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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Literatur
Aus den "Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers" (12)
Der friedensliebende Vorschlaghammer
Von Erasmus Schöfer

In den Jahren vor und nach dem Beschluss von Bundesregierung und Parlament, die Stationierung von amerikanischen Atomraketen auf dem Gebiet der Bundesrepublik zu gestatten, entstand eine stetig anwachsende Protestbewegung, die mit vielerlei Aktionen gegen die Gefahr eines durch die Stationierung heraufbeschworenen Atomkrieges auf deutschem Boden kämpfte.

Im Jahr 1984 waren Wolfgang S. und andere Friedensstreiter von Nordenham bei Bremerhaven bis Waldstetten bei Schwäbisch-Gemünd gewandert. In Nordenham wurden die Waffen ausgeladen, die von dort zu den amerikanischen Stützpunkten in Süddeutschland transportiert wurden. Diesem Weg des Todes wollten sie einen Weg des Lebens entgegensetzen und an ihrem Ziel, einer Raketenbasis, in das Militärgelände eindringen und eine Abschussrampe der Pershing 2 eigenhändig abrüsten. Schwerter zu Pflugscharen! war ihr Bekenntnis. Auf vielen Stationen ihres langen Fußweges hatten sie ihre Absicht den Menschen bekannt gegeben und um ihre Unterstützung gebeten.

Am Morgen des 5. Dezember 1984 brachen sie im Dunkeln auf, Wolfgang S. bewaffnet mit einem schweren Vorschlaghammer, seine drei Begleiter, eine Frau und zwei Männer, mit Bolzenschneidern und einer Kamera. In der Dunkelheit  robbten sie bis zum Zaun des Militärgeländes, und als der Wachsoldat sich entfernt hatte, zerschnitten sie den Nato-Draht und krochen durch das Zaunloch. Keine zwanzig Meter entfernt entdeckten sie in der Morgendämmerung die zwei riesigen Sattelschlepper und Lafetten, von denen die Pershing 2 abgeschossen werden können.

Um die Wachen nicht zu schnell zu alarmieren, durchschnitten zuerst die Beiden mit den Bolzenschneidern die Kabelstränge zwischen Zugmaschine und Lafette. Erst dann kletterte Wolfgang S. zum Fahrerhaus hinauf und zerschlug mit seinem Vorschlaghammer die Frontscheiben. Sodann öffnete er die unverschlossene Seitentür und zerschmetterte mit ein paar wuchtigen Schlägen das Armaturenbrett.

Nach vollbrachter Abrüstungsarbeit setzten sich die Freunde vor die Zugmaschine auf den Asphalt, lachend und weinend vor Erleichterung, dass sie selbst unbeschädigt geblieben waren, und sangen We shall overcome und All we are saying is give peace a chance. Nur der Fotograf machte sich mit dem Film der Aktion aus dem Staub, ehe der Trupp GIs eintraf, sie verhaftete und der deutschen Polizei übergab. Erstaunlicherweise verhielten sich die Soldaten sehr zivil. Nur einer von ihnen jammerte: Why did you destroy just MY truck?
  
Bei der ein Jahr später vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts Stuttgart vor großer Medienöffentlichkeit geführten Verhandlung wurden die Friedensfreunde zu sensationell niedrigen Geldstrafen verurteilt. Etwa zur gleichen Zeit verurteilte ein Gericht in Kansas-City vier amerikanische Aktivisten der Schwerter-zu-Pflugscharen-Bewegung wegen Beschädigung des Silos einer Interkontinentalrakete zu mehrjährigen Haftstrafen ohne Bewährung.


Erasmus Schöfer
Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers




Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro
Verbrecher Verlag Berlin, 2016


Erasmus Schöfer, am 4. Juni 1931 bei Berlin geboren, lebt in Köln. Er war Mitbegründer und Vorsitzender des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und ist Mitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums. Seit seiner Promotion über »Die Sprache Heideggers« (1962) veröffentlichte er zahlreiche literarische und publizistische Arbeiten. Für seine hochgelobte Romantetralogie »Die Kinder des Sisyfos« erhielt Erasmus Schöfer im Jahr 2008 den Gustav-Regler-Preis. Zuletzt erschienen: »Diesseits von Gut und Böse. Beiträge fürs Feuilleton« (2011), »Na hörn Sie mal! Sechs ausgewählte Funkstücke« (2012) und »Schriftsteller im Kollektiv. Texte und Briefe zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« (2014).

Online-Flyer Nr. 623  vom 26.07.2017

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Von Kostas Koufogiorgos
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