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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kommentar
Da stimmt etwas nicht. Da ist etwas faul.
Der bizarre Fall Baschar
Von Uri Avnery

DER SCHÖPFER  des legendären Sherlock Holmes Conan Doyle hätte seine Geschichte über diesen Zwischenfall Der bizarre Fall Baschar al-Assad genannt. Und bizarr ist er in der Tat. Es geht um die Übeltat des syrischen Diktators: Er bombardierte sein eigenes Volk mit dem Nervengas Sarin und verursachte damit den sofortigen Tod der Opfer. Wie jedermann in der ganzen Welt habe ich nur wenige Stunden, nachdem die böse Tat geschehen war, davon gehört. Wie jedermann war ich schockiert. Und doch...

UND DOCH – Schließlich bin ich ein professioneller Enthüllungsjournalist. Vierzig Jahre meines Lebens war ich Chefredakteur eines investigativen Wochenmagazins und habe in diesen Jahren fast alle großen Skandale in Israel aufgedeckt. Ich habe niemals einen bedeutenden Beleidigungsprozess verloren, tatsächlich bin ich selten überhaupt auch nur verklagt worden. Ich erwähne das nicht, um mich damit zu brüsten, sondern um mir für das, was ich sagen will, eine gewisse Autorität zu verschaffen. Zu meiner Zeit habe ich beschlossen, Tausende investigativer Artikel zu veröffentlichen, darunter einige, die die wichtigsten Persönlichkeiten Israels betrafen. Weniger bekannt ist, dass ich auch beschlossen habe, viele Hunderte anderer Artikel nicht zu veröffentlichen, die meiner Ansicht nach nicht die notwendige Glaubwürdigkeit aufweisen konnten.

Wonach habe ich entschieden? Zuerst einmal habe ich nach Beweisen gefragt. Wo sind die Belege? Wer sind die Zeugen? Gibt es eine schriftliche Dokumentation?
Bei denen, die ich nicht veröffentlicht habe, gab es immer etwas, das nicht genau bezeichnet werden konnte. Über Zeugenaussagen und Dokumente hinaus gibt es im Geist des Redakteurs etwas, das ihm sagt: Wart mal, da stimmt etwas nicht. Etwas fehlt. Etwas ist ungereimt. Es ist ein Gefühl. Man mag es innere Stimme nennen. Etwas wie eine Intuition. Eine Warnung, die einem in der Minute, in der man zum ersten Mal etwas über den Fall hört, sagt: Vorsicht. Überprüfe es immer wieder. So ging es mir, als ich am 4. April erstmals hörte, Baschar al-Assad habe Khan Sheikhoun mit Nervengas bombardiert. Meine innere Stimme flüsterte: Wart mal. Da stimmt etwas nicht. Da ist etwas faul.

ZUERST EINMAL ging es zu schnell. Nur wenige Stunden nach dem Ereignis wussten alle, dass es Baschar gewesen war. Natürlich war es Baschar! Es bedurfte keines Beweises. Man brauchte keine Zeit damit zu verschwenden, das zu überprüfen. Wer sollte es sonst gewesen sein, wenn nicht Baschar? Allerdings gab es viele andere Anwärter. Im Krieg in Syrien gibt es mehr als nur zwei Parteien. Es sind auch nicht nur drei oder vier. Es ist so gut wie unmöglich, die Parteien zu zählen. Es gibt den Diktator Baschar und seine engen Verbündeten: die Islamische Republik Iran und die Partei Gottes (Hisbollah) im Libanon – beide schiitisch. Es gibt Russland, das Baschar unterstützt. Es gibt den weit entfernten Feind USA, der ein halbes Dutzend (wer kann sie zählen?) lokale Milizen unterstützt. Es gibt die kurdischen Milizen und natürlich gibt es Daesh (oder ISIS oder ISIL oder IS), den Islamischen Staat von Irak und al-Scham (Al-Scham ist das arabische Wort für Großsyrien).

Es gibt keinen ordentlichen Krieg einer Koalition gegen eine andere. Jeder kämpft mit jedem gegen jeden. Amerikaner und Russen mit Baschar gegen Daesh. Amerikaner und Kurden gegen Baschar und die Russen. Die „Rebellen“-Milizen gegeneinander und gegen Baschar und den Iran. Und so weiter. (Irgendwie ist da auch Israel beteiligt, aber psst!) Wie kann auf diesem bizarren Schlachtfeld irgendjemand innerhalb von Minuten von den Gasangriffen sagen, es war Baschar? Die politische Logik spricht dagegen. Kurz zuvor war Baschar im Begriff zu gewinnen. Er hatte überhaut keinen Grund, etwas zu tun, das seine Verbündeten, besonders die Russen, hätte unangenehm berühren können.

DIE ERSTE Frage, die Sherlock Holmes stellen würde, ist: Welches Motiv gibt es? Wer kann dabei etwas gewinnen? Baschar hatte überhaupt kein Motiv. Er konnte damit, dass er seine Bürger mit Gas bombardiert, nur verlieren. Ausgenommen natürlich, er wäre verrückt. Darauf deutet allerdings nichts hin. Im Gegenteil, er hat seine fünf Sinne anscheinend durchaus beisammen. Er ist sogar in besserer geistiger Verfassung als Donald Trump. Ich mag Diktatoren nicht. Ich mag den Diktator und Sohn eines Diktators Baschar al-Assad nicht. (Assad bedeutet übrigens, wie schon gelegentlich erwähnt, Löwe.) Aber ich verstehe, warum er dort ist. Bis lange nach dem Ersten Weltkrieg gehörte der Libanon zum syrischen Staat. Beide Länder sind Sammelsurien von Sekten und Völkern. Im Libanon gibt es die christlichen Maroniten, die Melkiten, Griechisch-Katholische, Römisch-Katholische, Drusen, sunnitische Muslime, schiitische Muslime und verschiedene andere. Die meisten Juden sind abgewandert.

Alle diese Gruppen gibt es auch in Syrien, dazu die Kurden und die Alawiten, die Anhänger Alis. Diese sind Muslime oder auch nicht (es kommt auf die Perspektive an). Syrien ist auch durch den Hass zweier Städte aufeinander gespalten: die politische und religiöse Hauptstadt Damaskus und die Hauptstadt der Wirtschaft Aleppo. Die Städte Homs, Hama und Latakia stehen dazwischen. Der größte Teil des Landes ist Wüste. Nach vielen Bürgerkriegen fanden die beiden Länder zwei unterschiedliche Lösungen. Im Libanon einigte man sich auf eine nationale Vereinbarung: Der Präsident ist immer ein Maronit, der Ministerpräsident ist immer ein sunnitischer Moslem, der Armee-Kommandeur ist immer ein Druse und der Parlamentsvorsitzende (ein Amt ohne Macht) immer ein Schiit. (Bis zum Aufkommen der Hisbollah standen die Schiiten auf der untersten Stufe der Leiter.) In Syrien gibt es mehr Gewalt. Dort einigte man sich auf eine andere Lösung: etwas wie eine vereinbarte Diktatur. Der Diktator wurde aus einer der am wenigsten mächtigen Sekten gewählt: den Alawiten. (Bibelkenner mag das daran erinnern, dass die Israeliten, als sie ihren ersten König wählten, Saul nahmen, der aus dem kleinsten Stamm kam.) Darum herrscht Baschar. Die unterschiedlichen Sekten und Orte fürchten einander. Sie brauchen einen Diktator.

WAS WEISS Donald Trump von diesen Komplikationen? Nichts. Er war zutiefst von den Bildern der Opfer des Gasangriffs schockiert. Frauen! Kinder! Schöne Babys! Deshalb beschloss er auf der Stelle, Baschar damit zu bestrafen, dass er einen seiner Flugplätze bombardieren ließ. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, rief er seine Generäle zusammen. Sie erhoben schwach Einwände. Sie wussten, dass Baschar damit nichts zu tun hatte. Zwar sind Amerika und Russland Feinde, aber ihre Luftwaffen arbeiten in Syrien eng zusammen (eine weitere bizarre Einzelheit), um Zwischenfälle und den Beginn eines Dritten Weltkrieges zu verhindern. Sie kennen also jede Mission. Die syrische Luftwaffe gehört zu dieser Anordnung. Die Generäle sind anscheinend die einzigen normalen Leute in Trumps Umgebung, aber Trump weigert sich, auf sie zu hören. Also schickten sie ihre Raketen los, um den syrischen Flugplatz zu zerstören. Amerika war begeistert. Alle wichtigen Anti-Trump-Zeitungen, angeführt von New York Times und Washington Post, beeilten sich, ihre Bewunderung für sein Genie auszudrücken.

Da betritt der weltbekannte Enthüllungs-Reporter Seymor Hersh die Bühne. Er war der Mann, der die amerikanischen Massaker in Vietnam und die amerikanischen Folterkammern im Irak aufgedeckt hatte. Er untersuchte den Zwischenfall ausführlich und fand heraus, dass es überhaupt keinen Beweis und so gut wie keine Möglichkeit gibt, dass Baschar in Khan Sheikhoun Nervengas eingesetzt hätte. Was geschah als Nächstes? Etwas Unglaubliches: Alle bekannten US-Zeitungen, darunter The New York Times und The New Yorker weigerten sich, das zu veröffentlichen. Ebenso die renommierte London Review of Books. Schließlich fand der Autor eine Zuflucht in der Welt am Sonntag. Für mich ist das der wahre Skandal. Man sollte doch meinen, dass die Welt – und besonders die „westliche Welt“ – voll ehrlicher Zeitungen wäre, die sorgfältig recherchierten und die Wahrheit veröffentlichten. So ist es aber nicht. Sicher, sie lügen wahrscheinlich nicht bewusst. Aber jedenfalls sind sie unbewusst Gefangene von Lügen.

Einige Wochen nach dem Zwischenfall interviewte mich ein israelischer Radiosender am Telefon. Der Interviewer, ein politisch rechter Journalist, befragte mich über Baschars heimtückischen Gasangriff auf seine eigenen Bürger. Ich sagte ihm, ich hätte keinen Beweis dafür gesehen, dass Baschar dafür verantwortlich sei. Der Interviewer war hörbar schockiert. Er wechselte schnell das Thema. Aber der Ton seiner Stimme verriet mir seine Gedanken: „Ich hab’ ja immer gewusst, dass Avnery ein bisschen meschugge ist, aber jetzt ist er ganz und gar übergeschnappt.“ Im Unterschied zum guten alten Sherlock weiß ich nicht, wer es war. Vielleicht war es ja doch Baschar. Ich weiß nur, dass es dafür überhaupt keinen Beweis gibt.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 620  vom 05.07.2017

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