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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Kommentar
Kann es einen positiven Frieden geben?
Ja, es ist möglich
Von Uri Avnery

DER ZIONISMUS war eine revolutionäre Idee. Er beabsichtigte, ein neues jüdisches Gebilde im Land Palästina zu schaffen. Das zionistische Projekt war in der Tat sehr erfolgreich. 1948 war die Embryo-Nation so stark, dass sie einen Staat schaffen konnte: Israel wurde geboren. Wenn man ein Haus baut, braucht man ein Baugerüst. Wenn das Gebäude fertig ist, wird das Gerüst abgebaut. Aber politische Ideen und Strukturen sterben nicht so schnell. Der menschliche Geist ist faul und ängstlich und hängt an vertrauten Ideen, noch lange nachdem sie schon überholt sind. Auch kleiden sich politische und materielle Interessen in eine Idee und widerstehen einem Wandel. Also existiert der „Zionismus“ weiter, auch nachdem er sein Ziel bereits erreicht hat. Das Gerüst ist überflüssig, ja hinderlich geworden.

Zionistischer Staat

INWIEFERN hinderlich? Nehmen wir Australien als Beispiel. Es wurde von britischen Siedlern als Kolonie Britanniens geschaffen. Die Australier waren Britannien zutiefst ergeben. Im Zweiten Weltkrieg kamen sie bei uns vorbei. Sie waren auf dem Weg, in Nordafrika für Britannien zu kämpfen. (Wir mochten sie sehr.) Aber Australien ist nicht Britannien. Das Klima, die Geografie, die Lage sind unterschiedlich und das sorgt für unterschiedliche politische Möglichkeiten. Wenn wir das Weltjudentum als etwas wie ein Mutterland betrachten – wie es Britannien für Australien ist –, dann hätte Israel nach der Geburt die Nabelschnur abschneiden lassen müssen. Eine neue Nation. Eine neue Lage. Andere Nachbarn. Unterschiedliche Möglichkeiten. Das ist niemals geschehen. Israel ist ein zionistischer Staat, jedenfalls glauben das die große Mehrheit seiner Bürger und seine Führer. Kein Zionist sein bedeutet, ein Abtrünniger, fast ein Verräter zu sein. Aber was verstehen Israelis unter „Zionismus“? Patriotismus? Nationalismus? Solidarität mit den Juden in aller Welt? Oder noch viel mehr: die Idee, dass Israel nicht allein seinen Bürgern gehört, sondern allen Juden in der Welt?

Außenposten gegen die Barbarei

DIESE bewusste oder unbewusste Grundkonzeption hat weit reichende Folgen. Israel wird offiziell und rechtlich als „jüdischer und demokratischer Staat“ definiert. Heißt das, dass alle nicht jüdischen Bürger Israels, z.B. die Araber, nicht wirklich dazugehören, sondern nur geduldet werden und dass es fraglich ist, ob sie Bürgerrechte genießen dürfen? Bedeutet das, dass Israel an sich in Wirklichkeit eine westliche Nation ist, die in den Nahen Osten (auch das ist ein westlicher Ausdruck) verlagert worden ist?

Der Gründer der Zionistischen Bewegung Theodor Herzl schrieb in seinem grundlegenden Buch Der Judenstaat, Palästina werde sich anbieten, als Außenposten der europäischen Zivilisation gegen die Barbarei zu dienen. An welche Barbaren dachte er da wohl? Etwa 110 Jahre danach drückte der damalige Ministerpräsident von Israel Ehud Barak dieselbe Idee in blumigeren Worten aus. Er nannte Israel eine „Villa im Dschungel“. Auch in diesem Fall ist wieder leicht zu erraten, an welche wilden Bestien er dabei dachte. Seit den Masseneinwanderungen der Gemeinden orientalischer Juden nach Israel (und anderen Ländern) in den frühen 1950er Jahren sind nur sehr wenige jüdische Gemeinden im Osten übrig geblieben und diese sind winzig und kläglich. Das Weltjudentum konzentriert sich (oder besser: ist zerstreut) im Westen, besonders in den USA.

Die Verbindung zwischen Juden und Israelis ist für Israel von sehr großer Bedeutung. Die beherrschende Stellung der jüdischen Gemeinschaft in der Politik der USA garantiert die diplomatische Immunität der israelischen Regierung - unabhängig davon, was diese tut - und natürlich kräftige finanzielle und militärische Unterstützung - unabhängig davon, wer in den USA Präsident ist. (Wenn morgen alle Juden der USA, von messianischem Eifer ergriffen und en masse, nach Israel einwandern würden, wäre das eine furchtbare Katastrophe für den „jüdischen Staat“.) Andererseits macht die Verbindung zwischen Juden und Israelis den Staat Israel in der Tat zu einem „westlichen Außenposten“, wie es Herzl vorschwebte, und das wiederum garantiert, dass sich der jüdische Staat ewig mit seinen geografischen Nachbarn im Kriegszustand befinden wird.

Nationalstaat des jüdischen Volkes

DAS THEMA „Frieden mit den Arabern“ wird in Israel ohne Ende diskutiert. Es ist die Trennungslinie zwischen „Rechts“ und „Links“. Die vorherrschende Überzeugung ist: „Frieden wäre ja schön. Schließlich wollen wir alle Frieden. Leider ist Frieden aber unmöglich.“ Warum unmöglich? „Weil die Araber keinen Frieden wollen. Sie werden keinen jüdischen Staat in ihrer Mitte akzeptieren. Weder jetzt noch jemals.“ Auf diese Überzeugung gründet sich Benjamin Netanjahu, wenn er seine Friedensbedingung formuliert: „Die Araber müssen Israel als den Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen.“ Das ist lächerlich. Gewiss, die „Araber“ müssen den Staat Israel anerkennen. Und Jasser Arafat tat das auch wirklich am Vorabend des Oslo-Abkommens im Namen des palästinensischen Volkes. Aber wie die Bürger Israels nun das Wesen ihres Staates und ihrer Regierung benennen, ist allein ihre Sache.

Wir erkennen China nicht als kommunistisches Land an. Wir erkennen die USA nicht als kapitalistisches Land an und wir erkannten in der Vergangenheit die USA auch nicht als das Land weißer Protestanten an. Wir erkennen Schweden nicht als schwedisches Land an. Das Ganze ist lächerlich. Aber niemand innerhalb oder außerhalb Israels wagt es, Netanjahu aus seinem Traum aufzuwecken. Doch trifft Netanjahu an einem Punkt etwas Grundlegendes. Frieden zwischen Israel und Palästina – und infolgedessen zwischen Israel und der gesamten arabischen und muslimischen Welt – verlangt sowohl in Israel als auch in Palästina einen grundlegenden geistigen Wandel. Ein Stück Papier reicht da nicht aus.

Krieg oder Frieden in der semitischen Region

AM VORABEND des Krieges von 1948, in dem der Staat Israel geboren wurde, habe ich eine Broschüre mit dem Titel „Krieg oder Frieden in der semitischen Region“ veröffentlicht. Sie beginnt mit den Worten: Als unsere Väter beschlossen, in Palästina eine „sichere Zuflucht“ zu schaffen, mussten sie eine von zwei Möglichkeiten wählen: Sie könnten in Westasien als europäische Eroberer auftreten, die sich als Brückenkopf der „weißen“ Rasse und als Herren der „Eingeborenen“ sehen, so, wie es die spanischen Konquistadoren und die angelsächsischen Kolonisten in Amerika getan hatten. Zu ihrer Zeit machten es die Kreuzfahrer in Palästina genauso. Die andere Möglichkeit wäre, sich als asiatisches Volk zu sehen, das in seine Heimat zurückkehrt … Ein Jahr darauf, gegen Ende des Krieges, wurde ich schwer verwundet. Ich lag, ohne zu schlafen und ohne zu essen, viele Tage lang im Hospital und hatte viel Muße, über meine jüngsten Erfahrungen als Kampfsoldat nachzudenken und meine Schlüsse daraus zu ziehen. Ich kam zu dem Schluss, dass es ein arabisches palästinensisches Volk gebe, dass dieses Volk einen eigenen Staat brauche und dass es niemals Frieden zwischen uns und ihnen geben werde, wenn nicht ein Staat Palästina neben unserem eigenen neuen Staat entstehen würde. Das war der Beginn der „Zwei-Staaten“-Idee, von der wir heute sprechen. In den folgenden Jahren wurde der Gedanke von allen zurückgewiesen: von den Arabern, den USA und der Sowjetunion. Und natürlich von allen aufeinander folgenden israelischen Regierungen. Bekanntermaßen sagte Golda Meir: „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht!“

Heute ist die Zwei-Staaten-Lösung Weltkonsens. Die meisten Israelis akzeptieren sie, wenn auch nur theoretisch. Selbst Netanjahu tut von Zeit zu Zeit so, als akzeptiere er sie. Aber auf welcher Grundlage? Viele ihrer neuen Anhänger nehmen sie als willkommene Gelegenheit, beide Seiten voneinander zu „trennen“. Wie Ehud Barak (der „Villa-im-Dschungel“-Mann) es ausdrückt: „Sie werden dort und wir werden hier sein“. Das wird nicht ausreichen. Es ist eine negative Haltung. Einige ihrer Anhänger sind dafür, weil sie – durchaus zu Recht – Angst haben, Eretz Israel könnte im anderen Fall Eretz Ismael werden, ein bi-nationaler Staat mit arabischer Mehrheit. Im Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan sind die Araber bereits in der Mehrheit. Diejenigen, die einen „jüdischen Staat“ wollen, sind für die Zwei-Staaten-Lösung, aber aus dem falschen Grund. Das Hauptargument gegen diese Denkungsart ist jedoch, dass sie bei einem historischen Konflikt, der schon seit fast 140 Jahren besteht, nicht dafür ausreicht, Frieden zu schaffen. Man kann keinen historischen Frieden schließen, wenn man seine Kriegs- und Konflikt-Mentalität beibehält. Damals im Hospital dachte ich zum ersten Mal über diese Lösung nach. Noch war der Krieg in vollem Gange und ich dachte nicht über „Trennung“ nach. Ich dachte über Versöhnung zwischen zwei Völkern nach einem sehr langen Konflikt nach und ich dachte über zwei Völker nach, die Seite an Seite in zwei freien und nationalen Staaten leben würden, jedes unter seiner eigenen Fahne ohne eine Mauer zwischen ihnen. Tatsächlich stellte ich mir eine offene Grenze vor und freien Verkehr von Menschen und Waren.

Dieses Land – ob man es nun Palästina oder Eretz Israel nennt – ist sehr klein. Dort in zwei Staaten zu leben, die einander feindlich gesinnt sind, wäre ein Albtraum. Deshalb ist irgendeine Art freier Vereinigung – ob nun Konföderation oder Föderation – die reine Notwendigkeit. Um eine solche Vereinigung zu errichten und aufrechtzuerhalten, brauchen wir den Geist der Versöhnung. Wir brauchen nicht nur einen negativen Frieden, also die Abwesenheit von Krieg, einen kalten Frieden der gegenseitigen Beschuldigungen und Feindseligkeiten, sondern wir brauchen einen positiven Frieden, einen wahren Frieden, bei dem jede Seite die Grundmotive, die historische Narration und die Hoffnungen und Ängste der jeweils anderen Seite versteht.

Ein positiver Frieden

IST DAS möglich? Nun, zwischen Deutschland und Frankreich ist es nach vielen Jahrhunderten des Konflikts, darunter zwei Weltkriege, schließlich geschehen. Ja, ich glaube, dass es bei uns möglich ist. Ihr könnt mich ruhig einen Optimisten schelten – es gibt schlimmere Beschimpfungen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 580  vom 21.09.2016

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