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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Globales
Wann werden die USA die Völker des alten Kontinents Europa verraten?
Sprengsatz "Made in USA"
Von Jürgen Heiducoff

Der Autor befindet sich zur Zeit im ostchinesischen Dalian. Nur wenige Kilometer entfernt ist die Ostküste des Reiches der Mitte und damit auch unserer euro-asiatischen Kontinentalmasse. Auf der anderen Seite, also weit, sehr weit im Osten, ist jenseits des Pazifischen Ozeans die Küste Kaliforniens. Aus dieser Perspektive sieht die Welt anders aus als aus der gewohnten Sicht in Europa. Trotz der sehr weit entfernten Westküste der USA erscheint die selbst ernannte Weltmacht in durch mich aufdringlich empfundener belastender Nähe. Chinesische Großstädte sind äußerlich den amerikanischen ähnlicher als den europäischen. Eine Folge der Globalisierung.

Zwischen den Wohn- und Geschäftshochhäusern, den Supermarket-Ketten, Fastfood-Restaurants und Bars, neben den Großleinwänden allerdings hat sich eine der ältesten Kulturen der Welt in Teilen erhalten. Wie lange noch? Das Auto ist zum Heiligtum geworden – um so größer, desto besser.

Bei alledem ist auch die Nähe der Präsenz von strategischem Militärpotential der USA wie Flugzeugträger, Zerstörer, strategische Bomber und Aufklärungsflugzeuge bedrohlich gegenwärtig. Immer wieder werden durch Washington neue Versuche unternommen, durch diplomatische wie wirtschaftliche Aktivitäten die Interessendissonanzen zwischen der Regionalmacht China und seinen Nachbarn zu verschärfen.

Alles dies ordnet sich der Änderung der strategischen Orientierung der USA auf den pazifisch-asiatischen Raum unter. Damit verbunden wird auf Grund der Begrenzung der Möglichkeiten der USA ein zunehmendes Desinteresse an der atlantisch-europäischen Allianz sein.

Verrat an zeitweilig Verbündeten

Im Folgenden wird versucht, den Verrat Washingtons an den Interessen der Völker Europas in der Folge vieler anderer Beispiele vom Missbrauch des Vertrauens zeitweiliger Verbündeter der USA zu betrachten.

Es sei allerdings vorangestellt: Die Serie von Verrat an den Verbündeten auf Zeit ist nicht nur typisch für die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern auch anderen Großmächten eigen. Dies kann vom Römischen Reich über die Kolonialmächte bis hin zur Sowjetunion nachgewiesen werden.

Die Geschichte zeigt, dass Imperien sich der Dienste anderer, kleinerer Völker bedienen, so lange sie dies für erforderlich halten. Sie brauchen diese Unterstützung, um selbst zu wachsen. Ist der Höhepunkt der Macht erreicht und beginnen Alterung und Zerfall, dann ist schnell die Unterstützung vergessen und die ehemals Verbündeten werden abgestoßen.

In einem später zu veröffentlichenden Beitrag soll auch der Verrat der Völker des „sozialistischen Weltsystems“ durch die Sowjetunion thematisiert werden.

Die USA haben bereits in ihrer eigenen Entstehungsphase aus reinem Eigeninteresse verschiedene Indianerstämme gegeneinander aufgebracht. Die einen haben sie als Koalitionspartner im Kampf gegen die anderen missbraucht. Sobald die eigennützigen Ziele erreicht waren, wurden die Partner verraten und fallen gelassen.

In den Weltkriegen, besonders im zweiten, hielten sich die USA sehr lange zurück. Zunächst ließen sie die anderen Mächte sich gegenseitig abnutzen, bevor sie auf der Seite der unvermeidlichen Sieger selbst in den Krieg einstiegen.

Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland vergingen nur wenige Jahre, bis die USA mit dem ehemaligen Alliierten der Anti–Hitler-Koalition Sowjetunion brachen und die Ära des „Kalten Krieges“ einleiteten – einen Balanceakt am Rande der globalen nuklearen Katastrophe.

Als sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes die Tür zu einem gemeinsamen und friedlichen Haus Europa im Interesse aller seiner Völker öffnete, machten sich die Feinde eines starken Europas in Washington stark. Den Völkern des postsowjetischen Russland  ebenso wie denen des restlichen Europa lag sehr viel an einer friedlichen Einigung des alten Kontinents. Die Moskauer Führung kam mit großer, kaum nachvollziehbarer Opferbereitschaft den Wünschen der USA nach und zog z.B. seine Truppen aus Deutschland und anderen Staaten ab, führte seine Kernwaffen zurück auf das eigene Territorium und verzichtete damit einseitig auf die in opferreichem Kampf erreichten militär-strategischen Vorteile in Europa. Dies war ein einmaliger Vertrauensvorschuss gegenüber dem Westen. Sicher erwartete Moskau ein Entgegenkommen der USA. Trotz alledem kamen die USA zu Beginn der 1990er Jahre Russlands nicht einen Schritt entgegen und betrieben eine Politik der Ausgrenzung Russlands gegenüber Mittel- und Westeuropa. Zudem verfolgten sie durch Subversion, Förderung separatistischer und nationalistischer, zum Teil offen faschistischer Kräfte in der Westukraine sowie massiven Einfluss auf das politische Kiew eine Spaltung der ostslawischen Siedlungsgebiete der Russen und Ukrainer, indem sie Spannungen zwischen Russland und die Ukraine erzeugten, die einen Dauerkonflikt in Osteuropa auslösten.

Washington beging immer wieder Verrat an den Völkern in den Regionen ihrer Kriege, in denen außer Chaos für die Zivilbevölkerung nichts erreicht wurde.

Im Vietnamkrieg haben die USA ihre langjährigen Verbündeten, die südvietnamesischen Streitkräfte der Vernichtung überlassen, nachdem sie sich militärisch gegen die Übermacht der nordvietnamesischen Armee im Verbund mit dem Untergrund fluchtartig zurückgezogen hatten.

Ende der 1970er Jahre begannen die USA die afghanischen Mudschaheddin militärisch aufzurüsten, um ein „kommunistisches“ Afghanistan zu verhindern. Unter dem barbarischen Wüten der sich zu Gotteskriegern entwickelnden „Freiheitskämpfer“ litt vor allem die afghanische Zivilbevölkerung. Dies vor allem dann, als nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 die verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen gegeneinander los zogen und einen blutigen Bürgerkrieg vom Zaun brachen, der nur durch eine noch brutaleres Regime, das der Taliban in seinem eigenen Blut erstickt werden konnte. Washington überließ die Afghanen, ihre Verbündeten im Kampf gegen den Kommunismus ihrem Schicksal. Die USA zeigten stets nur Interesse an dem Land am Hindukusch, jedoch nie für die dort seit Jahrzehnten unter Krieg und Krise lebenden Menschen. Das ist in der Gegenwart nicht anders als vor Jahrzehnten. Während der Invasion der USA gegen das Taliban-Regime bedienten sie sich der afghanischen Nordallianz als Bodenstreitmacht. Nachdem die Nordallianz die blutigsten Schlachten für die USA beendeten und Kabul einnahmen, hat Washington sie um die Früchte ihres Kampfes offen betrogen, indem es statt eines ihrer Führer als Präsidenten den Paschtunen Karzai einsetzte und die kampferprobten Streitkräfte der Nordallianz auflöste.

Verrat an den Menschen

Auf dem Balkan führte die US-dominierte NATO Krieg, ohne die politischen und sozialen Probleme zu erkennen oder zu lösen. Bis heute fühlen sich die Menschen auf dem politisch zerteilten Balkan, denen Demokratie und Freiheit versprochen wurde, vergessen und verraten. Vielen von ihnen bleibt nur die Flucht in die (noch) reichen Länder Europas.

Im Irak und in Libyen, wo es im wesentlichen um einen Regimewechsel ging, haben sich die USA nicht im Ansatz um die Opfer gekümmert, die ihr Bombenkrieg verursachte. 

Im Nahen Osten sind die USA eben dabei, die syrische Opposition, die sie seit langem logistisch und militärisch unterstützen, fallen zu lassen. Seit dem militärischen Eingreifen Russlands in Syrien sehen die USA andere regionale Schwerpunkte ihres Engagements. Sie überlassen ihre Verbündeten auch hier ihrem Schicksal. Das gilt auch für die verschiedenen kurdischen Milizen, die sich in unterschiedlichen Operationen als einzige Streitmacht als fähig erwiesen, den „Islamischen Staat“ erfolgreich militärisch zurück zu drängen. Die Kurden werden zunehmend von den USA mit Rücksicht auf den NATO – Partner Türkei allein gelassen, verraten.

Die USA haben bereits vor fünf Jahren offen ihre neuen strategischen Hauptinteressen definiert. Diese richten sich auf den pazifisch-asiatischen Raum. Da gibt es auch angesichts des gewaltigen Wachstums und der unerschöpflichen Ressourcen mehr zu holen als in Afrika oder Europa. Zudem gilt es dort die Hauptkontrahenten China und Russland zu schwächen.

In diesem Kampf um Einfluss und Vorherrschaft auf dem größten Weltmeer und dem größten Kontinent sind die USA gezwungen, alle ihre Kräfte zu bündeln. Auch die selbst ernannte Weltmacht USA kann es sich weiterhin nicht leisten, die eigenen Reserven zu verzetteln. Sie ist gezwungen, ihr Engagement in Europa und Afrika wesentlich zurück zu nehmen.  

Die existentielle Krise der EU kommt den USA gerade recht. Diese schwächt Europa als Konkurrent der USA und erlaubt es der EU nicht, eigenen Einfluss im ost- und zentralasiatischen Raum weiter auszuüben.

Und als am gefährlichsten für Europa wird sich der Sprengsatz „Made in USA“ erweisen, der in Europa installiert wurde. Wie sollen die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Zündsätze, die zwischen Russland und der NATO gelegt wurden, entschärft werden?

An dieser Stelle drängt sich förmlich die Frage auf, wann die Eliten Washingtons die Völker Europas dem Zerfall des alten Kontinents Europa, das heißt dem aus den programmierten wirtschaftlichen, politischen und militärischen Verwerfungen entstehenden Chaos überlassen werden?

Wann also kommt der Verrat Washingtons an den Völkern Europas?

Dieser Verrat ist bereits vollzogen, indem die US Politik in eigenem Interesse einen tiefen Graben zwischen Russland, dem Osten Europas und den Völkern West- und Mitteleuropas geschaffen hat, der die Gefahr eines vernichtenden Krieges in Europa in sich birgt. Dieser kommt in jeder Hinsicht den US Interessen entgegen, weil er Russland nachhaltig schwächen und die Konkurrenz eines starken Europa verhindern würde. 

Hier wird für uns Europäer einmal mehr deutlich, dass die Eliten in den USA nichts daran gelegen ist, Europa einen Krieg gegen Russland und damit die Gefahr einer thermonuklearen Verwüstung des alten Kontinentes zu ersparen.

Online-Flyer Nr. 581  vom 28.09.2016

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Von Kostas Koufogiorgos
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