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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Globales
Griechische Altschulden:
Freikauf mit Holocaust-Museum?
Von Werner Rügemer

Der Verband der deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) organisierte am 13. Dezember 2016 im VHS-Forum am Kölner Neumarkt (Rautenstrauch Joest-Museum) die Benefizveranstaltung „Akropolis statt Troika“. Kooperationspartner waren die Gesellschaft griechischer Autoren in Deutschland und die Initiativgruppe Griechische Kultur POP. Beteiligt waren die Musiker Giorgios Chatziantonis, Ronia Topalidou, Epaminondas Ladas und das Orchester Terpsichore. Prosastücke und Gedichte steuerten bei: Erasmus Schöfer, Mischi Steinbrück, Michalis Patentalis, Niki Eideneier und Elena Pallantzas. Das griechische Solidaritätskomitee Köln berichtete über wirtschaftliche Selbstorganisation in Griechenland. Der griechische Generalkonsul aus Düsseldorf schickte ein Grußwort, Heinrich Bleicher-Nagelsmann begrüßte die Versammlung namens der Berliner Bundes-Geschäftsführung des VS. Werner Rügemer referierte über die Geschichte von Schulden, Demokratie und Diktatur im Geburtsland der abendländischen Kultur. Am Ende gab die spanisch-deutsche Autorin und Organisatorin Pilar Baumeister das Ergebnis aus Spenden und Buchverkäufen bekannt: 1.400 Euro gehen an notleidende Schriftsteller nach Griechenland. (Die Redaktion)


Veranstaltungsplakat

Nach einer zweitausendjährigen wechselnden Fremdherrschaft erhoben sich die Griechen 1821 in einer demokratischen Revolution gegen die osmanische Herrschaft. Die Französische Revolution hatte damals europaweit Demokraten zu Aufständen und Revolutionen ermutigt. Für eine unabhängige Republik Griechenland begeisterten sich auch Literaten und  Künstler aus ganz Europa. So schloss sich etwa der britische Dichter Lord Byron den freien republikanischen Streitkräften an.

Die europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland unterstützten zunächst die Revolution, weil sie den osmanischen Konkurrenten schwächen wollten. Aber nach dem Sieg zwang insbesondere die britische Großmacht Griechenland eine Monarchie auf; sie wurde mit deutschen Marionetten-Königen ausstaffiert, aus den Adelshäusern der bayerischen Wittelsbacher und von Sonderburg-Glücksburg. Nur zu dieser Bedingung bekam das arme Land Kredite. Seitdem wurde Griechenland seine Auslandsschulden nie mehr los, und die Großmächte zerstörten immer wieder die Demokratie – bis auf den heutigen Tag.

Garant gegen Anarchie und Kommunismus

Nach dem 1. Weltkrieg war die Monarchie wegen ihrer Kriegsabenteuer diskreditiert. Sie wurde abgewählt. Der König wurde ins Exil geschickt. Aber  Großbritannien und die neue Supermacht USA unterstützten 1935 den Putschisten General Metaxas. Der verbot Gewerkschaften, freie Medien und die Kommunistische Partei und holte den König zurück. Auch sollten US-Investitionen geschützt werden. Der US-Botschafter Lincoln MacVeagh berichtete aus Athen an US-Präsident Franklin Roosevelt: Metaxas ist ein Garant gegen Anarchie und Kommunismus und für moderne Wirtschaft.

1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Griechenland. Der griechische Staat musste die Besatzung bezahlen, also die Wehrmacht unterbringen und ernähren. Die Besatzer schafften Maschinen, Fahrzeuge, Rohstoffe und agrarische Produkte – etwa die ganze Tabakernte - nach Deutschland, die Soldaten der Wehrmacht mussten schließlich auch mit Zigaretten bei Laune gehalten werden. Die Besatzungskosten wurden übrigens „Aufbaukosten“ genannt. Zur Finanzierung des Afrika-Feldzuges unter General Rommel erlegten die Nazis dem griechischen Staat eine Zwangsanleihe auf. Die Folge waren Hungersnöte und hohe Säuglingssterblichkeit. Juden wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet, dann enteignet. Sie mussten ihren Transport durch die Reichsbahn in die KZs Auschwitz und Treblinka selbst bezahlen – 39 Reichsmark pro Fahrkarte – das war ja noch billig, denn die Juden brauchten nur die Hinfahrt und keine Rückfahrt.

Als die deutsche Wehrmacht mit der Zerstörung von Straßen, Brücken und Fabriken abzog, beherrschte die Widerstandsbewegung 90 Prozent des Landes. Sie hatte auch international hohes Ansehen. Sie hatte eine alternative Verwaltung aufgebaut, Schulen auf dem Land eröffnet, Wahlen abgehalten, die Frauen gleichgestellt und bildete eine provisorische demokratische Regierung (1947 – 1949). Aber die Briten wollten zusammen mit einheimischen Faschisten und Monarchisten keine nachfaschistische, demokratische Ordnung aufkommen lassen. Weil die Briten trotz blutigen Militäreinsatzes gegen den griechischen Widerstand nicht gewinnen konnten, kamen die USA mit Militärberatern, Napalm, Granatwerfern und  Sturzkampfbombern. Sie brachten Tod, die Monarchie und die Korruption zurück. Der zurückgeholte König Paul und Königin Friederike durften Care-Pakete an die Bevölkerung verteilen – Friedrike, eine Enkelin des abgehalfterten Kaisers Wilhelm II., war als Prinzessin von Hannover Mitglied des Bundes Deutscher Mädchen gewesen, dem weiblichen Gegenstück zur Hitlerjugend. Solche Leute repräsentierten die von den USA erzwungene „Demokratie“.

Marshall-Plan - nur ohne Linke

Der Marshall-Plan wurde nur gewährt, wenn keine Linken in der Regierung waren. 30.000 Mitglieder der Widerstandsbewegung wurden in KZs interniert. 1.500 Kommunisten wurden hingerichtet. Der Chef der vom US-Botschafter eingesetzten Marionettenregierung, Ministerpräsident Tsaldaris, unterhielt ein Konto bei Rockefellers Chase Bank in New York. Marshallplan-Gelder wurden für das Militär zweckentfremdet. Teures Militär und geringe Wirtschaftskraft trugen zur Überschuldung des Staates bei. Politische Verfolgung und Armut führten dazu, dass viele Griechen auswanderten. (1)

In der Londoner Schuldenverhandlung 1952 stimmte die griechische Regierung zu, dass der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches die Kriegs- und Vorkriegsschulden weitgehend erlassen wurden und dass sie keine Reparationen zahlten musste. NATO und CIA organisierten 1967 den Putsch griechischer Militärs gegen die „drohende“ Wahl eines Mitte-Links-Bündnisses. Mehr als 10.000 Linke wie der Komponist Mikis Theodorakis wurden jahrelang eingekerkert. (2)

Der US-Unternehmer Tom Pappas – der griechische Auswanderer hatte seinen Namen Papadopoulos amerikanisiert – war Sponsor der Republikanischen Partei von Eisenhower und Nixon. Gleichzeitig war er CIA-Agent. Er gründete in Griechenland eine steuerbefreite Tankerflotte, für Standard Oil eine Tankstellenkette und Abfüllanlagen für Coca Cola mit Lizenzen für den Nahen  Osten. (3)

Die EU nahm Griechenland 2001 in die Eurozone auf, obwohl es nicht die  „Maastricht-Kriterien“ erfüllte. Aber die Investmentbank Goldman Sachs manipulierte mit Zustimmung der „konservativen“ Regierung und der Europäischen Kommission den Staatshaushalt, zum Beispiel durch den Verkauf zukünftiger Einnahmen aus der Staatslotterie. Dafür kam kurzfristig Geld in die Staatskasse, aber zukünftige Einnahmen waren schon verbraucht. Für solche manipulativen Glanzleistungen kassierte Goldman Sachs ein Honorar von 300 Millionen US-Dollar. (4) So wurde der griechische Staatshaushalt kosmetisch saniert. Die US-Ratingagenturen gaben gute Noten. Banken gewährten dem Staat freudig Milliardenkredite. Die beiden bestochenen, sich abwechselnden griechischen Regierungsparteien kauften damit die Jagdflugzeuge Rafale und Lockheed F 16 in Frankreich und den USA und Panzer und U-Boote in Deutschland, zum Beispiel.

Die Überschuldung war vorprogrammiert. Die Banken wollen ihre leichtfertig gegebenen Kredite zurück gezahlt bekommen. Die Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds zwangen Griechenland zu katastrophalen Kürzungen. Armut, Arbeitslosigkeit breiten sich aus. Wieder flüchten junge Griechen ins Ausland.

Eckpfeiler der NATO

Bis heute hat Griechenland einen im Vergleich zur Bevölkerungszahl rund doppelt so hohen Militärhaushalt als andere EU-Staaten. Die Troika hat bei allen drastischen Kürzungen keine Kürzungen im Militärhaushalt verlangt. Die Troika hat auch nicht verlangt, dass die Bundesrepublik ihre Nazi-Schulden an Griechenland zurückzahlt. US-Präsident Obama hat bei seinem Abschieds-Besuch Griechenland als Eckpfeiler der NATO gelobt.

1990 war der „2+4-Vertrag“ geschlossen worden, zwischen den beiden deutschen Regierungen und den vier Siegermächten des Weltkrieges. Er besiegelte die deutsche Wiedervereinigung. Er ersetzt einen richtigen Friedensvertrag und erklärte die Reparationsfrage für endgültig erledigt – obwohl die Enteignungen und die Zwangsanleihe völkerrechtswidrig waren, sie verletzen die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention. Aber dem 2+4-Vertrag schließt sich auch die heutige Bundesregierung an. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte: „Alle Reparationsfragen, einschließlich von Zwangsanleihen, sind rechtlich abgeschlossen geregelt.“ (5)

Die Juden Thessalonikis waren von den Nazis enteignet worden – nach heutigem Wert um 200 Millionen Euro. Die Enteigneten mussten der Deutschen Reichsbahn die Transportkosten in die KZs von Auschwitz und Treblinka selbst bezahlen – nach heutigem Wert 89 Millionen Euro. Die Bundesregierung zahlt keine Schulden und kein geraubtes Eigentum zurück, sondern bietet nun an: Wir schenken euch 10 Millionen Euro für ein schönes Holocaust-Museum in Thessaloniki. (6) Mit diesem scheinbar hochmoralischen, aber in Wirklichkeit unmoralischen Angebot sollen die Milliarden-Schulden vergeben, vergessen und freigekauft sein.

Die griechische Reparations- und auch die aktuelle Schuldenfrage bleibt eine offene Frage, eine Frage insbesondere des deutsch-griechischen Verhältnisses und auch eine europäische Frage. Ihre Lösung gehört zur notwendigen demokratischen, friedlichen und gerechten Neubegründung Europas! Lasst uns dafür zusammenarbeiten!


Fussnoten:

1 Hinrich-Matthias Geck: Die griechische Arbeitsmigration. Eine Analyse ihrer Ursachen und Wirkungen. Hanstein 1979
2 Schwarzbuch der Diktatur in Griechenland, Hamburg 1970, S. 134
3 Griechenland. Pappas: Prost auf P&P, Der Spiegel 38/1968
4 Defizit-Kosmetik. Griechenland zahlte 300 Millionen Dollar an Goldman Sachs, Spiegel Online 14.2.2010
5 Kontraste, Sendung 12.3.2015
6 Zug der Erinnerung: 15. Rundschreiben, http://zug-der-erinnerung.eu, Anfang Dezember 2016

Online-Flyer Nr. 594  vom 28.12.2016

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