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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kommentar
Betrachtungen zum israelisch-palästinensische Konflikt
Wie hat es angefangen?
Von Uri Avnery

WIE ZUM TEUFEL hat nun alles angefangen? In der letzten Woche habe ich versucht, über den Krieg von 1948 zu berichten, der mit dem Beschuss eines jüdischen Busses am Tag nach der Teilungs-Resolution der UN angefangen hat. Einige Leser haben das bestritten. Sie bestanden darauf, dass der Krieg am 15. Mai anfing, am Tag nach der Gründung des Staates Israel, als die Armeen der benachbarten arabischen Staaten ins Land einmarschierten. Ich habe das schon oft erlebt. In jeder ernsthaften Debatte über den israelisch-palästinensische Konflikt wird die Frage aufgeworfen: „Wann hat er angefangen?“ Jede Seite hat ihr eigenes Datum, mit dem sie nachweist, dass die andere Seite angefangen hat … Die Araber haben angefangen, versichern die Zionisten.

Der Konflikt hat mit der „Invasion“ der arabischen Armeen angefangen. („Invasion“ in Anführungsstrichen, da sie in die Gebiete einmarschierten, die von den UN dem palästinensischen arabischen Staat zuerkannt worden waren. Ihr erklärtes Ziel war allerdings die Zerschlagung des neuen jüdischen Staates gleich an dessen Anfang.) Die Juden haben angefangen, versichern die Araber. Sie haben angefangen, indem sie die arabische Bevölkerung zu vertreiben begannen, was dann zur Naqba („Katastrophe“) führte.

Die Araber haben angefangen, erwidern die Zionisten. Warum mussten wir denn die arabische Bevölkerung vertreiben? Darum, weil ihr nach der UN-Resolution am 29. November 1947 angefangen habt, unsere Dörfer zu beschießen. Die Juden haben angefangen, kontern die Araber. Alles hat mit dieser scheußlichen Resolution angefangen. Die hauptsächlich aus westlichen und kommunistischen Staaten bestehenden UN gaben ein Land, das ihnen nicht gehörte, den Juden, die nicht in das Land gehörten. Ja, sagen die Juden, aber in Wirklichkeit fing es mit dem im Mai 1939 von den Briten veröffentlichten Weißbuch an. Tatsächlich wurden den Juden damit die Tore nach Palästina gerade zu der Zeit verschlossen, als die Nazis den Holocaust planten.

Wir hatten keine Wahl, werfen die Briten ein. 1936 begannen die Araber eine Revolte und töteten im ganzen Land Juden und unsere Soldaten. Aber warum mussten wir das denn tun? schreien die Araber. Weil nach 1933, als in Deutschland Adolf Hitler die Macht ergriffen hatte, Massen von Juden nach Palästina kamen. Dem mussten wir, wenn auch mit gewaltsamen Mitteln, ein Ende machen, um zu verhindern, dass Palästina zu einem jüdischen Land würde.

Wirklich, kontern die Juden, aber ihr habt lange zuvor damit angefangen, schon 1929, als ihr im ganzen Land Unruhen organisiert habt, bei denen viele Juden getötet wurden. Wir hatten keine Wahl, versichern die Araber. Die britische Regierung von Palästina bevorzugte die Zionisten und erlaubte ihnen, überall zu siedeln. Das war unser Recht, sagen die Juden. Dieses Recht war in dem Mandat verankert, das der Völkerbund den Briten übertragen hatte. Wer hat dem Völkerbund das Recht gegeben, irgendjemandem ein Mandat zu übertragen? fragen die Araber. Das Land gehörte seinen Bewohnern, die fast alle Araber waren. So hat alles angefangen.

Aber die Araber griffen 1919 die Juden an und bewiesen damit, wie notwendig die Anwesenheit der Briten war. Die Briten hatten dort überhaupt nichts zu suchen, antworten die Araber. Das ganze Durcheinander hat angefangen, als die Briten 1917 die Balfour-Deklaration veröffentlichten. Darin versprachen sie, eine jüdische „nationale Heimat“ in Palästina zu errichten, das damals noch zum (muslimischen) Osmanischen Reich gehörte. Das Osmanische Reich lag im Sterben, sagen die Juden und die 1896 gegründete zionistische Bewegung hatte bereits ihr Recht auf Palästina verkündet. Aber zur selben Zeit wurde die moderne arabische Nationalbewegung geboren, die einen unbestreitbaren Anspruch auf Palästina und alle arabischen Länder erhob. Gott hat versprochen … Allah hat bestimmt … Und so weiter.

Juden in Palästina als Außenposten der westlichen Zivilisation gegen die Barbaren Asiens

ICH HABE meine eigene Theorie darüber, wann und wie der Konflikt begann. 1904 starb der Gründungsvater der zionistischen Bewegung Theodor Herzl. Herzl mochte Palästina nicht besonders. Er begann seine ideologische Suche mit der Idee, einen jüdischen Staat in Patagonien zu gründen. Patagonien war ein argentinisches Gebiet, das kurz zuvor „befriedet“ worden war. Herzl mochte weder die Türken noch die Araber, aber die Ereignisse überzeugten ihn, die Juden würden nirgendwohin als nach Palästina gehen. In seinem Buch „Der Judenstaat“, der Bibel des Zionismus, erklärte er, dass die Juden in Palästina als Außenposten der westlichen Zivilisation gegen die Barbaren Asiens – das waren die Araber – dienen würden. Man kann sagen, dass an diesem Punkt der Konflikt wirklich begann – gleich zu Beginn der zionistischen Idee. Aber ich habe einen noch genaueren Zeitpunkt im Sinn.

An Wahnsinn grenzende Idee einer Allianz mit Eingeborenen gegen eine Imperialmacht

EIN PAAR Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zeigte das Osmanische Reich Zeichen des Auseinanderbrechens. Eine von Armeeoffizieren geführte modernisierende Bewegung ergriff 1908 die Macht. Ihre Mitglieder nannten sich „Jungtürken“. Auch in der unruhigen arabischen Bevölkerung entstanden revolutionäre Gruppen. Noch wagten sie nicht, von Unabhängigkeit zu sprechen, aber stattdessen brachten sie einen Plan für „Dezentralisierung“ des Osmanischen Reiches vor, demzufolge den verschiedenen Nationen etwas Autonomie zugestanden werden sollte. Eine Gruppe arabischer Abgeordneter im türkischen Parlament, die von Rukhi al-Halidi (Mitglied einer Jerusalemer Familie, die noch heute sehr bekannt ist) geführt wurde, hatte eine glänzende Idee: Warum sollte man nicht auf die Zionisten zugehen und ihnen eine Allianz gegen die Türken anbieten, um gemeinsam für diese Idee zu kämpfen?

Der zionistische Führer in Jerusalem beeilte sich, dieses Angebot dem neuen Präsidenten der zionistischen Organisation Max Nordau zu unterbreiten. Nordau hatte nach dem Tod des Gründers Herzls Posten geerbt. Das war ein historischer Augenblick, einer der Augenblicke, in denen die Geschichte den Atem anhält. Eine vollkommen neue Perspektive öffnete sich: eine Allianz zwischen Arabern und Juden! Eine gemeinsame Befreiungsbewegung!

Der berühmte deutsch-jüdische Intellektuelle Nordau dachte nicht im Traum daran, das Angebot anzunehmen. Er muss es für verrückt gehalten haben. Die Türken waren die Herren des Landes. Sie konnten Palästina den Juden geben. Man könnte sie bestechen. Die Araber waren ohnmächtig. Sie hätten uns nichts zu bieten. Also ging der Augenblick ungenutzt vorüber. Nordau erwähnte die Idee beim Zionisten-Kongress in Hamburg, aber niemand nahm davon Notiz. Nur wenige Leute wussten etwas von dieser Episode. Sie wird in dem zuverlässigen Buch des verstorbenen Aharon ("Aharonchick") Cohen dargestellt. Die Möglichkeit bestand nur theoretisch. Geschichte wird von Menschen aus Fleisch und Blut gemacht, deren Bewusstsein von den Realitäten ihrer Zeit geformt worden ist. Für Europäer des frühen 20. Jahrhunderts grenzte die Idee einer Allianz mit Eingeborenen gegen eine Imperialmacht an Wahnsinn.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, aber aus ihr lassen sich einige Schlüsse ziehen

IM RÜCKBLICK gesehen, hätte diese Idee die Geschichte ändern können. Wir wären in eine andere Welt hineingeboren worden. Im Herbst 1947, als ich gerade 24 Jahre geworden war, veröffentlichte ich eine Broschüre mit dem (entsprechenden hebräischen) Titel Krieg oder Frieden in der semitischen Region. Es wäre eine fast genaue Wiederholung der Ideen im Nordau-Ereignis gewesen, wenn ich damals schon davon gewusst hätte. Die Schrift begann mit den Worten: Als unsere Väter, die Zionisten, beschlossen, in diesem Land eine „sichere Heimstätte“ zu errichten, hatten sie die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Sie konnten in Westasien als europäische Eroberer auftreten, die sich als Brückenkopf der „weißen Rasse“, als Herren der „Eingeborenen“ sahen wie die spanischen Konquistadoren und die angelsächsischen Kolonisten in Amerika. Eben das taten die Kreuzfahrer zu ihrer Zeit in dem Land.

Die andere Möglichkeit war, sich selbst als asiatisches Volk zu sehen, das in seine Heimat zurückkehrt, das sich als Erben der politischen und kulturellen Tradition der semitischen Rasse sieht und bereit ist, die Menschen der semitischen Region in den Befreiungskampf gegen europäische Ausbeutung zu führen. Die Terminologie dieses Textes gehört dessen Zeit an, inhaltlich jedoch unterschreibe ich heute, fast 70 Jahre später, jedes Wort. Der israelisch-palästinensische Konflikt begann, als die ersten jüdischen Kolonisten 1882 ins Land kamen, also noch vor der offiziellen Gründung der zionistischen Bewegung. Er begann als Zusammenstoß zwischen zwei großen nationalen Bewegungen, die überhaupt nichts voneinander wussten. Diese Unwissenheit dauert in großen Teilen bis zum heutigen Tag an. Zwar können wir die Vergangenheit nicht ändern, aber vielleicht, vielleicht, können wir daraus lernen und einige Schlüsse daraus ziehen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 601  vom 22.02.2017

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