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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kommentar
Gedanken zur Nachfolge von Benjamin Netanjahu
"Nur nicht Bibi!"
Von Uri Avnery

DIE GEIER kreisen. Sie sehen den Verletzten auf dem Boden liegen und warten auf sein Ende. Ebenso die menschlichen Raubtiere – die Politiker. Sie singen sein Lob, schwören, ihn mit aller Kraft zu verteidigen – aber in ihren Köpfen stellen sie bereits Berechnungen an, wer sein Nachfolger werden könnte. Jeder murmelt vor sich hin: Warum nicht ich? Benjamin Netanjahu steckt in der größten Krise seiner ganzen langen Laufbahn. Die Polizei ist im Begriff, ihre Untersuchungen abzuschließen. Der Generalstaatsanwalt steht unter riesigem Druck, offiziell Anklage zu erheben. Die ohnehin schon großen Demonstrationen in der Nähe der Wohnung des Generalstaatsanwaltes werden von Woche zu Woche immer noch größer. Der Generalstaatsanwalt, der Generalinspekteur der Polizei und der Minister für Innere Sicherheit wurden von Netanjahu (und seiner Frau) persönlich ausgewählt. Nicht einmal das hilft jetzt noch. Der Druck ist zu stark. Die Untersuchungen ziehen sich weitere Monate hin, aber der Ausgang scheint gewiss: Der Staat Israel wird gegen Benjamin Netanjahu vor Gericht ziehen.

WENN EIN Regierungsangehöriger einer schweren Straftat angeklagt wird, tritt er gewöhnlich zurück oder er lässt sich beurlauben. Nicht so Netanjahu. Nein, mein Herr! Wenn er zurückträte, wer würde über Israel wachen und es vor den zahlreichen furchtbaren Gefahren bewahren, die dem Staat von allen Seiten drohen? Die Iraner versprechen Austilgung, die bösen Araber ringsum wollen uns töten, die Linken und andere Verräter bedrohen den Staat von innen. Wie könnten wir ohne Bibi überleben? An diese Möglichkeit darf man gar nicht denken.

Netanjahu glaubt anscheinend an sich. Er, seine Frau und sein ältester Sohn benehmen sich wie eine königliche Familie. Sie kaufen, ohne zu bezahlen, reisen als Gäste anderer und nehmen mit großer Selbstverständlichkeit teure Geschenke entgegen. Der Volkshumor begleitet all diese Verstöße. Die Polizei folgt diesem Geist und ziert Netanjahus Akten mit vielen Nullen. Akte 1000 betrifft Geschenke. Die Netanjahus sind von einer Menge von Milliardären umgeben, die einander mit ihren Geschenken zu überbieten trachten. Über die teuren Zigarren und den rosa Champagner, die der Familie geschenkt worden sind, wurden so lange viele Witze gemacht, bis durchsickerte, dass ihr Wert Zehntausende von Dollar beträgt. Und die Schenkenden erwarten von den Beschenkten Gegenleistungen. Akte 2000 betrifft etwas Besonderes. Jediot Achronot („Neueste Nachrichten“) war Israels größte Tageszeitung, bis Israel Hajom („Israel heute“) erschien; diese Zeitung wird gratis verteilt. Sie wurde von dem Bewunderer Netanjahus und Besitzer riesiger Kasinos in Las Vegas und Macao Sheldon Adelson gegründet. Sie ist der einzigen Aufgabe gewidmet, König Bibi zu glorifizieren.

In einem aufgezeichneten Gespräch unter vier Augen bot Netanjahu dem Besitzer von Jediot Noni Moses einen Handel an: „Israel Heute“ würde seine Größe und seine Verbreitung verringern, wenn in Zukunft Jediot Bibi glorifizieren würde. Nach Rechtsbegriffen ist das ein Bestechungsversuch. Und dann gibt es – tief unter der Meeresoberfläche - Akte 3000. Die deutsche Schiffbaufirma ThyssenKrupp (zwei Namen, die als die Namen von Hitlers Waffenlieferanten im Gedächtnis sind) bauen unsere Unterseeboote. Drei, sechs, neun. Nur der Himmel – oder das Meer – ist die Grenze. Wofür brauchen wir Unterseeboote? Nicht, um die Flotten der Feinde zu versenken. Unsere Feinde, wie sie nun einmal sind, haben keine mächtigen Flotten. Sie können aber durchaus Nuklearraketen haben. Israel ist ein sehr kleines Territorium und ein oder zwei Atombomben könnten es zerstören. Aber es wird niemandem auch nur im Traume einfallen, das zu versuchen, wenn er weiß, dass da draußen im Meer Unterseeboote herumlungern, die innerhalb von Minuten mit Nuklearraketen reagieren werden.

Die deutsche Werft verkauft mit Unterstützung durch die deutsche Regierung Unterseeboote an die israelische Marine. Dazu sind keine Vermittler notwendig. Aber es gibt Vermittler, die Millionen in die eigene Tasche stecken. Wie viele Taschen? Ah, das ist der Punkt. Ziemlich viele Taschen und alle diese Taschen gehören Leuten, die dem Ministerpräsidenten sehr nahestehen. Abartige Gemüter mögen sich vorstellen, dass einige zehn Millionen beim MP selbst angekommen seien, Gott behüte. In dieser Woche hat ein angesehener Fernsehsender eine Untersuchung ausgestrahlt und der Eindruck war schockierend. Das gesamte militärische und zivile Milieu scheint von Korruption befallen zu sein, wie in einem Failed State in Afrika.

EINE DER wenigen Lektionen, die ich im Leben gelernt habe, ist, dass keiner den Gipfel seines Berufes erreicht, der sich diesem nicht absolut und vollkommen widmet. Um stinkreich zu werden, muss einer das stinkende Geld lieben. Nicht das, was man mit Geld kaufen kann, sondern das Geld an sich. Wie der Geizige Molières, der den ganzen Tag lang seine Reichtümer zählt. Wenn einer noch etwas anderes will – Liebe oder Ruhm – wird es ihm nicht gelingen, Multimilliardär zu werden.

Für Don Juan war nichts anderes von Bedeutung als Frauen. Nicht Liebe. Nur Frauen, mehr und immer mehr Frauen. David Ben-Gurion wollte Macht. Nicht die Vergnügen der Macht. Keine Zigarren. Keinen Champagner. Nicht mehrere Villen. Nur Macht. Alles andere, zum Beispiel sein Bibelklub und dass er den Don Quixote auf Spanisch las, war nur Ausrede. Er wollte Macht und hielt, solange er irgend konnte, daran fest. (Am Ende, als er sich mit einer Leibgarde von jungen Männern wie Mosche Dajan und Schimon Peres umgab, verbündeten sich seine Kollegen gegen ihn und warfen ihn raus, wobei ich ein wenig behilflich war.)

Jemand, der politische Macht, aber gleichzeitig auch die Annehmlichkeiten des Lebens, einige Villen und viel Geld will, wird nicht den wahren Gipfel erreichen. Dafür ist Netanjahu ein gutes Beispiel. Er ist keine Ausnahme. Sein Vorgänger sitzt im Gefängnis und ebenso einige ehemalige Minister. Ein ehemaliger Staatspräsident wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen (dort war er wegen Sexualverbrechen). Netanjahu wuchs in einer Familie auf, die nicht wohlhabend war. Ebenso Ehud Olmert. Ebenso Ehud Barak. Ebenso Mosche Dajan. Sie alle liebten das Geld zu sehr.

Die Ehefrau des Ministerpräsidenten Sarah Netanjahu wird wohl auch demnächst angeklagt. Sie wird beschuldigt, die Erfüllung ihrer ausschweifenden privaten Bedürfnisse mit Regierungsgeldern bezahlt zu haben. Sie wird nicht weithin geschätzt. Alle nennen sie Sarah'le („Klein-Sarah“), aber nicht liebevoll. Auch sie wuchs in beschränkten Verhältnissen auf und war eine einfache Stewardess, als sie Bibi in einem Duty-free-Shop kennenlernte. (Ich hatte Glück. Bis zu meinem zehnten Geburtstag war meine Familie ziemlich reich. Als wir nach Palästina geflohen waren, wurden wir schon bald arm wie Synagogenmäuse, aber wir waren viel glücklicher.)

NOCH EINE LEKTION: Niemand sollte länger als acht Jahre an der Macht bleiben. Leute, die Macht besitzen, ziehen Schmeichler an. Tag für Tag und Jahr für Jahr sagt man ihnen, sie seien einfach wunderbar. So klug, so schlau, so hübsch. Allmählich glauben sie es selbst. Schließlich können sich ja so viele gute Leute nicht irren. Ihre Kritikfähigkeit stumpft ab. Sie gewöhnen sich daran, dass ihnen alle gehorchen, selbst Leute, die es besser wissen. Sie werden immun gegen Kritik und werden sogar wütend, wenn jemand sie kritisiert.

Nachdem der kluge und erfolgreiche Präsident Franklin Delano Roosevelt 12 Jahren im Amt gewesen war, änderte das amerikanische Volk seine Verfassung und begrenzte die Amtszeiten des Präsidenten auf zwei, zusammen also acht aufeinander folgende Jahre. Sehr vernünftig. Ich spreche aus Erfahrung. Ich wurde dreimal in die Knesset gewählt. Ich genoss die ersten beiden Amtszeiten sehr – acht aufeinander folgende Jahre – weil ich das Gefühl hatte, ich täte das Rechte auf rechte Weise. In meiner dritten Amtszeit hatte ich das Gefühl, ich sei weniger eifrig, weniger innovativ, weniger originell. Deshalb trat ich zurück. Netanjahu ist jetzt in seiner vierten Amtszeit. Es wird höchste Zeit dafür, dass er rausgeworfen wird.

DIE BIBEL mahnt uns: „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück.“ (Sprüche 24, 17) Ich freue mich nicht, wenn er fällt, aber ich werde sehr froh sein, wenn er abtritt. Ich hasse ihn nicht. Ich mag ihn auch nicht. Ich denke, ich habe nicht öfter als bei zwei oder drei Gelegenheiten in meinem ganzen Leben mit ihm gesprochen. Einmal, als er mich seiner zweiten – nicht letzten – Frau, einer netten jungen Amerikanerin, vorstellte, und einmal, als er ein Bild von mir mit einer Fliegerkappe in einer Fotoausstellung sah. Er sagte zu mir, ich sähe aus wie Errol Flynn. Meine Einstellung zu ihm gründet sich nicht auf Gefühle. Sie ist rein politisch. Er ist ein talentierter Politiker, ein schlauer Demagoge. Aber ich glaube, dass er Israel langsam, aber sicher in eine historische Katastrophe führt.

Die Leute glauben, er habe keine Prinzipien und sei zu allem bereit, wirklich zu allem, um an der Macht zu bleiben. Das stimmt. Aber unter allem verbergen sich ein paar eiserne Überzeugungen – die Weltanschauung seines verstorbenen Vaters, des Geschichtsprofessors, dessen Spezialgebiet die Spanische Inquisition war. Vater Benzion Netanjahu war ein verbitterter Mann. Er war überzeugt, dass seine Kollegen ihn wegen seiner extrem rechten Ansichten verachteten und seine Karriere behinderten. Er war ein Fanatiker, für den sogar Wladimir Jabotinsky viel zu gemäßigt war. Der Vater bewunderte seinen älteren Sohn Joni. Er war Armeeoffizier und starb bei dem berühmten Entebbe-Einsatz. Bibi achtete der Vater nicht sehr hoch. Er sagte einmal, Bibi sei nicht fähig, Ministerpräsident zu werden, aber er könnte ein guter Außenminister sein – eine sehr gescheite Beobachtung.

WENN BIBI fällt, und das scheint möglich, wer wird ihn dann ersetzen? Wie jeder schlaue (und unsichere) Führer hat Bibi alle möglichen Rivalen rings um sich her vernichtet. Jetzt ist weit und breit kein Erbe in Sicht. Aber viele Leute wiederholen jetzt den Spruch: „Nur nicht Bibi!“


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 625  vom 23.08.2017

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