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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Kommentar
Zionismus ist ein antisemitischer Glaube
König und Kaiser
Von Uri Avnery

DER ZIONISMUS IST ein antisemitischer Glaube. Das war er von Anfang an. Schon der Gründervater, der Wiener Schriftsteller Theodor Herzl, schrieb einige Texte mit eindeutig antisemitischer Tendenz. Für ihn war der Zionismus nicht nur eine geografische Umpflanzung, sondern auch ein Mittel, den verachtenswerten Handelsjuden der Diaspora in einen redlichen fleißigen Menschen zu verwandeln. Herzl reiste nach Russland, um für sein Projekt die Unterstützung von dessen antisemitischen, zu Pogromen aufhetzenden Führern zu gewinnen. Er versprach ihnen, sie von den Juden zu befreien. Tatsächlich war es immer ein Hauptpunkt der zionistischen Propaganda, dass Juden nur in einem künftigen jüdischen Staat ein normales Leben führen würden.

Der Leitspruch war: Man sollte „die soziale Pyramide umdrehen“, sie also auf eine gesunde Grundlage von Arbeitern und Bauern anstatt auf Spekulanten und Bankiers stellen. Als ich im (damaligen) Palästina zur Schule ging, war alles, was wir lernten, mit tiefer Verachtung für die „Exiljuden“ durchtränkt, also die Juden in aller Welt, die in der Diaspora bleiben wollten. Sie standen weit unter uns. Den Höhepunkt erreichte in den frühen 1940er Jahren eine kleine Gruppe, die die „Kanaaniter“ genannt wurde. Sie verkündeten, dass wir eine neue Nation seien, nämlich die hebräische Nation, und dass wir mit den Juden in der übrigen Welt nichts zu tun hätten. Als das volle Ausmaß des Holocausts bekannt wurde, wurden diese Stimmen leiser, aber sie verstummten nicht.

DIE ANTISEMITEN ihrerseits zogen die Zionisten immer den anderen Juden vor. Adolf Eichmann erklärte bekanntlich, dass er lieber mit den Zionisten als mit anderen Juden Umgang habe, weil sie „biologisch wertvoller“ seien. Auch heute applaudieren die Judenhasser in der Welt dem Staat Israel als Beweis dafür, dass sie keine Antisemiten seien. Israelische Diplomaten sind nicht abgeneigt, sich ihre Unterstützung zunutze zu machen. Sie lieben die Alt-Rechten.

Das hinderte jedoch den Staat Israel niemals daran, die Unterstützung des Weltjudentums auszunutzen. Vor langer Zeit gab es einmal diesen Witz: Gott der Allmächtige teilte seine Gaben gerecht zwischen Arabern und Israelis. Er versah die Araber mit Öl und das gab ihnen wirtschaftliche und politische Macht. Und Er versah die Israelis zum selben Zweck mit dem Weltjudentum. Der Staat Israel brauchte in seinen Anfängen das Geld der amerikanischen Juden dringend – buchstäblich, um sich im folgenden Monat Brot zu kaufen. Man überzeugte den Ministerpräsidenten David Ben-Gurion, dass er in die USA reisen müsse, um von den dort lebenden Juden Spenden für Israel zu erbitten. Aber es gab ein Problem: Der Erz-Zionist Ben-Gurion war entschlossen, ihnen zu sagen, sie sollten alles stehen und liegen lassen und nach Israel kommen. Seine Berater konnten ihn nur mit Mühe davon überzeugen, dass er doch bitte das Wort alijah (Einwanderung, wörtlich „Hinaufgehen“) nicht aussprechen möge.

EINE UNAUSGEWOGENE Beziehung herrscht bis zum heutigen Tag. Israelis verachten die amerikanischen Juden heimlich dafür, dass sie die „Fleischtöpfe Ägyptens“ dem Leben redlicher Leute im jüdischen Staat vorzögen, aber sie fordern ihre bedingungslose politische Unterstützung. Die meisten amerikanischen jüdischen Organisationen leisten diese Unterstützung. Sie üben in Washington DC riesig viel Macht aus. Dort gilt die zionistische Lobby AIPAC als die gleich nach der Nationalen Schusswaffenvereinigung wichtigste politische Organisation. Leider schafft die Beziehung immer mehr Probleme und die können nicht mehr übersehen werden.

DER NEUESTE Ausbruch kam aus unerwarteter Quelle. Er trägt einen ungewöhnlichen Namen: Zipi Chotoweli. Es ist ein georgischer Name. Ihre Eltern sind tatsächlich aus der Sowjetrepublik eingewandert (oder haben „alijah gemacht“). Da in der hebräischen Schrift Vokale nicht geschrieben werden, wissen nur wenige Israelis, wie sie diesen Namen richtig aussprechen könnten. Zipi (Verkleinerungsform von zipor, Vogel) ist eine sowohl intelligente als auch schöne Frau von 39 Jahren. Außerdem ist sie extrem rechts. Ihre Einstellung ist eine Verbindung von radikalem Nationalismus und orthodoxer Religion. Natürlich ist sie Mitglied des Likud. Das verhalf ihr zu der hohen Stellung der Vertretenden Außenministerin.

Wer ist denn nun Außenminister? Niemand. Netanjahu ist viel zu klug, um irgendjemanden für diese hohe Stellung zu ernennen, denn diese Person könnte zum Konkurrenten werden. Das hebt Zipis Stellung. Im Allgemeinen bewahrt Chotoweli Stillschweigen. Aber vor einigen Wochen warf sie gewissermaßen eine Bombe. In einem Interview mit einem amerikanischen Abnehmer griff die israelische Außenministerstellvertreterin die amerikanischen Juden bösartig an und wiederholte dabei alte antisemitische Sprüche. Unter anderem kritisierte sie die amerikanischen Juden scharf dafür, dass sie ihre Söhne nicht in die US-Armee steckten. Die Folge davon sei, dass sie die Israelis nicht verstehen könnten, deren Söhne Tag für Tag kämpften.

Das ist eine alte Anschuldigung. Ich erinnere mich daran, dass ich ein Nazi-Flugblatt gesehen habe, das im Zweiten Weltkrieg aus deutschen Flugzeugen über den amerikanischen Linien in Frankreich abgeworfen wurde. Darauf war ein dicker, eine Zigarre rauchender Jude zu sehen, der eine arische Frau sexuell belästigte. Darunter stand: „Während ihr hier in Europa euer Blut vergießt, vergewaltigen die Juden bei euch zu Hause eure Frauen!“ Natürlich ist diese Anschuldigung Unsinn. In den USA wurde der Wehrdienst schon vor langer Zeit abgeschafft. Die US-Armee besteht aus Freiwilligen aus der Unterschicht. Zu dieser gehören die Juden im Allgemeinen nicht. Chotoweli wurde zwar von vielen verurteilt, aber sie ist nicht entlassen worden. Sie ist weiterhin für alle israelischen Diplomaten zuständig.

DIESER ZWISCHENFALL war nur der neueste in einer langen Reihe von Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen den beiden Gemeinschaften. Von Anfang an hat der Staat Israel viele religiöse Privilegien an das israelische orthodoxe Establishment verkauft, denn deren Stimmen in der Knesset waren und sind für die Zusammenstellung einer Regierungskoalition unverzichtbar. In Israel gibt es keine standesamtliche Trauung. Alle Trauungen sind religiös. Wenn ein jüdischer Israeli eine Christin oder eine Muslima heiraten will – was nur selten vorkommt -, müssen sie ins benachbarte Zypern reisen, um dort heiraten zu können. Im Ausland geschlossene Ehen werden hier anerkannt. Im modernen Judentum gibt es verschiedene Arten religiöser Gemeinden. In den USA sind die meisten Gemeinden liberal. Sie gehören zum Reform- und zum konservativen Judentum. Sie werden in Israel kaum anerkannt. Alle Eheschließungen sind streng orthodox. Die Beaufsichtigung koscherer Einrichtungen ist den Orthodoxen vorbehalten und sie ist ein höchst lukratives Geschäft.

Das bedeutet, dass die Hauptströmungen des amerikanischen Judentums in Israel kaum Rechte haben. Man erkennt hier ihre Existenz so gut wie gar nicht an. Als ob das nicht schon genug wäre, gibt es einen bösartigen Konflikt über die Klagemauer, die heiligste Stätte der Juden. Sie wird als einziges Überbleibsel des jüdischen Tempels betrachtet, der vor 2100 Jahren von den Römern zerstört wurde. (Tatsächlich ist sie nur ein Überbleibsel einer äußeren Stützmauer.) Theoretisch gehört sie allen Juden. Die israelische Regierung hat den heiligen Ort jedoch in eine orthodoxe Einrichtung verwandelt, der sich nur Männer nähern dürfen. Die Reformgemeinde und Frauenorganisationen protestieren und zu guter Letzt wurde ein Kompromiss geschlossen: der Hauptteil der Mauer bleibt den Orthodoxen vorbehalten, ein abgetrennter Teil ist jedoch Frauen und Reformjuden zugänglich. Jetzt hat die Regierung diesen Kompromiss widerrufen.

DAS GRUNDÜBEL ist, dass sich die ganze Beziehung zwischen Israelis und Diasporajuden auf einen Irrglauben gründet: den Glauben, dass sie zum selben Volk gehörten. Das tun sie nicht. Die Wirklichkeit hat sie schon vor langer Zeit voneinander getrennt. Die tatsächliche Situation ist, dass israelisch „Juden“ eine neue Nation sind, die von den spirituellen, geografischen und sozialen Wirklichkeiten im neuen Land geschaffen wurde. In ähnlicher Weise unterscheiden sich die US-Amerikaner von den Briten und die Briten von den Australiern. Zwar haben sie das starke Zusammengehörigkeitsgefühl eines gemeinsamen Erbes und von Familienbindungen, aber sie sind verschieden. Je eher beide Seiten das offiziell anerkennen, umso besser ist es für beide. Ausländische Juden können Israel unterstützen wie etwa irische Amerikaner Irland, aber das hängt von ihnen selbst ab. Sie sind Israel keine Loyalität schuldig und zu keiner Tributzahlung verpflichtet. Israel kann seinerseits Juden dort in der Welt helfen, wo sie in Schwierigkeiten sind, und es kann sie aufnehmen. Willkommen. Aber wir gehören nicht zu ein und derselben Nation. Wir in Israel sind eine Nation, die sich aus israelischen Bürgern zusammensetzt. Amerikaner und andere Juden gehören zu ihren jeweiligen Nationen und dazu zur weltweiten jüdischen ethnisch-religiösen Gemeinschaft. Netanjahu wäre gerne, so, wie Königin Victoria „Königin von Britannien und Kaiserin von Indien“ war, „König von Israel und Kaiser der Juden“.
Na schön, aber das ist er nun einmal nicht.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. Seine Schrift “Wahrheit gegen Wahrheit” steht als PDF zur Verfügung.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier. Das von ihr ins Deutsche übertragende Buch "Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert" von Stellan Vinthagen ist hier beschrieben und hier als PDF abrufbar.


Online-Flyer Nr. 640  vom 06.12.2017

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