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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kommentar
"Ideologie des Likud geht auf Wladimir Jabotinsky zurück"
Die königliche Hündin Kaja
Von Uri Avnery

DAS SCHAUSPIEL ist recht bizarr: Eine politische Partei weigert sich, neue Mitglieder aufzunehmen. Und nicht nur ein paar Einzelne, sondern Zehntausende. Und nicht nur irgendeine Partei, sondern der Likud („Vereinigung“), die wichtigste Kraft in Israels regierender Koalition. Seltsam? Aber der Wahnsinn hat Methode. Bald kommt der Fall vielleicht vor das Oberste Gericht Israels. Der gegenwärtige Parteiführer Benjamin Netanjahu und seine Kollegen fürchten, dass die Menschen, die sich jetzt als Likud-Mitglieder einschreiben lassen wollen, in Wirklichkeit Siedler in den besetzten Gebieten sind, die den Likud übernehmen wollen, während sie in Wirklichkeit ihren eigenen Parteien treu bleiben, die noch extremistischer sind. Einer der gegenwärtigen Likud-Abgeordneten in der Knesset hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der wohl einzigartig in der Welt ist. Er soll der Möglichkeit entgegenwirken, dass diese neuen Likud-Mitglieder bei den allgemeinen Wahlen nicht für den Likud stimmen werden. Um dieser Möglichkeit entgegenzuwirken, heißt es in dem Gesetzentwurf: Wenn sich neue Mitglieder bei der Likud-Partei einschreiben lassen, wird ihr Name im Wähler-Register für die allgemeinen Wahlen gestrichen und sie werden als Likud-Wähler geführt. Das ist offenkundig verfassungswidrig, da es die Geheimhaltung der Wahl aufhebt. Der Rechtsberater der Knesset wird es wahrscheinlich blockieren. Wenn er es nicht tut, wird der Fall vor das Oberste Gericht kommen. Das alles zeigt, dass der Likud wirklich ein komischer Vogel ist. Und das nicht erst seit heute.

VOR JAHREN kam während eines Wahlkampfes in Israel ein führender französischer Journalist zu mir. Ich schickte ihn in eine Wahlveranstaltung von Menachem Begin. Als er zurückkam, war er verblüfft. „Das versteh ich nicht“, rief er. „Als er über die Araber sprach, klang er wie ein fanatischer Faschist. Als er über soziale Angelegenheiten sprach, klang er wie ein gemäßigter Liberaler. Wie passt das denn zusammen?“ „Begin ist kein großer Denker“, erklärte ich ihm. „Die gesamte Ideologie des Likud geht auf Wladimir Jabotinsky zurück." Wladimir (oder Se'ev) Jabotinsky war der Gründer der „revisionistischen“ Partei, der Mutter der Cherut-Partei, die die Mutter des heutigen Likud war. Er wurde 1880 in Odessa in der Ukraine geboren. Als junger Mann wurde er als Journalist nach Italien geschickt. Italien hatte nicht lange zuvor seine Freiheit erreicht. Die italienische Befreiungsbewegung war eine ungewöhnliche Mischung aus extremem Patriotismus und liberal-sozialen Ideen. Das prägte die politische Haltung des jungen Jabotinsky fürs Leben.

Er war eine bezaubernde Person, äußerst begabt auf einigen Gebieten. Er schrieb einen Roman (über den biblischen Helden Simson), übersetzte Edgar Allen Poes Gedichte ins Hebräische, war ein glänzender Redner und begabter Journalist, schrieb Lieder und vieles mehr. Im Ersten Weltkrieg trug er zur Bildung eines jüdischen Bataillons in der britischen Armee bei und war junger Offizier bei der Eroberung Palästinas. Einige Jahre später teilten die Briten Palästina und errichteten das eigenständige arabische Emirat Transjordanien. Jabotinsky erhob Einspruch und gründete die ultra-zionistische „Revisionistische Partei“. Diese forderte die „Revision“ dieser Entscheidung. Jabotinsky verabscheute die unnachgiebigen sozialistischen „Pioniere“, die die zionistische Gemeinschaft in Palästina beherrschten und die ihn hassten. Ich vermute, er war nicht allzu unglücklich, als ihn die Briten aus dem Land stießen. David Ben-Gurion bezeichnete ihn als „Faschisten“, obwohl Jabotinsky als Italienliebhaber Benito Mussolini verabscheute. In diesen Jahren war Jabotinsky ein durch die Welt bummelnder Agitator. Er schrieb wöchentlich einen Artikel, den ich andächtig las. Ich bewunderte seine klare logische Schreibweise. Seine Bewegung wurde in einigen Ländern größer, besonders in Polen.

IN PALÄSTINA blieb Jabotinskys revisionistische Bewegung eine kleine und isolierte Minderheit. Als jedoch die gewaltsamen jüdisch-arabischen Zusammenstöße ausbrachen, errichtete seine Bewegung die bewaffnete Untergrundorganisation Irgun. Jabotinsky war ihr nomineller Oberbefehlshaber. Vor allem seinetwegen trat ich der Irgun bei, als ich kaum 15 Jahre alt war. Anfang 1939 trafen sich Jabotinskys Anhänger aus aller Welt in Warschau. Die Wolken des Krieges sammelten sich schon, aber Jabotinsky verkündete, ein Krieg sei unmöglich, denn die modernen Waffen seien viel zu mörderisch. Als ihm einer seiner polnischen Anhänger, ein junger Mann, der später Menachem Begin hieß, zu widersprechen wagte, antwortete der Führer scharf: „Mein Herr, wenn ich Ihre Überzeugungen hätte, würde ich in die Weichsel springen!“ Der Zweite Weltkrieg brach jedoch tatsächlich aus. Jabotinsky floh in die USA und starb dort plötzlich an einem Herzanfall. Begin war nicht in den Fluss gesprungen, sondern erreichte schließlich Palästina und wurde zum Befehlshaber der Irgun ernannt. Diese wurde eine der erfolgreichsten terroristischen Organisationen der Welt.

ALS DER Staat Israel gegründet worden war, wurde Begin zum Oppositionsführer und zum Verfechter der Demokratie. Er verwarf die „revisionistische“ Partei und schuf seine eigene Cherut („Freiheit“)-Partei. An deren Spitze verlor er acht aufeinander folgende Wahlkämpfe. Als er schließlich 1977 an die Macht gekommen war, überraschte er die Welt damit, dass er mit dem mächtigsten arabischen Land, mit Ägypten, Frieden schloss. Mich hat das damals gar nicht überrascht. Begin war keine glänzende Persönlichkeit wie Jabotinsky. Er folgte gewissenhaft seinem Meister. Jabotinskys Ideologie war eine Landkarte: „Eretz Israel auf beiden Seiten des Jordan“. Die Landkarte umfasste nicht die Sinai-Halbinsel, deshalb hatte Begin keine Bedenken, sie an Ägypten zurückzugeben. (Sie umfasste auch die Golan-Höhen nicht. Begin hätte sie, ohne zu zögern, an Syrien zurückgegeben.)

Mit der Zeit dachten Begin und seine Anhänger nicht mehr an das Land jenseits des Jordan. Sie sangen noch das Lied, das Jabotinsky verfasst hatte („Der Jordan hat zwei Ufer – das eine gehört uns und ebenso das andere“), aber Realpolitik ist stärker als Lieder. Das Königreich Jordanien ist jetzt einer der wichtigsten Verbündeten Israels und Israel hat es schon einige Male vor der Auslöschung bewahrt. Und doch erscheint der Anspruch, dass Jordanien ebenso wie das Westjordanland zum jüdischen Staat gehören müsse, als wichtiger Punkt im Parteiprogramm des Likud. Das hatten alle seit Langem vergessen – bis zu dieser Woche. Benjamin Netanjahus Gehilfen, die darum kämpfen, die „neuen Bewerber“ davon abzuhalten, Mitglieder ihrer Partei zu werden, fordern von ihnen die Erklärung, dass sie alle Teile des offiziellen Likud-Programms – darunter die Forderung, dass Jordanien ein Teil Israels werde – vollkommen akzeptierten.

ALS PERSÖNLICHKEIT steht Netanjahu weit unter Begin, ebenso wie Begin weit unter Jabotinsky stand. Begin umwehte niemals auch nur ein Hauch von Fehlverhalten; er war wegen seines bescheidenen Lebensstandards berühmt. Netanjahu umgibt ein starker Geruch von Korruption. Es laufen einige Untersuchungen gegen ihn und seine Frau Sarah, von denen jede einzelne ihn ins Gefängnis bringen könnte. Jabotinsky hätte mit Ekel auf ihn herabgesehen. Und doch: Ein jüdischer Witz erzählt vom Tod eines reichen Mannes im Ghetto. Es entsprach der Sitte, dass jemand eine Lobrede auf ihn halten musste, also eine Rede, in der Gutes über ihn gesagt würde. Man konnte keinen finden, der diese Pflicht erfüllt hätte. Schließlich meldete sich ein Mann. „Wir alle wissen, dass Rabbi Mosche ein abscheulicher Mensch war“, sagte er, „stinkreich, gemein und grausam. Aber verglichen mit seinem Sohn, war er ein Engel!“

Etwas Ähnliches geschieht jetzt in Israel. Der Scheinwerfer richtet sich auf den sechsundzwanzigjährigen ältesten Sohn Ja’ir Netanjahu. „Bibi“ ist bereits 12 (nicht aufeinander folgende) Jahre an der Macht und verhält sich wie ein König. Seine Frau „Sarah’le“ verhält sich wie eine Königin im Stil Marie-Antoinettes. Ja’ir wird im Volksmund der „Kronprinz“ genannt. Ein sehr unartiger Prinz. Er lebt bei seinen Eltern in der offiziellen Residenz und benimmt sich wie ein verwöhntes Blag. Er ist von Bodyguards umgeben, die der Staat stellt. Er hat keinen erkennbaren Beruf. Und in den letzten Tagen ist er allgemein bekannt geworden. Wie Donald der Trump(f) kotzt Ja’ir im Internet beleidigende Kommentare in alle Richtungen. Zum Beispiel nennt er den „Neuen Israel Fonds“ eine Stiftung, die linke Gruppen unterstützt, den „Neuen Fonds für die Zerstörung Israels“. In der neuesten Episode geht es um die Gemeindeverordnung, der gemäß Hundebesitzer verpflichtet sind, die Exkremente ihrer Tiere im öffentlichen Raum aufzuheben. Ja’ir führte seine königliche Hündin, die inzwischen berüchtigte Kaja, spazieren, ohne dass er ihre Exkremente von der Straße aufhob. Als eine ihn Dame anhielt und aufforderte, das Gesetz zu befolgen, machte er eine unanständige Geste – die die Dame getreulich fotografierte.Jabotinsky, Begin, Bibi, Ja'ir – was für ein Abstieg!


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 626  vom 30.08.2017

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