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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Diesel-Abgase werden nur eingeschränkt gereinigt
Die große Dieselei
Von Harald Schauff

In skandinavischen Wäldern ist die Luft sowas von sauber und klar. Dessen wird die mitteleuropäische Großstadtnase gewahr, sobald dort auf einem Waldweg eine Benzinkutsche entlang ruckelt. Noch Minuten später liegt der beißende Geruch der Abgasschwaden in der Luft und drängt die Schlussfolgerung auf: Wahnsinn, wie schon eine einzige von diesen fossilen Brennstoffkisten die Gegend verpestet. Wie abgasgeschwängert muss die Luft in städtischen Großräumen sein, wo diese zu Hunderttausenden zirkulieren. So extrem, dass sie der abgestumpfte Geruchssinn gar nicht mehr wahrnimmt.

Reiner Dunst


Früher hieß es, Diesel sei gesund. Dieser Mythos ist schon lange vor dem VW-Abgasskandal verpufft. In dessen Verlauf erwies sich ein weiterer als reiner Dunst: Jener vom sauberen Diesel mit den gereinigten Abgasen, die Mensch und Umwelt kaum noch etwas anhaben können.

Die Abgasreinigung bei Dieselmotoren ist purer Pipifax. Zunächst nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz wirklich, wie im SPIEGEL(20/2016) nachzulesen: Die Reinigung erfolgt nämlich über Harnstoff. Ab einer Betriebstemperatur von 200 Grad wird jener zugeführt. Ein Teil davon wandelt sich zu Ammoniak, das im Katalysator gespeichert wird. Dadurch sinkt die Konzentration von Stickoxiden. Allerdings läuft dieser Reinigungsprozess nur eingeschränkt unter bestimmten Bedingungen. Die Fahrzeug-Software schaltet ihn häufiger ab. Laut Auskunft der Hersteller zur Schonung der Motoren. Deren reibungsloses Laufen genießt traditionell Vorrang vor solchen Belanglosigkeiten wie Gesundheit und Umwelt. Diese mögen doch bitteschön den Fahrspaß nicht blockieren. Wehe, die schützenswerte Maschine stottert. Deshalb schaltet z.B. die Software eines getesteten Dieselopels den Pipikram, der das Stickoxid hemmt, ab einer Geschwindigkeit von 145 km/h einfach ab. Beim Labor-Test beträgt das Spitzentempo 120 km/h.

Ähnlich läuft es bei der Drehzahl: Der getestete Opel schaltet die Abgasrückführung ab 2400 Umdrehungen herunter. Auf dem Prüfstand werden maximal 2200 Umdrehungen erreicht. Um auf 2400 Umdrehungen zu kommen, genügt bereits das rasante Beschleunigen an Ampeln. Oder das Hochrödeln in niedrigen Gängen u.a. bergauf. Beim Labor-Test liegt die Temperatur bei vorgeschriebenen 20 bis 30 Grad. Auch dies ist sehr entgegenkommend: Die Abgas-Säuberung setzt erst bei einer Außentemperatur von 17 Grad ein. Ab 33 Grad schaltet die Elektronik sie wieder ab. Der Motor soll schließlich weiter sauber und rund laufen. Dafür darf er ruhig unsauberen Dampf ablassen. Das tut er auch in den Frühstunden der meisten Tage im Jahr, die, außer in der Sommerhitze, nie 17 Grad auf dem Thermometer erreichen. Somit verpesten die Diesel der Berufspendler an den meisten Arbeitstagen die Luft mit Stickoxiden. Apropos Luft: Auch der Luftdruck redet bei der Abgasreinigung ein Wörtchen mit: Unter 915 Millibar gehen die Abgase weitestgehend ungereinigt hinten hinaus. Dies ist der Fall ab einer Höhe von etwa 850 Meter. In deutschen Mittelgebirgen führen die meisten Straßen nicht so hoch hinaus. Anders sieht es z.B. in den Alpen aus. Hier wird die reine Gebirgsluft vielerorten zugedieselt.

Dicke Luft

Fazit: Die Technik zur Abgasreinigung von Dieselmotoren existiert und funktioniert, kommt jedoch nur sehr bedingt, in Abhängigkeit von Tempo, Drehzahl, Außentemperatur und Luftdruck, zum Einsatz. Der Ausstoß der gesundheitsschädlichen Stickoxide ist weiterhin bedenklich hoch. Auch der Kraftstoffverbrauch und der damit zusammenhängende Ausstoß von Kohlendioxid liegen deutlich über den Herstellerangaben. Die Politik ist gefordert, den Herstellern in diese Richtung eindeutige Auflagen zu erteilen. Kurzfristig. Langfristig kann es nur einen Weg geben: Fort von den Fossilbrennstoff-Motoren, gleich ob Benziner oder Diesel. Sie haben mit ihrem Feinstaub und ihren Stickoxiden schon viel zu lange für dicke, schwer zu atmende Luft gesorgt.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Oktober 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 584  vom 19.10.2016

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