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Aktueller Online-Flyer vom 28. März 2017  

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Lokales
Der Brunnen vor der Kölner Oper
Mosaiken ohne Glück und Glas?
Von Udo W. Hombach

Der Autor hat die Geschichte der Mosaiken im Kölner Opernbrunnen recherchiert. Die Ergebnisse sind zu lesen in der "Rheinischen Heimatpflege", Dezember 2016, sowie in den dazugehörigen Exkursen, die online auf udo-w-hombach.de erschienen sind. Im Zentrum dieser Aufsätze stehen die im Brunnen wieder verwendeten Mosaikbilder unterschiedlicher Herkunft. Die wichtigste dieser Spolien, ein Petrus-Kopf, der wohl tatsächlich seit 1895 in der Berliner Gedächtniskirche an der Wand gehangen hatte, erfuhr nach dem Krieg in Berlin und seit 1966 in Köln ein ereignisreiches Schicksal. Dabei hat er mehrfach Schaden genommen, der bisher nicht beseitigt worden ist – auch nicht durch die letzte Restaurierung 2015. Davon berichtet der nachfolgende Text, die Nummer 5 der genannten Exkurse.
 
Am 7. November 2016 wurde das Wasserpumpwerk im Brunnen abgestellt, d.h. der den Sommer über stetig bewässerte Petrus-Kopf konnte nun trocknen. Am 12. November wies das Mosaik ca. 80 helle Stellen auf, die nach der Restaurierung im Juli 2015 aber farblich genau wie die sie umgebenden Mosaikgläser, die Smalten, ausgesehen hatten. Bei diesen hellen Stellen, die mal einzeln, mal zu mehreren zusammenhängend vorkommen, handelt es sich um Vertiefungen, deren Oberfläche glatt und fest ist, aber auch mal kleine Löcher hat. Farblich sind sie meist hellgrau, beige oder weißlich. Einige wenige Stellen sind rötlich-braun und im Halsbereich sieht man auch zwei fliederfarbene. Die Vertiefungen an diesen Stellen sind aber mit bis zu 2 mm nicht so groß, als dass darin normale Glas-Smalten hätten Platz finden können; deren Dicke beträgt üblicherweise ca. 4 mm.

Interessanterweise sind auf einem alten Foto von Joachim Rieger in der rechten Hälfte des Kopfes die gleichen hellen Stellen zu erkennen, wie sie derzeit wieder zu sehen sind. (Die linke Kopfhälfte liegt bei dieser Abbildung unter einer Kalkschicht; das Wasser war also damals offensichtlich nicht gleichmäßig verteilt über den Kopf geflossen.) Noch bemerkenswerter ist, dass die gleichen hellen Stellen schon auf einem Foto aus dem Jahr 1967 zu sehen sind; H.J. Nickel zeigt das Bild auf S.494 und nennt als Quelle das Berliner Museum Neukölln. (Dort liegen auch viele Überbleibsel und Unterlagen der Fa. Puhl & Wagner; vor allem R. Franke, früherer Mitarbeiter der Firma, hat sein gesamtes Privatarchiv dem Museum übergeben.)
 

Bild 1: Petrus-Kopf im Brunnen vor der Kölner Oper. Auf diesem Bild vom August 2016 sind auch unter Wasser die später hellen Stellen bereits zu erkennen; meist in einem blass-lila Farbton. (Foto: Helmut Bertsch)


Bild 2: Petrus-Kopf im Brunnen vor der Kölner Oper, aufgenommen am 18. November 2016, nachdem das Wasser abgelassen ist (Foto: arbeiterfotografie.com)
 
Wenn es also möglich ist, dass diese Stellen schon seit Längerem keine Smalten mehr enthalten, ergibt sich die Frage, seit wann das der Fall ist und wie diese weggekommen waren. Denn Grümmer hatte 1966 ja doch den Petrus-Kopf als ein ganzes Mosaik-Gebilde übernommen, das ausschließlich aus gläsernem Mosaik-Material bestand, Smalten sowie einigen Scherben, diese als Ersatz für Bereiche, in denen bereits vor 1966 Smalten abhanden gekommen waren.

Man kann aber auch nicht ausschließen, dass die Smalten als Folge chemisch-physikalischer Prozesse verschwunden sind. Nach Verena Bolz (2011, S. 106-108) könnten auch die langjährigen Witterungsbedingungen, denen die Smalten ja schutzlos ausgesetzt waren, zu deren Auflösung beigetragen haben. Das betrifft nicht nur den Aufenthaltsort der Mosaiken seit ihrer Einwanderung ins Rheinland 1966, sondern auch schon den Zeitraum von gut zehn Jahren vorher, die der Petrus-Kopf in der Berliner Kirche halb im Freien verbracht hatte, wenn auch wohl vor direkter Regennässe geschützt. Seit dem Kriegsschaden hing er nicht mehr in einem geschlossenen Innenraum, sondern in einem nach oben offenen Gotteshaus. Hinzu kam in Köln der jährliche Wechsel zwischen Überflutung mit dem Brunnenwasser und Trockenperiode in den Wintern; auch die Temperaturunterschiede spielten eine Rolle.

Nach Gesprächen mit Mosaikfachleuten in Köln konsultierte ich auch Manfred Hoehn, den früheren Werkstattmeister der Mayer'schen Hofkunstanstalt in München. M. Hoehn kennt das Glasmaterial von Puhl & Wagner gut: Nach der Schließung der Firma hat er persönlich eine ganze Lkw-Ladung von Neukölln nach München gebracht. Aus seiner Sicht als Mosaikbildner und Restaurator war "die Verlegung eines solch 'klassischen' Kopfes, der ursprünglich als Teil einer Wandgestaltung im Innenbereich [eines Gebäudes] platziert war, in ein Brunnenbecken von Anfang an eine glatte Fehlentscheidung, wenngleich die Spätschäden damals nicht bekannt und so nicht bedacht wurden!"

M. Hoehn begründet das folgendermaßen: "Ein flaches Brunnenbecken im Freien ist immer einer starken Verdunstung des Wassers ausgesetzt, wodurch die starken Kalkablagerungen zu erklären sind, die im Verbund mit Umweltverschmutzungen aus Luft und Dreck das Mosaik nach einiger Zeit unansehnlich machen. Wird ein Objekt wie dieses nicht mindestens jährlich einmal vorsichtig gereinigt, entstehen diese starken Kalk-Ablagerungen auf der Oberfläche, sodass letztlich von dem Mosaik fast nichts mehr zu erkennen ist ... Um das Mosaik als solches wieder erkennbar zu machen, muss ein säurehaltiges Reinigungsmittel (Salz-, Ameisen- oder Essigsäure) vorsichtig verwendet werden, welches natürlich auf die Substanz des Smaltenglases und der Fugen stets eine nachteilige Einwirkung hat. Insbesondere leiden natürlich auch die Goldsmalten bei einer derartigen Reinigung; denn diese sind nicht gemacht, ständig unter Wasser zu liegen, sodass, wie in den Bildern zu sehen, die obere dünne Schutzschicht [aus mundgeblasenem, dünnem Glas] teilweise schon abgeplatzt ist, wodurch das Blattgold verschwunden ist, sodass dunkle Stellen erkennbar werden. Zu allen Zeiten wurde Goldmosaik hauptsächlich nur dort verwendet, wo es vor starker Feuchtigkeit geschützt war!"

Hoehn weiter: "Die hellen Stellen im Petrusgesicht [sind jedoch] das eigentliche Problem. Nach eingehender Prüfung der Bilder ist ... festzustellen, dass fast allen hellen Stellen in den Haarpartien im Vergleich zum restaurierten Bild Smalten mit einem bestimmten mittelbraunen Farbton zuzuordnen sind. Diese braunen Smalten sind von minderer Qualität, bewusst oder unbewusst beim Schmelzen entstanden, die aber für das Kolorit an den betreffenden Stellen mitunter wichtig waren. (Bei der Herstellung von Brunnen- oder Schwimmbadmosaiken, wo Smalten verwendet werden, sollte man immer darauf achten, solche minderwertigen Glasmaterialien nicht zu verwenden!!)" Wird die Ausgangsmischung bei der Herstellung von Smalten nicht völlig durchgeschmolzen bzw. ausgebrannt, entstehen Smalten aus minderwertigem Glas. Diese können in Mosaikbildern ausreichend ihre farbige Wirkung tun – sind aber anfällig für Schadstoffe in der Luft, falls nicht im Inneren eines Gebäudes angebracht, besonders aber für solche im Wasser - wenn sie denn darin baden müssen.

Wieder Hoehn: "Und dies ist der springende Punkt: Im Innenbereich an den Wänden [der Gedächtniskirche] hat man diese mindere Qualität in Kauf genommen; denn man wusste, dass da nie etwas passieren kann, jedoch erst [einmal] unter Wasser, kommt es bei dieser Art Smalten ... zum Ausblühen. D. h., die verschiedenen, nicht ganz durchgeschmolzenen Inhaltsstoffe werden bei starker Feuchtigkeitseinwirkung allmählich gelöst und ausgeschwemmt, sodass sich die minderwertigen Smalten auf diese Weise nach und nach in einem Auslaugungsprozess = Lochfraß auflösen. (Hier hat Frau Verena Bolz die Sachlage klar erkannt!)" Verena Bolz zitiert in ihrer Diplomarbeit auf S. 106f. aus Marschner 1985 (dort S. 45f.): "Allerdings kann auch die Glaskorrosion als Schadensursache nicht ausgeschlossen werden, bei der die Gläser durch Wasser und Schadstoffe sozusagen ausgelaugt werden. Die Korrosion verläuft über verschiedene Stadien wie Lochfraß, Ausbildung einer Gelschicht und Mikrorissen bis hin zum kontinuierlichen Abtragen des Glases, also dem Substanzverlust an sich."

Hoehn weiter: "Die dadurch entstandenen Vertiefungen sind ganz typisch hierfür. Um viele dieser minderwertigen Smaltenpartien herum zeigt sich auch stets ein helleres Fugenbild, Zeichen eines chemisch fortschreitenden Auflösungsprozesses, während in den qualitativ hochwertigen Fleischfarbenstellen des Gesichts keine hellen Fugen zu sehen sind. Wenn sodann nach dem Wasserablassen alles abgetrocknet ist, zeigen sich diese Ausblühungen der sich auflösenden Smalten als weisse Flecken, die mitunter unter Wasser wieder dunkel erscheinen können."

Noch einmal Hoehn: "Was kann man machen? Den Kopf wieder herauszunehmen ist schier unmöglich, da die Gefahr besteht, dass er dabei ganz zerbricht und so auch die künstlerische, moderne Gesamtgestaltung des Künstlers Grümmer verloren gehen würde. Das einzige wäre, die betreffenden 'weißen Smaltenstellen' mit einem kleinen Bohrer an Ort und Stelle ... herauszufräsen und anschließend die Fehlstellen mit hochwertigen Smalten eines ähnlichen Farbtons wieder zu schließen ...!"

Für die Überlegungen von M. Hoehn spricht die Tatsache, dass die Smalten aus dem Swimmingpool des Onassis, die ja schon, bevor sie nach Köln wanderten, fast zehn Jahre lang auf dem Schiff gewässert worden waren, um dann auch noch ein halbes Jahrhundert lang "Dat Wasser vun Kölle" zu schmecken, nicht zu Stellen geworden sind, an denen sich ihr Glasmaterial aufgelöst hätte. Für den griechischen Reeder hatte man also wohl nur hochwertige Smalten von Berlin-Neukölln ins Mittelmeer verfrachtet.

Die Ausführungen von M. Hoehn legen nahe, dass die eigentliche Ursache des Schadensfalls "Petrus-Kopf" über 120 Jahre zurückliegt: 1895 hat in Berlin-Neukölln jemand auch Smalten der Kategorie "2. Wahl" verwendet – ohne Schaden für die Gedächtniskirche, aber mit Spätfolgen am Rhein.

Weihnachten 1966 prangte Petrus noch mit seiner vollständigen Farbigkeit im Kölner Brunnen. Nach nur einer Bewässerungssaison war er 1967 schon an ca. 80 Stellen verblasst. Diese Blässen blieben ihm jahrzehntelang erhalten. Doch die Kalkschicht, die sich auf ihm ablagerte, verbarg gnädigerweise diese Fehlstellen. Im Sommer 2015 erfuhr die Farbigkeit des Petrus ihre Wiedererstehung: sie war nun komplett wieder hergestellt. Wiederum nach nur einer Bewässerungssaison im Sommer 2016 ist Petrus aber von Neuem an den altbekannten ca. 80 Stellen verblasst. Welches Material hat sich diesmal im Wasser in Luft aufgelöst? Es war wohl wieder nicht glücklich gewählt. Der Restaurator des Kölner Opernbrunnens kann auf etliche renommierte Arbeiten verweisen. Es ist rätselhaft, dass gerade beim Petrus-Kopf seine Arbeit nicht nachhaltig erscheint. Welche Umstände und Bedingungen haben wohl dazu geführt?
 
Epilog

Die Mosaiken im Kölner Opernbrunnen stehen für eine Achse zwischen Berlin und Köln: Die Berliner Firma, aus der die Mosaiken stammen, gab ihren Geist vor fast 50 Jahren auf. Der Berliner Groß-Flughafen kommt seit Jahren nicht einmal so weit in die Gänge, als dass er Flugbegeisterung auslösen könnte. Und das Kölner Opernhaus, vor dessen Haupteingängen der Brunnen seit einem halben Jahrhundert liegt, zeichnet sich seit einigen Jahren immer mehr dadurch aus, dass seine Sanierung zum Sanierungsfall wird. Die Wiedereröffnung war für Herbst 2015 geplant. Der Niedergang ist ansteckend – davor sind auch die Mosaiken nicht gefeit. Und Petrus verliert im wörtlichen Sinne sein Gesicht. Die Akte mit dem Briefverkehr zwischen der Stadt Köln und der Berliner Mosaikfirma aus den Jahren 1964 bis 1968 ist mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs baden gegangen; im Archiv von Puhl & Wagner existiert noch eine Kopie.

Vor soviel Missgeschick scheinen dem Petrus zwei Tränen aus den Augen zu laufen – hat er doch auch noch sein eigenes Schicksal zu ertragen; denn seit 1966 ist er jährlich wiederkehrenden Wechselbädern ausgesetzt – mit den vorstehend beschriebenen Folgen. 

Steter Tropfen höhlt den Stein – aber auch schlechtes Glas! Letzteres hat unter Wasser kein Glück. Immerhin: Für eine begrenzte Zeit sah der Petrus ab Juli 2015 mal wieder so aus wie 1966. Leider war er bis zum Frühjahr 2016 für die Öffentlichkeit nicht zugänglich; bis dahin befand er sich ja hinter dem Bauzaun für die Arbeiten am Opernhaus. Dann wurde er die Sommermonate über bewässert – vom Kölner Wasser, unter dem er lag und wieder litt. Nun zeigt er an vielen Stellen statt Haut und Haar erneut nur Knochen. Bis auf dieselben ist er wieder blamiert. Wieder für fast 50 Jahre?


Mosaik-Führung mit Udo W. Hombach am Brunnen vor dem Kölner Opernhaus

Samstag, 18. März 2017, 12.00–13.00 Uhr
Sonntag, 19. März 2017, 12.00–13.00 Uhr

Teilnahmebeitrag: 5,00 EUR
Tel.: 0221/9402635

Online-Flyer Nr. 595  vom 11.01.2017

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