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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Kommentar
Über den jungen israelischen Soldaten Elor Asaria
Der Schuss, der im ganzen Land gehört wurde
Von Uri Avnery

AM 28. JUNI 1914 besuchte der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens, das damals eine österreichische Provinz war. Drei junge in Bosnien ansässige Serben hatten beschlossen, ihn zu ermorden, um den Anschluss Bosniens an Serbien zu erzwingen. Sie warfen Bomben auf den Wagen des Erzherzogs. Allen dreien misslang es, ihn zu verletzen. Später stieß der eine der Attentäter, Gavrilo Princip, zufällig auf das von ihm auserwählte Opfer. Der Wagen des Erzherzogs war falsch abgebogen, der Fahrer versuchte rückwärts zu fahren, der Wagen kam zum Stillstand und Princip erschoss den Herzog. Das war „der Schuss, der um die ganze Welt gehört wurde“. Dieser kleine Zwischenfall führte zum Ersten Weltkrieg, der zum Zweiten Weltkrieg mit insgesamt 100 Millionen Toten und der dann weiter zu Bolschewismus, Faschismus, Nazismus und Holocaust führte. Während jedoch die Namen Lenin, Stalin und Hitler Jahrhunderte lang im Gedächtnis bleiben werden, ist der Name der wichtigsten Person des 20. Jahrhunderts: Gavrilo Princip bereits vergessen. (Da er erst 19 Jahre alt war, erlaubte das österreichische Gesetz nicht, dass er zum Tode verurteilt wurde. Also wurde er ins Gefängnis gesteckt, wo er mitten im Ersten Weltkrieg unbemerkt an Tuberkulose starb.) Aus irgendeinem Grund erinnert mich diese unbedeutende Person, die Geschichte schrieb, an den unbedeutenden jungen Israeli Elor Asaria, dessen Tat die Geschichte des Staates Israel durchaus verändern kann.

Blutend am Boden liegend erschossen

DIE TATSACHEN des Falles sind ganz eindeutig. Zwei junge Palästinenser griffen in einer Siedlung extremistischer Juden in Tel Rumaida im Zentrum Hebrons einen israelischen Soldaten mit einem Messer an. Der Soldat wurde leicht verletzt. Auf die Attentäter wurde geschossen. Einer starb sofort, der andere wurde schwer verletzt und lag blutend am Boden.

Was dann geschah, wurde von einem einheimischen Palästinenser mit einer der vielen Kameras fotografiert, die die israelische Menschenrechtsorganisation "B'Tselem" an die dortige Bevölkerung verteilt hatte. Die Besatzung eines israelischen Krankenwagens behandelte den verwundeten Soldaten und kümmerte sich nicht um den schwer verletzten Araber, der am Boden lag. Einige israelische Soldaten standen herum und kümmerten sich ebenso wenig um den Palästinenser. Etwa 10 Minuten später erschien der Sanitäter Sergeant Elor Asaria auf der Bildfläche, trat an den verwundeten Palästinenser heran, schoss ihn geradewegs in den Kopf und tötete ihn damit.

Ohrenzeugen berichten, Asaria habe erklärt: „Der Terrorist muss sterben“. Später behauptete Asaria auf den Rat der geschlossenen Front seiner Rechtsanwälte hin, er habe befürchtet, dass der verletzte Palästinenser Sprengstoff am Körper getragen habe und im Begriff gewesen sei, die Soldaten in seinem Umkreis zu töten. Diese Behauptung wird eindeutig von den Bildern widerlegt. Diese zeigen, dass die Soldaten, die in der Nähe standen, offensichtlich ganz unbesorgt waren. Dann gab es da ein geheimnisvolles Messer, das zu Beginn des Clips noch nicht da gewesen war, und das man am Ende neben dem Leichnam liegen sehen konnte. Der Film wurde in den sozialen Medien weithin verbreitet und war nicht zu ignorieren. Asaria wurde vor ein Militärgericht gestellt und er wurde zum Ausgangspunkt eines politischen Sturms, der jetzt seit Wochen anhält. Dieser spaltet die Armee, die Öffentlichkeit, die politische Szene und den gesamten Staat.

Krieg bringt das Beste und das Schlimmste des Wesens eines Menschen an den Tag
 
LASSEN SIE MICH eine persönliche Bemerkung einschieben. Ich bin nicht naiv. Im Krieg von 1948 war ich zehn Monate lang Kampfsoldat, bevor ich schwer verwundet wurde. Ich habe alle möglichen Gräueltaten gesehen. Als der Krieg zu Ende war, schrieb ich auf Hebräisch ein Buch mit dem Titel Die Kehrseite der Medaille über all diese Gräueltaten. Es wurde von vielen in Grund und Boden verdammt. Der Krieg bringt das Beste und das Schlimmste des Wesens eines Menschen an den Tag. Ich sah Kriegsverbrechen, die von Menschen begangen wurden, die nach dem Krieg zu freundlichen, normalen, gesetztestreuen Bürgern wurden.

Was ist an Elor Asaria also so Besonderes, außer der Tatsache, dass er bei seiner Tat gefilmt wurde? Wir haben ihn alle im Fernsehen gesehen, wie er während seines Prozesses, der noch andauert, im Militärgerichtssaal sitzt. Ein kindlich aussehender Soldat, der recht verloren wirkt. Seine Mutter sitzt direkt hinter ihm, wiegt seinen Kopf in ihren Armen und streichelt ihn die ganze Zeit über. Sein Vater sitzt neben ihr und während der Verhandlungs-Unterbrechungen beschimpft er laut den Militär-Staatsanwalt. Was ist an diesem Fall also so Besonderes? Ähnliche Taten kommen ständig vor, allerdings werden die wenigsten gefilmt. Sie gehören zur Routine. Besonders in Hebron, wo einige hundert fanatische Siedler zwischen 160.000 Palästinensern leben, von denen die meisten religiös und nationalistisch sind. Die Stadt Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt. Sie existierte schon lange vor biblischer Zeit.

Im Zentrum Hebrons steht ein Gebäude, das dem jüdischen Glauben gemäß die Gräber der israelitischen Patriarchen beherbergt. Archäologen bestreiten diese Behauptung. Araber glauben, dass es Gräber verehrter muslimischer Scheiche seien. Für sie ist das Gebäude eine Moschee. Seit Beginn der Besetzung ist Hebron ein Ort unaufhörlicher gewaltsamer Auseinandersetzungen. Die Hauptstraße ist Juden vorbehalten und für den arabischen Verkehr gesperrt. Für Soldaten, die dorthin geschickt werden, um die Siedler zu schützen, ist es die Hölle. In dem Clip sieht man, dass Asaria gleich nach der Tötung mit jemandem einen Händedruck wechselt. Diese Person ist kein anderer als Baruch Marsel, der König der Siedler in Tel Rumaida. Marsel ist der Nachfolger von "Rabbi" Meir Kahane, der vom Obersten Gerichtshof von Israel als Faschist eingestuft wurde. (Marsel forderte einmal öffentlich zu meiner Ermordung auf.) Während des Prozesses wurde offenkundig, dass Marsel jeden Samstag die ganze Kompanie israelischer Soldaten, die die Siedlung schützen, mitsamt ihren Offizieren zu sich zu Gast lädt. Das heißt, dass Asaria diesen faschistischen Ideen ausgesetzt war, bevor er schoss.

Gräben immer breiter

WODURCH wird der Fall des „schießenden Soldaten“ (so wird er in der hebräischen Presse genannt) zu einem Wendepunkt in der Geschichte des Unternehmens Zionismus? Wie ich vor kurzem im Artikel "Der Große Graben" (23.7.2016) schrieb, ist Israel jetzt in unterschiedliche „Sektoren“ gespalten, zwischen denen die Gräben immer breiter werden. Juden und Araber, Orientalen (Misrahim) und Europäer (Aschkenasen), Säkulare und Religiöse, exklusive Orthodoxe und inklusive „National-Religiöse“, Männer und Frauen, Heterosexuelle und Homosexuelle, alte und neue Einwanderer, besonders aus Russland, Reich und Arm, Tel Aviv und die „Peripherie“, Links und Rechts, Bewohner des eigentlichen Israel und Siedler in den besetzten Gebieten.

Die einzige Institution, die fast alle diese unterschiedlichen Elemente, die sich gegenseitig bekämpfen, vereinigt, ist die Armee. Sie ist weit mehr als eine bloße Kampftruppe. Eben dort begegnen sich alle jungen Israelis (außer den Orthodoxen und den Arabern) auf gleicher Ebene. Sie ist ein „Schmelztiegel“. Sie ist das Heiligste des Heiligen. Jetzt nicht mehr. An dieser Stelle betritt Sergeant Asaria die Szene. Er hat nicht nur einen verwundeten Palästinenser getötet – dieser hieß übrigens Abd al-Fatah al-Sharif. Asaria verwundete die Armee tödlich.

Heimlicher Versuch, die Armee von unten zu erobern

SEIT EINIGEN Jahren unternehmen die „National-Religiösen“ den heimlichen Versuch, die Armee von unten zu erobern. Dieser Sektor war früher eine kleine und verachtete Gruppe, die von religiösen Juden weitgehend als Zionisten abgelehnt wurde. Die Othodoxen glauben, Gott habe die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil geschickt und nur Gott habe das Recht, sie in das Heilige Land zurückzubringen. Die Zionisten nahmen die Aufgabe Gottes selbst in die Hand und begingen damit eine schwere Sünde. Die meisten religiösen Juden lebten in Osteuropa und wurden im Holocaust vernichtet. Einige der Überlebenden kamen nach Palästina und bilden jetzt eine nach außen abgeschlossene eigenständige Gemeinschaft in Israel. Sie nehmen riesige Mengen Geld vom zionistischen Staat und doch grüßen sie die zionistische Fahne nicht.

Auf der anderen Seite wurden die „National-Religiösen“ in Israel aus einer kleinen scheuen Gemeinschaft zu einer großen und mächtigen Kraft. Ihre enorme Geburtenrate – 7 bis 8 Kinder im Durchschnitt – hat einen großen Vorteil für sie. Als die israelische Armee Ostjerusalem und das Westjordanland eroberte, die mit heiligen Stätten übersät sind, wurden sie durchsetzungsfähig und selbstbewusst. Ihr gegenwärtiger Führer, der erfolgreiche High-Tech-Unternehmer Naftali Bennett, ist jetzt ein dominierendes Mitglied der Regierung und in ständiger Konkurrenz und ständigem Konflikt mit Benjamin Netanjahu. Seine Partei hat ihr eigenes Bildungssystem. Seit Jahrzehnten bemüht sich diese Partei mit aller Kraft, die Armee von unten zu erobern. Ihre paramilitärischen Vorbereitungsschulen bringen hoch motivierte künftige Offiziere hervor, die allmählich in das untere Offiziers-Corps eindringen. Einst war es eine Seltenheit, dass Hauptleute und Majore Kippot trugen, jetzt ist es gang und gäbe.

Ein Schlag ins Gesicht der Armeeführung
 
ALL DAS explodiert jetzt. Die Asaria-Affäre zerfetzt die Armee in der Luft. Der Führungsstab, der sich noch in der Hauptsache aus Alteingesessenen, also Aschkenasen und (vergleichsweise) Gemäßigten, zusammensetzt, stellte Asaria vor Gericht. Einen verwundeten Feind töten verstößt gegen den Armeebefehl. Soldaten dürfen nur schießen und töten, wenn sie selbst oder andere unmittelbar in Lebensgefahr sind. Ein großer Teil der Bevölkerung, besonders der religiöse und politisch rechte Sektor, protestiert laut gegen den Prozess. Da Asarias Familie zu den Orientalen gehört, ist unter den Protestierenden auch ein Großteil des orientalischen Sektors. Netanjahus scharfe politische Nase hat den Trend sofort gerochen. Er beschloss, die Familie Asaria zu besuchen, allein seine Berater hielten ihn im letzten Augenblick davon zurück. Stattdessen rief er Elors Vater an und übermittelte ihm per Telefon sein persönliches Mitgefühl. Bevor Avigdor Lieberman zum Verteidigungsminister ernannt wurde, besuchte er persönlich den Gerichtssaal, um zu zeigen, dass er auf der Seite des Soldaten stehe. Das war ein Schlag ins Gesicht der Armeeführung.

Jetzt wird das letzte Bollwerk der nationalen Einheit, die Armee, in Stücke gerissen. Die Angehörigen des Oberkommandos werden öffentlich als Linke beschimpft. Diese Bezeichnung ist im gegenwärtigen israelischen Diskurs nicht weit von der Bezeichnung Verräter entfernt. Der Mythos der militärischen Unfehlbarkeit ist zerschellt, die Autorität des Oberkommandos stark beschädigt, der Stabschef wird blindwütig kritisiert. Es ist durchaus möglich, dass in der Auseinandersetzung zwischen dem Sergeanten Elor Azaria und dem Stabschef Generalleutnant Gadi Eizenkot der Sergeant gewinnen wird. Wenn er überhaupt verurteilt wird, weil er offensichtlich den Befehlen zuwidergehandelt hat, wird er mit einer leichten Strafe davonkommen. Dass er einen wehrlosen Menschen getötet hat, hat ihn zum Nationalhelden gemacht. Er gab den Schuss ab, der im ganzen Land gehört wurde. Vielleicht wurde er „um die ganze Welt gehört“.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.



Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 574  vom 10.08.2016

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