich gegen die Regierung Ruhanis, der vor drei Wochen seinen Haushalt für das nächste persische Jahr ins Parlament eingebracht hat [2]. Der Haushalt sah Kürzungen für das Volk vor, unter anderem beim Grundeinkommen der Bevölkerung, das Ahmedinedschad eingeführt hatte und das von der Höhe her lediglich als anerkennende Geste und Aufstockung des eigenen Gehaltes verstanden werden kann. Allerdings macht genau jenes bedingungslose Grundgehalt bei vielköpfigen Familie durchaus einen nicht zu unterschätzenden Finanzaspekt aus. Bereits seit 2016 hatte es zudem massive Proteste gegen eine Bankenkorruption im Iran gegeben, bei der umgerechnet mehrere Milliarden Euro von Anlegern veruntreut worden waren. Im Jahr 2016 wurden die Todesurteile gegen einige Bank-Manager vom obersten Gericht im Iran bestätigt [3]. Diese Anhäufung von wirtschaftlichen Belastungen für das Volk, die einherging mit der in den letzten Monaten wieder zunehmenden Inflation im Land, führte seit Wochen zu Protesten gegen die Regierung.

Die Ruhani-Regierung hat seit nunmehr fünf Jahren nur ein einziges Regierungsprogramm: Es wird allen Iranern bessergehen, wenn die Regierung mit den USA halbwegs zurechtkommt. Das Versprechen war, dass nach dem Atomabkommen sämtliche Sanktionen aufgehoben werden und dadurch die Wirtschaft florieren wird. Alle Iraner würden davon profitieren. Imam Chamenei hingegen warnt schon seit 10 Jahren, dass der Iran eine Widerstandswirtschaft [4] aufbauen müsste, die allen Angriffen der Imperialisten gegenüber widerstandfähig ist. Seit zehn Jahren betont Imam Chamenei die Bedeutung einer Widerstandswirtschaft auch immer wieder in dem Jahresmotto, das er zum Anfang des iranischen Wirtschaftsjahres ausgibt. Z.B. war 1390 (ab März 2011) das Jahr des wirtschaftlichen Dschihad, 1392 das Jahr der epochalen politischen und wirtschaftlichen Tapferkeit, 1393 das Jahr der Wirtschaft und Kultur mit der Entschlossenheit des Volks und Anstrengung (dschihadi) der Verantwortungsträger, 1395 das Jahr der Widerstandswirtschaft, Konzeption und Handeln und das laufende Jahr 1396 (ab März 2017) ist das Jahr der Widerstandswirtschaft, Produktion und Arbeitsplätze. Alle diese sehr deutlichen Hinweise wurden von der Regierung Ruhani völlig ignoriert. Als dann mit Trump auch die amerikanischen Hoffnungen der Regierung geplatzt sind, hatte sie keinen Alternativplan. Das Volk im Iran merkte zunehmend, dass die amtierende Regierung mehr den Interessen der Reichen verbunden war als den Interessen des Volkes.

So begannen im ganzen Land vor drei Wochen vereinzelt Proteste. Sie verliefen friedlich und die westliche Welt durfte aus zweierlei Gründen nicht davon erfahren. Zum einen würde es der eigenen Propaganda widersprechen, wenn man zugeben müsste, dass im Iran Demonstrationen gegen die Regierung problemlos möglich sind. Zum anderen wollte man Proteste gegen Imam Chamenei aber nicht gegen den Präsidenten Ruhani unterstützen, der scheinbar ein Glücksfall für den westlichen Imperialismus war.

Es hat drei Wochen gedauert, bis die westlichen Geheimdienste ihre Leute in Position gebracht haben und auf die laufenden Kundgebungen aufgesprungen sind. Während die meisten westlichen Medien erkannt haben, dass die Proteste im Iran sehr vielschichtig sind und daher nicht so pauschal beurteilt werden können, will die berüchtigte Bild-Schreiberin Schippmann [5] ihren Lesern einen Aufstand von Zahntausenden auf Irans Straßen verkaufen [6].

Ja, es gab nicht nur Zehntausende, sondern Hunderttausende einen Tag lang, aber das waren Demonstranten, die sich gegen jegliche Form von Unruhen und Ausschreitungen gestellt haben und Bilder von Imam Chamenei hochhielten. Die regierungskritischen Proteste haben in keiner einzigen Stadt auch nur annähernd eine vierstellige Zahl erreicht. Offensichtliche Iranhasser wie der Human Rights Watch Chef Kenneth Roth haben sich in diesem Zusammenhang übel blamiert. So zeigte er in seinem Twitter-Account Fotos von den Massendemonstrationen für Imam Chamenei und stellte sie als Demonstrationen gegen Imam Chamenei dar. Als er auf seinen Fehler aufmerksam gemacht wurde, zumal die Demonstranten auf den Fotos deutliche Plakate für Imam Chamenei trugen, löschte er das ganze einfach wieder. Eine Entschuldigung wegen Verbreitung von Unwahrheiten ist von Vertretern westlicher Systemorganisationen nicht zu erwarten.

Die Behauptung, dass die USA sich in Form ihrer Clown-Marionette Trump auf die Seite der Demonstranten gestellt hätten, weil Trump sich um das iranische Volk sorge, kam beim gesamten iranischen Volk nicht besonders gut an. Iraner reagieren seit der Islamischen Revolution grundsätzlich allergisch auf äußere Einmischung, insbesondere von Imperialisten. Trumps Heuchelei war aber kaum noch zu überbieten, hatte er doch erst wenige Wochen zuvor das ganze iranische Volk mit seinem Einreiseverbot kollektiv als Terroristen abgestempelt.

Am letzten Donnerstag gab es zwei Tote, wobei bis heute unklar ist, wer sie umgebracht hat, was oft ein Hinweis auf Geheimdienstaktivitäten ist. Am Sonntag gab es zehn Tote, als bewaffnete Demonstranten versucht haben, Polizeiwachen und Militärstützpunkte zu erobern. In jedem anderen Land hätte man das als Terrorangriffe eingestuft. Terror gegen die Islamische Republik Iran gehört aber faktisch zur Staatsräson aller westlichen Staaten und deren Systemmedien.

Es kann zum aktuellen Zeitpunkt nicht abgesehen werden, wohin die Proteste münden und ob es am Ende ein Umdenken bei der Ruhani-Regierung geben wird oder nicht. Die Zurückhaltung der meisten europäischen Medien bei dem Thema gründet allerdings darauf, dass sie realistisch einschätzen, dass das iranische Volk ganz sicher keine westliche Dominanz in ihre Heimat wünscht.

Globale Betrachtung

Bei einer umfassenden Betrachtung darf niemals vergessen werden, dass wir uns seit nunmehr 17 Jahren im dritten Weltkrieg [7] befinden. Den größten Widerstand gegen die aggressive westliche Hegemonialpolitik leistet die Islamische Republik Iran. Aber auch andere Staaten – animiert durch die Erfolge des Iran – versuchen sich nach und nach von dem mörderischen Klammergriff des Westens zu befreien. Daher wird die Region auch mit Kriegen überzogen und Millionen unschuldiger Menschen abgeschlachtet. Die Überlebenden werden Jahrzehnte lang der Strahlung von Uranmunition ausgesetzt. Diejenigen, die die Völker direkt oder indirekt mit Saudischer Hilfe mit Kriegen überziehen, betreiben gleichzeitig nach wie vor Guantanamo, was inzwischen zur Normalität westlicher Menschenrechte gehört.

Was aber das Schlimmste für die westliche Welt ist, ist die Tatsache, dass die USA und Israel total isoliert sind. Bei Abstimmung in der UN stehen sie völlig alleine gegen den Rest der Welt. Selbst ihre Vasallen aus Europa wollen sich nicht mehr unterdrücken lassen [8]. Mit Trump ist die letzte Schamgrenze gefallen. Jerusalem wurde völkerrechtswidrig zur ewigen Hauptstadt des zionistischen Kolonialgebildes erklärt und im Windschatten der Berichterstattung über die Proteste im Iran hat die Regierungspartei in Israel einstimmig (!) beantragt, dass das Westjordanland annektiert werden soll [9]. Wozu soll noch vorgeheuchelt werden, was schon immer israelische Politik war? Wie eng die Ereignisse mit dem Iran zu tun haben, kann daran ersehen werden, dass einige gekaufte Agenten des Westens Plakate von General Qasim Sulaymani zerrissen haben, dem General, der sowohl im Irak als auch in Syrien die USraelischen IS-Monster vernichtend geschlagen hat.

Ohne die vorgeheuchelte Perspektive einer Zweistaatenlösung tritt der zionistische Rassismus deutlicher zutage als je zuvor. Die Vorreiterrolle der zionistischen Leitblätter verliert zunehmend an Wirkung. Kaum ein Blatt ist noch bereit der zionistischen Springer-Propaganda zu folgen. Der Spiegel gibt offen zu: „Im Westen sorgen die Unruhen prompt für Hoffnungen auf eine Liberalisierung des Landes. Doch offenbar versammeln sich bei den Demonstrationen Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Positionen.“ [10] Neben der propagandistischen Niederlage steht auch der finanzielle Niedergang der Westlichen Welt bevor, wie es selbst seriöse Blätter vorhersagen [11]. Ohne Unterstützung der westlichen Welt gibt es kein Israel.

In dieser Weltlage gibt es für Israel nur noch zwei Auswege: Entweder ihr letzter Einsatz zur Destabilisierung des Iran ist erfolgreich – aber danach sieht es wahrlich nicht aus. Oder aber es wird wieder einen 11. September geben müssen, dieses Mal in dem Niveau einer Atombombe auf eine US-Stadt. Über den Hauptschuldigen Nordkorea wird man mit Hilfe der weltweiten Bild-Zeitung dann schon irgendwie eine Beziehung zum Iran herstellen, um dann den dritten Weltkrieg in seine letzte Phase zu führen. Gott schütze die Menschheit vor diesen Wahnsinnigen, die die ganze Welt in Brand setzten würden, um ihre kranken Ziele durchzusetzen.

Religiöse Betrachtung

Bliebe noch die theologische Beurteilung. Die Islamische Republik Iran ist gegründet worden als Vorbereitung zur Machtübergabe an den Erlöser. Solch ein Weltbild ist zwar der Westlichen angeblich so christlich-jüdischen Welt nicht vermittelbar, da die meisten Bürger nicht an ihre eigene Religion glauben, aber im Iran ist der Erlöser verfassungsmäßiges Oberhaupt [12]. Das amtierende Oberhaupt Imam Chamenei ist lediglich eine Art Vertretung, bis der Erlöser erscheint. Die immer deutlicher werdenden Vorstellungen über das Erscheinen des Erlösers gehen aber nicht von einer Art Supermann oder Yedi-Ritter mit Laserschwert aus, der allein sämtliche Atomwaffen der Welt ausschaltet und dann Frieden und Gerechtigkeit von oben verordnet. Vielmehr wird von bewussten Anhängern des Erlösers ausgegangen (übrigens aus allen Religionen), die sich aktiv, wachsam und intensiv für Frieden und Freiheit in Gerechtigkeit einsetzen. Diese Art des Erlöserglaubens ist die gefährlichste Ideologie gegen den Imperialismus und wird entsprechend bekämpft [13]. Für die Religiösen im Iran sind die aktuellen Ereignisse ein Segen und Gnade Gottes, um mögliche Gemütlichkeitsträgheit aufzuheben, Müßiggang durch Wachheit zu ersetzen und die Menschen zu aktivieren.

Für alle drei Betrachtungsebenen, die regionale, die globale und die religiöse kann festgestellt werden, dass die Vertreter des USraelischen Imperialismus auf der Verliererstraße sind, während die Anhänger der Befreiungstheologie unserer Zeit voranschreiten. Eines sollte aber sicher sein: Bis zum Eintreffen des Erlösers wird der Pharao der Zeit den Moses der Zeit nicht in Ruhe lassen.


Fussnoten:

[1] http://www.eslam.de/begriffe/s/softwar.htm
[2] https://djavadsalehi.com/2017/12/31/rouhanis-new-budget-aims-to-eliminate-cash-transfers/
[3] https://www.ft.com/content/635cf970-b95c-11e6-8b45-b8b81dd5d080
[4] http://www.eslam.de/begriffe/w/widerstandswirtschaft.htm
[5] https://offenkundiges.de/wer-ist-antje-schippmann-eine-journalistenkarriere-bei-der-springerpresse/
[6] http://www.bild.de/politik/ausland/iran-unruhen/wird-das-iranischer-fruehling-54335174.bild.html
[7] Die neue Front im Weltkrieg Jemen und was Deutsche wissen sollten
[8] 182 Staaten gegen USA und Israel, aber die deutsche Lückenpresse relativiert
[9] http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-12/likud-israel-westjordanland-annektierung
[10] http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-proteste-gegen-die-regierung-was-steckt-dahinter-a-1185747.html
[11] https://www.heise.de/tp/features/2018-Die-Welt-am-Tropf-der-Zentralbanken-3929074.html
[12] http://www.eslam.de/manuskripte/verfassung_iri/verfassung_iri.htm
[13] Ist es wirklich so schwer den Moses und Pharao seiner Zeit zu erkennen?


Erstveröffentlichung am 01.01.2018 bei Muslim-Markt

Online-Flyer Nr. 643  vom 17.01.2018

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