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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Literatur
John Höxter und die Berliner Bohème
„Wer Zeit totschlägt, verletzt die Ewigkeit“
Von Jochen Knoblauch

Wenn über die Wiederentdeckung der Berliner Bohème geredet wird, darf ihr großer Protagonist John Höxter nicht fehlen. In Abständen von Jahrzehnten wird Höxter immer wieder aus dem Keller der Geschichte empor geholt und jedes mal mit Gewinn. Jetzt liegt eine neue Biographie über John Höxter vor. Die Berliner Bohème war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Pool von kreativen Köpfen, die arm aber reich an künstlerischem Schaffen, die Hort „schräger Vögel“, Eigenbrötler und verkannter Genies war. Hier wurde das Schnorren zur Kunst erhoben, und die Kaffeehäuser der damaligen Zeit wollten nicht ohne sie, die zum Flair der Weltstadt gehörten. Höxter hinterließ Spuren etwa in den Werken von Else Lasker-Schüler („Mein Herz“), Leonard Frank („Links wo das Herz ist“) u.a. - alles Herzensangelegenheiten…

John Höxter, 1884 in Hannover geboren, zählte wohl zum ungekrönten König der Bohèmiens. Er war Maler und Poet und ständig Pleite. Er war Morphinist und Schwul, zumindest in Andeutungen, er war ein Kaffeehaus-Nomade und ein Zeitzeuge einer Aufbruchstimmung, die die Welt der Kunst, aber auch die der Politik grundlegend ändern sollte.

Der renommierte Autor und Regisseur Jörg Aufenanger zeichnet mit seinem schmalen, aber kompakten Bändchen über Höxter und seine Zeit ein Bild, welches wir – zumindest was Höxter betrifft – bisher nicht hatten. Überhaupt ist in den letzten Jahren einiges passiert: Höxter bekam 2014 einen neuen Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee, es wurden noch eine Reihe unveröffentlichter Gedichte im Landesarchiv Berlin entdeckt und in der Heftreihe „Verssporn“ Nr. 8 publiziert, sowie ein Stolperstein in Berlin-Charlottenburg verlegt. Das alles verdanken wir dem Verein „Poesie schmeckt gut“ aus Jena (sic!).

Höxter kam 1906 nach Berlin und hatte hier, bis die Nazis 1933 die Macht übernahmen, seine aktivste Zeit. Das Café des Westens und das romanische Café – auch Café Größenwahn genannt – waren seine Heimat und zugleich sein Aktionsraum. Erich Mühsam nannte die Kaffeehaus-Clique: „...das Industriegebiet der Intelligenz an der Gedächtniskirche“. Hier schnorrte und debattierte er, rezitierte Gedichte, und traf sich mit den – noch unbekannten – Künstlern seiner Zeit. Er war ein Seelenverwandter von Else Lasker-Schüler, hing mit der Bildhauerin und Grafikerin Renée Sintenis und Emmy Hennings rum, teilte sich eine Wohnung mit dem expressionistischen Dichter Jakob van Hoddis, und amüsierte sich mit Joachim Ringelnatz. Höxter wurde auch der „Dante des Romanischen Cafés“ genannt.

Erste Erfolge als Maler konnte Höxter 1907 verzeichnen mit Ausstellungen seiner Bilder, der Herausgabe von Radierungen usw. Von 1911 bis 1913 war er Mitarbeiter von Pfempferts „Die Aktion“. Neben seinen Porträts bekannter Caféhausbesucher begann er auch Gedichte zu verfassen, die er gegen einen Obolus auch gerne mal vortrug. Ein bunter Hund in einer bunten Gesellschaft: „er kannte alle, wie alle ihn kannten“, so resümiert Aufenanger.

Der erste Bruch in der Geschichte der Berliner Bohème kam 1914 mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, und wir wundern uns eigentlich noch heute, wer hier alles plötzlich in den Hurra-Patriotismus mit einstimmte und freudestrahlend in den Tod zog. Für Höxter war das nichts, nicht nur wegen der eigenen etwas zerbrechlichen Physis, sondern das Militärische wie das Nationale war nicht die Sache der bunt zusammen gewürfelten Bohème. Höxter, „ein Romantiker, ein sanfter Gefühlsanarchist“, wie ihn Aufenanger Tituliert, hatte schon genug mit den verschiedenen Kunstrichtungen zu tun, die jene Zeit bestimmten.

In gewisser Weise war Höxter ein Geburtshelfer des Dadaismus. Hugo Ball benutzte die Untauglichkeitsbescheinigung von Höxter um ins Schweizer Exil zu kommen um in Zürich 1916 Dada aus der Taufe zu heben. Walter Mehring schrieb zum Verhältnis von Höxter zum Dadaismus: „Höxter selber war nicht Dadaist, sondern ein auf eigene Faust dadaisierender Vagant.“

Nach dem Ersten Weltkrieg gab Höxter die Zeitschrift „Der blutige Ernst“ heraus. Es sollte noch bis 1929 dauern bis er sein Buch über die Berliner Bohéme „So lebten wir“ veröffentlichen konnte und das Heft mit eigenen Gedichten „Apropoésies Bohémiennes“ erschien wohl um die gleiche Zeit. Auch als Statist in einem Film oder Mitwirkender in einer Revue zu Ehren des Galeristen und Verlegers Alfred Flechtheim zum 50. Geburtstag wirkte er mit.

Ab ca. 1925 veränderte sich die, wie wir heute sagen würden, Szene. Nicht nur ein immer lauter und unverhohlen daher kommender Antisemitismus, vor dem Höxter in Beiträgen von 1919 warnte, begann sich breit zu machen. 1931 gab es ersten Krawalle auf dem Berliner Ku‘damm, von der SA ausgelöst, die handgreiflich durch die Straßen marodierten, und Höxter wurde sein Judentum erst jetzt langsam bewusst. Er war einer der letzten, die sich noch versuchten durch zu schlagen und spätestens mit der Machtergreifung konnte Höxter seine geliebten Cafés nur noch von außen betrachten. Er wurde ausgeschlossen: „Zutritt für Juden verboten“. Das muss ihn sehr geschmerzt haben.

Höxter war kein politischer Mensch, bzw. jemand, der sich damit schwer tat. Neben der Tatsache, dass er Kriegsgegner war, schlug er sich immer auf die Seite der Menschlichkeit, was in jenen Jahren sicherlich schon nicht ganz einfach war. Mit der Zeit verließen ihn seine Freunde und Freundinnen, und das nicht nur, weil sie vielleicht langsam mehr Erfolg hatten, nein auch die politischen Umstände von 1933 ließ eine Anzahl von Künstlern Berlin verlassen, trieb sie in Exil. Höxter hatte weder die Mittel und vermutlich auch nicht die Kraft Berlin und seine Cafés den Rücken zu kehren.

Eine Woche nach der Pogromnacht vom 9.11.1938, wo Synagogen brennen, Häuser und Geschäfte geplündert und Menschen misshandelt werden, ging er in ein Waldstück am Templiner See bei Potsdam, wo er sich am 15.11. die Pulsadern beider Arme öffnete. In einem Abschiedsbrief an seinem ehemaligen Lehrer an der Kunsthochschule Berlin, Leo von König, schreibt er unter anderem: „Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder“. In diesem Fall hat er sich getäuscht – leider.

Eintrag im Gedenkbuch der Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945: „Hoexter, John, geboren am 02. Januar 1884 in Hannover (…) wohnhaft in Berlin / Todesdatum: 15. November 1938 / Todesort: Potsdam / Schicksal: Freitod




Jörg Aufenanger, John Höxter. Poet, Maler und Schnorrer der Berliner Bohème. Quintus-Verlag Berlin 2016, Opb. m. SU, s/w-Abb., 110 S., 16,00 Euro

Online-Flyer Nr. 597  vom 25.01.2017

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