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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Kommentar
Netanjahu und Orban im Kampf mit Soros
"Westeuropa ist verrückt!"
Von Uri Avnery

DER AMERIKANISCHE Multimilliardär George Soros macht Benjamin Netanjahu viele Schwierigkeiten. In diesem besonderen Augenblick kann Netanjahu nicht noch mehr Schwierigkeiten gebrauchen. Eine riesige Korruptions-Affäre um in Deutschland gebaute Unterseeboote rollt langsam und unaufhaltsam auf ihn zu. Soros ist ungarischer Jude und Holocaust-Überlebender. Die in Ungarn regierende Partei hat in ganz Budapest Plakate mit seinem Gesicht und einem Text kleben lassen, in dem die antisemitische Absicht kaum verborgen ist. Soros’ Vergehen besteht darin, dass er "Menschenrechts-Vereinigungen" in seinem früheren Heimatland unterstützt. Dasselbe tut er in Israel, wenn auch in kleinerem Maßstab. Deswegen mag auch Netanjahu ihn nicht. Das hat zu einer peinlichen Situation geführt. Netanjahu war im Begriff, seinen ungarischen Kollegen Victor Orban zu besuchen, von dem man annimmt, er sei ein milder Antisemit. Netanjahu betrachtet ihn als rechtsgerichteten Seelenverwandten. Die ungarische jüdische Gemeinde war bestürzt. Sie forderte, dass Netanjahu seinen Besuch aufschieben würde, bis die Soros-Plakate entfernt worden wären. Schließlich wurden die meisten – wenn auch nicht alle – Plakate tatsächlich entfernt und Netanjahu traf sich mit Orban. Aber die Episode zeigt, dass die Interessen des Staates Israel und die Interessen der jüdischen Gemeinden in der Welt nicht automatisch dieselben sind, wie die Zionisten uns glauben machen wollen.

VOR DEM Treffen in Ungarn gab es einen anderen Zwischenfall. Ein paar Tage zuvor hatte Orban anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung das Staatsoberhaupt während des Zweiten Weltkriegs Admiral Miklos Horthy gerühmt. Damals kooperierte Ungarn wie ganz Osteuropa (außer dem besetzten Polen) mit Nazideutschland. Wie konnte also Orban am Vorabend von Netanjahus Besuch Horthy rühmen? Tatsache ist, dass Horthys Rolle immer noch heiß umstritten ist. Er hatte sich zum Antisemitismus bekannt und war ein rätselhafter Mensch und doch gelang ihm etwas, das keinem anderen europäischen Führer gelang: Er rettete vielen hunderttausend Juden das Leben, indem er Hitler ungehorsam war und ihn betrog. Eine von ihnen war eine meiner Tanten. Sie hatte in Berlin einen ungarischen Juden geheiratet und war von den Nazis nach Ungarn deportiert worden, wo sie überlebte. Schließlich gelang es ihr, nach Palästina zu kommen. Ein anderer war "Tommy" Lapid, der als Kind in Budapest lebte und in Israel eine berühmte Persönlichkeit wurde. Sein Sohn Jaïr ist jetzt Politiker und strebt danach, Netanjahu zu verdrängen. Wahrscheinlich gibt es ihn überhaupt nur aufgrund von Horthys hinterhältigen Aktionen.

AN DIESER Stelle kann ich nicht anders: Ich muss unterbrechen, um einen historischen Witz zu erzählen. Nach Pearl Harbor erklärten Hitler und seine ganze Bande von Kollaborateuren den USA den Krieg. Auch der ungarische Botschafter in Washington war angewiesen worden, dem Außenminister Cordell Hull eine Kriegserklärung zu unterbreiten. Der beschloss, sich über ihn lustig zu machen.

„Ungarn, Ungarn – sind Sie eine Republik?“ fragte er.
„Nein, Sir, wir sind ein Königreich.“
„Tatsächlich? Wer ist denn Ihr König?“
„Wir haben keinen König, nur einen Regenten: Admiral Horthy.“
„Einen Admiral? Dann haben Sie also eine große Flotte?“
„Nein, wir haben überhaupt keine Flotte, da wir gar keine Küste haben.“ (Horthy wurde im Ersten Weltkrieg Admiral, als Ungarn noch zum Reich Österreich-Ungarn gehörte, das tatsächlich eine, wenn auch kleine, Flotte hatte.)
„Seltsam. Ein Königreich ohne König und ein Admiral ohne Flotte. Warum erklären Sie uns also den Krieg? Hassen Sie uns?”
„Nein, wir hassen Rumänien.“
„Warum erklären Sie dann nicht Rumänien den Krieg?“
„Das ist unmöglich! Sie sind unsere Verbündeten!“

TUT MIR leid, dass ich mich unterbrochen habe. Zurück zu Netanyahu. Eben jetzt tut die Netanjahu-Regierung zweierlei, was viele Juden in der ganzen Welt und besonders die in den USA wütend macht. Das eine betrifft die Klagemauer in Jerusalem. Das ist der heiligste Ort des Judentums. Da ich ein frommer Atheist bin, sagen mir heilige Orte gar nichts. Umso weniger, da die Klagemauer in Wirklichkeit gar nicht zum jüdischen Tempel gehörte, den König Herodes vor etwa 2000 Jahren wiederaufbauen ließ, sondern da sie nur eine Stützmauer des großen künstlichen Erdhügels war, auf dem der Tempel einmal stand. 1946 war ich zum letzten Mal dort. Neben der eindrucksvollen Mauer verlief ein schmaler Weg, von dem aus die Mauer noch höher erschien. Nach dem Krieg von 1967 wurde das gesamte arabische Viertel eingeebnet, um Platz für eine große Piazza zu schaffen. Die Mauer wurde den Ultraorthodoxen als Gegenleistung für ihre Stimmen in der Knesset übergeben. Natürlich wurden Männer und Frauen getrennt. Mit dem Erstarken des Feminismus wurde das problematisch. Am Ende wurde ein Kompromiss gefunden: Ein kleiner Teil der Mauer wurde für „gemischte“ Betende, also für Männer und Frauen gemeinsam, abgeteilt und auch für „Reform-“ und „konservative“ Juden, von denen es in Israel kaum welche gibt, die aber die Mehrheit der amerikanischen Juden ausmachen.

Unter dem Druck der Orthodoxen will Netanjahu nun diesen Kompromiss widerrufen, was unter den amerikanischen Juden große Aufregung verursacht hat.
Und als ob das noch nicht genug wäre, will Netanjahu auch noch die Anerkennung der „Reform-“ und „konservativen“ Bekehrungen zum Judentum abschaffen und den Orthodoxen die exklusiven Rechte übertragen, Bekehrungen in Israel durchzuführen. Da es in Israel keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt, genügt ein einfaches Gesetz. Tatsächlich werden die Institutionen in Israel immer religiöser, und zwar dermaßen, dass ein hebräisches Wort erfunden wurde: Hadata (etwa: Religionisierung). Die „Reform-“ und „konservativen“ jüdischen Institutionen in den USA scheren sich weder um die Besetzung noch um die brutale Unterdrückung der Palästinenser noch auch um das alltägliche Töten. Sie unterstützen die israelische Regierung durch Dick und Dünn. Aber sehr wichtig sind ihnen Klagemauer und Bekehrungen. Wie auch Ivanka Trump treten viele Nichtjuden zum Judentum über, um Juden zu heiraten, das ist also ein wichtiges Thema.

DAS ALLES scheint ein der Sache innewohnender Widerspruch zu sein und das ist es auch tatsächlich. Israel nennt sich offiziell und legal einen „jüdischen und demokratischen Staat“. Ein neues Gesetz ist dabei, das Wort „demokratisch“ aus der Formel zu streichen, sodass Israel nur noch ein „jüdischer“ Staat ist. Von vielen wird es als das Hauptquartier des Weltjudentums angesehen. Netanjahu hat oft erklärt, dass er sich als Führer und Verteidiger aller Juden in der Welt betrachte. Wenn das so ist, kann es dann einen Konflikt zwischen den Interessen der Juden irgendwo auf der Welt und dem Staat Israel geben? Den kann es geben und von Anfang an gab es den auch. Der Gründer des Zionismus und ungarische Jude Theodor Herzl führte mit den antisemitischen Führern des zaristischen Russlands in Russland und an anderen Orten Gespräche, in denen er versprach, ihnen dabei behilflich zu sein, ihre Juden loszuwerden und sie nach Palästina zu führen. Diesem gemeinsamen Interesse lagen zu verschiedenen Zeiten viele seltsame Allianzen zugrunde. Antisemiten zogen immer die Zionisten anderen Juden vor. Adolf Eichmann schrieb in seinem Bekenntnis, dass er die Zionisten als „wertvolles Element“ des jüdischen Volkes angesehen habe. Und so weiter.

Der Untergrund-Führer in Britisch-Palästina Abraham Stern, genannt Jaïr, spaltete sich von der Irgun ab und gründete eine neue Gruppe (von den Briten die „Stern-Bande“ genannt). Deren politische Hauptgrundlage war das Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Er schickte Sendboten an die deutschen Botschaften, Hitler ignorierte ihn jedoch. Schließlich wurde er von den Briten erschossen. In den ersten Jahren Israels besuchte David Ben-Gurion das erste Mal als Ministerpräsident von Israel die USA. Seine Berater ermahnten ihn, nicht die Rede auf Einwanderung zu bringen, um die US-Juden nicht zu verunsichern, denn ihr Geld wurde in Israel dringend gebraucht. Ben-Gurion hatte Bedenken, aber er tat, was man ihm gesagt hatte. Damals schrieb einer meiner Freunde eine Humoreske über eine Gemeinde von riesig reichen Juden in einem entfernten Teil von Afrika. Sie alle besaßen Diamantbergwerke in ihrem Land. Als Israel Geld brauchte, um Mehl für Brot in den folgenden Monaten zu kaufen, wurde der talentierteste zionistische Propagandist dorthin geschickt. Der Mann kannte die verzweifelte Situation seines Landes und hielt die leidenschaftlichste Rede seines Lebens. An deren Ende war im Publikum kein Auge mehr trocken. Am nächsten Tag bekam der Redner eine Nachricht: Wir waren so bewegt, dass wir beschlossen haben, unseren gesamten Besitz den Eingeborenen zu übergeben und als Pioniere nach Israel zu kommen.

DAS OFFIZIELLE Ziel des Zionismus ist es, die Juden der ganzen Welt nach Israel zu bringen. Herzl selbst glaubte, dass das tatsächlich geschehen werde, und schrieb in einem seiner Texte: Wenn erst einmal die meisten Juden in den jüdischen Staat gekommen sind, werden von da an nur noch sie Juden genannt werden. Alle Juden, die sich entschlossen haben, nicht in den Judenstaat zu kommen, würden nicht mehr Juden, sondern Deutsche, Amerikaner und so weiter genannt werden. Wunderbar, aber wenn das geschieht, wer wird dann Donald Trump und seine Nachfolger zwingen, alle israel-kritischen UN-Entscheidungen durch ein Veto zu Fall zu bringen? Wer wird übrig bleiben, um gegen Bewegungen wie BDS, der die Boykottierung Israels predigt, zu kämpfen? Ja, das Leben ist voller Widersprüche. Und wir auch.

NETANYAHUS UNGARISCHE Abenteuer waren mit den Affären um Soros und Horthy nicht vorüber. Weit gefehlt. Als er noch in Budapest war, nahm er an einem Treffen hinter verschlossenen Türen mit Führern aus Ungarn, Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik teil. Irgendein Dummkopf vergaß, die Leitung zu den Journalisten draußen zu unterbrechen, sodass sie etwa 20 Minuten lang Netanjahus im Geheimen gehaltene Rede mithören konnten. Seinen osteuropäischen Seelenverwandten, die allesamt extrem rechtsgerichtete Halbdemokraten sind, schüttete unser Ministerpräsident sein Herz aus: Die liberalen westeuropäischen Regierungen sind „verrückt“, wenn sie mit ihrer Hilfe für Israel Bedingungen hinsichtlich der Menschenrechte verknüpften. Sie begingen Selbstmord, indem sie Massen von Muslimen in ihre Länder ließen. Sie machten sich nicht klar, dass Israel ihr letztes Bollwerk gegen die Invasion der Muslime sei. In der Bibel des Zionismus, dem Judenstaat, hat Theodor Herzl geschrieben: „Für Europa würden wir dort (in Palästina) ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen." Diese Zeilen wurden vor 121 Jahren auf dem Höhepunkt der kolonialen Ära geschrieben. Sie heute zu wiederholen, ist, um Netanjahus Wort zu gebrauche, „verrückt“. In dem Kampf um Menschenrechte, den Netanjahu und Orban mit Soros führen, muss Soros gewinnen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 623  vom 26.07.2017

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