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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kommentar
Über die Tat von Har Adar
Eine Geschichte von zwei Geschichten
Von Uri Avnery

DIES IST die Geschichte: Um sieben Uhr morgens nähert sich ein Araber dem Tor von Har Adar, einer Siedlung nahe der Grünen Linie in der Nähe des israelisch-arabischen Dorfes Abu Ghosch. Der Mann ist ein „guter Araber“. Ein guter Araber mit Arbeitserlaubnis in der Siedlung. Er wohnt im nahe gelegenen Dorf Beit Surik im Westjordanland. Er hat eine Arbeitserlaubnis bekommen, weil er alle Bedingungen dafür erfüllt: Er ist 37 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Die Bewohner von Har Adar kennen ihn gut, denn er putzt seit Jahren bei ihnen. An diesem Dienstagmorgen kommt er wie gewöhnlich zum Tor. Aber etwas erregt den Verdacht der Wachen. Er trägt ein Jackett, obwohl es an diesem Tag im Frühherbst ziemlich warm ist. Die Wachen fordern ihn auf, das Jackett auszuziehen. Aber anstatt das zu tun, holt der Mann eine geladene Pistole heraus und schießt drei der Wachen aus nächster Nähe in den Kopf. Es waren zwei zivile Wachen und ein Mitglied der halb-militärischen Grenzwachen. Zwei der Opfer waren Araber (einer von ihnen ein Druse) und einer war Jude. Ein weiterer Jude, der Ortskommandeur der Wachen, wird schwer verwundet. Dafür, dass der Attentäter niemals eine militärische Ausbildung erhalten hat, ist die Genauigkeit seiner Schüsse erstaunlich. Die Pistole ist 15 Jahre zuvor gestohlen worden.

Ganz Israel war schockiert. Wie hatte das passieren können? Ein guter Araber wie dieser? Ein Araber mit Genehmigungen? Wie konnte er so etwas an einem Ort tun, an dem man ihn mochte und gut behandelte? Wo er mit den Kindern spielte? Und das, nachdem er sorgfältig vom Sicherheitsdienst überprüft worden war, in dem es unzählige arabische Spione gibt und der als geradezu unfehlbar gilt?

Etwas Außergewöhnliches musste geschehen sein. Jemand musste ihn gegen die Juden und die netten Leute von Har Adar, die ihn so gut behandelt hatten, aufgehetzt haben. Vielleicht die Rede von Mahmoud Abbas vor den UN. Oder vielleicht heimliche Kontakte mit der Hamas. „Aufhetzung!“ schrie Benjamin Netanjahu. Aber dann tauchte eine andere Tatsache auf, die alles erklärte. Der Mann hatte sich mit seiner Frau gestritten. Dann hatte er sie verprügelt und sie war zu ihren Verwandten nach Jordanien geflohen und hatte ihn mit den vier Kindern allein zurückgelassen. Das hatte ihn offenbar vorübergehend verwirrt. Im Stadium einer Geistesstörung hatte er die Freundlichkeit der Leute von Har Adar vergessen. Das war ein einmaliger Fall und brauchte uns nicht weiter zu beunruhigen. Aber alles das zeigt uns, dass wir den Arabern nicht trauen können. Sie sind eine Bande von Mördern. Wir können mit ihnen nicht Frieden schließen, ehe sie sich nicht vollkommen geändert haben. Deshalb müssen wir die besetzten Gebiete behalten.

DAS IST die Geschichte. Aber es gibt noch eine andere Geschichte. Die Geschichte, wie der Mann selbst sie sieht. Von seinem Haus im angrenzenden Beit Surik aus konnte der Mann schon, wenn er am Morgen aufwachte, Har Adar sehen. Er heißt übrigens Nimr (Leopard) Mahmoud Ahmed al-Jamal. Nach seiner Ansicht und der jedes anderen Arabers ist die blühende jüdische Siedlung auf enteignetem arabischem Land erbaut. Sie gehört wie sein eigenes Dorf zum palästinensischen Westjordanland, das besetztes Gebiet ist. Jeden Morgen musste er noch im Dunkel der Nacht aufstehen, um rechtzeitig nach Har Adar zu kommen, wo er um sieben Uhr anfangen und bis spät in die Nacht schwer arbeiten musste. Er kam erst gegen 22 Uhr wieder nach Hause. Das ist das Schicksal von Zehntausenden arabischer Arbeiter. Sie mögen freundlich wirken, besonders wenn davon der Erwerb ihres Lebensunterhalts abhängt. Sie können sogar mit wohlmeinenden Herren regelrecht befreundet sein. Aber tief in ihrem Herzen können sie keinen Augenblick lang vergessen, dass die die Toiletten von Juden saubermachen, von Menschen, die ins arabische Palästina gekommen sind und ihr Heimatland besetzen.

Da der größte Teil des zur landwirtschaftlichen Nutzung geeigneten Landes ihrer Dörfer für jüdische Siedlungen enteignet worden ist, haben sie keine andere Möglichkeit, als diese niedrigen Arbeiten zu verrichten. Es gibt im Westjordanland keine nennenswerte Industrie. Die Löhne sind äußerst niedrig und viele liegen unter dem gesetzlich angeordneten Mindestlohn im eigentlichen Israel (etwa 1500 Dollar im Monat). Da sie über ihre Arbeit nicht selbst entscheiden können, sind sie kaum etwas anderes als Sklaven. Wie die netten Sklaven in „Vom Winde verweht“. Ein Mensch in diesen Lebensumständen mag in Frieden mit seinen Existenzbedingungen leben, wenn jedoch etwas Schlimmes passiert, kann er plötzlich mit seinem Status hadern und sich entschließen, ein Märtyrer zu werden. Nimr hinterließ einen Brief, in dem er seine Frau verteidigt und sie von jeder Verantwortung für die Tat, die er für den nächsten Tag geplant hat, entlastet.

DIESES SIND also die beiden Geschichten, die kaum etwas miteinander gemein haben. Die Leute von Har Adar sind vollkommen schockiert. Da sie nur 20 Autominuten von Jerusalem entfernt wohnen, betrachten sie sich durchaus nicht als Siedler, sondern als ganz normale Israelis. Sie sehen die Araber um sich her nicht wirklich als Menschen, wie sie selbst welche sind, sondern als primitive Eingeborene. Die Leute in Har Adar sind nicht so wie die fanatischen religiösen und fast faschistischen Leute in einigen anderen Siedlungen. Weit entfernt. Die Leute von Har Adar wählen alle Parteien, darunter auch Meretz, die linke zionistische Partei, die die Rückgabe der besetzten Gebiet an die Palästinenser befürwortet. Natürlich würde das Har Adar nicht betreffen, denn es gibt einen Konsens zwischen rechten und linken Zionisten, dass die Siedlungen nahe der Grünen Linie Israel angeschlossen werden sollen.

Die Leute von Har Adar können zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein. Aus der Luft sieht ihr Ort sehr ordentlich aus. Er hat 3858 Einwohner. Ihr Durchschnittseinkommen beträgt 5000 Dollar im Monat. Damit liegt es weit über dem Durchschnittseinkommen nationaler Israelis (von etwa 3000 Dollar). Ihr Ortsrat ist der dritt-effizienteste im ganzen Land. Es liegt in dem Gebirgsgebiet um Jerusalem mit seiner schönen Landschaft. Auch von Menschen gemachte Annehmlichkeiten besitzt es: eine Bibliothek, einen Jugendklub, einen Park für Skater und ein Amphitheater, in dem 720 Menschen Platz finden. Sogar für einen Durchschnittsisraeli ist das ein Paradies. Für die Araber ringsum, die es nicht ohne Sondererlaubnis betreten dürfen, ist es eine immerwährende Mahnung an ihre nationale Katastrophe. Natürlich liegt Har Adar ebenso wie andere Siedlungen auf Land, das nicht unbewohnt war. Es liegt an einem Ort, an dem zuvor ein Dorf mit Namen Hirbar Nijam stand. Dieses Dorf stand dort schon während der persisch-hellenistischen Zeit vor etwa 2500 Jahren. Wie die meisten Dörfer in Palästina war es kanaanitisch, dann judäisch, dann hellenistisch, dann byzantinisch, dann muslimisch, dann kreuzfahrerisch, dann mamelukisch, dann osmanisch, dann palästinensisch – und die Bevölkerung war immer dieselbe geblieben. Bis 1967.

ALS NIMR geboren wurde, war diese lange Geschichte längst vergessen. Übrig blieb die Tatsache der Besetzung durch Israel. Das erscheint jetzt alles als ganz normal. Die Bewohner von Har Adar sind glücklich und fühlen sich sicher und vom effizienten Sicherheitsdienst, der Grenzwache und örtlichen Söldnern, die meist arabische Bürger Israels sind, gut beschützt. Nachbarn wie Nimr scheinen zufrieden zu sein und sind es wahrscheinlich auch, wenn sie das Glück haben, eine Arbeitsstelle und eine Arbeitserlaubnis bekommen zu haben, auch wenn die Löhne erbärmlich sind. Der historische Groll liegt tief in ihrem Bewusstsein vergraben. Und dann geschieht etwas, vielleicht etwas von ganz geringer Bedeutung – wie zum Beispiel die Flucht seiner Frau nach Jordanien -, um alles wieder zum Vorschein zu bringen. Der geringe Arbeiter Nimr wird plötzlich zum Freiheitskämpfer Nimr, zum Märtyrer Nimr auf dem Weg ins Paradies. Sein gesamtes Dorf empfindet Hochachtung vor seinem Opfer und vor seiner Familie. Viele Israelis sind wütend, dass die Palästinensische Behörde den Familien der „Märtyrer“ finanzielle Unterstützung gewährt. Benjamin Netanjahu beschuldigt Mahmoud Abbas (Abu Masen), er würde durch diese Zahlungen zum Mord anstiften. Aber Abbas kann sie unmöglich streichen – die Empörung seines Volkes wäre ungeheuerlich. Märtyrer sind heilig und ihre Familien hoch geachtet.

EINEN TAG nach Nimrs niederträchtiger terroristischer Handlung und/oder seinem heroischem Märtyrertum fand in einer anderen Siedlung eine großartige nationale Zeremonie statt. Alle bedeutenden Würdenträger des Landes, angeführt vom Präsidenten und dem Ministerpräsidenten, versammelten sich, um den 50. Jahrestag „unsere Heimkehr in unser Heimatland Judäa und Samaria, das Jordantal und die Golanhöhen“ zu feiern. Auf der Liste fehlt allerdings der Gazastreifen, den Israel hatte verlassen müssen. Israel hatte mit Unterstützung Ägyptens ein eng besiedeltes Land mit einer Seeblockade hinterlassen. Dort wohnen etwa zwei Millionen Palästinenser. Wer zum Teufel will die denn haben? Die Hölle brach los, als die Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, die eigentlich einen Richter entsenden sollte, der bei der Zeremonie das Gericht vertreten hätte, dessen Teilnahme wegen des höchst propagandistischen Stils der Veranstaltung absagte. Sie entschied, dies sie Partei-Propaganda und das Gericht solle sich nicht daran beteiligen.

ALLES IN ALLEM gibt es keinen ruhigen Tag in diesem Staat ohne Grenzen und ohne Verfassung, einem Land, in dem jede Geschichte zwei vollkommen verschiedene Seiten hat und in dem freundliche und ruhige Leute plötzlich zu rasenden Märtyrern werden. Bevor nicht ein Frieden herrscht, in dem beide Völker in ihrem jeweils eigenen Staat leben, wird es keine Ruhe geben. Erst dann hat wahre Freundschaft zwischen Israelis und Palästinensern eine Chance zu gedeihen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. Seine Schrift “Wahrheit gegen Wahrheit” steht als PDF zur Verfügung.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 631  vom 04.10.2017

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