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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Inland
"Das Generationen Manifest" - Gegenrede
Gegen Betrug und desaströsen politischen Autismus
Von Günter Rexilius

Anfang September veröffentlichten „namhafte Prominente aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik“ – so ein Presse-Text -, das Generationen-Manifest (1), das inzwischen knapp 130.000 Menschen unterschrieben haben. Hannes Schrader schreibt dazu auf "ZEIT Campus" am 8. September 2017: „Das Manifesteschreiben ist die Lieblingspose der Feelgood-Demokraten. Es ist der textgewordene Blick in die Abendsonne mit winddurchwuscheltem Haar und resolutem Blick nach dem Motto: Es wird schwierig, aber gemeinsam kriegen wir das hin. Es ist Politkitsch.“ Ironie oder Spott reichen nicht. Diesem nach billigem Beifall heischenden Spuk muss auch inhaltlich etwas entgegengesetzt werden. Deshalb die folgende Gegenrede.


Screenshot aus der website generationenmanifest.de

I

Im Jahre 1943 geboren, gehöre ich zu der Generation, aus der einige VertreterInnen das Generationenmanifest mit verfasst und mit unterzeichnet haben. Sie sprechen nicht für mich.

Unsere Generation hat die Sehnsucht nach Aufbruch in eine Welt des gerechten, friedlichen, gleichberechtigten Lebens für alle Menschen getrieben, wie selbst die CDU sie in ihrem Ahlener Programm 1947 fixierte. Wir alle haben erleben müssen, wie aus den Hoffnungen innerhalb eines Jahrzehnts Ernüchterung und Ungläubigkeit wurden.

Uns alle haben die 68er Jahre politisch sozialisiert: Ihre gesellschaftskritische Explosivität, die analytische Entlarvung menschenunwürdiger Lebensverhältnisse, das rebellische Handeln mit dem Ziel ihrer emanzipativen Veränderung. Wir alle wissen, wie berechtigt der Aufstand von Gedanken und Gefühlen war, weil schon damals der profitheischende Markt aus dem Papier, auf dem das freundliche Attribut in der euphemistischen Floskel „soziale Marktwirtschaft“ stand, zu Makulatur machte. Und wie notwendig er war, denn längst hatten alte Nazis in allen gesellschaftlichen Bereichen wieder erschreckend viel Einfluss gewonnen – wenn sie ihn denn nach 1945 überhaupt verloren hatten. Und wie existenziell das Aufbegehren für viele Studentenbewegte war, denn die Angst vor Wiederbewaffnung, Atomwaffen und neuen Kriegsbereitschaft trieben die Revolte mit an.

II

Seit den sechziger Jahren gab es zahllose Demonstrationen, Proteste und Appelle, gegen Atomkraft, gegen Kriege und für Frieden, seit 1991 gegen die Renaissance deutscher Kriege im Ausland. Die meisten verantwortlichen politischen ProtagonistInnen blieben unbeeindruckt, von ihnen waren und sind, wenn überhaupt, lapidare oder abschätzige Reaktionen zu vernehmen. Jeder, der will, kann täglich hören und sehen, wie Kriege zum probaten Mittel für die Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen geworden sind, wie sie wahllos Menschenleben vernichten und ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Länder verwüsten.

Viele solidarisch fühlende und sozial denkende Menschen haben seit Jahrzehnten unermüdlich gegen wachsende Armut von Menschen, vor allem von Kindern und Älteren, und gegen ihre materielle und kulturelle Verelendung protestiert, gegen ihr Bildungselend und gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Sie erleben, wie dennoch immer mehr Menschen immer ärmer und elender wurden.

Viele haben jahrzehntelang gegen das neoliberale Komplott zwischen Politik und Ökonomie gewirkt und gekämpft, weil es Menschen überall auf der Welt bis aufs Blut ausbeutet oder versklavt, sie krank macht, Abermillionen von ihnen verkrüppelt und tötet, ihre natürlichen Lebensgrundlagen unwiderruflich zerstört. Wenn sie, verzweifelt und voller Angst, dorthin fliehen, wo ihre Reichtümer gelandet sind, also zu uns, erfahren sie, wie deutsche und europäische Migrationspolitik Menschen zu Zehntausenden im Meer, in der Wüste, vor Zäunen sterben lässt. Und die Überlebenden werden, in ihrer schreienden Hilflosigkeit, als „Armutsflüchtlinge“ diskriminiert und in Tod und Hoffnungslosigkeit zurückschickt.

III

Wenn ich das Manifest zur Generationengerechtigkeit lese, frage ich mich, auf welchem Planeten seine VerfasserInnen leben. Sie alle haben unmissverständlich erfahren, dass die politischen und ökonomischen Eliten, ungeachtet aller Proteste, Appelle und Demonstrationen, ihre eigene Macht exzessiv ausgebaut und ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgt haben. Ihre Erfahrung müsste ihnen sagen, dass ihr Appell die Nach-Wahl-Regierenden, an die sie sich wenden, so sehr interessiert, wie der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt.

Sie fügen sich, wider besseres Wissen, mit ihrem Manifest in die Maschinerie der sedierenden Meinungsmache ein, die von den Mainstream-Medien, gerade jetzt im Wahlkampf, mit so sinn- wie folgenlosen Interviews, Talk- und PolitikerInnen-Runden betrieben wird. Sie führen diejenigen, die sie zum Mitmachen auffordern, auf raffinierte Weise hinters Licht: Ihre Feststellungen zu einigen gesellschaftlichen Themen sind sicherlich zutreffend – aber die Illusion zu erzeugen, eine neoliberale Dynamik könnte irgendwie „fair“ werden und PolitikerInnen, die für die Probleme mitverantwortlich sind, könnten plötzlich irgendwohin „umschwenken“, hintergeht die Menschen, für die Veränderungen lebensnotwendig wären.

Deshalb ist das Generationen Manifest, von den leidenden, ausgebeuteten, unterdrückten und im Bombenhagel sterbenden Menschen her gesehen, schlicht Betrug. Aus der Perspektive seiner Verfasser betrachtet ist es ein politisches Loyalitätsbekenntnis zum politisch-ökonomischen Status quo, unter dem Deckmantel kritischer Nachdenklichkeit. Es ist mithin Ausdruck eines desaströsen politischen Autismus.

IV

Fünfzig Jahre zurück haben Intellektuelle wie Peter Brückner, Johannes Agnoli, Ernst Bloch, Hans-Jürgen Krahl, Rudi Dutschke, Franco Basaglia, Noam Chomsky, Helmut Gollwitzer und viele andere die politischen und ökonomischen Wurzeln von gesellschaftlicher Ungleichheit, Krieg und Naturzerstörung freigelegt und die Notwendigkeit von konsequentem Widerstand gegen sie begründet. Sie alle wussten: „Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass alle andern auch nicht mehr mitmachen.«

Es gibt – ein Hoffnungsschimmer gegen die autistische Begriffslosigkeit – auch heute noch diejenigen, die bereit sind zu sehen und zu spüren, und die deshalb wissen, dass Jahrzehnte neoliberaler Eskalation nicht wohlgesetzte Worte, sondern mehr denn je aktive Gegenwehr erfordern: Stéphane Hessel ruft in seinem Pamphlet „Empört euch“ auf, Mensch und Natur zerstörenden Verhältnissen kompromisslos an die Wurzeln zu gehen. Jean Ziegler benennt „die mörderische Ordnung dieser Herrscher und ihre absurde Doktrin von der 'Selbstregulierung' der Märkte“ und fordert uns alle zum aktiven Widerstand auf.

Sie ermuntern zum Widerstand, weil sie wissen, dass man kapitalistische Verhältnisse nicht ein bisschen besser machen kann - neoliberale schon gar nicht -, sondern dass ihnen ein Ende gesetzt werden muss, damit menschliches Elend verschwindet und die Natur überlebt. Nicht irgendeine gutwillig veränderbare „Profitgier“, sondern Profit als Motor kapitalistischer Produktion muss abgeschafft werden.

Wer diese Einsichten ignoriert, hat sich mit den Verhältnissen arrangiert, fühlt sich in ihnen ganz wohl, hat seinen Frieden mit ihnen geschlossen. Wer sich in der manifestierten Weise öffentlich zu Wort meldet, kann sich nicht einmal zum Protest aufraffen, sondern stabilisiert verbal-gesittet Zustände und Verhältnisse, die für viele Menschen unerträglich und lebensbedrohlich sind. Deshalb ist dieses Manifest eine Bankrotterklärung der politischen Vernunft. Es ist ein Manifest der Gedankenlosigkeit, der Banalität und der eingeschlafenen Füße – mit einem Wort der unverbindlichen selbstgerechten Geschwätzigkeit.


Fussnote:

1 Das Generationen Manifest
"Wir sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes und stellen besorgt fest: Die älteste Übereinkunft der Menschheit ist in Gefahr – der Generationenvertrag."
http://www.generationenmanifest.de/

Online-Flyer Nr. 629  vom 20.09.2017

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