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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Krieg in Syrien
Teil eines Weltkriegs
Interview mit Erzbischof Joseph Tobji von Aleppo

Aleppo leidet. Tageszeitungen und Radio sind voll von dieser Tragödie. Joseph Tobij, Erzbischof der Maroniten von Aleppo, ist direkter Zeuge dieser Leiden. Er sprach darüber in Rom, wo er sich Ende September 2016 aufhielt. Davide Malacaria hat ihn interviewt. Ergänzend dokumentiert die NRhZ den Appell des Erzbischofs „Die 5 Dinge, die der Westen sofort tun müsste, um den Krieg in Syrien zu beenden“: 1. Schluss mit dem Waffenverkauf; 2. Der Zufluss von Terroristen über die türkische Grenze ist zu beenden; 3. Schluss mit den Gehaltszahlungen an Terroristen; 4. Die unmoralischen Wirtschaftssanktionen sind aufzuheben; 5. Helft uns, das Leben wieder aufzubauen. Unterstützt Versöhnung und Übereinkünfte zwischen den ethnischen und religiösen Gemeinschaften.


Enduring Freedom - Gemälde von Ursula Behr

In den Zeitungen liest man vom belagerten Ostteil Aleppos, der sich in der Hand der Rebellen befindet und verurteilt die russischen Bombardierungen in diesem Stadtteil.

Gewiss, Flugzeugbomben töten. Aber auch Raketen und Artilleriegeschosse töten, genauso wie die so genannten leichten Waffen. Der Ostteil von Aleppo erleidet Bombardierungen. Aber auch im westlichen Teil, wo ich mich befinde, sterben seit 4 Jahren Menschen, seit die Terroristen einen Teil von Aleppo eingenommen und begonnen haben, auf die Zivilbevölkerung in den freien Stadtteilen ihre tödlichen Geschosse abzuschießen.

Entschuldigung, Sie haben von Terroristen gesprochen, für den Westen sind es Rebellen. Und gemäßigte Rebellen...


Im Westen hat man eine seltsame Vorstellung von „gemäßigt“. Sie machen keine Demonstrationen auf den öffentlichen Plätzen. Sie schießen mit Kanonen und Mörsern auf unschuldige Zivilisten ... sind das „Gemäßigte“?

Aber es gibt unterschiedliche Fraktionen: Al Nusra, Jihadisten, Freie syrische Armee. Sind alle gleich?

Selbstverständlich. Und viele von ihnen sind Ausländer. Es sind Terroristen aus Saudi-Arabien, Libyen, Tschetschenien, aber auch aus westlichen Ländern. Dorthin kehren sie anschließend zurück und richten Massaker an, wie ihr es in diesen Jahren gesehen habt.

Kommen wir zurück auf die Belagerung von Ost-Aleppo durch die Regierungstruppen.

Lange Zeit war der Teil der Stadt, der sich unter der Kontrolle von Damaskus befindet, von jeder Versorgung abgeschnitten. Über Monate hinweg haben wir an Hunger und Durst gelitten, weil die Terroristen oft die Wasserversorgung durch das einzige Wasserwerk, das eben sie kontrollieren, unterbrochen hatten (sie machen das noch immer, wenn es für sie zweckmäßig ist). Diese Leiden haben die internationale Öffentlichkeit nicht interessiert. Heute versucht die syrische Armee den Sektor, der von den Terroristen kontrolliert wird, einzunehmen, indem sie ihnen die Nachschub -wege versperrt. Das erregt Aufsehen.

Die Medien sprechen von Belagerung.

Das sind die Gleichen, die die Sanktionen befürworten. Die Sanktionen haben die selben Auswirkungen wie die einer Belagerung der syrischen Bevölkerung. Ihre Wirkung ist sogar noch schlimmer. Die Sanktionen haben zur Verarmung einer ganze Nation geführt und das Volk ausgehungert. Viele Flüchtlinge gehen deshalb in den Westen, weil sie Hunger leiden: es gibt keine Arbeit, keine Zukunft. Es ist eine grausame Belagerung, bei der den Kindern die Medikamente, die Ersatzteile für die medizinischen Geräte verweigert werden. Und dann schreibt man von der Belagerung des Ostteils von Aleppo.

Aber in diesen Jahren wurde humanitäre Hilfe geliefert

Manchmal ist auch in Aleppo etwas angekommen. Offen gesprochen wenig, angesichts des enormen Bedarfs. Seltsamerweise waren die Transporte des Roten Kreuzes für ganz Aleppo bestimmt. So wurde der belagerte Teil, der damals unter Kontrolle von Damaskus stand, beliefert, und der Teil, den die Terroristen kontrollierten, obwohl er nicht belagert und mehr als versorgt war.

Kommen wir zurück auf die Bombardierungen.


Keine Frage, die Bombardierungen schmerzen. Es gibt Zivilisten, die in diesen Zonen wohnen. Bei ihnen handelt es sich um Unschuldige. Ich bin nur ein Pastor und kann dazu nur die Meinung der Leute in der Stadt wiedergeben. Sie glauben, dass die syrische Armee das Richtige tut, um die Bürger vor den Angriffen der Terroristen zu beschützen. Auch heute, jeden Tag, schlage im Westteil Raketen und Mörsergeschosse ein. Jeden Tag haben wir Tote zu beweinen. Aber das macht offensichtlich keine Schlagzeilen wie hingegen die Toten auf der anderen Seite.

Wie lebt die Zivilbevölkerung unter der Herrschaft der Jihadisten?


Sie haben ihre eisernen Gesetze wahabitischer Herkunft, ihre Gerichte. Ich glaube nicht, dass es den Syriern gefällt, diesen Gesetzen zu unterliegen. Man muss sich nur vor Augen halten, dass die beiden Teile von Aleppo, der im Osten, den die Terroristen besetzt halten, und der im Westen, den Damaskus kontrolliert, flächenmäßig die gleiche Ausdehnung haben. Sie hatten mehr oder wenige die gleiche Einwohnerzahl. Heute leben im Ostteil 300.000 Menschen, im Westteil 1,3 Millionen. Wer konnte, ist vor diesen Fanatikern geflohen.

Der syrische Islam war immer gemäßigt


Richtig. Auch heute unter den Bomben sind die Beziehungen zwischen Christen und Moslems gut, wie es alte Tradition in Syrien ist. Wenn die Terroristen gewinnen, wird das alles verschwinden.

Wie geht das Leben der Christen unter den Bomben weiter?


Dank Gottes gibt es viele Dinge, die uns Trost spenden und unseren Glauben erhalten. Die Gläubigen kommen weiter zur Messe, auch wenn sie mittlerweile in der Kapelle des Erzbistums gefeiert wird, da die beiden maronitischen Kirchen der Stadt zerstört wurden. Viele Kinder und Jugendliche kommen zur Katholischen Aktion und den Pfadfindern, soweit es die jeweilige Situation erlaubt. Wir versuchen allzu große Risiken für die Jugend zu vermeiden, aber im Ende kann man sich nur dem Schutz Gottes anvertrauen.

In Rom haben Sie auch den Papst getroffen

Ich habe ihm ein Album gebracht, das Jugendliche der Pfarrei gemacht und signiert hatten. Es zeigt Fotos ihrer Lieben, ihrer Freunde und Verwandten, die im Krieg getötet wurden. Als der Papst begann, es durchzublättern, war er erschüttert. Sie mussten ihn stützen. Er hat geweint und mit ihm haben auch wir alle ein wenig geweint.

Soviel Leiden. Was kann Trost bieten?


Das, was der Herr macht. Wir leben in der Zeit des Kreuzes, sind verbunden mit dem Leiden des Herrn, das er aus Liebe für die Rettung der Welt erduldet hat, und mit seiner Wiederauferstehung. Es gibt viele Zeugnisse der Liebe unter meinem Volk, sei es in Form einer Hilfe für den Nächsten, einem Moslem, einem Christen. Welchen Glauben er hat, hat keine Bedeutung.

Ein Beispiel?


Zwei. Ein Mann, der sich zum Christentum bekannte, wurde entführt. Er war ein Christ auf seiner Weise nach den Plänen des Herren, die uns verschlossen sind. Er besuchte keine Messe und ich weiß nicht, ob er ein Gebet kannte. Trotzdem haben ihm seine Entführer das Messer an die Gurgel gesetzt, damit er seinem Glauben abschwöre. Er erklärte weiter, er sei Christ. Sie könnten tun, was sie wollten, er würde Jesus nicht verleugnen. Zuletzt haben sie ihn freigelassen. Seine Geschichte hat vielen unter uns Trost gegeben... Dann gibt es einen, der entführt wurde und dem Emir, der ihn verhörte, den Katechismus erläuterte. Der Emir wurde immer interessierter. Es viele andere Beispiele, vielleicht weniger bekannte, die unseren Glauben stärken.

Was verlangen Sie vom Westen?


Der Krieg in Syrien ist nur ein Teil des Weltkrieges, der an verschiedenen Orten stattfindet und von dem der Papst spricht. Russen und Amerikaner müssen zu einer Verständigung kommen. Es ist richtig, dass die bisher erprobten Waffenstillstände keine Ergebnisse brachten. Sie wurden immer dann vereinbart, wenn die Terroristen mit dem Rücken zur Wand standen. Ihre Unterstützer haben die Waffenstillstände missbraucht, um sie mit Waffen zu versorgen und weitere Milizen nach Syrien hereinzulassen, so dass diese Mörder bei ihren Angriffen ihre Brutalität noch intensiviert haben. Deshalb fangen wir in Syrien an zu zittern, wenn wir von neuen Waffenstillständen hören.... Es scheint, dass einer der Streitpunkten zwischen den Mächtigen die Frage ist, wer in Zukunft über die Verwendung der Reichtümer Syriens entscheidet und wer den Wiederaufbau trägt. Es geht um Abermilliarden Dollar.

Sehen Sie keine Hoffnung?


Wie gesagt, kann man nur hoffen, dass die Mächtigen zu einer Übereinkunft gelangen. Wir kleinen Leute können nur beten. Darum bitte ich auch die Leser dieses Interview. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Beten für die Brüder, die sich in Schwierigkeiten befinden. Wir sind ein einziger Körper: wenn ein Glied krank ist, leidet der ganze Körper. Deshalb betet jeder, der für Brüder in der Ferne betet, in Wahrheit auch für sich und seine Seele. Eine Hilfe, den eigenen Glauben zu leben.

(Quelle: Ora pro Siria, 30. September 2016 „Aleppo che soffre, pezzo della guerra mondiale a pezzi" - Interviewer: Davide Malacaria - Übersetzung: Bernd Duschner)



Erzbischof Joseph Tobji von Aleppo: „Die 5 Dinge, die der Westen sofort tun müsste, um den Krieg in Syrien zu beenden“.

Der Erzbischof von Aleppo Joseph Tobij lebt wie weitere 1,3 Mio. Syrern im Westteil der Stadt, der sich unter der Kontrolle der Regierung befindet. Im flächenmäßig etwa gleich großem Ostteil, den die „Rebellen“ von Al Nusra und ihren Verbündeten beherrschen, halten sich noch knapp 300.000 Menschen auf. Eingeladen von der 5-Sterne Bewegung hat Erzbischof Tobji am 5.10.2016 auf einer Pressekonferenz in der Italienischen Abgeordnetenkammer erklärt:

„Mit aller Deutlichkeit möchte ich vor allem sagen: Schluss mit dem Krieg.“ „Ich lebe im Westteil von Aleppo. Wir sind jeden Tag mit dem Tod, mit Raketen, Mörser- und. Kanonenschüsse sowie Scharfschützen konfrontiert. Die Terroristen schießen überall. Wenn wir solche Angriffe erleiden, können wir die Täter nicht als Rebellen bezeichnen. Allein in der letzten Woche hatten wir 75 Tote und 180 Verletzte. Gestern wurde die Universität getroffen. Es gab viele Opfer. Jeden Tag gibt es Beerdigungen. Auch wenn wir zu hause bleiben, sind wir nicht sicher: die Häuser stürzen über deinem Kopf ein. Aleppo ist die zweite Stadt in Syrien. Dort lebten 4 Millionen Menschen. Jetzt ist sie halb zerstört. Unsere beiden maronitischen Kirchen gibt es nicht mehr, viele Moscheen, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Fabriken und Geschäfte liegen in Trümmern.“

„Häufig haben wir keinen Strom und das geht so seit 5 Jahren. Ohne Strom kommt alles zum Stillstand, es kann nicht gearbeitet werden. Seit 5 Jahren ist das Stromwerk in der Hand der Terroristen. Häufig gibt es kein fließendes Wasser. Es ist deshalb normal geworden, sich vor den Brunnen anzustellen, um seine Kanister zu füllen. Die alten Menschen müssen sie hinauf in ihre Wohnungen tragen. Das Schlangestehen macht man unter dem Beschuss von Raketen...

Als Folge des Krieges und der Sanktionen herrscht große Armut. Man spricht viel von Belagerungen: Der Westteil stand häufig unter Belagerung. Die einzige Straße war von bewaffneten Gruppen blockiert und dann kam nichts durch, nichts. Es gibt zahlreiche physische und psychische Erkrankungen. In dieser Situation warten alle darauf, wann sie mit dem Sterben an der Reihe sind. Die Medien sprechen nur von den Leiden unserer Brüder im Ostteil, nicht von unseren Leiden. Sie zeigen ein armes Kind, das aus den Trümmern gezogen wurde, aber nicht die vielen anderen getöteten oder verstümmelten Kinder im Westteil. Ich betone: Es handelt sich nicht um einen Religionskrieg. Die Religion wird instrumentalisiert. Der Krieg forciert die Emigration. Wir sind mittlerweile ohne Jugend, ohne Zukunft. Wer wird unser Land wieder aufbauen? Wie wird Syrien in 30 Jahren aussehen? Wird es seine Vielfalt verloren haben?

Das sind unsere Forderungen, damit der Krieg ein Ende findet:
1. Schluss mit dem Waffenverkauf
2. Der Zufluss von Terroristen über die türkische Grenze ist zu beenden.
3. Schluss mit den Gehaltszahlungen an Terroristen
4. Die unmoralischen Wirtschaftssanktionen sind aufzuheben
5. Helft uns, das Leben wieder aufzubauen. Unterstützt Versöhnung und Übereinkünfte zwischen den ethnischen und religiösen Gemeinschaften.

(Quelle: „Antidiplomatico: „Le cinque cose che voi occidentali dovreste fare immediatamente per porre fine alla guerra in Siria“ - Übersetzung: Bernd Duschner)

Online-Flyer Nr. 585  vom 26.10.2016

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Von Kostas Koufogiorgos
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