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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Arbeitswelt vor Automationswelle
Roboter-Heer rollt an
Von Harald Schauff

Ein Brummen liegt in der Luft. Rührt es von der deutschen Wirtschaft, die auf Hochtouren läuft? Vom Arbeitsmarkt, der vor Robustheit nur so strotzt und demnächst die Rekordmarke von 44 Millionen Erwerbspersonen ins Visier nimmt? Von dauernden Bauaktivitäten in deutschen Großstädten? Vom wachsenden Schwerlastverkehr? Vom Börsenbär, der sich auf den baldigen Abschwung einstimmt? Nein, das Brummen ertönt rund um den Globus aus den Forschungshallen der Robotik. Dort ist das Zeitalter der autonomen Vollautomaten bereits weit voran bzw. voraus geschritten.

Laut Bericht des ARD-Wirtschaftsmagazine ‘Plusminus’ (5.10.2016) gibt es weltweit einen rasanten Forschungswettlauf, welche Roboter den Menschen am besten und möglichst bald vollständig ersetzen können. Die Fortschritte sind bemerkenswert. Inzwischen sind Roboter zum Ausführen der kompliziertesten Bewegungen fähig, häufig besser als der Mensch. Sie können Rollstuhlfahrer beim Gehen unterstützen. Hierfür werden Impulse vom Gehirn an den Roboter gesendet. Das Produktionswerk des Elektro-Fahrzeug-Herstellers Tesla im Silicon Valley funktioniert voll automatisch: Schweißer, Lackierer, Mechaniker und Fließbandarbeiter sind hier nicht zu sehen. Eine wahrhaft menschenleere Fabrik.

Menschen vollständig ersetzen

Wer glaubt, die im produzierenden Gewerbe entfallenen Jobs würden durch den Dienstleistungsbereich aufgefangen, sollte nach Frankreich schauen: Dort setzt man auf den Einsatz von Robotern im Servicebereich. Sie sollen Auskunft erteilen, Menschen Gesellschaft geben und für Unterhaltung sorgen. Auch hier läuft alles auf das Ziel hinaus, Menschen vollständig zu ersetzen. Der Abstand zwischen Mensch und Maschine nimmt weiter ab. In Japan werden selbst lernende Maschinen entwickelt, die aussehen wie Menschen: Humanoide Roboter. Sie kommen in der Empfangslobby von Hotels oder als Schauspieler auf Theaterbühnen zum Einsatz.

In den Produktionshallen von Mitsubishi fungieren Roboter häufig schon als Vorgesetzte von Mitarbeitern. Oh je, Maschinen üben Macht über Menschen aus, werden Technik-Pessimisten unken. Sie übersehen die positiven Effekte: Sollten die Robo-Chefs irgendwann eine Schraube locker haben, braucht diese nur angezogen zu werden.

Die Armee der Roboter rückt unaufhaltsam näher. Kein Bereich ist vor ihr sicher, nicht einmal der Sport. Beim Robocup in Leipzig traten Anfang Juli diesen Jahres 45 Länder in 17 Disziplinen an, u.a. im Fußball (Siehe DER SPIEGEL 7/2016). Die Roboter finden sich zunehmend besser zurecht: Sie laufen selbstständig aufs Spielfeld, passen sich die Bälle zu, verteidigen und schießen Tore. Über WLAN kommunizieren sie miteinander und entscheiden, welcher Spieler an den Ball geht.

Arbeitswelt ohne Menschen

Noch trennen sie Welten von ihren menschlichen Kollegen. Diese Lücke soll bis 2050 geschlossen werden. Dann soll eine Robotermannschaft gegen den amtierenden Weltmeister antreten und ihn schlagen. Die Arbeitswelt dürfte zu diesem Zeitpunkt nicht wieder zu erkennen sein, Menschen praktisch nicht mehr darin auftauchen. Schon davor werden ihnen nur Handreichungen bleiben, welche die Maschinen noch nicht übernehmen können. Oder, weil die menschliche Arbeitskraft billiger ist.

Das Automationspotenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft. Das zeigt das Beispiel des taiwanesischen Elektronik-Herstellers und Apple-Zulieferers Foxconn, der vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geriet, weil mehrere Angestellte seiner Fertigung in China Selbstmord begingen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Als die chinesische Regierung Foxconn daraufhin zwang, höhere Löhne zu zahlen, automatisierte die Firma Großteile der Produktion. Den Rest verlagerte sie aufs Land, wo die Bevölkerung noch bereit war, für niedrigere Löhne zu schuften. Hieraus lässt sich erschließen, wie in den vergangenen Jahrzehnten der Aufbau von Niedriglohnsektoren in den Industriestaaten das Tempo der Automation gebremst hat.

Eigentlich hätte die Weltfinanzkrise 2008/9 zu einem gewaltigen Rationalisierungsschub führen müssen, wenn nicht sogar den heftigsten der Nachkriegsgeschichte. Mittels Hunderte Milliarden schwerer Rettungspakete und dank guter Konjunktur in den Schwellenländern mogelten sich Weltwirtschaft und Arbeitsmärkte um Rekordpleitewellen und massiven Stellenabbau herum. Seitdem schleppen sie Überkapazitäten mit sich herum, auch wenn die Wirtschaftspropaganda mit der Mär vom angeblichen Fachkräftemangel den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versucht.

Automation und Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens

Der Abbau dieser Überkapazitäten ist lediglich eine Frage der Zeit. Weil er nach der letzten großen Krise verschleppt wurde, wird er in der nächsten um so schneller und heftiger erfolgen. Mit schwer absehbaren Auswirkungen. Als Vergleich bieten sich Erdbeben und Dammbrüche an. Hoffen wir auf einen guten Ausgang des anstehenden Umbruches: Die Verdrängung niedrig entlohnter, ungesunder Zwangsbeschäftigung durch fortschreitende Automation und Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Dezember 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 591  vom 07.12.2016

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