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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kommentar
Über den Mut der Angela Merkel
Der große Eisenbahn-Skandal
Von Uri Avnery

ICH BIN ja nicht von der neidischen Art, aber ich beneide die Deutschen. Ich beneide sie um Angela Merkel. Merkel hat etwas getan, das ihren politischen Interessen vollkommen entgegen ist. Sie hat die Tore Deutschlands für fast eine Million Flüchtlinge geöffnet, die meisten von ihnen Muslime, viele aus dem vom Krieg zerrissenen blutigen Syrien. Kein Volk, nicht einmal ein Volk von Engeln oder Angelas kann eine Million Ausländer ohne einige Befürchtungen aufnehmen. Doch Merkel hatte den moralischen und politischen Mut, das Risiko auf sich zu nehmen. Jetzt hat sie unter den Konsequenzen zu leiden.

Alle Achtung

DAS LAND Mecklenburg-Vorpommern, das Land, aus dem Merkel stammt, versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. In den Landtagswahlen rutschte ihre Partei auf den dritten Platz – nach den Sozialdemokraten und den Weit-Rechten. Eine verheerende Niederlage, die bedeuten könnte, dass Merkel in den nächsten Bundestagswahlen die Macht verlieren wird. Die Kanzlerin ist nicht dumm. Sie weiß, dass sie und ihre Partei vielleicht einen hohen Preis für ihre Entscheidung in der Flüchtlingsfrage wird zahlen müssen. Sie tat es trotzdem. Es stimmt schon, sie hatte vielleicht auch banale Gründe. Die Deutschen sind ein alterndes Volk. Keine Religion sagt ihnen, sie sollten mehr Kinder bekommen, als sie nun einmal bekommen. Deutschland braucht mehr Arbeiter. Es braucht auch mehr Steuerzahler, damit der Staat seinen Alten die großzügig bemessenen Pensionen zahlen kann. Aber trotzdem, kein normaler Politiker, der bei Verstand ist, hätte eine solche starke Welle menschlichen Elends ins Land gelassen und das hat auch kein anderer Politiker in Europa getan. Um das zu tun, braucht man ein sehr hohes Niveau an moralischer Überzeugung. Die Politiker sind nicht gerade für ihr hohes moralisches Niveau bekannt, tatsächlich ist es unter ihnen sehr rar. Wie die Deutschen sagen: Alle Achtung.

Wir wollten Arbeiter ins Land holen...

VOR VIELEN Jahren las ich einen bemerkenswerten Satz an der Kölner Klagemauer. In der Nähe des Eingangs zum Kölner Dom stand eine große Plakatwand. Die Menschen wurden aufgefordert, ihre Gedanken und Beschwerden auf ein von der Stadt dort ausgelegtes Stück Papier zu schreiben und es an die Wand zu heften. Eine der Notizen lautete: „Wir wollten Arbeiter ins Land holen und fanden heraus, dass wir Menschen ins Land geholt hatten!“ Eben das geschieht jetzt in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern, die viel weniger Einwanderer ins Land gelassen haben. In Deutschland gibt es keine Tradition der großen regierenden Frauen wie Elisabeth I. von England, Maria Theresa von Österreich und Katharina die Große in Russland (die Deutsche war). Die Pastorentochter Angela Merkel beeindruckt mich als mutige, moralische, eigensinnige Frau. Wenn ich einen Hut trüge – kein säkularer Israeli tut das – würde ich ihn vor ihr ziehen.

Wertschätzung und Abscheu

DIESES Zeichen von Wertschätzung findet sein Gegengewicht in dem Abscheu, den ich gegen die Partei empfinde, die die Kanzlerin in den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern geschlagen hat. Die „Alternative für Deutschland”, die den zweiten Platz im Landtag erreicht hat, ist genau die Art von Partei, die ich in jedem Land verabscheue: ein weit-rechter, populistischer, demagogischer Haufen. Ich bin in Deutschland vor heute genau 93 Jahren geboren, als ein lächerlicher Demagoge einen Putschversuch in München unternahm. Der wurde von der örtlichen Polizei und Armee niedergeschlagen. Die Menschen, die sich damals Adolf Hitler anschlossen, waren dieselbe Sorte wie die jetzigen weit-rechten Wähler in Mecklenburg-Vorpommern. Adolf Hitler kam schließlich an die Macht, begann einen Weltkrieg, der viele Millionen Menschen das Leben gekostet und Deutschland zerstört hat (ganz zu schweigen vom Holocaust). Ich war sicher, dass etwas Derartiges nicht noch einmal in Deutschland geschehen könnte. Überall sonst, sogar in Israel, aber nicht in Deutschland. Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt. Nie wieder!

Wie kann also eine sehr weit rechte, rassistische, fremdenfeindliche Partei auch nur einen bescheidenen Wahlsieg gewinnen? Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Hitler und seine Nazis einmalig waren, ist das doch ein tief verstörendes Phänomen. Man braucht keinen tief sitzenden jüdischen Komplex zu haben, um ein Warnlicht aufleuchten zu sehen. Ich gebe zu, ich bin überrascht und mache mir auch ein wenig Sorgen. Ich habe während meiner Lebenszeit die Nazis aufsteigen sehen, ich habe nicht erwartet, in meinem Leben noch einmal irgendetwas zu sehen, das dem auch nur im Entferntesten ähnelt. Aber Angela Merkel ist noch an der Macht und sie scheint entschlossen, ihrem Gestirn zu folgen und ihrer Politik treu zu bleiben. Wie schon gesagt: Ich beneide ihr Volk.

Merkel moralisch eine Heldin, Netanjahu ein Feigling

ICH GLAUBE nicht, dass irgendjemand in der Welt Israel um Benjamin Netanjahu beneidet. Wenn ich mir einen Politiker vorstellen könnte, der das genaue Gegenteil von Angela Merkel ist, dann wäre es Benjamin Netanjahu. Merkel ist moralisch eine Heldin, Netanjahu ist moralisch ein Feigling. Das hat sich in einer politischen Farce gezeigt, die Israel in den letzten Tagen erschüttert hat: der große Eisenbahn-Schabbat-Skandal. Israel ist offiziell ein „jüdischer und demokratischer Staat“. Na gut, also nicht ganz jüdisch und nicht ganz demokratisch, aber sei’s drum. Da Israel ein jüdischer Staat ist, ist es das einzige Land der Welt, in dem am Schabbat keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren - von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Aufgehen der drei Sterna am Samstagabend. (In Tel Aviv habe ich seit meiner Kindheit niemals Sterne gesehen.) Warum? Zwischen den beiden Versionen der Zehn Gebote in der Bibel gibt es einen deutlichen Unterschied.

In der ersten Version (Exodus 20,11) ist der Grund ein göttlicher: „Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht … und ruhte am siebenten Tage.“ Aber in der zweiten Version (Deuteronomium 5,14f.) ist der Grund ein rein sozialer: „auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe gleich wie du. (15) Denn du sollst gedenken, dass du auch Knecht in Ägyptenland warest“. (Im hebräischen Original heißt es „Sklave“, in der Übersetzung „Knecht“.) Auch die meisten von uns Atheisten mögen den Schabbat – das Land ist ruhig, die meisten von uns können sich ausruhen und/oder sich amüsieren. Aber etwas ist faul, wie Hamlet, der übrigens kein Jude war, sagen würde. Wie kann ein armer Mensch, der kein eigenes Auto hat, an den Mittelmeer-Strand kommen oder an den See Genezareth im Norden, ans Tote Meer im Osten oder ans Rote Meer weit unten im Süden? Er kann nicht. Er bleibt zu Hause und verflucht die Rabbiner.

Die Rabbiner gehören der Regierungs-Koalition an. Ohne sie hat die Rechte nicht genug Stimmen. Die Linke auch nicht. Also müssen sie sie auszahlen. Folglich: Kein öffentlicher Transport am Schabbat. Die Abmachung gründet sich auf etwas, das Status quo genannt wird, nicht in biblischem Hebräisch, sondern in Latein. Es bedeutet: „der Zustand, der“, das ist eine Abkürzung für „der Zustand, der vorher (vor dem Krieg) geherrscht hat“. In unserem Fall: die Situation, die vermutlich vor der Gründung Israels geherrscht hat. Das Gesetz besagt: Juden sollen am Schabbat keine Arbeit verrichten, es gestattet jedoch dem Arbeitsminister, einige Arbeiten auszunehmen, wenn das für das Funktionieren einer modernen Gesellschaft durchaus notwendig ist: Wasser, Elektrizität und dergleichen. Die orthodoxen Parteien stimmen dem zu, wenn sie dafür einen angemessenen Preis bekommen (Geld für ihre Schulen, in denen nichts außer heiligen Texten gelehrt wird). Dieser Status quo ist recht ungewiss. Gehört die Reparatur von Schienen dazu? Es kommt darauf an. Es kommt auf die Laune der Rabbiner an. Und darauf, wie viel Geld den Besitzer wechselt.

Plötzlich richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass die staatlichen Eisenbahn-Behörden wichtige Reparaturen am Schabbat ausführen. Die Rabbiner drohten, sie würden die Regierung stürzen. Also ergab sich Netanjahu am Freitag letzter Woche 10 Minuten vor Schabbat-Beginn und ordnete an, dass alle Arbeiten an der Eisenbahn sofort eingestellt werden müssten. Das richtete Chaos und Verwüstung an. Auch am Sonntag gab es also keinen Verkehr, damit die notwendigen Arbeiten an einem Werktag verrichtet werden konnten. Das äußerste Chaos. Dazu ist anzumerken, dass die Eisenbahn in Israel keine große Rolle spielt. Den öffentlichen Verkehr bestreiten in der Hauptsache Busse. Die erste Eisenbahn bauten die Türken, um sich die Hadsch nach Mekka zu erleichtern. Die Briten bauten, besonders im Zweiten Weltkrieg, einige Linien dazu, um ihre Soldaten nach Ägypten zu transportieren.

Die Linie von Haifa nach Damaskus war eine Zielscheibe des Spottes. Eine Dame rief den Schaffner: „Eine Kuh läuft hinter uns her!“ Darauf antwortete der Mann ruhig: „Machen Sie sich keine Sorgen, sie wird uns nicht überholen!“ Jetzt haben wir einen neuen Minister für Transport und Verkehr. Er ist sehr ehrgeizig und will den Eisenbahnverkehr modernisieren. Er deutet auch an, dass er schließlich Netanjahus Nachfolger werden will. Netanjahu mag Leute nicht, die seine Nachfolger werden wollen – jedenfalls nicht jetzt, nicht in ferner Zukunft, niemals. Darum ergriff er die Gelegenheit, den Minister zu sabotieren. Die Krise erreichte den Obersten Gerichtshof. Dieser entschied, dass der Ministerpräsident nicht dafür zuständig sei, die Eisenbahn außer Betrieb zu setzen. Nur der Arbeitsminister hat das Recht, Arbeitserlaubnis für den Schabbat zu erteilen oder nicht. Also konnte Netanjahu aufatmen – er ist nicht mehr dafür verantwortlich. Sollen sich doch der Verkehrsminister und der Arbeitsminister in die Haare geraten. Je mehr, desto besser.

In dieser Woche verfolgten alle das Drama: Werden die Reparaturen an den Gleisen am Schabbat fortgesetzt oder nicht? Werden die armen Soldaten, die über Schabbat zu Hause sein durften, die Eisenbahn benutzen können, um am Sonntag zu ihren Militärstützpunkten zurückzukehren? (Ich war einmal Soldat und ich hatte es nie besonders eilig, zu meinem Stützpunkt zurückzukehren.) Sei dem, wie ihm wolle, Netanjahu hat sich wieder einmal als opportunistischer Politiker ohne Rückgrat erwiesen, einer, der sich bei kleinen Dingen leicht dem Druck beugt und um die großen Themen einen großen Bogen macht. Leider. Er ist wirklich keine Angela Merkel.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 579  vom 14.09.2016

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