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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zum Soldaten Elor Asaria, dem Mörder von Hebron
Die große Kluft
Von Uri Avnery

ICH GLAUBE, ich war der Erste, der empfahl, dass der Soldat Elor Asaria, der Mörder von Hebron, begnadigt werden sollte. Aber diese Empfehlung hing von der Erfüllung einiger Bedingungen ab: zunächst der, dass der Soldat offen und uneingeschränkt sein Verbrechen gestehe, dann der, dass er sich entschuldige, und schließlich der, dass er zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt würde. Ohne die Erfüllung dieser Bedingungen würde jedes Gnadengesuch des Soldaten ein Ersuchen um die Billigung seines Handelns bedeuten und wäre damit eine Einladung zu weiteren Kriegsverbrechen.

Sergeant Asaria, Sanitäter in einer Kampfeinheit, erschien nach einem Zwischenfall im Zentrum der jüdischen Enklave in der Altstadt von Hebron auf der Bildfläche. Zwei junge Palästinenser hatten mit Messern einen Armeekontrollpunkt angegriffen und man hatte auf sie geschossen. Wir wissen nicht, wie der erste starb, aber der zweite wurde mit einer der Kameras gefilmt, die den Bewohnern von der wunderbaren israelischen Anti-Besetzungs-Organisation B'Tselem zur Verfügung gestellt worden waren. Die Kamera zeigt den Angreifer, wie er schwer verwundet, bewegungslos und blutend auf dem Boden liegt. Dann, etwa 12 Minuten später, erscheint Asaria, der bis dahin nicht dort war, auf der Bildfläche. Er steht weniger als einen Meter von dem verwundeten Araber entfernt und schießt ihm mir nichts dir nichts in den Kopf, womit er ihn sofort tötet.

Der fotografische Beweis, der sofort im israelischen Fernsehen (diese Tatsache darf man nicht vergessen) veröffentlicht wurde, ließ der Armee keine Wahl. Einen wehrlosen Feind töten ist in jedem zivilisierten Militär ein Verbrechen. Asaria wurde wegen Todschlags – nicht wegen Mordes – angeklagt. Vom gesamten rechten Flügel wurde er sofort zum Nationalhelden erklärt. Politiker, darunter Benjamin Netanjahu und der gegenwärtige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, beeilten sich, ihn zu adoptieren. Asaria wurde für schuldig befunden. In einem in scharfe Worte gefassten Urteil stellte das Militärgericht fest, dass die Aussagen des Angeklagten ganz und gar aus Lügen bestanden.

Das Urteil erregte einen Proteststurm auf dem gesamten rechten Flügel. Das Gericht wurde verwünscht und es wurde zum wahren Angeklagten. Angesichts dieses Sturms knickte das Gericht ein und verurteilte Asaria zu einer Freiheitsstrafe von lächerlichen 18 Monaten. Das ist die übliche Strafe für arabische Jugendliche, die Steine geworfen haben, ohne dabei jemanden zu verletzen. Asaria hat sich nicht entschuldigt. Weit entfernt. Stattdessen standen er, seine Familie und seine Bewunderer im Gerichtssaal auf und brachen in die Nationalhymne aus.

Bild des Tages

DIESE SZENE im Gerichtssaal wurde das Bild des Tages. Es war eindeutig eine Demonstration gegen das Militärgericht, gegen das Oberkommando der israelischen Armee und gegen die gesamte demokratische Struktur des Staates. Aber für mich war es viel, viel mehr. Es war die Unabhängigkeitserklärung eines anderen israelischen Volkes. Es war das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft in zwei Teile, zwischen denen die Spannungen von Jahr zu Jahr heftiger geworden waren. Die beiden Teile haben immer weniger Gemeinsamkeiten. Sie nehmen vollkommen unterschiedliche Haltungen gegenüber dem Staat, seinem moralischen Fundament, seiner Ideologie und seiner Struktur ein. Aber bisher wurde akzeptiert, dass jenseits jeder Kontroverse wenigstens eine fast heilige Institution über dem Getümmel stand: die israelische Armee. Die Asaria-Affäre zeigt, dass dieses letzte Band der Einheit jetzt zerrissen worden ist.

Zwei Lager

WER SIND diese beiden Lager? Welches ist der am tiefsten liegende Grundbestandteil dieser Spaltung? Es führt kein Weg darum herum: Es ist der ethnische Faktor. Alle versuchen, der Erkenntnis dieser Tatsache aus dem Weg zu gehen. Berge von Euphemismen wurden errichtet, um sie zu verbergen. Alle fürchten sich vor den Folgen, ja erschrecken tief davor. Heuchelei ist ein wichtiger Verteidigungsmechanismus. Es gibt jetzt zwei jüdisch-israelische Völker. Sie verabscheuen einander heftig. Eines der beiden wird Aschkenasen genannt, das ist ein alter hebräischer Ausdruck, der vom Wort für Deutschland  abgeleitet wurde. Dazu gehören alle Israelis europäischer und amerikanischer Herkunft, die westlichen Werten anhängen oder das vorgeben. Die anderen werden Misrachi („östlich“) genannt. Sie wurden einmal irrtümlich Sepharden („Spanier“) genannt, aber nur wenige von ihnen sind tatsächlich Nachkommen der Juden, die vor etwa 700 Jahren aus Spanien vertrieben wurden. Die große Mehrheit dieser Vertriebenen ging lieber in muslimische Länder als nach Europa. Die misrachische Gemeinschaft umfasst alle Israelis, deren Familien aus Ländern von Marokko bis zum Iran nach Israel gekommen sind. Es ist eine historische Tatsache, dass Juden in Europa oft misshandelt wurden und in islamischen Ländern selten. Aber die Aschkenasen sind stolz auf ihr europäisches Erbe, allerdings haben sie sich immer mehr davon entfremdet, während es für die Misrachim keine größere Beleidigung gibt, als sie mit Arabern zu vergleichen.

Wie ist die Kluft entstanden? Die zionistische Bewegung wurde hauptsächlich von Aschkenasen geschaffen, die vor dem Holocaust die überwältigende Mehrheit der Juden der Welt ausmachten. Natürlich trugen sie auch am meisten zu der neuen zionistischen Gemeinschaft in Palästina bei, in der es allerdings auch einige hervorragende misrachische Gestalten gab. Die tiefe Spaltung begann gleich nach dem 1948er Krieg. Wie ich schon oft erwähnt habe, war ich einer der Ersten, die sie kommen sahen. Als Gruppenführer im Krieg kommandierte ich eine Gruppe von Freiwilligen aus Marokko und anderen Mittelmeerländern (die mir übrigens das Leben retteten, als ich verwundet worden war). Ich war Zeuge des Anfangs der Spaltung und warnte das Land im Jahr 1949 in einer Reihe von Artikeln. Wer war daran schuld? Beide Seiten. Aber die Aschkenasen beherrschten alle Lebensbereiche, darum ist ihr Anteil an der Schuld sicherlich größer. Da die beiden Gemeinschaften aus sehr verschiedenen Kulturen kamen, war es vielleicht unvermeidlich, dass sie sich in vielen Lebensbereichen voneinander unterschieden. Aber damals waren alle von der Welt der zionistischen Mythen berauscht und nichts wurde getan, um die Katastrophe zu verhindern.

Heute sehen sich die Misrachim selbst als „das Volk“, die wahrhaft (jüdischen) Israelis, und sie hassen die Aschkenasen und nennen sie  die „Elite“. Sie glauben auch, sie wären die große Mehrheit. Das stimmt allerdings nicht. Die Teile auf beiden Seiten der Spaltung sind mehr oder weniger gleich groß, da russische Einwanderer, ultraorthodoxe Juden und arabische Bürger getrennte Einheiten bilden. Eine spannende Frage betrifft Mischheiraten. Es gibt viele und ich dachte einmal, dass sie die Kluft von sich aus überbrücken würden. Das ist nicht geschehen. Stattdessen schließt sich jedes Paar der einen oder der anderen der beiden Gemeinschaften an. Die Grenzlinien sind nicht eindeutig gezogen. Es gibt viele misrachische Professoren, Ärzte, Architekten und Künstler, die sich der „Elite“ angeschlossen haben und sich ihr zugehörig fühlen. Es gibt viele aschkenasische Politiker (besonders im Likud), die sich verhalten, als gehörten sie zum „Volk“. Damit hoffen sie, Wahlstimmen zu gewinnen. Die Likud- („Vereinigungs-“) Partei ist ein Phänomen für sich. Die überwiegende Masse ihrer Mitglieder und Wähler sind Misrachim. Tatsächlich ist sie die Misrachi-Partei par excellence. Aber fast alle ihre Führer sind Aschkenasen. Netanjahu gibt vor, er wäre beides.

„Du bist ein Held!“

ZURÜCK ZU Asaria. Meinungsumfragen sagen uns, dass es für die große Mehrheit der Misrachim das Richtige ist, einen tödlich verwundeten „Terroristen“ zu töten. Nach dem Gesang im Gerichtssaal küsste ihn sein Vater und rief: „Du bist ein Held!“ Für viele Aschkenasen war Asarias Tat eine jämmerliche Feigheit. Eines der Opfer der Affäre ist der Generalstabschef Gadi Eisenkot. Bis vor Kurzem war er die beliebteste Person im Land. Jetzt wird er von den Misrachim als verächtlicher Lakai der aschkenasischen „Elite“ verdammt. Trotz seinem deutsch klingenden Namen ist Eisenkot morokkanischer Herkunft. Er hat die Armee nicht geschaffen, wie sie jetzt ist. Er hat sie geerbt. Seit mehr als 40 Jahren hat die Armee keinen richtigen Krieg gegen ein richtiges Militär mehr geführt. Sie ist zu einer kolonialen Polizeitruppe verkommen, dem Instrument eines Systems, das ein anderes Volk unterdrückt. Im Rahmen dieser Aufgabe werden täglich Brutalitäten begangen.

Erst vor Kurzem wurde ein unschuldiger arabischer Lehrer, ein beduinischer Bürger Israels, durch Zufall in einen Zwischenfall verwickelt, als die Polizei mit der lokalen Bevölkerung zusammenprallte. Sie schossen auf den Lehrer im Irrglauben, er sei im Begriff, sie zu überfahren. Der Mann war schwer verwundet und blutete und die Polizisten standen um ihn herum. Sie riefen keinen Sanitäter. Langsam verblutete er. Es dauerte 20 Minuten. Nur ein Soldat von höchster menschlicher Qualität, der in einer gesunden humanen Familie aufgewachsen ist, hat genügend Widerstandskräfte gegen  eine derartig brutalisierende Wirkung. Zum Glück gibt es deren viele.

Besetzung mit allen verfügbaren Mitteln loswerden


ICH GLAUBE, dass hier die Lösung liegt. Wir müssen die Besetzung mit allen verfügbaren Mitteln loswerden, je eher desto besser. Jeder wahre Freund Israels in der ganzen Welt muss seinen Beitrag dazu leisten. Nur dann können wir unsere geistigen und sozialen Ressourcen der Aufgabe widmen, die große Kluft zu überbrücken und zu dem Volk zu werden, das viele von uns gerne wären. Und dann können wir die Nationalhymne mit gutem Gewissen singen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 602  vom 01.03.2017

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