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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Literatur
Aus den "Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers" (7)
Der Friedenssüchtige vom Kölner Dom
Von Erasmus Schöfer

Als die USA sich anschickten, den ersten Golfkrieg zu entfesseln, gab es in vielen deutschen Städten mächtige Demonstrationen für den Frieden. Auch Walter H., der bis dahin mit einer Zettelwand mitten auf einer Einkaufsstraße gegen die Obdachlosigkeit gestritten hatte, weil er selbst seit langem auf der Straße leben musste, baute nun seine Wand vor dem Kölner Dom auf und behängte sie mit beschrifteten Kartons, auf denen der Krieg gegen den Irak verdammt wurde. Er forderte die Passanten auf, mit eignen Worten oder Bildern ihr Urteil über den Krieg aufzuschreiben und hängte die beschriebenen Karten an seine Wand. Sie füllte sich schnell mit den vielstimmigen Friedenswünschen, so dass er sie mehrmals vergrößern musste, indem er die Karten an aufgespannten Drähten befestigte. Er kampierte selbst in einer Nische des Doms, um seine Klagemauer zu bewachen, weil er aus früherer Erfahrung wusste, dass es Menschen gibt, die eine solche Ruhestörung lieber zerstören als sie zu dulden. Mehrmals wurde er nachts von rechten Schlägern angegriffen und mit Fäusten traktiert.

Es kamen auch bald junge Arbeitslose mit ihren Hunden und andere Tippelbrüder und Berber, die sich zu Walter gesellten, einerseits weil sie auch für den Frieden waren, andrerseits weil man vor dem Dom viele Menschen traf, Touristen, Kölner Bürgerinnen, auch Christen, die ihren Friedenswillen oder ihre Mildtätigkeit durch ein bescheidenes Scherflein in den Kaffeebecher herauskehren wollten.

Dieser unordentliche Lagerplatz vor dem heiligen Dom, den die Siedler sogar mit Blumenkästen geschmückt hatten, war aber bald für die Kölner Klerikalen und Saubermänner ein Ärgernis wie damals das Auftreten von Jesus im Jerusalemer Tempel den Hohenpriestern. Sie schickten die Polizei, um Walter und seine Begleiter zu vertreiben. An die Klagemauer selbst wagten sie sich noch nicht, weil Walter inzwischen von vielen Kölner Bürgerinnen und Bürgern öffentlich unterstützt wurde und eine so unchristliche Vertreibung des Friedenspredigers vom katholischen Boden auch ziemlich unpopulär gewesen wäre. Da Walter aber immer wieder zurückkam und mit vielen Unterstützern die Klagemauer bewachte, klemmten sich Geschäftsleute und Priesterschaft hinter Gerichte und die Stadtbehörde. So erreichten sie schließlich doch die Vertreibung der unziemlichen Zettelwirtschaft. Sie hatten aber nicht mit der verbohrten Friedenssehnsucht Walters gerechnet. Der nämlich bastelte sich auf seinem Fahrradanhänger eine mobile Klagemauer und baute sie jeden Tag vor dem Dom morgens auf und abends ab, winters wie sommers. Das ging so durch Jahre. Und wenn er nicht gestorben ist, dann tut er das Gleiche noch heute.

Aber die Kunde von der Kölner Klagemauer verbreitete sich weltweit.




Erasmus Schöfer
Kalendergeschichten des rheinischen Widerstandsforschers
Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro
Verbrecher Verlag Berlin, 2016


Erasmus Schöfer, am 4. Juni 1931 bei Berlin geboren, lebt in Köln. Er war Mitbegründer und Vorsitzender des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt und ist Mitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums. Seit seiner Promotion über »Die Sprache Heideggers« (1962) veröffentlichte er zahlreiche literarische und publizistische Arbeiten. Für seine hochgelobte Romantetralogie »Die Kinder des Sisyfos« erhielt Erasmus Schöfer im Jahr 2008 den Gustav-Regler-Preis. Zuletzt erschienen: »Diesseits von Gut und Böse. Beiträge fürs Feuilleton« (2011), »Na hörn Sie mal! Sechs ausgewählte Funkstücke« (2012) und »Schriftsteller im Kollektiv. Texte und Briefe zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« (2014).

Online-Flyer Nr. 618  vom 21.06.2017

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