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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Volksinitiative "Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie"
AKWs in der Schweiz: Nach 45 Jahren abschalten?
Von Heinrich Frei

Sollen die Schweizer Atomkraftwerke nach spätestens 45 Betriebsjahren abgeschaltet werden? Darüber entscheidet das Schweizer Stimmvolk am 27. November 2016 bei der Atomausstiegsinitiative. Bei der Planung der Atomkraftwerke ging man von 30 bis 40 Betriebsjahren aus. Inzwischen hat man die Laufzeit stetig verlängert und Leistungserhöhungen vollzogen, damit die Werke mehr rentieren. Das hat Konsequenzen auf den Alterungsprozess. Das Risiko nimmt ständig zu – trotz Nachrüsten.


Der älteste Reaktor der Welt, Beznau 1, steht in der Schweiz. Dieses Atomkraftwerk soll ein Jahr nach Annahme der Atomausstiegsinitiative außer Betrieb genommen werden.

Eidgenössische Volksinitiative 'Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie (Atomausstiegsinitiative)'

Die Volksinitiative lautet (1):
<ul>
Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:

Art. 90 Kernenergie
1 Der Betrieb von Kernkraftwerken zur Erzeugung von Strom oder Wärme ist verboten.
2 Die Ausführungsgesetzgebung orientiert sich an Artikel 89 Absätze 2 und 3; sie legt den Schwerpunkt auf Energiesparmassnahmen, effiziente Nutzung von Energie und Erzeugung erneuerbarer Energien.
</ul>

Die Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung werden wie folgt geändert:
<ul>
Art. 197 Ziff. 92 (neu)
9. Übergangsbestimmung zu Art. 90 (Kernenergie)
1 Die bestehenden Kernkraftwerke sind wie folgt endgültig ausser Betrieb zu nehmen:
a. Beznau 1: ein Jahr nach Annahme von Artikel 90 durch Volk und Stände;
b. Mühleberg, Beznau 2, Gösgen und Leibstadt: fünfundvierzig Jahre nach deren Inbetriebnahme.
2 Die vorzeitige Ausserbetriebnahme zur Wahrung der nuklearen Sicherheit bleibt vorbehalten.
</ul>

1969 schwerer Unfall im Versuchsreaktor Lucens in der Schweiz

In der Schweiz kam es schon am 21. Januar 1969 zu einem schweren Atomunfall, in Lucens. (2) Bei dieser Panne, eigentlich der größte mögliche Unfall in einem Reaktor, wurde ein Brennelement überhitzt und zerstört. Dabei entwichen radioaktive Gase unter anderem in die Kaverne die daraufhin so stark verseucht war, dass sie für Jahre zugemauert werden musste. Neben Tschernobyl, Sellafield, Harrisburg und Fukushima war dieser Atomunfall in einem Schweizer AKW eines der großen Desaster in der Geschichte der Atomindustrie. In Lucens kam es nur deshalb nicht zu einer großen Katastrophe, weil der Versuchsreaktor sehr klein (9 MW) und in eine Felskaverne eingebaut war und erst kurze Zeit in Betrieb war.

Diorit: angeschmolzenes Brennelement verseuchte Reaktorhalle

Auch im Forschungsreaktor Diorit in Würenlingen kam es 1967 zu einer Panne. Ein angeschmolzenes Brennelement verseuchte die Reaktorhalle mit radioaktivem Material. In der Aare wurde deutlich erhöhte Radioaktivitäts-Abgaben festgestellt. Einzelne Arbeiter wurden nachher bei den Umbau-Arbeiten erhöhten Strahlendosen ausgesetzt. Seit 1977 wurde der Dioritreaktor nicht mehr betrieben. (3)

Tschernobyl: Schilddrüsenkrebs in Weissrussland und der Ukraine

Viele Kinder in Weißrussland und der Ukraine erkranken auch heute noch an Schilddrüsenkrebs, obwohl sie nach 1986, als der Reaktor von Tschernobyl explodierte, geboren wurden. Prof. Dr. Lengfelder betreut diese an der Schilddrüse Erkrankten seit Jahren. Seit März 1993 werden im Schilddrüsenzentrum in Gomel Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf westlich medizinischem Niveau behandelt. Inzwischen sind es weit über 20 000 Patienten pro Jahr.


«Atomkinder» von HR Giger (1940-2014) Giger zeichnete in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts viele Bilder für die Schweizer Bewegung gegen die atomare Aufrüstung der Schweiz

Atomkraftwerk-Betreiber wollen die Jodtabletten nicht bezahlen

Wer bis zu 50 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt, erhielt jetzt in der Schweiz eine Packung Jodtabletten zugeschickt. Werden Jodtabletten rechtzeitig eingenommen, verhindern sie, dass sich radioaktive Jode in der Schilddrüse anreichert. Die Tabletten werden verteilt, weil ein Unfall in einem der fünf schweizerischen Kernkraftwerke nicht auszuschließen ist.

Bisher wurden die Tabletten im Umkreis von 20 Kilometern rund um Atomkraftwerke an die Bevölkerung verteilt. Die Ausweitung des Verteil-Radius wurde nach dem AKW-Unfall im japanischen Fukushima beschlossen. Die Atomkraftwerk-Betreiber wollen die Jodtabletten, die jetzt an 4,6 Millionen Menschen in der Schweiz verteilt werden, jedoch nicht bezahlen.

Jodtabletten: schützen nur vorübergehend gegen radioaktives Jod

Wie Greenpeace in einem amtlich aufgemachten Schreiben an alle Einwohnerinnen und Einwohner im 50 km-Umkreis der Schweizer Kernkraftwerke schrieb, "schützen Jodtabletten nicht vollumfänglich vor den Folgen eines Kernkraft-Unfalls, sondern nur vorübergehend gegen dabei freigesetztes radioaktives Jod. Es können aber weiter radioaktive Stoffe wie Cäsium oder Strontium freigesetzt werden, die Krebse und Leukämie verursachen können. Die Einnahme von Jodtabletten schützt nicht gegen diese Substanzen und ihre Folgen." (4)

Mit Sonnen- Wind- und Geothermie wird die Energie-Auslandsabhängigkeit kleiner

Die Schweiz ist heute von Öl- und Gasimporten abhängig. Mit dem Weiterbetrieb von Atomkraftwerken wird die Schweiz noch länger abhängig vom Ausland, vom Import von Uran, das zuerst in ausländischen Anlagen aufbereitet werden muss, mit Atom-Zentrifugen, wie sie jetzt auch im Iran in Betrieb stehen. Durch den Ausbau von alternativen Energien in der Schweiz, mit Sonnen- Wind- Bio- und Geothermie würde die Energie-Auslandsabhängigkeit unseres Landes kleiner. Handwerk und Gewerbe würde viele Aufträge bekommen, was auch im Interesse von Bürgerlichen wäre, die jetzt gegen die Atomausstiegsinitiative sind. Je länger die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz noch in Betrieb bleiben, je mehr radioaktiver Abfall wird produziert, der teuer entsorgt werden muss.


Photovoltaik-Anlage auf einem Reiheneinfamilienhaus in Zürich-Oerlikon (Foto: Heinrich Frei)

Am 27. November 2016 werden die Schweizer Stimmbürger entscheiden, ob die helvetischen Atomkraftwerke nach spätestens 45 Betriebsjahren abgeschaltet werden.


Quellen:

(1) https://www.admin.ch/ch/d//pore/vi/vis407t.html
(2) http://www.youtube.com/watch?v=Endt3lkaZhw
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungsreaktor_Diorit
(4) http://atomausstieg.greenpeace.org/?gclid=COK_xsuz-cECFfHKtAod0HMAjw

Online-Flyer Nr. 588  vom 16.11.2016

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