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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kommentar
Über Netanjahu und den Zustand Israels
Bibi hat Glück
Von Uri Avnery

„GEBT MIR Generäle, die Glück haben!“ rief Napoleon einmal aus. Das erinnert mich an Goethes Faust, der sich beklagte: „Wie sich Verdienst und Glück verketten,/ Das fällt den Toren niemals ein“. Glück kann ein großer Wohltäter sein. Es kann auch die Ursache von Katastrophen sein. Ich erinnere mich undeutlich an einen dieser übelwollenden griechischen Götter – oder war es eine Göttin? -, der seine menschlichen Opfer dadurch zugrunde richtete, dass er sie glücklich machte. Glück geht mit Hybris einher. Und Hybris führt zur Nemesis.

Politiker mit sehr viel Glück

NEHMT NUR einmal Benjamin Netanjahu als Beispiel: Ein Politiker, der sehr viel Glück hat – jedenfalls bis jetzt. Seine Vorgänger standen einer geeinten Front arabischer Staaten gegenüber, die entschlossen waren, Israel zu vernichten oder doch wenigstens die Palästinenser dabei zu unterstützen, Freiheit und Unabhängigkeit zu gewinnen. 1948 zogen an dem Tag der Beendigung der britischen Herrschaft und der Gründung des Staates Israel alle Armeen der benachbarten arabischen Staaten in Palästina ein. 1967 versuchten es drei dieser Staaten noch einmal – mit (für sie) katastrophalen Folgen. 1973 griffen zwei von ihnen an, der eine von Süden, der andere von Norden, und wurden erst nach schweren Kämpfen zurückgeschlagen.

Es war immer ein allgemein anerkannter Grundsatz, dass alle diese Armeen, sobald sich die Gelegenheit dafür bieten würde, Israel erneut angreifen würden, um uns dazu zu zwingen, uns aus den Gebieten zurückzuziehen, die wir 1967 besetzt haben. Und sie würden die palästinensischen Brüder dabei unterstützen, endlich ihren eigenen Nationalstaat zu errichten. Und seht euch jetzt einmal um. Nicht die kleinste Bedrohung Israels durch Araber ist übrig geblieben. Alle benachbarten Araber sind vollauf damit beschäftigt, sich gegenseitig umzubringen. Syrien, die Heimat des arabischen Nationalismus, war einmal der entschlossenste Feind Israels. Seine Armee wurde für die effizienteste arabische Streitmacht gehalten. Was ist davon übrig geblieben?

Neulich bat mich ein Freund ganz verzweifelt, ich solle ihm erklären, wer in Syrien eigentlich gegen wen kämpft. Ich nannte Präsident Baschar al-Assads Armee, die verschiedenen islamistischen Milizen, die gegen Assad und gegen einander kämpfen, das Islamische Kalifat (Daesh), das gegen diese alle und gegen die kurdischen Truppen kämpft, während der Iran und Hisbollah Assad gegen die USA unterstützen, aber den USA gegen Daesh beistehen, wobei die Türkei Daesh unterstützt, aber auch den USA hilft, die mit Russland gegen Daesh zusammenarbeitet, während sie gegen die syrischen Kurden kämpft, die von den USA unterstützt wurden. Nach fünf Minuten gab mein Freund auf: „Das ist mir zu kompliziert“, sagte er.

Die ganze Zeit über schauen israelische Generäle und Politiker dabei zu, versuchen, ihre Schadenfreude zu verbergen, und tun so, als wären sie über die schrecklichen Bilder von Gräueltaten und Schrecknissen entsetzt, die aus Aleppo kommen, einem der arabischen Kultur- und Handelszentren (und ehemaligem Zentrum einer hochgeachteten alten jüdische Gemeinde). Netanjahu hat nicht das Geringste getan, um diese Situation zu schaffen, ist jedoch einer der Hauptnutznießer. Von Syrien wird weit in die Zukunft hinein keine Bedrohung Israels mehr ausgehen, während wir uns die Syrischen Golanhöhen einverleiben, die wir 1967 erobert und danach annektiert haben.

Alle arbeiten jetzt diskret mit Israel zusammen

SAUDI-ARABIEN betrachtet sich als das Herz der islamischen Welt, da die beiden dem Islam heiligsten Orte Mekka und Medina in seinem Herrschaftsgebiet liegen. Die Saudis finanzieren fanatische sunnitisch-islamische Zellen in aller Welt, ihre Imame gehören zu den extremsten von all denen, die zur Beseitigung des ungläubigen Gräuels Israel aufrufen. Aber jetzt ist Saudi-Arabien vollständig mit dem Kampf gegen seinen Hauptkonkurrenten in der islamischen Religion, den Iran, beschäftigt. Der brutale Krieg im Jemen gehört dazu. Das Land braucht alle Verbündeten, die es nur eben bekommen kann. Und wen gibt es da? Sieh da, das verfluchte ungläubige Israel. Die saudischen Prinzen – es gibt buchstäblich Tausende von ihnen – flirten jetzt schon fast offen mit dem „Jüdischen Staat“. Und wohin Saudi-Arabien geht, dorthin folgen ihm alle anderen arabischen Golfstaaten: Kuwait, Bahrain, Qatar, Dubai und was sonst noch. Alle schwimmen im Geld. Alle arbeiten jetzt diskret mit Israel zusammen.

Saudische Imame haben schon verkündet, dass Juden eine geringere Gefahr für den Islam seien als die Schiiten, die häretischen Regierenden des Iran. Darum ist es ganz akzeptabel, mit Israel gegen den Iran zusammenzuarbeiten. Was für Saudi-Arabien gut und fromm ist, ist für Ägypten, den größten arabischen Staat mit den meisten Einwohnern, sogar noch besser. Wir haben einige Kriege gegen Ägypten ausgefochten. Im ersten davon war ich Soldat und ich erinnere mich, wie ich einmal allein über ein großes Feld gegangen bin, das vollständig mit den Leichen von Ägyptern bedeckt war.

Vor fast 30 Jahren unterzeichnete Israel einen Friedensvertrag mit Ägypten, aber die Beziehungen blieben kühl, ja fast frostig. Die Ägypter fühlen sich sehr verantwortlich für ihre armen Verwandten, die Palästinenser. Sie mögen das, was Israel mit ihnen macht, überhaupt nicht. Aber jetzt schmilzt das Eis zwischen den beiden Regierungen. Es stimmt, der ägyptische Judoka in Rio weigerte sich, dem israelischen Sieger die Hand zu geben, und der ägyptische Außenminister sagte nach einem Besuch in Israel einige zweifelhafte Worte, aber hinter den Kulissen sind die Beziehungen zwischen den Regierungen eng und werden bei der gemeinsamen Bemühung enger, die Hamas im Gazastreifen, die vom Iran und allen anderen Palästinensern unterstützt wird, zu unterdrücken. Netanjahu hat nicht das Geringste getan, um dies alles zu bewirken. Aber alles geschah während seiner nicht enden wollenden Amtszeit. Glückssache, reine Glückssache.

Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen

AN DER Wirtschaftsfront war das Glück Netanjahu ebenso hold. Der Verkauf israelischer Produkte und Dienstleistungen in Asien weitet sich aus und gleicht die leichten Verluste in Europa und den USA wieder aus. Der Einfluss von BDS auf die Wirtschaft ist kaum zu spüren. (Die ausgedehnte Kampagne für BDS wäre sehr viel erfolgreicher gewesen, wenn sie sich auf den Boykott der Produkte aus den Siedlungen beschränkt hätte. Die israelische Friedensorganisation Gusch Schalom, der ich angehöre, begann vor fast 20 Jahren mit diesem Boykott. Sie hatte das erklärte Ziel, die Bürger des eigentlichen Israel von den Siedlungen zu trennen und die Siedler zu isolieren. BDS hat die entgegengesetzte Wirkung: Sie stärkt Netanjahu und die Rechte.)

Israels Wirtschaftserfolge wirken sich stark auf die Stimmung im Land aus. Die meisten Leute, die Netanjahus Politik kritisieren, führen ein behagliches Leben. Behaglich lebende Leute machen keine Revolutionen. Sie äußern ihren Ärger in Privatgesprächen mit ihren Freunden oder in den sozialen Medien. Einige schreiben Artikel in "Haaretz". Dank sei Gott für Haaretz. Sie steigen nicht auf die Barrikaden.

Zurzeit gibt es keine wirksame Opposition gegen Netanjahu. Die Führer der Arbeitspartei, Erben Ben-Gurions und Rabins, sind völlig bankrott und es ist kein Ersatz in Sicht. Meretz ist eine hübsche kleine Insel, die froh ist, wenn sie in Ruhe gelassen wird. Die arabische Partei ist inakzeptabel, sehr zu ihrer eigenen Zufriedenheit. Es gibt viele Dutzend Friedens- und Menschenrechts-Organisationen, die bewundernswerte Arbeit leisten, gegen die Besetzung kämpfen, Palästinensern beistehen, auf vielerlei Weise die Demokratie verteidigen und sich dabei manchmal selbst in Gefahr bringen. Fast wöchentlich erscheint eine neue auf der Bildfläche, hisst ihre Fahne und wirbt um Anhänger.

Israel kann auf diese jungen Idealisten stolz sein, aber sie haben keine politischen Ambitionen und deshalb nicht den geringsten Einfluss auf die Führung Israels, die die Entscheidungen trifft. Die Knesset ist jetzt in so kläglichem Zustand, dass ich persönlich sie meide. Als ehemaliger Abgeordneter werde ich zu all den zahlreichen feierlichen Sitzungen eingeladen. Ich nehme diese Einladungen niemals an. Ich will diese Dutzende rechter, infantiler Politiker nicht von Nahem sehen, die ihre Zeit damit verbringen (und das Geld des Steuerzahlers verschwenden), lächerliche Gesetzentwürfe einzubringen, z. B. den, „die Fahne zu beschützen“. Dieser verbietet dem Staatspräsidenten, an jedem öffentlichen Ereignis teilzunehmen, in dem die israelische Fahne nicht deutlich sichtbar ausgestellt wird. Man fragt sich, ob in dieser Knesset irgendeine ernsthafte Arbeit geleistet werden kann.

Veränderung durch Druck von außen?

ALL DIES brachte viele gutgesinnte Israelis dazu, daran zu verzweifeln, dass Israel von innen verändert werden könnte, und sie vertrauten auf „Druck von außen“. Die Hoffnung ist, dass „die Welt“ – die USA, die UN, die EU oder irgendeine andere Zusammenstellung von Buchstaben – Israel dazu „zwingen“ würde, seinen Kurs zu ändern. Wie? Durch politische Verurteilungen, Wirtschaftssanktionen, Wissenschafts-Boykotte und dergleichen. Das ist natürlich eine bequeme Hoffnung. Wer ihr anhängt, fühlt sich nicht gezwungen, selbst irgendetwas zu tun.

Vor vielen Jahren wurde ich einmal zur Teilnahme an einem internationalen Forum über Frieden im Nahen Osten, das in Portugal stattfand, eingeladen. Eingeladen war auch der spanische Staatmann Miguel Moratinos. In meiner Rede beschuldigte ich die Europäische Union, sie habe uns in unserem Kampf um Frieden zwischen Israel und den Palästinensern im Stich gelassen, statt kraftvoll einzuschreiten und die israelische Regierung zum Kurswechsel zu zwingen.

Statt eine der üblichen Entschuldigungen vorzubringen, wandte sich Moratinos an mich und sagte so etwas wie: „Was für eine Frechheit, von Europa zu fordern, eure Aufgaben zu erledigen! Es ist die Sache Israels, seine Regierung auszutauschen. Geht nicht in der Welt umher und beklagt euch bei anderen über eure Regierung – geht und tut etwas dagegen!“

Ich habe zwar ärgerlich geantwortet, aber in meinem Herzen wusste ich, dass er recht hatte. Warum sollte sich irgendjemand darum kümmern? Warum sollte Barack Obama politisches Kapital ausgeben, um Israel vor sich selbst zu schützen, wenn wir es nicht tun? Warum sollte Europa Israel Sanktionen auferlegen und sich beschuldigen lassen, es sei antisemitisch, wenn es in der Knesset keinen Einzigen gibt, der eine wirkliche aktive Opposition organisiert? Im gegenwärtigen lächerlichen Wahlkampf in den USA wetteifern beide Kandidaten (jemand nannte sie „den Verrückten und die Korrupte“) darin, wer der israelischen Regierung mehr schmeichelt. Donald Trump droht sogar damit, uns bald besuchen zu kommen. (Wenn ich Amerikaner wäre, würde ich mich schämen. Sind das wirklich die Besten, die eine Nation von 320 Millionen aufbieten kann?)

Aber da die Dinge sind, wie sie sind, ist es lächerlich, irgendwelche Hoffnungen auf „Druck Amerikas“ oder „Druck aus dem Ausland“ zu setzen. Den Ausländern ist Netanjahu von Herzen gleichgültig, ob er nun Glück hat oder nicht. Sie sagen uns in verschiedenen Worten alle dasselbe: „Ihr habt ihn gewählt, dann entsorgt ihn auch.“ Wladimir Putin, dieser vollendete Zyniker, ist sogar bereit, ihn mit Komplimenten zu überschütten, um seine westlichen Kollegen zu ärgern. Warum auch nicht? Er kommt gut zurecht, ob nun mit oder ohne Netanjahu. Nitschewo.

Es sei denn, eine politische Kraft ersteht

WIR ALSO haben Netanjahu am Hals. Ein anderes griechisches Sprichwort lautet: „Wenn die Götter einen Menschen zugrunde richten wollen, lassen sie ihn zuerst irrsinnig werden”. Das könnte die israelische Besetzung erklären. Es sei denn, eine politische Kraft ersteht in Israel und ändert den Kurs, allem Glück zum Trotz. Ich wünschte, ich wüsste, welchen griechischen Gott ich darum bitten sollte.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 577  vom 31.08.2016

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