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Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

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Krieg und Frieden
Friedensnobelpreis für ICAN – „Die Waffen nieder!“ – Alternativer Weg von China
Abolish Nuclear Weapons
Von Dietrich Schulze

Dieselben Mainstream-Medien, die die Abstinenz und Stimmenthaltung der Bundesrepublik bei der historischen UNO-Abstimmung von 122 Staaten über das Atomwaffenverbot nichts einzuwenden hatten, überschlagen sich jetzt wegen der Nominierung von ICAN – International Campaign to abolish nuclear weapons – für den Friedensnobelpreis. Könnte es sein, dass mit dieser Friedensehrung auch Hintergedanken verbunden sind? Die internationale Kampagne für die Abschaffung der Atomwaffen ICAN und die Weltfriedensbewegung betrachten den Preis als Anerkennung für ihre jahrzehntelange Arbeit. Ist das nicht völlig verständlich? Könnte es sein, dass der Preis an ICAN eine Reaktion des Nobel-Komitees auf das weltweit positive Echo auf den UNO-Beschluss ist? Das sind widersprüchliche Gedanken. Der Autor versucht mit diesem Artikel, eine Antwort zu finden.


Collage: Dietrich Schulze

Friedensnobelpreise

Der Friedensnobelpreis [1] wird seit 2001 am Todestag von Alfred Nobel am 10. Dezember verliehen, bisher insgesamt 131-mal. Darunter befinden hochproblematische Preisträger wie 2012 die Europäische Union und 2009 Barack Obama. Die Spitzen der Perversion waren 1973 Henry Kissinger und 1953 George C. Marshall. Es gibt viele Gruppen und Persönlichkeiten, die wirklich Beachtliches zum Weltfrieden beigetragen haben, allen voran 1905 Bertha von Suttner. Sie hat eines der weltweit stärksten Friedensdokumente geschaffen, das Buch "Die Waffen nieder!".

What about ICAN?

ICAN [2] ist ein internationales Bündnis von Nichtregierungsorganisationen für die Abschaffung aller Atomwaffen durch einen bindenden völkerrechtlichen Vertrag, eine Atomwaffenkonvention. ICAN wurde 2007 bei der Konferenz des Atomwaffensperrvertrags in Wien von der IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges und anderen Organisationen ins Leben gerufen und in zwölf Ländern gestartet. 2011 hatte die Kampagne 200 Mitgliedsorganisationen in 60 Ländern, 2017 sind es 468 Organisationen in 101 Ländern. ICAN will der globalen Öffentlichkeit die Gefahr, die 27.000 aus dem Kalten Krieg verbliebenen Atomwaffen darstellen, ins Bewusstsein rufen und Druck auf Regierungen ausüben. Dazu gehört die Vernetzung von Organisationen, die weltweit für die Abschaffung von Atomwaffen arbeiten. Für die Friedensarbeit „unten“ vor Ort dennoch eine eher „oben“ angesiedelte Organisation.

Verlauf UNO-Abstimmung

Einer der bekannten Friedensaktivisten (Ko-Präsident des Internationalen Friedensbüros in Genf) hat den Verbotsprozess in New York persönlich begleitet und seine Erkenntnisse im Neuen Deutschland am 2. August 2017 veröffentlich. Reiner Braun spricht darüber unter dem Titel „Aufstand gegen die nukleare Bedrohung“ [3] auch über die deutschen Gelüsten nach der Bombe. Wörtlich: Ja, es ist ein alter Traum der Konservativen, Zugriff auf die Atomwaffen zu bekommen – entweder als deutsche Atomstreitmacht oder im europäischen Rahmen. Und es ist kein Zufall, dass in der Zeit von Brexit und Trump diese Debatte, die bei konservativen Thinktanks und Stiftungen ihren Ursprung hat, von der ZDF-Sendung Panorama lanciert wird. …Und ich kann nur sagen: Wehret den Anfängen.“ --- „Also wir müssen uns überlegen, wie wir wieder mehr Menschen dafür gewinnen können, sich aktiv gegen dieses Damoklesschwert, das über uns schwebt, zu engagieren.

Basisbewegungen müssen wieder wachsen, die Bewegung der atomwaffenfreien Städte und Gemeinden muss stärker werden und so weiter. …. Und auch die deutsche Verweigerungshaltung bröckelt hier und da. So gibt es Personen im Auswärtigen Amt, die in der Atomwaffenfrage andere Positionen vertreten als die Regierung. Zuerst gilt es aber, so viele Staaten wie möglich für die Ratifizierung des Atomwaffenverbotes zu gewinnen.“

Frieden immer von UNTEN

Reiner Braun hat damit meiner Ansicht nach überzeugend die eingangs erfragte Antwort gegeben. Ich möchte diese Antwort friedenspolitisch noch erweitern:
* Weg mit dem US-Atomwaffenlager (modernisiert) aus Büchel.
* Weg mit der US-Drohnensteuerungszentrale aus Ramstein.
* Verbot aller deutschen Waffenexporte.
* Raus mit der Bundeswehr vor der russischen Grenze, aus Afghanistan und Mali.
* Raus mit der Bundesrepublik aus der NATO. NATO raus aus der Welt.
* Statt einer EU-Militärunion eine neue OSZE schaffen.

US-Welthegemon im Untergang

Die völlig unsinnig erscheinenden Kriegstöne und Kriegshandlungen des US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes sind nichts anderes als Zeichen der Verzweifelung über den realen Verlust der alleinigen Weltherrschaft. Vor den Wirkungen dieses Komplexes hatte kein geringerer als US-Präsident Dwight D. Eisenhower bereits 1961 gewarnt. Dieser Komplex hat die USA nach einem halben Jahrhundert wirtschaftlich und politisch zugrunde gerichtet.

Diese US-Weltherrschaftsstrategie hat einen Namen: Zbigniew Brzezinski. In seiner  geopolitischen Monographie "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft!" [4] von 1997 entwirft er die Geostrategie für das „Große Schachbrett“ Eurasien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Dieses Schachbrett für eine neue Weltordnung unter Vorrangstellung der USA erstrecke sich von Lissabon bis Wladiwostok. Vor der Gefahr eines Bündnisses mit dem großen östlichen Mitspieler China wird gewarnt. China habe eine Regionalmacht zu bleiben. Europa wird als natürlicher Verbündeter der USA als „eurasischer Brückenkopf“ betrachtet. Jeder kann heute sehen, dass dieses US-Eurasien gründlich gescheitert ist. Russland ist auf die Beine gekommen und China hat sich zur Weltmacht entwickelt. Die von den USA und der NATO geschaffenen Eroberungsgebiete nahe der russischen Grenze, im Nahen Osten und im Pazifik sind nach wie vor brandgefährlich. 

Multipolare Weltordnung wächst

Ja, die Weltkriegsgefahr einschließlich des finalen Atomwaffen-Einsatzes hat ein enormes Ausmaß angenommen. Es existiert allerdings jetzt bereits eine multipolare Weltordnung mit mindestens den drei Polen: China, Russland und USA. Der Autor hatte sich dazu am 30. August 2017 hier in der NRhZ unter den Titel „Friedliche multipolare Weltordnung“ [5] Gedanken gemacht. Darin wird über einen interessanten geschichtswissenschaftlicher Beitrag aus der Uni Bielefeld über die Kooperation Venezuela / Russland berichtet und dargelegt, wie Russland und China den Weg vom Rand des Abgrunds suchen.

Einer der konstruktiven Wege aus dem Abgrund ist Chinas „Neue Seidenstraße“. Auch darüber hatte sich der Autor Gedanken gemacht hier in der NRhZ am 5. Juli 2017 unter dem Titel „China: Straße des Friedens“ [6]. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit verbindet China, Russland, Pakistan, Iran, Europa und viele Länder mehr als ein riesiges Menschheitsprojekt. Wegen dieser weltpolitisch grundsätzlichen Bedeutung hatten wir das Glück, einen China-Experten aus Karlsruhe für 5. Oktober 2017 einladen zu können, der unter dem Titel „Chinas »Neue Seidenstraße« – das weltgrößte Projekt zivilwirtschaftlicher Entwicklung" [7a] im vollen Saal sprach. Zur Information hier die Vortragsfolien [7a]. Nicht wenige Diskussionsbeiträge zeigten die offiziell vermittelten Denkmuster, mit denen die Friedenabsichten Chinas in Frage gestellt wurden. Der Referent Prof. Peter Brödner konnte diese alle sachkompetent beantworten. Es ergab sich eine sachliche Atmosphäre in den 2 1/2 Stunden Vortrag mit Diskussion, die der Sache des Friedens dienlich war.

KIT Atomwaffenforschung?

Reiner Brauns obige Aussagen über die deutschen Gelüste nach der Bombe haben seit 1956 mit Karlsruhe zu tun. Zu keinem anderen Zweck war das Kernforschungszentrum mit Altnazis an der Spitze gegründet worden. Nachdem die konkreten Strauß/Adenauer-Pläne am Protest der „Göttinger 18“ gescheitert waren, wurde unbeirrt die atomtechnische Option in Forschung, Entwicklung und Lehre aufrecht erhalten - einschließlich der Ausbildung von Atomexperten aus jeder Menge von Diktaturen. Ein dreiteiliger Hintergrundbericht des Autors erschien dazu 2011 in der NRhZ unter dem Titel „Zerbrecht die Plutonium-Tritium-Diktatur!“ [8]. Und heute wird am KIT im Kontext mit einer EU-Forschungseinrichtung an Thorium-Reaktoren geforscht, natürlich ausschließlich für friedliche Zwecke. Gerade hat sich dazu in Karlsruhe ein „Bündnis gegen neue Generationen von Atomreaktoren“ gegründet [9]. Thorium-Reaktoren ermöglichen eine integrierte Wiederaufarbeitung von waffenfähigem Uran 233. Diese Gefahren ungekannten Ausmaßes will das neue Bündnis untersuchen.

Die Waffen nieder!

Man mag es mir verzeihen, dass ich am Schluss aus Karlsruhe noch etwas übergeordnet Wunderbares berichten muss. Die DFG-VK hatte für den 12. Oktober 2017 unter dem Titel „Die Waffen nieder!“ [10a] zu einem Theaterstück über Bertha von Suttners (oben und in der Collage zitierten) Roman und ihren Friedensnobelpreis eingeladen. Das Stück beschreibt die politische Emanzipation einer jungen Frau, deren glückliche Beziehung durch den Krieg aufs Brutalste zerstört wird. Sie wird zur engagierten Feministin und Pazifistin. Lisa Wildmann spielt das 80-Minuten-Stück fabelhaft, emotional zutiefst berührend und dramatisch auf Hochspannung bis zur letzten Minute. Die Diskussion widerspiegelte die Dankbarkeit gegenüber der begnadeten Schauspielerin und den Wunsch, dieses Theaterstück in den Schulen Baden-Württembergs von der Landesregierung für die Vorführung zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Danach war auch eine Diskussion über die Notwendigkeit des Pazifismus vorgesehen, für die es gelang auf den Friedensnobelpreis für ICAN hinzuweisen. Der konkrete Hintergrund war das Interview des DFG-VK-Landesgeschäftsführers BaWü Roland Blach mit der Stuttgarter Zeitung am 10. Oktober 2017 [10b] „Millionen Menschen sind auf unserer Seite“. Damit schließt sich der Kreis.

Mir verbleibt noch, auf die vor 150 Jahren geborene Käthe Kollwitz (siehe Collage) zu verweisen und auf ihre Leitgedanken „Nie wieder Krieg“ sowie praktisch „Denn ohne Kampf ist kein Leben.“ [10c]. Auf, auf zum Widerstand gegen die nukleare Bedrohung und gegen jeglichen Krieg!


Quellen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Friedensnobelpreistr%C3%A4ger
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Kampagne_zur_Abschaffung_von_Atomwaffen
[3] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20170802rb1.pdf
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_einzige_Weltmacht:_Amerikas_Strategie_der_Vorherrschaft
[5] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24084
[6] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23944
[7a] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20170925ia.pdf
[7b] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20171005pb.pdf
[8] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20110525.pdf
[9] http://karlsruhe.bund.net/ und  http://www.sonnenseite.com/de/politik/forschung-fuer-neue-atomkraftwerke-in-deutschland-endlich-beenden.html
[10a] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20171012bvs.pdf
[10b] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nobelpreistraeger-aus-marbach-millionen-menschen-sind-auf-unserer-seite.f7d288ce-92a5-45a8-b8a3-eb2586e67748.html
[10c] https://www.unsere-zeit.de/de/4927/kultur/5921


Über den Autor: Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord). 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied von NatWiss und publizistisch tätig. Email dietrich.schulze@gmx.de

Online-Flyer Nr. 633  vom 18.10.2017

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