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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Kommentar
150 Feuer in Israel
Das waren die Araber!
Von Uri Avnery

ALS MEINE Eltern unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland heirateten, war unter den Geschenken ein Dokument, das bescheinigte, in ihrem Namen sei in Palästina ein Baum gepflanzt worden. Mein Vater war ein früher Zionist. Der jüdische Volkshumor in Deutschland drückte es so aus: „Ein Zionist ist ein Jude, der von einem anderen Juden Geld haben will, um einen dritten Juden in Palästina anzusiedeln.“ Mein Vater plante sicherlich nicht, selbst nach Palästina zu gehen. Palästina war damals ein Land ohne Zierbäume. Die arabischen Bewohner pflanzten Olivenbäume, von denen sie sich recht und schlecht ernährten, und zu jener Zeit wurden Zitrusbäume eingeführt. Der Olivenbaum ist einheimisch – schon in der biblischen Geschichte von Noahs kam die Taube mit einem Olivenzweig als Zeichen des Lebens in die Arche zurück. Nach einer beliebten Legende ließ die türkische Regierung während des Krieges die Bäume fällen, um eine Eisenbahnlinie durch die Sinai-Halbinsel zu bauen und die Briten vom Suezkanal zu vertreiben. Die Briten überquerten den Sinai jedoch in der anderen Richtung und eroberten Palästina. 

Keine Liebe zum Land. Keine Liebe zu Bäumen.

NACH DEM Krieg kamen die Zionisten in Massen ins Land. Neben vielen anderen Tätigkeiten begannen sie in großen Mengen Bäume zu pflanzen. Richtige Wälder entstanden, allerdings waren sie im Vergleich mit russischen und europäischen Wäldern etwas kläglich. Die Zionisten fragten sich nicht, warum es im Land so wenige Baumarten gab. Die offensichtliche Antwort war, dass die Araber sich nichts aus Bäumen machten, so sind sie nun einmal. Keine Liebe zum Land. Keine Liebe zu Bäumen.

Die Zionisten waren voller Selbstvertrauen. Sie konnten alles erreichen, was sie sich in den Kopf setzten. Sie hassten die palästinensische Landschaft, wie sie war. Sie wollten ein anderes Land schaffen. Als David Ben-Gurion als 20-jähriger Jüngling 1906 in Jaffa landete, war er äußerst abgestoßen. „Ist dies das Land unserer Väter?“ rief er aus. Also machten sich die Zionisten daran, die Landschaft zu verändern. Sie importierten schöne Bäume aus aller Welt und pflanzten Wälder, wo sie konnten: entlang der Straße von Tel-Aviv nach Jerusalem, auf dem Karmel und an vielen anderen Orten. Die Bäume waren schön. Die neuen Einwanderer fragten sich nicht, warum in dem Land, das seit Anbeginn der Zeiten bevölkert war und es bis in unsere Tage geblieben ist, gar keine derartigen Bäume wuchsen. Offenbar war es die Schuld der Araber.

Tatsächlich gab es einen ganz anderen Grund. Palästina leidet an einem extremen Mangel an Regenfällen. Alle paar Jahre gibt es eine Dürre, das Land vertrocknet und überall brechen Feuer aus. Die Bäume, die nicht für das Land geeignet sind, verbrennen. Vor sechs Jahren gab es eine Warnung. Ein großes Feuer brach am Karmel aus. Es verschlang große Teile des Waldes und 47 Polizisten kamen um. Das Feuer hatte sie erwischt, als sie dabei waren, ein Gefängnis zu evakuieren. Vor zwei Wochen geschah es im Ernst. Acht Monate lang fiel kaum ein Tropfen Regen. Ein starker, heißer Ostwind blies aus der Wüste. Das Land vertrocknete. Jeder kleine Funke hätte ein großes Feuer entzünden können.

Wie war es zum Ausbruch der Feuer gekommen?

PLÖTZLICH BRANNTE das Land. Etwa 150 einzelne Feuer brachen aus, viele davon in der Nähe von Israels drittgrößter Stadt Haifa. Haifa ist schön, es ist fast wie Neapel und einige seiner Vorstädte sind von Bäumen umgeben. Niemand hatte bei der Anpflanzung an Sicherheitsabstände gedacht. Einige Viertel fingen Feuer. Fast achtzigtausend Einwohner mussten evakuiert werden und sie mussten das, was ihnen ein Leben lang gehört hatte, zurücklassen. Viele Wohnungen wurden vom Feuer zerstört. Es war herzzerreißend. Die Feuerwehrleute taten ihr Bestes. Sie arbeiteten rund um die Uhr. Kein Mensch starb. Mit Schläuchen auf dem Boden und leichten Löschflugzeugen in der Luft brachten sie allmählich die Katastrophe unter Kontrolle.

Wie war es zum Ausbruch der Feuer gekommen? Unter den herrschenden Klimabedingungen konnte jeder kleine Funke eine große Katastrophe auslösen. Ein nicht ordentlich ausgelöschtes Lagerfeuer, eine aus einem vorbeifahrenden Auto geworfene brennende Zigarette, eine ausgeklopfte Wasserpfeife. Aber das ist für die neuen Medien nicht dramatisch genug und noch weniger für Politiker. Schon bald war das Land voller Beschuldigungen: Die Araber waren es. Natürlich. Wer sonst? Das Fernsehen war voller Leute, die tatsächlich gesehen haben wollten, wie Araber die Wälder anzündeten.

Dann erschien Benjamin Netanjahu auf dem Bildschirm. In einen modischen Kampfanzug gekleidet und von seinen Günstlingen umringt, erklärte er, dass das alles das Werk arabischer Terroristen gewesen sei. Es war eine „Feuer-Intifada“. Zum Glück hat Israel einen Retter, nämlich ihn. Er hatte die Kontrolle übernommen, einen amerikanischen Supertanker und einige andere ausländische Löschflugzeuge herbeigerufen. Die Israelis konnten weiterschlafen. In Wirklichkeit war das alles Unsinn. Die tapferen Feuerwehrleute und Polizisten hatten die Arbeit bereits getan. Netanjahus Intervention war überflüssig, tatsächlich schadete sie nur.

Zwei Prozent der Feuer von arabischen Jugendlichen als Racheakte gelegt

BEIM LETZTEN großen Feuer, dem vor sechs Jahren auf dem Karmel, hatte Netanjahu dieselbe Rolle gespielt und ein riesiges amerikanisches Löschflugzeug herbeigerufen. Es hatte über dem Wald gute Arbeit verrichtet. Dieses Mal konnte es in der Nähe menschlicher Siedlungen nichts tun. In besiedelten Gegenden war der Supertanker nutzlos. Netanjahu rief ihn herbei, ließ sich mit ihm fotografieren und das war’s dann. Die Anschuldigung, die arabischen Bürger seien für die Katastrophe verantwortlich, war schlimmer. Als Netanjahu sie erhob, glaubten ihm viele. Der halbfaschistische Bildungsminister Naftali Bennett sagte, das Feuer beweise, dass das Land den Juden gehöre, da die Araber das Land angezündet hätten. Viele arabische Bürger wurden zusammengetrommelt und verhört. Die meisten wurden wieder freigelassen. Am Ende kam heraus, dass vielleicht etwas 2 (in Worten: zwei) Prozent der Feuer von arabischen Jugendlichen als Racheakte gelegt worden waren.

Haifa ist eine gemischte Stadt mit großem arabischen Bevölkerungsanteil. Im Allgemeinen sind die Beziehungen zwischen Arabern und Juden dort gut, manchmal sogar herzlich. Die beiden Gemeinschaften traten der Gefahr gemeinsam entgegen, arabische Dörfer öffneten den jüdischen Feuerflüchtlingen ihre Türen. Der Chef der Palästinensischen Behörde in den besetzten Gebieten Mahmoud Abbas schickte Feuerwehrleute zur Unterstützung nach Israel. Netanjahus brandstiftende Reden, in denen er wilde (und ganz unbewiesene) Beschuldigungen gegen die arabischen Bürger und gegen arabische Arbeiter aus den besetzten Gebieten erhob, fanden keinen Anklang.

Auf diese Weise wurde auch dieses politische Feuer eingedämmt, bevor es zu viel Schaden anrichten konnte. Die Tage vergingen, die Anschuldigungen ebbten ab, aber der von ihnen angerichtete Schaden blieb bestehen. (Als ich vor langer Zeit in der Armee diente, wurde meine Kompanie mit dem Ehrentitel „Simsons Füchse“ belohnt. Der biblische Held Simson befestigte brennende Fackeln an den Schwänzen von Füchsen und jagte sie in die Felder der Philister.)

Werft stattdessen sie aus dem Land

DAS FEUER sollte uns nachdenklich machen. Wenn Netanjahu und seine Günstlinge recht haben und „die Araber“ entschlossen sind, uns mit allen Mitteln, auch mit Feuer, aus dem Land zu werfen, was können wir dem entgegnen? Die ganz einfache Entgegnung ist: Werft stattdessen sie aus dem Land. Logisch, aber unausführbar. Inzwischen gibt es mehr als sechseinhalb Millionen arabische Palästinenser in Großisrael: dem eigentlichen Israel, dem Westjordanland (einschließlich Ostjerusalem) und dem Gazastreifen. Die Anzahl der Juden ist etwa gleich groß. In der Welt von heute kann man eine so große Anzahl Menschen nicht vertreiben.

Wir sind also dazu verdammt zusammenzuleben – entweder in zwei Staaten, wie es einem von Netanjahu zurückgewiesenen Vorschlag entspricht, oder in einem einzigen Staat, der entweder ein Apartheidstaat oder ein bi-nationaler Staat wäre. Wenn man wie Netanjahu und seine Anhänger glaubt, dass jeder Araber ein potentieller „Feuer-Terrorist“ ist – wie könnte dann irgendjemand in einem gemeinsamen Staat nachts noch schlafen?

Nur einige Araber besitzen Feuerwaffen. Nur einige haben Autos, mit denen sie Juden überfahren können. Nur einige können Sprengstoff herstellen. Aber jeder hat Streichhölzer. In einer trockenen Jahreszeit ist nur der Himmel die Grenze. Übrigens habe ich in dieser Woche zufällig ein deutsches Fernsehprogramm über ein Schweizer Dorf hoch in den Alpen gesehen. Von Zeit zu Zeit bläst der Föhn vom Süden her über das Dorf hin. Zweimal ist während der Lebenszeit dortiger Menschen das Dorf niedergebrannt. Alles ohne dass auch nur ein einziger Araber in Sicht gewesen wäre.

Noch ist die Zeit dafür nicht gekommen

IN ISRAEL ist die Feuerwehr den lokalen Behörden unterstellt, unter deren Schirmherrschaft die Feuerwehrleute stehen und die ihre Gehälter bezahlen. Im Juni 1968 machte ich als junger Knesset-Abgeordneter einen revolutionären Vorschlag: alle lokalen Feuerwehrabteilungen abschaffen und eine gemeinsame nationale Feuerwehr – wie die Polizei – schaffen. Eine solche Kraft könnte sich auf alle möglichen Fälle vorbereiten, eine angemessene Ausrüstung anschaffen und die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellen. Im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit, meine Vorschläge mit Schmähungen zu überhäufen, nahmen meine Gegner diesen ernst. Der zuständige Minister erkannte, dass das eine gute Idee war, aber er fügte hinzu: „Noch ist die Zeit dafür nicht gekommen“. Jetzt, 48 Jahre danach, ist die Zeit dafür offenbar immer noch nicht gekommen. Stattdessen ist das große Feuer gekommen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 591  vom 07.12.2016

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