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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Literatur
Aus den "Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers" (8)
Der antifaschistische Dackel
Von Erasmus Schöfer

In Angelmodde bei Münster lebte im Pfarrhaus ein brauner Rauhaardackel namens Schlumpi zusammen mit der Pfarrersfrau und ihren drei Kindern. Der Pfarrer selbst war zur Truppenbetreuung an die Ostfront eingezogen worden, so dass die Pfarrersfrau viele der seelsorgerischen Aufgaben ihres Mannes in der Gemeinde wahrnehmen musste.

Das älteste der drei Kinder, ein Mädchen, Kati, litt an einer spastischen Erkrankung, weshalb es die Dorfschule nicht besuchen konnte, sondern von seiner Mutter unterrichtet wurde. Fast jeden Morgen klingelte der Briefträger in seiner blauen Postuniform an der Tür des Pfarrhauses. Er hätte die Briefe in den Postkasten stecken können, aber er wollte offenbar die Mutter zermürben, indem er jedes Mal, wenn Kati mit dem Dackel zur Tür gestolpert kam, ihr in den Ohren lag, dass dieses Kind nicht in eine deutsche Familie gehöre, da es lebensunwertes Leben sei, eine Rassenschande, es müsste längst in ein Heim, wo man dafür sorgen werde, dass es sich nicht vermehren könne und anderen Menschen das Brot wegesse. Da die Pfarrersfrau immer auf Feldpost von ihrem Mann hoffte, konnte sie dem Postboten das Haus nicht verbieten.

Eines Sonntags, es war Schützenfest, marschierten die Schützenbrüder vor der Kirchentür zum Besuch des Gottesdienstes auf. Einige von ihnen mit der Hakenkreuzbinde am Arm oder in SA-Uniform. So auch der Postbote. Als die Pfarrersfrau mit ihren Kindern ebenfalls zum Gottesdienst kam, war der Dackel Schlumpi aus dem Pfarrhaus entwischt und seiner Kati gefolgt. Er versuchte aber nicht in die Kirche zu gelangen, sondern lief zwischen die Beine der aufmarschierten Schützen und schnurstracks zu dem heute braun uniformierten Postboten und biss ihn bis aufs Blut in die Wade. Es gab ein Mordsgeschrei, aber keiner traute sich, den gefährlich knurrenden Hund zu fangen. Er entwischte.

Am nächsten Tag beklagte sich der Postbote beim Bürgermeister über den bissigen Hund der Pfarrersfrau, zeigte seine Wunde und forderte die Tötung des gemeingefährlichen Tiers. Der Bürgermeister lud die Pfarrersfrau aufs Amt und befragte sie zu dem Sachverhalt. Sie erklärte, dass der Postbote immer wieder beim Überreichen der Post von ihr verlangt habe, und zwar vor den Ohren ihrer Kati und ihres Hundes, sie solle das Mädchen in ein Heim für unheilbar Kranke geben. Deshalb habe Katis Dackel ihn gebissen. Ob das wahr sei, fragte der Bürgermeister den Postboten. Ja, antwortete er, und stieß wütend hervor, dieses spastische Kind sei eine Schande für das Dorf und gehöre längst nach den Paragrafen des Euthanasiegesetzes aus dem gesunden Volkskörper ausgemerzt!

Da sagte der Bürgermeister, der zugleich Postvorsteher des Dorfes war, mit schneidender Stimme: Wenn du so denkst, dann wurdest du zu Recht gebissen und hast zum letzten Mal unsere Post ausgetragen – du bist fristlos entlassen!


Erasmus Schöfer
Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers




Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro
Verbrecher Verlag Berlin, 2016


Erasmus Schöfer, am 4. Juni 1931 bei Berlin geboren, lebt in Köln. Er war Mitbegründer und Vorsitzender des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und ist Mitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums. Seit seiner Promotion über »Die Sprache Heideggers« (1962) veröffentlichte er zahlreiche literarische und publizistische Arbeiten. Für seine hochgelobte Romantetralogie »Die Kinder des Sisyfos« erhielt Erasmus Schöfer im Jahr 2008 den Gustav-Regler-Preis. Zuletzt erschienen: »Diesseits von Gut und Böse. Beiträge fürs Feuilleton« (2011), »Na hörn Sie mal! Sechs ausgewählte Funkstücke« (2012) und »Schriftsteller im Kollektiv. Texte und Briefe zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« (2014).

Online-Flyer Nr. 619  vom 28.06.2017

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Von Kostas Koufogiorgos
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