NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Jasser Arafat und Jitzchak Rabin
Zwei Begegnungen
Von Uri Avnery

IN DEN LETZTEN Tagen traf ich mich mit zwei alten Freunden: Jasser Arafat und Jitzchak Rabin. Nun gut, der Ausdruck „Freunde“ ist vielleicht nicht ganz angemessen. Gewiss, Arafat nannte mich in einer Bandansage zu meinem 70. Geburtstag „mein Freund“, Rabin jedoch nannte niemanden „Freund“. Das entsprach nicht seinem Charakter. Ich bin froh, dass ich beide aus der Nähe kennen gelernt habe. Ohne sie wäre mein Leben ärmer gewesen.

ICH DENKE NICHT, dass ich jemals zwei Menschen begegnet bin, die unterschiedlicher gewesen wären als diese beiden. Arafat war warmherzig. Er war emotional. Seine Umarmungen und Küsse waren zwar zeremoniell, aber sie drückten auch seine wahren Gefühle aus. Ich brachte viele Israelis mit, wenn Arafat und ich uns trafen, und sie alle sagten, dass sie sich nach zehn Minuten in seiner Gesellschaft gefühlt hätten, als würden sie ihn schon Jahre lang kennen.

Rabin war das genaue Gegenteil. Er verabscheute ebenso wie ich körperliche Berührungen. Er war unnahbar. Er stellte seine Gefühle nicht zur Schau. Nur nahen Bekannten offenbarte er sich als jemand, der tatsächlich recht starke Gefühle hatte. Diese beiden sehr verschiedenen Menschen hatten jedoch eines gemeinsam. Beide waren ihr Leben lang Kämpfer. Während der Zeit der britischen Herrschaft verzichtete Rabin auf akademische Studien, um dem illegalen Palmach („Einsatztruppen“) beizutreten. Arafat gab seine Laufbahn als Ingenieur in Kuwait auf, um die PLO (Palästinische Befreiungsorganisation) zu gründen. Rabin war sechs Jahre älter. Beide widmeten den größten Teil ihres Erwachsenenlebens dem Kampf für ihre Völker – und gegeneinander. Beide waren in ihrer Kriegsführung nicht zimperlich. Rabin befahl einmal Soldaten: „Brecht (den Palästinensern) Arme und Beine!“ Arafat befahl viele grausame Aktionen. Nach einem langen Kriegerleben wandten sich beide dem Frieden zu. Das war viel gefährlicher. Rabin wurde von einem jüdischen Fanatiker ermordet. Arafat wurde (das glaube jedenfalls ich) auf ausgeklügeltere Weise von Agenten Ariel Scharons ermordet.

ICH HATTE das Privileg, von beiden zu hören, wie und warum sie ihre schicksalhafte Wendung in Richtung Frieden vollzogen hatten. Arafats Erklärung war einfacher. Sie war mehr oder weniger die folgende (in meinen Worten): Ich habe immer geglaubt, dass die arabischen Armeen schließlich Israel auf dem Schlachtfeld besiegen würden und dass die Palästinenser nur den Anstoß dazu geben müssten. Es stimmt, ich war Oberbefehlshaber der palästinensischen Streitkräfte, aber ich wusste, dass die Palästinenser allein Israel nicht würden besiegen können.

Dann kam der Krieg vom Oktober 1973 (hebräisch: der „Jom-Kippur-Krieg“). Die beiden stärksten arabischen Armeen griffen Israel an. Sie sorgten für eine vollkommene Überraschung und gelangten am ersten Tag zu eindrucksvollen Ergebnissen: Die Ägypter überrollten die israelische Bar-Lew-Linie und die Syrer näherten sich dem See Genezareth. Und sieh da, dem Anfangserfolg zum Trotz wurden die Araber im Krieg geschlagen. Als der Waffenstillstand erzwungen wurde, stand die israelische Armee schon vor Damaskus und der Weg nach Kairo stand ihr offen. Daraus zog ich den Schluss, dass Israel auf dem Schlachtfeld nicht zu schlagen sei. Deshalb entschloss ich mich, die palästinensischen Ziele mithilfe friedlicher Mittel zu erreichen. (Ende meiner Formulierung) Also schlug Arafat den Weg ein, der damit begann, dass sein Emissär Sa'id Hamami in London Geheimgespräche mit mir aufnahm, und der schließlich nach Oslo führte.

RABINS WEG in Richtung Frieden war verschlungener. Er erklärte ihn mir lang und breit an einem Schabbat-Nachmittag bei sich zu Hause, und zwar nach dem Washingtoner Handschlag (zu dem er mich nicht eingeladen hatte, während Begin mich zum Abendessen mit Sadat in Ägypten sehr wohl eingeladen hatte. Rabin war eben Rabin). Hier ist die Geschichte (auch die in meinen Worten): Nach dem Sechstagekrieg glaubte ich wie fast alle an die so genannte „jordanische Option“. Niemand glaubte, dass wir das Gebiet, das wir erobert hatten, behalten dürften, und wir dachten, König Hussein würde Frieden mit uns schließen, wenn wir alle Gebiete außer Ostjerusalem zurückgeben würden. Schließlich war die Hauptstadt des Königs ja Rabat, wozu brauchte er dann also noch Jerusalem?

Das war ein Fehler. Eines Tages erklärte der König, dass er von nun an nichts mehr mit dem Westjordanland zu tun habe. Wir hatten keinen Partner mehr. Jemand erfand einen künstlichen Partner: die „Dorf-Bündnisse“. Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass das Unsinn war. Ich ergriff die Initiative und lud nacheinander alle lokalen Führer des Westjordanlandes ein. Sie alle drückten ihre Bereitschaft aus, mit uns Frieden zu schließen, aber am Ende kamen sie zu dem Schluss: Unser Adressat sei Jasser Arafat.

Dann kam die Konferenz in Madrid. Die Israelis stimmten einer gemeinsamen jordanisch-palästinensischen Delegation zu, zu der Faisal Husseini, der in Ostjerusalem wohnte, nicht gehörten sollte. In dem Augenblick, als man in der Beratung auf das Thema Palästina zu sprechen kam, erhoben sich die jordanischen Delegationsmitglieder und sagten: „Tut uns leid, das betrifft uns nicht.“ Damit wandten sie sich zum Gehen und ließen die Israelis mit den Palästinensern allein.

Husseini saß im angrenzenden Raum, und immer wenn die Diskussion einen schwierigen Punkt erreichte, sagten die Palästinenser: „Wir müssen das jetzt mit Faisal besprechen“. Das wurde bald lächerlich und deshalb lud uns Faisal in seinen Raum ein.  Am Ende eines jeden Tages der Gespräche sagten die Palästinenser: „Jetzt müssen wir in Tunis anrufen, um uns von Arafat weitere Instruktionen geben zu lassen.“ Diese Situation fand ich lächerlich. Als ich wieder an der Macht war, beschloss ich: Die Situation ist nun einmal so, also lasst uns direkt mit Arafat reden. Das war der Hintergrund von Oslo. (Bis hier ist das die Erklärung Rabins.)

ICH WÜNSCHTE, ich könnte zu Recht sagen, dass ich Rabin in den langen Gesprächen, die wir miteinander führten, beeinflusst hätte. Das einzige Thema all unserer Gespräche war Frieden mit Palästina. Aber ich bin nicht sicher, dass ich ihn beeinflusst habe, denn es war fast unmöglich, Rabin zu beeinflussen. Er analysierte Tatsachen und zog daraus seine Schlüsse. Sie beide, Rabin und Arafat, der Soldat und der Ingenieur, waren logisch denkende Menschen. Sie analysierten Tatsachen und zogen daraus ihre Schlüsse.

Meine Gespräche mit Arafat begannen in Beirut, nachdem ich die belagerte Stadt betreten hatte. Das Treffen erregte in der ganzen Welt Aufmerksamkeit. Es fand nach meinen langen Geheimgesprächen mit seinen Emissären Sa'id Hamami und Issam Sartawi statt. (Beide wurden von Agenten Abu Nidals, des Leiters einer extremen palästinensischen Gruppe, ermordet.) Ich erzählte Rabin von diesen Gesprächen; dazu hatte mich Arafat ermutigt. Nach dem Abzug der PLO aus Beirut besuchte ich Arafat oft in Tunis und an anderen Orten. Nach Oslo, als Arafat nach Palästina zurückgekommen war, trafen wir uns zuerst in Gaza und dann in der Mukata’a (einem ehemaligen Polizeigebäude der Briten) in Ramallah. Als meine Freunde und ich den Eindruck hatten, Arafats Leben sei unmittelbar in Gefahr, gingen wir zweimal als „menschliche Schutzschilde“ dorthin und wohnten dort. Scharon gab später zu, dass unsere dortige Anwesenheit ihn davon abgehalten habe, Arafat damals und dort zu töten.

Meine Gespräche mit Rabin fanden – meist auf meine Initiative hin - in seinem Büro in der Balfour-Straße statt. Dazwischen begegneten wir uns auf verschiedenen Partys, im Allgemeinen in der Nähe der Bar. Seit er die britische Akademie für hohe Offiziere besucht hatte, war Rabin dem Whisky (und nur dem Whisky) ergeben. Einige Male trafen wir uns in der Wohnung meiner Freundin, der Bildhauerin Ilana Gur. Sie veranstaltete Partys mit dem heimlichen Zweck, dass wir beide (und manchmal auch Ariel Scharon) uns begegneten. Nach Mitternacht, wenn schon alle anderen Gäste nach Hause gegangen waren, hielt mir Rabin, der auch nach zahllosen Gläsern Whisky vollkommen nüchtern war, ausführliche Vorlesungen.

In all diesen Gesprächen (außer in einem, in dem er mir wegen der Veröffentlichung belastender Enthüllungen über Parteimitglieder in meinem Magazin Vorhaltungen machte) ging es um das Problem Palästina.

VOR EIN paar Tagen besuchte ich Arafats Grab in Ramallah. Auf dem Weg dorthin hielt mich niemand an und zu meiner Überraschung hielt mich auch auf dem Rückweg niemand an. Nicht dass ich erkannt und durchgewinkt worden wäre – nur waren die Straßensperren zu der Zeit gerade nicht besetzt. Zum letzten Mal war ich zu seinem Begräbnis dort gewesen. Jetzt ist sein Grab ein geschmackvolles kleines Bauwerk, davor zwei Ehrenwachen. Dahinter sind Arafats Büro und die Räume, in denen er die israelischen Delegationen empfing, die ich zu ihm brachte, und auch sein kleiner spartanischer Schlafraum. Meine Begegnung mit Rabin fand einige Tage danach statt, bei der jährlichen Massenveranstaltung anlässlich des Jahrestages seiner Ermordung auf dem Platz, der jetzt seinen Namen trägt.

Es war die seltsamste Veranstaltung, an der ich jemals teilgenommen habe. In diesem Jahr wurde sie nicht von der Arbeitspartei durchgeführt, denn ihr Führer will vom Thema Frieden den größtmöglichen Abstand halten. Automatisch hatten zwei Gruppen übernommen, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. Eine besteht aus ehemaligen Armeeoffizieren und die andere ist zweifelhafter Herkunft. Ihre Anstalten waren bizarr. Sie hatten verfügt, dass die Wahlsprüche nicht das Thema Frieden, sondern nur Rabins Karriere im Militär und in der Partei berühren würden. Im Friedenslager erhob sich eine gewaltige Diskussion: teilnehmen oder nicht?

Ich gab eindringlich den Rat teilzunehmen. Meiner Ansicht nach waren die Wahlsprüche der Veranstalter bedeutungslos. Wichtig allein war die Anzahl deren, die kommen würden, um dem Mann und seinem Erbe Ehre zu erweisen. Rabin und Frieden mit den Palästinensern – sie sind untrennbar miteinander verbunden. Schließlich nahmen fast hunderttausend Menschen teil, riefen Friedens-Sprüche und ignorierten vollkommen die Anweisungen der Veranstalter. Als ein Führer der Siedler aus dem Westjordanland (der eingeladen worden war!) eine Rede hielt, war das Pfeifen der Menge ohrenbetäubend. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mit den Übrigen pfiff. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass ich sehr gut pfeifen kann.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. Seine Schrift “Wahrheit gegen Wahrheit” steht als PDF zur Verfügung.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier. Das von ihr ins Deutsche übertragende Buch "Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert" von Stellan Vinthagen ist hier beschrieben und hier als PDF abrufbar.


Online-Flyer Nr. 637  vom 15.11.2017

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE


Karneval fürs Klima
Von Arbeiterfotografie