NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Literatur
Aus den "Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers" (9)
Der Standhafte
Von Erasmus Schöfer

Wilhelm H. hatte als Lehrer in dem hessischen Dorf Wixhausen schon in der Weimarer Zeit bei den Schulbehörden gegen die noch aus Kaisers Zeiten zugelassene Prügelstrafe an Schulkindern protestiert. Für ein Flugblatt zur Unterstützung der streikenden Opel-Arbeiter, für das er presserechtlich verantwortlich gezeichnet hatte, wurde er zu einem Monat Gefängnis verurteilt und 1931 fristlos aus dem Schuldienst entlassen. Weil er sich ein Jahr später in Mörfelden gegen die Absetzung des kommunistischen Bürgermeisters Zwilling engagierte, die zu einem Aufstand der Dorfbewohner geführt hatte, wurde er als Rädelsführer zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt, musste aber bald entlassen werden, weil er als Abgeordneter im Landtag die Sozialdemokraten gegen die Nazis unterstützen sollte. Als diese 1933 an der Macht waren, nahmen sie ihn wegen Vorbereitung zum Hochverrat ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft und stellten ihn nach der Entlassung unter ständige Polizeiaufsicht.

Zwei Jahre später deckte die Geheimpolizei die illegale Tätigkeit der kommunistischen Zelle von Groß-Gerau auf. Wilhelm H war einer der Verhafteten, nur weil er vor 1933 ein bekannter und angesehener Kommunist war. Drei Jahre Zuchthaus für ihn, mit der erstunkenen Begründung: Verbrechen des vorbereitenden Hochverrats. Abzusitzen in einer Einzelzelle des Zuchthauses Rockenberg bei Butzbach. 1938, nach seiner Entlassung, wurde er direkt von der GeStaPo in das KZ Buchenwald verschleppt. Schutzhäftling Nummer 1224. Das geheime Parteiaktiv im Lager konnte den Lehrer vor zu harter Arbeit bewahren, die ihn wohl umgebracht hätte. 1942 wurde er in die Schreibstube geschleust und war zuletzt, bis April 1945, Blockältester von Block 8, in dem vor allem Kinder und Jugendliche eingepfercht waren. Wilhelm H., der leidenschaftliche Lehrer, der er immer geblieben war, unterrichtete die Kinder. Und sie liebten ihn. Unser Alterchen, nannten sie den Graukopf.

Im Januar 1945 wurden viele jüdische Kinder von der SS aus Auschwitz nach Buchenwald verschleppt. Noch kurz vor der nahenden Befreiung sollten sie umgebracht werden. Es gelang Wilhelm H. diese Absicht zu vereiteln, indem er in der Schreibstube hinter die Namen der jüdischen Kinder von einem anderen Genossen statt Jude Ungar schreiben ließ und den Kindern einschärfte, bei jeder Frage der SS-Leute nach ihrer Identität Ungar zu sagen. Diese für die beiden Kommunisten lebensgefährliche Täuschung gelang so gut, dass 159 jüdische Kinder die Befreiung erlebten.

Im Juli 1986 ehrte die jüdische Stiftung Yad Vashem Wilhelm H. für die Rettung dieser Kinder mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“. Aber das geschah erst viel später.

Die schlimmste Prüfung für diesen standhaften kommunistischen Kinderfreund ereignete sich erst nach der Befreiung. Im Sommer 1945 wurde er in seinem Heimatkreis Groß-Gerau von der Staatsregierung zum Landrat auf Lebenszeit ernannt, aber zwei Monate später auf Druck der Besatzungsbehörde wieder entlassen. Nicht genug damit wurde er im März 1946 vom amerikanischen Geheimdienst regelrecht verschleppt, mit unbekanntem Ziel. Das Ziel, das niemand kannte, hieß Dachau! Dort, im ehemaligen KZ, wurde er mit seinen früheren Verfolgern zusammengesperrt! Vergeblich blieben die Proteste, die Zeugenaussagen der deutschen und ausländischen Widerstandskämpfer, die Wilhelms untadelige Haltung in Buchenwald bezeugten. Erst nach anderthalb Jahren erfuhren seine Freunde durch einen entlassenen Mithäftling von seiner Haft in Dachau. Es gelang ihnen, mit Hilfe ihrer überzeugenden Dokumente, seine Entlassung zu bewirken. Aber nie wurde ihm die Gründe seiner Verhaftung mitgeteilt. Vermutet wurde eine denunziatorische Verleumdung.

Noch acht Jahre lang war er kommunistischer Fraktionsvorsteher im Kreistag von Groß-Gerau und Parteisekretär. Nichts hatte diesen Mann von seinem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft abbringen können, bis er nächtlich mit seinem VW einen auf der Straße geparkten amerikanischen Panzer rammte und dabei sein Leben verlor.

Mir scheint es fast ein symbolischer Unfall, dass er durch den Zusammenstoß mit dem stählernen Fahrzeug des Klassenfeinds zu Tode kam. Und seine Frau Marie, nicht zu vergessen, die während der zehn Jahre seiner Haftzeiten treu zu ihrem Mann gehalten hatte, war wieder allein mit ihrer Tochter.


Erasmus Schöfer
Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers




Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro
Verbrecher Verlag Berlin, 2016


Erasmus Schöfer, am 4. Juni 1931 bei Berlin geboren, lebt in Köln. Er war Mitbegründer und Vorsitzender des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und ist Mitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums. Seit seiner Promotion über »Die Sprache Heideggers« (1962) veröffentlichte er zahlreiche literarische und publizistische Arbeiten. Für seine hochgelobte Romantetralogie »Die Kinder des Sisyfos« erhielt Erasmus Schöfer im Jahr 2008 den Gustav-Regler-Preis. Zuletzt erschienen: »Diesseits von Gut und Böse. Beiträge fürs Feuilleton« (2011), »Na hörn Sie mal! Sechs ausgewählte Funkstücke« (2012) und »Schriftsteller im Kollektiv. Texte und Briefe zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« (2014).


Online-Flyer Nr. 620  vom 05.07.2017

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie