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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kommentar
Gedanken zu Zionismus und Nationalismus
Ruf der Nation
Von Uri Avnery

EINE DUNKLE Welle überschwemmt die Demokratien der gesamten westlichen Welt. Es fing in Britannien an, einem Land, das immer als die Mutter der Demokratie angesehen wurde, als eine Heimat besonders vernünftiger Leute. Es entschied sich in einer Volksabstimmung, die Europäische Union zu verlassen, die einen Meilenstein des menschlichen Fortschritts darstellt und die aus den furchtbaren Ruinen des Zweiten Weltkriegs erstanden ist. Warum? Kein besonderer Grund. Einfach nur so. Dann kamen die Wahlen in den USA. Das Unglaubliche geschah: Ein Niemand kam aus Nirgendwo und wurde gewählt. Ein Mensch ohne jede politische Erfahrung, ein Rabauke, ein gewohnheitsmäßiger Lügner, ein Entertainer. Jetzt ist er der mächtigste Staatsmann auf dem Planeten, der „Führer der freien Welt“. Und jetzt geschieht es überall in Europa. Die extreme Rechte legt fast überall zu und droht, an die Macht zu kommen. Gemäßigte Präsidenten und Ministerpräsidenten treten zurück oder werden hinausgeworfen. Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Deutschland und Österreich, die anscheinend ihre Lektion gelernt haben, gewinnen Faschismus und Populismus ringsum an Boden. Warum um Himmels willen?

Die Welt ist ein Dorf geworden

LÄNDER UNTERSCHEIDEN sich voneinander. Jede lokale politische Szene ist einzigartig. Darum ist es leicht, lokale Gründe für die Ergebnisse jeder lokalen Wahl und jeder lokalen Volksabstimmung zu finden. Aber wenn überall dasselbe geschieht, in vielen Ländern und fast gleichzeitig, ist man gezwungen, nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen, einem Grund, der auf alle diese unterschiedlichen Phänomene zutrifft. Es ist der Nationalismus.

Wir werden jetzt zu Zeugen einer Rebellion des Nationalismus gegen den Trend in Richtung einer post-nationalistischen, regionalistischen und sich globalisierenden Welt. Dieser Trend hat praktische Gründe. Auf den meisten Gebieten menschlicher Bestrebungen sind immer größere Einheiten erforderlich. Industrien und Finanz-Institutionen brauchen große Einheiten. Je größer die Einheit, umso rationeller die Wirtschaft. Ein Land mit einem Markt von zehn Millionen Kunden kann nicht mit einem Markt von einer Milliarde Kunden konkurrieren. Vor Jahrhunderten zwang dieser Trend kleine Regionen wie Bayern und Katalonien dazu, sich den Nationalstaaten Deutschland und Spanien anzuschließen.

Heutzutage bestimmen anonyme transnationale Unternehmen, die nirgendwo und überall ihren Sitz haben, das Wirtschaftsleben von Milliarden und das übersteigt das Begriffsvermögen gewöhnlicher Menschen bei Weitem. Gleichzeitig hat die Informations-Revolution immer größere Wissens-Gemeinschaften geschaffen. Vor fünfhundert Jahren bewegte sich ein Bauer in Europa nur selten über das nächste Dorf hinaus. Reisen war teuer, nur der Adel besaß Reit- oder Kutschpferde und eine Reise in eine große Stadt kam für die meisten Menschen gar nicht infrage. Aus demselben Grund war es unmöglich, verderbliche Waren über lange Entfernungen zu transportieren. Die Leute aßen, was an ihrem Ort angebaut wurde. Nachrichten reisten langsam, wenn überhaupt.

Wo auf der Welt jemand auch heute leben mag, er hört innerhalb von Minuten von den Ergebnissen der Wahl in Österreich und einem Staatsstreich im Sudan. Die Welt ist ein Dorf geworden. Fast alle haben Internet-Verbindung, jeder kann mit fast jedem auf dem Globus sprechen und an vielen Orten dringen Wissenschaftler sogar ins Universum vor. In dieser neuen Welt ist der Nationalstaat zu einer leeren Hülle geworden, einer Fahne, einer mitreißenden Nationalhymne, einer Fußballmannschaft, einer Briefmarke, die kaum noch jemand braucht.

Nation: ein tiefes psychisches Bedürfnis

JEDOCH hat das Ende der Brauchbarkeit des Nationalstaates dem Nationalismus kein Ende bereitet. Weit entfernt. Die Seele des Menschen verändert sich viel langsamer als die materiellen Umstände. Sie hinkt wenigstens drei oder vier Generationen hinterher, sie hängt an veralteten Ideen und Idealen, während politische, wirtschaftliche und militärische Realitäten vor ihr her rasen.

Der moderne Nationalismus entstand erst vor zwei oder drei Jahrhunderten. Er ist eine vergleichsweise neue Erfindung. Einige glauben, dass er von der Französischen Revolution geschaffen wurde. Ein bekannter Historiker meint, dass er von den spanischen Siedlern in Südamerika geschaffen wurde, die den spanischen Imperialismus loswerden und sich als unabhängige Nationen etablieren wollten. Aber sei dem, wie ihm wolle, Nationalismus wurde schnell die Kraft, die die Welt beherrschte. Am Ende des Ersten Weltkriegs zerbrach er die alten Reiche und schuf ein Dutzend neuer Nationalstaaten. Der Zweite Weltkrieg vollendete das Werk.

Der Nationalstaat steht auf zwei Beinen: einem materiellen und einem seelischen. Das materielle Bedürfnis, größere Märkte zu schaffen und sie gegen andere große Märkte zu verteidigen, war offensichtlich. Das seelische Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe war weniger offensichtlich. Tatsächlich ist dieses Bedürfnis so alt wie die menschliche Rasse. Die Menschen mussten zusammenhalten, um sich gegen andere Menschen zu verteidigen, sie mussten beim Jagen und Pflanzen zusammenarbeiten. Sie lebten in großen Familien, dann in Stämmen, dann in Königreichen und Republiken. Gesellschaftsformen entwickelten sich und veränderten sich im Laufe der Jahrhunderte, bis die moderne Nation alle anderen Formen verdrängte.

Für die meisten Menschen ist das Bedürfnis, zu einer Nation zu gehören, ein tiefes psychisches Bedürfnis. Menschen schaffen eine Nationalkultur und viele sprechen eine Nationalsprache. Menschen sterben für ihre Nation. Große moderne Bewegungen versuchten den Nationalismus zugunsten anderer Ideologien zu überwinden. Der Kommunismus ist ein bekanntes Beispiel dafür. Das Proletariat hat kein Vaterland. Doch in der Stunde der größten Gefahr, unter dem Ansturm des hoch-nationalistischen Faschismus, ließ die Sowjetunion die „Internationale“ fallen und nahm stattdessen eine Nationalhymne an und Stalin erklärte den Großen Vaterländischen Krieg. Später brach die internationalistische Sowjetunion auseinander und Russland kehrte zum reinen, von Wladimir Putin verkörperten Nationalismus zurück.

Ich glaube, dass das, dessen Zeugen wir jetzt werden, eine weltweite Reaktion gegen den Übernationalismus und Globalismus ist. Die Menschen wollen keine Weltbürger sein und sie wollen, so scheint es, nicht einmal Europäer oder Nordamerikaner sein. Ein paar Idealisten mögen vorangehen, aber gewöhnliche Leute klammern sich an ihre Nation. Sie wollen Franzosen, Polen oder Ungarn sein. Dieses Bedürfnis kommt von „unten“. Die „Eliten“, die Gebildeten und Reichen, mögen nach vorne schauen und neue Realitäten begrüßen, aber die „unteren Schichten“ an allen Orten hängen an ihren nationalen Werten. Es ist das Einzige, was sie haben, um daran zu hängen. Das Proletariat hat ein Vaterland. Mehr als alle anderen. Das trifft noch mehr auf Länder mit einer ziemlich großen nationalen Minderheit zu. Die „unterste“ Schicht der herrschenden Nation ist die am heftigsten nationalistische und sogar faschistische politische Kraft. Der höfliche Ausdruck dafür ist „Populismus“. 

Israel fest im Griff der extrem Rechten

FOLGT ISRAEL demselben Trend? Aber gewiss! Israel kann sich damit brüsten, dass es hier sogar noch vor Brexit und Trump passiert ist. Israel ist jetzt fest im Griff der extrem rechten, fremdenfeindlichen, annexionistischen und gegen Frieden gerichteten Regierung, zu der unter anderen nur oberflächlich getarnte Faschisten gehören. Benjamin Netanjahu erscheint im Vergleich zu seinen Verbündeten und Anhängern als fast gemäßigt. Israel wurde vom Zionismus geschaffen. Der war eine revolutionäre Bewegung, die viele andere Revolutionen des 20. Jahrhunderts überlebte.

Der Zionismus war eine nationalistische Bewegung ohne Nation. Seine Gründer mussten eine Nation erfinden, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Der Zionismus musste eine zerstreute, ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die Tausende von Jahren in einer sich verändernden Welt überlebt hatte, in eine moderne Nation verwandeln. Die Gründer des Zionismus sahen dies als die einzig mögliche Antwort auf den Antisemitismus an, der der Bastard des modernen europäischen Nationalismus war.

Selbst über den Namen dieser Nation kann man streiten. Ist es eine jüdische Nation? Eine hebräische Nation, wie einige von uns sie lieber nennen? Eine israelische Nation? Und wo bleiben da die Millionen Juden, die nicht im Traum daran denken, in Israel einzuwandern, oder die 20% israelische Bürger, die den Anspruch erheben, zur palästinensischen Nation zu gehören, die (jedenfalls bisher) keinen Staat hat? Dieser schwankende ideologische Boden hat einen jüdisch-hebräisch-israelischen Nationalismus geschaffen, der stärker und heftiger ist als die meisten anderen Nationalismen.

Als israelischer Nationalist an das Recht anderer Völker glauben

WEDER IN Israel noch sonst irgendwo hat eine progressive, den Frieden liebende Bewegung irgendeine Aussicht auf Erfolg, solange sie als Gegnerin des Nationalismus wahrgenommen wird. Davon war ich mein Leben lang überzeugt. Ich habe mich immer als Nationalisten bezeichnet. Ich glaube, dass es keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Nationalismus und Internationalismus gibt. In Wirklichkeit bedeutet Internationalismus buchstäblich ja Zusammenarbeit zwischen Nationen.

Als israelischer Nationalist glaube ich an das Recht auch anderer Völker, an ihren eigenen nationalen Werten festzuhalten. Das heißt zuallererst: Achtung für das palästinensische Volk und sein Recht auf seinen eigenen Nationalstaat, Seite an Seite mit Israel. Die israelische Friedensbewegung muss zuallererst ihre nationale Legitimation zur Geltung bringen. Tatsächlich sind wir treue Nationalisten. Wir wollen, dass Israel in Frieden und Sicherheit gedeiht, während die Pseudonationslisten, die an der Macht sind, uns jetzt in die Katastrophe führen. Wir wollen den Faschisten nicht gestatten, dass sie uns den Nationalismus stehlen. Einige nennen sich lieber „Patrioten“ als Nationalisten. Aber patria bedeutet Vaterland. Es bedeutet also dasselbe.

Als israelische Nationalisten müssen wir uns um Solidarität mit allen Nationen in unserer Region bemühen und wir müssen in Richtung einer Weltordnung marschieren, in der alle Nationen gedeihen können. Ich möchte allen unseren Schwesterbewegungen in der ganzen Welt raten, dasselbe zu tun und damit die dunkle Welle abzuwehren, die uns alle zu überschwemmen droht.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 592  vom 14.12.2016

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