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Kultur und Wissen
Martin Luther und die Reformation aus der Sicht des Autors der Kriminalgeschichte des Christentums
Karlheinz Deschner: Man nennt es Reformation
Nachwort von Gabriele Röwer

Die Kapitel über Martin Luther im 8. Band der Kriminalgeschichte des Christentums (KdC) schrieb Karlheinz Deschner aus demselben Blickwinkel – von unten, von den Opfern klerikaler und weltlicher (Macht-)Politik her – wie seine gesamte Kirchenkritik. Andere Aspekte historisch-theologischer Forschung gelten ihm weitgehend als marginal. Diese oft monierte, indes den ethischen Voraussetzungen all seines Schreibens entsprechend bewusst gewählte Einseitigkeit begründete er ausführlich in der Einleitung zum Gesamtwerk (KdC Bd.1), das durchweg getragen wird von seiner Empörung über die Verkehrung urchristlicher Ideale, voran Friedfertigkeit, ins krasse Gegenteil, er nennt es «Heuchelei im Heiligenschein».


Karlheinz Deschner am 23. März 2013 beim Festakt zur Fertigstellung der Kriminalgeschichte des Christentums (Foto: arbeiterfotografie.com)

Gilt vor diesem Hintergrund ein Großteil der KdC der Kritik der katholischen Kirche (erweitert vor allem um die Verletzung des jesuanischen Armutsideals), so schließt Deschner seit dem 8. Band der KdC auch die protestantische Kirche ein, zumal ihren Inspirator Martin Luther. Sein Anspruch, nun, im Kontrast zu Katholiken, «evangelische», dem «Evangelium» gemäße Kirche zu sein, ist für ihn, von den ethischen Implikationen etwa der «Bergpredigt» aus gesehen, nicht nachvollziehbar, wie seine kritischen Ausführungen über Luthers (bei Paulus und Augustinus vorgezeichnete) Intoleranz, seine [im A&K-Beitrag ausführlich dargelegte] Gewaltbereitschaft (bis hin zum Tötungsaufruf) gegenüber Andersdenkenden – Altgläubigen, Bauern und «Ketzern», Hexen (4) und Juden – zeigen, sobald seiner neuen, nun statt der alten «allein wahren» Lehre nicht entsprochen wird (Thomas Müntzer nennt ihn daher den neuen «Wittenbergischen Papst»). Wie passt dies, so die durchweg präsente Frage Deschners, zum Eu-angelion des biblischen Jesus, jenes «Christus», auf den Luther – nicht anders als die Päpste – sich stets beruft? (5)
    Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation. (2)
Im ersten, wegen der gravierenden historischen Folgen ihm besonders wichtigen Teil seiner Kritik, betitelt Der Reformator läßt die Bauern schlachten oder «Anzaigung zwayer falschen Zungen des Luthers» (der Untertitel verweist auf die von Deschner mehrfach erwähnte, oft, wie manch andere Reaktionen, widersprüchlich anmutende Taktik Luthers, erst sprachgewaltig zu werben und zu locken, bei Misserfolg mit allen Mitteln, auch den brutalsten, zu strafen, zumal «Ketzer» und Juden), beleuchtet Deschner ein Kardinalproblem der Lehre Luthers: Auch wenn er eine von dessen bedeutendsten Schriften – Von der Freyheith eines Christenmenschen (1520) – nicht explizit nennt, wird die fatale Crux dieses Freiheitsbegriffs im zentralen Konflikt Luthers mit den gegen ihre Unterdrückung rebellierenden Bauern offensichtlich. Verstanden diese, selbst wenn, wie meist, durchaus religiös gesonnen, «Freiheit» auch wörtlich, nämlich «fleischlich» («weltlich», auf ihr unerträgliches, vor allem von Leibeigenschaft zu befreiendes Leben bezogen), galt er für Luther (gemäß seiner 1523 in der Schrift Von weltlicher Obrigkeit begründeten «Zwei-Reiche Lehre» – Gottes Reich und Reich der Welt, Kirche und Staat) rein «geistlich»-theologisch – für ihn wie für viele, die nach ihm kamen, ein Garant der Bewahrung der «göttlichen Ordnung» auf Erden, des «status quo», wie, nicht minder, wenn auch aus anderen Gründen, auf katholischer Seite. Deshalb, um das Proprium seiner «Reformation» nicht zu gefährden, gebot er u.a. den ihm ergebenen Landesherren Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern in den Krieg zu ziehen. Deren Niederschlagung bedeutete für Luther einen Sieg der Reformation «in Christo», für Deschner (und viele andere Vertreter der deutschen Geistesgeschichte) «eines der folgenreichsten Verhängnisse der deutschen Geschichte, keineswegs nur für die Bauern6 […], sondern für die Deutschen, Deutschland überhaupt» (nicht zuletzt wegen all der in Band 8-10 der KdC geschilderten Kriege der nächsten Jahrhunderte, auch zur Austragung von Konfessionskonflikten wie 1618-1648: «Solange die Menscheit eine Religionsgeschichte hat, hat sie eine Kriegsgeschichte.» Robert Mächler, «Mittler» von Karlheinz Deschners Werk in der Schweiz).

So erweist sich das, was gemeinhin am Reformator Luther besonders gerühmt wird, für Deschner gerade als besonders bedenklich, ja, gefährlich – daher seine skeptische Distanzierung mit der Wahl des Titels für das 12. Kapitel Man nennt es Reformation –, zumal (am Schluss des 11. Kapitels) mit Blick auf jene, die, «geistlich frei», gut (oder vielmehr nicht gut!) «evangelisch», in der Folgezeit, auch durch Luthers «Zwei-Reiche-Lehre», sich legitimiert sahen, selbst den übelsten, die «weltliche» Freiheit der Bürger verhindernden Autokraten, auch Faschisten, zu Diensten zu sein, willfährig, ohne alle Skrupel, ja, besten Gewissens, was neben der (von Deschner in Die Politik der Päpste ausführlich aufgezeigten) Kooperation des katholischen Klerus mit dem europäischen Faschismus zuweilen leicht übersehen wird.

Die Bibelübersetzung Luthers ins Deutsche war eine nicht genug zu würdigende, gerade auch sprachliche Großtat, die ihn, so Deschner, «als Sprachgestalter neben Goethe und Nietzsche stellt» – ursprünglich als Weg des Gläubigen «unmittelbar zu Gottes Wort» («sola scriptura» in der Einheit mit «sola gratia», «sola fide») gedacht, hernach freilich, sicher nicht vorausgesehen, gar von Luther intendiert (vgl. seinen Abscheu vor der teuflischen «Hure Vernunft», die «nichts kann, als alles lästern und schänden, was Gott redet und tut»), ein Meilenstein auf dem Weg zur säkularen, gegen den Widerstand der Kirchen erkämpften europäischen Aufklärung (7), welche in die Französische Revolution von 1789 mündete. Für deren Ziele, Befreiung der Vernunft von jeglicher Bevormundung und Schaffung besserer, gerechterer menschlicher Lebensverhältnisse, kämpften bereits im Bauernkrieg auch und besonders die Religiös-Sozialen, welche, von Luther befehdet, die von ihm propagierte «Freiheit» umfassend beim Wort nahmen (wie etwa Bertolt Brecht in Was nützt die Güte: «Anstatt nur frei zu sein, bemüht euch, einen Zustand zu schaffen, der alle befreit.»).

Indes: So sehr auch die [im A&K-Beitrag] anhand von Deschners Luther-Kapiteln im 8. Band der KdC dargelegten bis in die Neuzeit horrend folgenreich wirkenden Anschauungen des Reformators noch «tief im Mittelalter» verwurzelt sind (Deschner zitiert am Schluss zustimmend ein Diktum des ansonsten nicht sonderlich von ihm geschätzten katholischen Kirchenhistorikers Joseph Lortz: «Luther war katholischer, als wir wußten.»), so wenig kann ignoriert werden, so Deschner in der Auseinandersetzung mit dem Lutheraner Walther Bienert [siehe A&K-Beitrag], dass, zum einen, diese Anschauungen untrennbar mit Luthers reformatorischer Theologie verbunden, ja durch sie gleichsam legitimiert wurden, dass, zum andern, das beliebte gegen Deschners Kirchenkritik gerichtete Argument, man müsse alles historisch Kritikwürdige – auch an Luther – stets aus der jeweiligen Zeit heraus verstehen, leicht ad absurdum zu führen ist, wie Deschner schreibt:

«Zeitgeschichtlich-bedingt war auch die ganze Reformation, zeitgeschichtlich-bedingt waren der Dreißigjährige Krieg und der Erste Weltkrieg und der Zweite und all die hundert und mehr Kriege und Interventionen der USA in der jüngsten Vergangenheit und die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Denn ‹zeitgeschichtlich-bedingt› ist nur eine dummflaue Ausflucht, ist nur die ebenso nichtssagende Erklärung wie vielsagende Exkulpation nicht zuletzt auch vieler Historiker, deren sie sich schämen sollten, könnten sie sich schämen. Scham aber ist auch ihre Sache nicht – eher versinken wohl, zeitgeschichtlich-bedingt, unsere fünf Kontinente ... »


Zur Ergänzung das Vorwort des Artikels "Karlheinz Deschner: Man nennt es Reformation":


Dass Karlheinz Deschner (1924-2014) in seinem Opus Magnum, der zehnbändigen Kriminalgeschichte des Christentums (Rowohlt 1986-2013), deren inoffiziell elfter, noch vor der Kriminalgeschichte des Christentums erstmals publizierter Band 'Die Politik der Päpste' (3) bis ins Zeitalter der Weltkriege reicht, sein kritisches Augenmerk zumeist auf die katholische Kirche richtet, darf nicht übersehen lassen, dass insbesondere die Bände 8 bis 10 auch die, zuweilen nicht minder blutige, Geschichte des Protestantismus einbeziehen – von der Reformation im 16. bis - ein Beispiel nur - zu den NS-treuen «deutschen Christen» im 20. Jahrhundert. Wie das alles begann, zeigt Deschner im 11. und 12. Kapitel des dem 15. und 16. Jahrhundert gewidmeten 8. Bandes seiner Kriminalgeschichte des Christentums, wegen der gebotenen Kürze dieses Beitrags – ausgenommen Luthers Haltung gegenüber Bauern und «Ketzern», voran die „Täuferbewegung“ (hier übernehmen wir, in Auszügen, den Wortlaut des Autors) – nur summarisch vorgestellt (Luthers Kampf gegen Papst, Hexen und Juden).


Fussnoten

1 Die Belege zu den folgenden Darlegungen und Zitaten Karlheinz Deschners nebst der Fülle zugehöriger Literaturangeben sind nachzulesen in den Anmerkungen zu den Kapiteln 11 und 12 des 8. Bandes seiner Kriminalgeschichte des Christentums [Abk. KdC]. Vom Exil der Päpste in Avignon bis zum Augsburger Religionsfrieden. © 2004 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Ich danke dem Verlag für die Abdruckgenehmigung ausgewählter Texte aus beiden Kapiteln, Dr. Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der dem Werk Karlheinz Deschners verbundenen Giordano-Bruno-Stiftung, für die aufwändige Unterstützung bei der Erstellung einer verarbeitungsfähigen Textdatei und Helmut Walther, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“, für hilfreichen Rat […]. – Die Luther-Zitate entstammen zumeist der Weimarer Ausgabe, 1883 ff, sowie der Berliner Ausgabe, Auswahl in 8 Bänden, 5. Auflage 1959/62. – […] Die Schreibweise Deschners wurde beibehalten. Seine Änderungen oder Hinweise sind durch runde Klammern, seine Auslassungen durch 3 Punkte gekennzeichne, Auslassungen (bzw. in der Kurzfassung: Ergänzungen) von G.R. durch 2 eckige Klammern .

2 Karlheinz Deschner. Abdruck im vierten Band seiner Aphorismen Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln, Lenos 2016.

3 Dieses Werk Deschners über die Päpste im Zeitalter der Weltkriege erschien mehrfach unter wechselnden Titeln – erstmals 1982/83 in 2 Bänden bei Kiepenheuer&Witsch, dann bei Rowohlt 1991, schließlich 2013 im Rahmen der dankenswerten «Deschner-Edition» vergriffener oder schwer zugänglicher Werke des Autors bei Alibri (Gunnar Schedel).

4 Infolge der katholischen Vulgata-Übersetzung von Exodus 22,17 «Die Zauberer sollst du nicht leben lassen» wurden in katholischen Regionen i.a. öfter Männer verurteilt als in protestantischen, die sich auf die Luther-Übersetzung «Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen» beriefen, sodass Hexen, da besessen vom Teufel – für Luther stets allgegenwärtig –, immer mit dem Tode bestraft wurden (erwachsene Behinderte im Rahmen von Teufelsprozessen einbezogen). Vgl. u.a. die Übersicht http://www.theologe.de/theologe3.htm, Nr. 15.

5 Deschner fragt, welches «Evangelium» Luther meint, etwa in Auseinandersetzungen wie jener mit unbotmäßigen Chorherren in Altenburg. Im Kapitel Der Reformator läßt die Bauern schlachten zitiert Deschner einen Brief Luthers an seinen Freund Georg Spalatin, geschrieben 1522 auch im Blick auf seine katholischen Gegner: «Das Wort Gottes ist ein Schwert, ist Krieg, ist Zerstörung, ist Ärgernis, ist Verderben, ist Gift und, wie Amos sagt, gleich dem Bär am Wege und der Löwin im Walde.»

6 «Alle Revolutionen kosten Blut, am meisten aber die versäumten.» Siehe Anm. 2.

7 Wie erst hätte Luther über jene geurteilt, denen seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche die Voraussetzung dafür schuf, dass die Ergebnisse der mit Reimarus in der Frühzeit der Aufklärung beginnenden, über dessen Kinder durch Lessing, noch anonym, verbreiteten historisch-kritischen Bibel-, zumal Leben-Jesu-Forschung, zunächst von der christlichen Orthodoxie heftigst befehdet, allmählich Resonanz fanden, nicht nur im Bildungsbürgertum? Karlheinz Deschners 1962 publiziertes epochales Frühwerk Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten (2015 neu aufgelegt von Alibri in der Reihe «Deschner-Edition»; vgl. die Rezension in A&K 3/2016, S. 240-243) wertet im Hauptteil die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung zumeist evangelischer, auch katholischer Theologen akribisch aus (Resultat: «Vom periphersten Brauch bis zum zentralsten Dogma, vom Weihnachtsfest zur Himmelfahrt: lauter Plagiate.» – und dies durchweg, sogar, wie Deschner zeigt, das «christliche Proprium» betreffend, die «jesuanische Ethik», voran die Nächsten- und Feindesliebe). Im Schlussteil demonstriert er – gemäß dem Haupttitel seines Buches – an markanten, in der KdC erheblich vertieften Beispielen den permanenten Verrat der Ethik des synoptischen Jesus durch das Gros des Klerus bis hin zum europäischen Faschismus: dieses Werk, m.E. sein wichtigstes, weil detailliert der frag-würdigen Basis des Ganzen, seinen Wurzeln nachgehend (vgl. auch KdC Bd. 3 sowie Der gefälschte Glaube), bewirkte schließlich, vorbereitet in etlichen Forschergenerationen seit Reimarus, die erste große Welle von Kirchenaustritten. Denn dieses Werk führte den «Wort-Gottes»-Anspruch der «Heiligen Schrift» ad absurdum und entlarvte gleichzeitig die Heuchelei jener Mächte, die sich, zumal ex cathedra, darauf berufen – Luthers Kampf gegen Bauern und «Ketzer», Hexen und Juden, stets unter Berufung auf «sein» Evangelium, nicht ausgenommen. Beides, die kritische Hinterfragung der biblischen Grundlagen christlichen Glaubens wie der Nachweis der jeder ernst zu nehmenden Ethik hohnsprechenden Praktizierung dieses Glaubens durch seine maßgeblichen Verkünder, kann, laut Deschner, das Bild auch Luthers, des bis heute weithin hochgeschätzten Reformators, nicht unberührt lassen.


Nachwort und Vorwort entnommen dem Artikel
Karlheinz Deschner: Man nennt es Reformation
Martin Luther und die Reformation aus der Sicht des Autors der Kriminalgeschichte des Christentums
Textauswahl und Nachwort: Gabriele Röwer
aus der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ (A&K) 2/2017 (S.43-60)
http://www.gkpn.de/Deschner-Roewer_Luther_AuK2-2017.pdf


Anmerkungen zum 8. April 2017, dem dritten Todestag von Karlheinz Deschner:
http://www.deschner.info


Online-Flyer Nr. 608  vom 12.04.2017

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