NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
David Friedman zum Botschafters der USA in Israel ernannt
Schick ihn uns nicht!
Von Uri Avnery

DONALD TRUMP hat mir ins Gesicht gespuckt. Nicht nur mir, sondern wenigstens der halben israelischen Bevölkerung. Er hat einen Fachanwalt für Insolvenzrecht namens David Friedman zum Botschafter der USA in Israel ernannt. Das klingt wie ein schlechter Witz. Aber es ist die brutale Realität. Damit wird ein bisher Unbekannter in die Annalen der internationalen Diplomatie versetzt.

Schlechte Gepflogenheit

ZUERST EINMAL ist es eine schlechte Gepflogenheit, einen Mann zum Botschafter in einem Land zu ernennen, mit dem er persönlich tief verbunden ist. Man schickt schließlich auch keinen kubanisch-amerikanischen Castro-Hasser als US-Botschafter nach Havanna. Man schickt keinen Kuomintang-Chinesen aus Taiwan als US-Botschafter nach Beijing. Es stimmt, es ist nicht das erste Mal, dass ein amerikanischer Jude zum Botschafter in Israel ernannt wurde. Es gab da zwei oder drei, die ebenso gut als israelische Botschafter in Washington hätten dienen können. Aber sie waren sehr viel weniger eigensinnig als dieses Exemplar. Ein Botschafter dient seinem Heimatland als Augen und Ohren in einem ausländischen Staat. Zu seinen Aufgaben gehört es, seine Vorgesetzten im Auswärtigen Amt mit zuverlässigen, unvoreingenommenen Informationen zu versehen, auf die sich eine Politik aufbauen lässt. Der ideale Botschafter ist ein kühler Beobachter, der keine starken – weder positive noch negative - Gefühle für das Land seiner Mission empfindet. Diese Beschreibung eines Diplomaten ist das genaue Gegenteil dieses besonderen Exemplars.

Es wäre sehr viel vernünftiger gewesen, David Friedman zum israelischen Botschafter in den Vereinigten Staaten zu ernennen. Leider ist dieser Posten schon von einem anderen amerikanischen Juden besetzt. Es geht das Gerücht, dass dieser auf Ersuchen Sheldon Adelsons, eines jüdischen Kasino-Magnaten, der viel Geld in die äußerst extreme israelische Rechte steckt, von Netanjahu ernannt worden ist. Aber sogar dieser Mann ist im Vergleich mit David Friedman ein Linker. Der Name ist natürlich an sich schon ein Witz. Darin kommt das Wort „Frieden“ vor, aber dieser David ist das Gegenteil eines Mannes des Friedens. Der biblische David war übrigens durch und durch ein Mann des Krieges und aus diesem Grund ordnete Gott an, dass erst sein Sohn Salomon den Ersten Tempel erbauen sollte.

Friedensmann?

WER IST ALSO nun dieser Friedensmann? Seit die Nachricht von seiner bevorstehenden Ernennung bekannt wurde, wird das Internet mit Zitaten aus seinen Aussprüchen überschwemmt. Alle sind unglaublich, einer immer unglaublicher als der andere. Eines fällt gleich beim ersten Lesen auf: Wenn der künftige US-Botschafter „wir“ sagt, meint er „wir Israelis“, „wir wahren Israelis“, „wir israelischen Patrioten“. Das Gebiet von Großisrael – vom Mittelmeer bis (wenigstens) zum Jordan - ist „unser Land“. Friedman identifiziert sich nicht mit allen Israelis. Er scheint zu denken, dass die meisten von uns blind, schwachsinnig, Miesmacher oder etwas Schlimmeres, nämlich Verräter seien. Das würde einen Weltrekord aufstellen: die meisten Israelis, so scheint es, sind Verräter. Mit wem identifiziert sich Friedman also wirklich? Eine bezeichnende Kostprobe seiner Äußerungen macht das recht deutlich: Er hält sich für einen, der zu den etwa 5% der israelischen Bevölkerung gehört: den Siedlern und den extremen Rechten.

HIER FOLGEN einige seiner auffallenden Meinungsäußerungen:
  • Den arabischen Bürgern Israels, etwa 21% der Bevölkerung, sollte ihre Staatsbürgerschaft entzogen werden. Das ist fast so, als würde man allen Afroamerikanern ihre US-Staatsbürgerschaft entziehen.
  • Es gibt keine „Zweistaaten-Lösung“. Eine solche Möglichkeit nennen grenzt schon an Verrat. (Da ich beschuldigt werde, der erste gewesen zu sein, der diese Lösung 1949 formuliert hat, bedeutet das noch mehr Spucke, die ich mir aus dem Gesicht wischen muss.)
  • Es darf nicht gestattet werden, auch nur einen Siedler aus seinem „Heim“ zu vertreiben, auch wenn dieses „Heim“ auf dem Privateigentum  eines arabischen Bauern steht.
  • Es heißt: In Großisrael, dem Land zwischen dem Meer und dem Fluss, bildeten die Juden die Mehrheit von 65%. Das ist eine glatte Lüge: In diesem Gebiet, einschließlich des Gazastreifens, machen die Araber bereits die Mehrheit aus.
  • Der künftige Präsident Trump sollte dazu gebracht werden, alle Beschäftigten des Außenministeriums, die die Zweistaaten-Lösung befürworten, zu entlassen.
  • Palästinenser sind korrupt.
  • Präsident Barak Obama ist ein „radikaler Antisemit“.
  • Baschar al-Assad und Benjamin Netanjahu sollten Freunde sein. Wahrscheinlich auch mit Putin – in der Tat ein reizendes Trio.
  • Wir brauchen einen Weltkrieg gegen den islamischen Antisemitismus.
  • Amerikanische und israelische Juden, die das israelische Friedenslager unterstützen, sind schlimmer als Kapos (Kapo war die Abkürzung für Kamp-Polizei. Dazu beriefen die Nazis Lagerinsassen, damit diese die Ordnung in den Todeslagern aufrechterhielten, bis sie schließlich selbst getötet wurden.) Das gilt besonders für die sanfte und friedfertige "J Street"-Organisation.
Das schließt mich natürlich auch ein.

Das ist nicht zum Lachen

FALLS ES Sie reizt, über einige dieser Definitionen zu lachen, lassen Sie es lieber. Das ist nicht zum Lachen. David Friedman ist ein ernster Mensch. Er ist ein berühmter Fachanwalt für Insolvenzrecht. Er wird aber nicht hergeschickt, um sich mit dem Bankrott des Netanjahu-Regimes zu beschäftigen. Im Gegenteil, er wird hergeschickt, um die Errichtung einer israelischen Regierung zu erleichtern, in der Netanjahu die extreme Linke verkörpern würde. Und das ist nicht einmal eine Übertreibung.

Seit 1967 betet das israelische Friedenslager dafür, dass die USA Israel vor sich selbst retten. Jeder neue Präsident wurde mit großen Hoffnungen begrüßt: Hier kommt der Mann, der die Regierung Israels zwingen wird, die palästinensischen Gebiet zurückzugeben und mit den Palästinensern und der gesamten arabischen Welt Frieden zu schließen. Präsident Obama war nur der letzte in dieser Reihe. Intelligent, gut aussehend, ein mitreißender Redner, ein Mann voller edler Absichten. Aber die Ergebnisse waren, was uns betrifft, gleich null. Und doch wünschten wir uns, er hätte eine dritte Amtszeit. Ich war immer skeptisch gegen diese Hoffnung. Warum sollte ein US-Präsident  Kopf und Kragen riskieren, um Israel vor sich selbst zu retten, wenn die Israelis zu faul oder zu feige sind, es selbst zu tun?

(Ich habe kürzlich schon erwähnt, dass ich bei einer internationalen Konferenz den spanischen und europäischen Staatsmann Miguel Moratinos beschuldigt hatte, er tue nichts für den israelisch-palästinensischen Frieden. Er antwortete ärgerlich, dass es nicht zu seinen Pflichten gehöre, uns zu retten, dass es unsere eigene Pflicht sei, uns selbst zu retten. Ich konnte nicht umhin, ihm innerlich zuzustimmen.) Schon vor langer Zeit habe ich die Hoffnung aufgegeben, die amerikanische Regierung werde uns dabei helfen, einen historischen Frieden mit dem palästinensischen Volk zu schließen, indem wir besetzte Gebiete gegen Frieden tauschten. Wir werden es selbst tun müssen. Es gibt keine andere Lösung. Die alternative so genannte „Ein-Staat-Lösung“ verspricht einen Generationen andauernden Bürgerkrieg. Jeder, den nicht extremer Nationalismus oder messianische Leidenschaft oder beides verblendet, muss das bestimmt sehen. Es ist so einfach.

Vorwärts in die endgültige Katastrophe

DIE EROBERUNG der übrigen palästinensischen Gebiete 1967 stürzte Israel in ein Delirium, das uns noch heute davon abhält, auf die Vernunft zu hören. Die USA haben aus ihren eigenen Gründen Israel dazu ermutigt, diesen Kurs fortzusetzen. Der designierte Präsident Trump wird Israel mit aller Kraft vorwärts treiben – vorwärts in seine, Israels, endgültige Katastrophe. Vor etwa 2000 Jahren erhob sich der jüdische Rebell Bar Kochba („Sohn der Sterne“) gegen das allmächtige Rom. Berauscht von einigen anfänglichen Siegen, schrie er zu Gott: „Du brauchst uns nicht zu helfen, aber hilf wenigstens auch unseren Feinden nicht!“ Gott hörte nicht auf ihn und die Römer zerschlugen den Aufstand. Die jüdische Bevölkerung in Palästina erholte sich bis vor kurzem nicht davon. Ich würde Donald Trump zurufen: „Wenn du uns schon nicht hilfst, Frieden zu schließen, dann schick uns wenigstens nicht auch noch diesen eingeschworenen Friedens-Vernichter.“


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 594  vom 28.12.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie