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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zu Judokämpfern und Judentum
Olympische Juden?
Von Uri Avnery

DIE SZENE auf dem Flughafen Ben-Gurion diese Woche war recht überraschend. Mehr als tausend junge männliche Fans waren gekommen, um zwei israelische Judokämpfer willkommen zu heißen – einen Judokämpfer und eine Judokämpferin – die bei den Olympischen Spielen in Rio je eine Bronzemedaille gewonnen hatten. Es war ein sehr lärmender Empfang. Die Menge raste, schrie, stieß sich, hob die Fäuste. Dabei ist Judo in Israel kein außergewöhnlich beliebter Sport. Israels Sportbegeisterte füllen die Fußballstadien und die Basketballplätze. Aber in diesen beiden Sportarten ist Israel weit davon entfernt, Medaillen zu gewinnen. Also wurden die israelischen Massen plötzlich Judofans (einige nannten die Disziplin „Jehudo”). Leute, die nicht vor Begeisterung rasend wurden, betrachtete man als Verräter. Wir haben nichts von den Judomeistern gehört, die die Gold- oder Silbermedaille gewonnen haben. Gab es die überhaupt?

Wo bleibt da die jüdische Solidarität?

WIR KÖNNEN uns nur in unserer Fantasie ausmalen, was geschehen wäre, wenn zum israelischen Olympia-Team auch arabische Athleten gehört hätten. Araber? In unserem Team? Es stimmt, Araber machen 20 Prozent der Bevölkerung Israels aus und einige sind im Sport sehr aktiv. Aber Gott – oder Allah – rettete uns aus dieser Not: Keiner von ihnen schaffte es nach Rio. Aber da gibt es eine andere Frage, die Aufmerksamkeit hätte erregen sollen. Israel ist – nach seiner offiziellen Definition – ein „jüdischer Staat“. Es erhebt den Anspruch, dem jüdischen Volk zu gehören. Es betrachtet sich in gewisser Weise als Hauptquartier des „Weltjudentums“. Warum hat niemand in Israel auch nur das geringste Interesse an den Medaillen, die Juden und Jüdinnen aus den Teams anderer Nationen gewonnen haben? Wo bleibt da die jüdische Solidarität? Und wo der jüdische Stolz? Dort, wo es von Bedeutung wäre, gibt es keine Solidarität. Bei den Olympischen Spielen, die ein hoch nationalistisches Ereignis sind, kümmert sich kein Mensch in Israel um die Diasporajuden. Zum Teufel mit ihnen. Es sieht so aus, als ob beim Sport die Unterscheidung zwischen Israelis und Juden grundsätzlicher als in allen anderen Lebensbereichen sei. In der Tat ist die Unterscheidung so grundsätzlich, dass die Frage nicht einmal gestellt wird. Wen interessiert das schon?!

„Israel vor sich selbst zu schützen“

DIE FRAGE tauchte in der Debatte, die sich vor Kurzem erhob, nicht auf. Ausgelöst wurde diese durch einen kleinen Artikel von mir, der in der liberalen israelischen Zeitung Haaretz erschien. Ich wies darauf hin, dass einige der besten und intelligentesten jungen Israelis ausgewandert sind und in fremden Ländern Wurzeln gefasst haben. Seltsam genug: Die bei ihnen beliebteste neue Heimat ist Deutschland und die von ihnen am meisten bevorzugte Stadt ist Berlin. Ich bat die Auswanderer höflich, doch zurückzukommen und an dem Kampf teilzunehmen, „Israel vor sich selbst zu schützen“. Einige der Israelis in Berlin winkten höflich ab. Nein, aber danke schön, sagten sie. Sie fühlten sich in der ehemaligen Reichshauptstadt zu Hause und hätten durchaus nicht die Absicht, nach Israel zurückzukommen.

Ich war erstaunt, dass niemand von denen, die schrieben, die jüdische Gemeinde in Berlin oder an irgendeinem anderen Ort auch nur erwähnte. Sie sehen sich nicht als Mitglieder der jüdischen Gemeinden in der Welt, sondern als Mitglieder einer davon getrennten neuen israelischen Diaspora. Wie die meisten Israelis hegen sie eine heimliche Verachtung für Diaspora-Juden. Aber dabei kann es nicht bleiben. Außer denen, die sich vollständig von Religion und Tradition befreit haben, müssen sich israelische Paare im Ausland immer noch von einem Rabbi trauen, ihre neugeborenen Söhne von einem Rabbi beschneiden und sich schließlich auf einem jüdischen Friedhof begraben lassen. Schon bald werden sie zu vollwertigen Mitgliedern der lokalen jüdischen Gemeinden werden. Für diese Juden wird der gesamte Prozess innerhalb von sechs oder sieben Generationen abgeschlossen sein: vom Diaspora-Juden zum Israeli und vom Israeli zurück zum Diasporajuden.

Zionismus ohne eindeutige Definition

DER GRÜNDER des politischen Zionismus Theodor Herzl glaubte, dass nach der Schaffung des „Judenstaates“ (der nicht notwendig in Palästina liegen müsste) alle Juden der Welt dorthin gehen und sich dort niederlassen würden. Diejenigen, die das nicht täten, würden sich in den Ländern, in denen sie lebten, assimilieren und aufhören, Juden zu sein. Das war eine simple Idee, denn Herzl war eine naive Person und wusste sehr wenig über die Juden. Deswegen verstand er nicht die künftige Differenz zwischen Juden im jüdischen Staat und den anderen, die dort blieben, wo sie waren, oder die in andere Länder, z.B. in die USA, auswandern würden. Das Wort „Jude“ bekam zwei unterschiedliche Bedeutungen. Juden waren stolz, von einem „jüdischen Volk“ sprechen zu können, einem einzigartigen Volk, das in der ganzen Welt zerstreut war. Tatsächlich war nichts Einzigartiges an ihm: Es war im Byzantinischen Reich und später im Osmanischen Kalifat eine normale Situation. Einige Aspekte wurden im britischen Mandat beibehalten und es gibt sie sogar noch heute in den Gesetzten Israels.

In diesem System, das die Türken "millet" nannten, sind Völker keine territorialen Einheiten, sondern geografisch zerstreute religiöse Gemeinschaften, von denen jede von ihrem eigenen Religionsführer regiert wird, der seinerseits dem Kaiser oder Sutan unterstellt ist. Die Juden unterschieden sich in dieser Hinsicht nicht von den Hellenisten, den unterschiedlichen christlichen Sekten und später den Muslimen. Erst mit der Entstehung der modernen Nationen, die sich auf Territorien gründeten, wurden die Juden fast einzigartig. Andere religiöse Völker reformierten sich und wurden moderne Nationen. Die eigensinnigen Juden verweigerten sich dem Wandel und blieben eine zerstreute ethnisch-religiöse Einheit. Herzl und seine Anhänger wollten das ändern und die Juden verspätet in eine moderne Nation mit einem eigenen „Vaterland“ verwandeln. Das schließlich bedeutetet der Begriff Zionismus.

Warum unterschieden sie nicht deutlich zwischen den Mitgliedern ihrer neuen Nation und den Juden in aller Welt? Es gab niemals eine eindeutige Definition der zionistischen Ideologie, wie etwa die der marxistischen. Außerdem fürchteten sie, dass eine eindeutige Trennung von der jüdischen Religion ihrer Sache schaden würde. Deshalb ließen sie das Durcheinander von jüdischer Religion, jüdischer Diaspora, jüdischem Volk, jüdischem Staat und Ähnlichem bestehen. Der Gedanke dabei, keinen Unterschied zwischen einem Juden in Berlin und einem Juden in Tel Aviv zu machen, war folgender: Juden in aller Welt sollte es leichter gemacht werden, nach Israel zu gehen. Niemand dachte über die Tatsache nach, dass diese Brücke in zwei Richtungen führte: Wenn es leicht war, von Berlin nach Tel Aviv zu gehen, war es ebenso leicht, von Tel Aviv nach Berlin zu gehen. Und das eben geschieht jetzt.

Juden hervorbringen

ES WÄRE vielleicht nicht geschehen, wenn die vom Zionismus geschaffene neue Nation mit einem neuen Namen benannt worden wäre. Eine kleine Gruppe Intellektueller machte vor 70 Jahren eben diesen Vorschlag. Sie wollten die Mitglieder der neuen Nation in Palästina „Hebräer" nennen, während die Mitglieder der Diaspora weiterhin „Juden" heißen sollten. Die Zionisten verurteilten das streng. Zwar wurde diese Unterscheidung in die Alltagssprache übernommen, setzte sich jedoch in der offiziellen Sprache nicht durch. Die Schaffung des Staates Israel schien eine natürliche Lösung zu bieten. Es gab die jüdische Diaspora und es gab den Staat Israel. Juden in Israel wurden Israelis und waren stolz darauf. Wenn man sie im Ausland fragte, wer sie seien, antworteten sie ganz natürlich „Ich bin Israeli” und niemals „Ich bin Jude".

Ich habe den starken Verdacht, dass ein junger israelischer Emigrant in Berlin auch heutzutage dieselbe Antwort gibt. Aber da gibt es ein Problem: Mehr als 20 Prozent der israelischen Bürger sind Araber. Gehören sie unter den Begriff der israelischen Nation? Die meisten von ihnen und fast alle jüdischen Israelis würden mit einem Nein antworten. Sie betrachten sich als palästinensische Minderheit in Israel. Die einfache Lösung wäre, die „israelischen Araber" als nationale Minderheit anzuerkennen und mit allen Minderheiten-Rechten auszustatten. Aber die israelische Führung ist dazu nicht in der Lage. Deshalb haben wir eine recht groteske Situation: Wenn die Registrierungsbehörde der israelischen Regierung die „Nationalität” einer Person abfragt, weigert sie sich, die Antwort „israelisch" zu akzeptieren und besteht stattdessen auf „jüdisch" (oder „arabisch"). (Nationalität bedeutet in Israel nicht Staatsangehörigkeit.)

Eine Gruppe (zu der auch ich gehörte) machte eine Eingabe gegen diese Entscheidung beim Obersten Gerichtshof, aber diese wurde zurückgewiesen. Einmal hatte ich einen Streit mit Ariel Sharon. Ich fragte ihn: „Was sind sie in erster Linie, Israeli oder Jude?" Ohne zu zögern, antwortete er: „In erster Linie bin ich Jude, erst danach Israeli." Meine Antwort war der seinen entgegengesetzt: „Ich bin in erster Linie Israeli, erst danach bin ich Jude." Sharon war in einem Gemeindedorf geboren und wusste so gut wie nichts über Judaismus. Aber er wurde im israelischen Bildungssystem erzogen, das vollkommen darauf ausgerichtet ist, Juden hervorzubringen. Und dennoch: Wenn Sharon noch lebte, hätte er zweifellos den israelischen Jodoka gratuliert. Und es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, sich nach jüdischen Olympia-Stars zu erkundigen.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 576  vom 24.08.2016

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