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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Globales
Gescheiterter Putsch, Kehrtwende in Syrienpolitik, geschwächte NATO
Ein anderer Blick auf die Türkei
Von Irene Eckert

Ein neuer friedenspolitischer Hoffnungsschimmer zeichnet sich am Horizont ab. Das geopolitisch seit 1949 immer höher aufgetürmte NATO-Kartenhaus könnte bald ins Wanken geraten und am Ende gar einstürzen - und das nachdem auf dem Warschauer NATO-Gipfel am 8./9.Juli noch Einigkeit und die bedrohliche Ausweitung der Kampfzone gen Russland hin beschworen wurde. (2) Erdogan hatte noch im Mai versucht, auf die NATO dahingehend einzuwirken, dass das Schwarze Meer nicht zu einem Russischen See verkommen würde. (3)

Und erstens kommt es anders und als zweitens als man denkt …

Vor Wochen noch Unmögliches nimmt aber inzwischen Gestalt an. Eine Normalisierung der türkisch-russischen Beziehungen bahnte sich vermutlich seit längerem an und wurde realisierbar, nachdem Erdogan sich bei Russland für den Abschuss einer Suchoi Su-24 der russischen Luftwaffe am 24. November 2015 im türkisch-syrischen Grenzgebiet förmlich entschuldigt hat. Diese – aus russischer Sicht – überfällige und unausweichliche Geste aus der Türkei kam dann kurz vor dem gescheiterten Putschversuch vom 15./16. Juli. Aus internationalen Quellen ist nun deutlich vernehmbar, dass es Präsident Putin war, der die Haut seines türkischen Kollegen rettete, indem er ihn von dem geplanten Putschversuch in Kenntnis gesetzt hat. (4)

Wer operiert unter falscher Flagge?

Das rasch gestreute Gerücht von einer Operation unter falscher Flagge könnte daher eher von jenen Kreisen lanciert sein, die in Wirklichkeit hinter dem Putsch stecken: die Führungsmacht der NATO und ihre diversen Dienste. (5) Die Forderung Erdogans in Richtung USA, sie mögen das Haupt des geplanten Umsturzes, den CIA-Mann Gülen ausliefern, ist zwar diplomatisch gefasst, aber unmissverständlich (6). Außenminister Davutoglu, inzwischen abgelöst, gab zu, den Einsatzbefehl zum Abschuss der russischen Maschine erteilt zu haben. Die verantwortlichen Piloten wurden inzwischen verhaftet und der Verwicklung ins Putschgeschehen beschuldigt.

Mit gespaltener Zunge und absichtsvoller Blendung

Während nun bei uns zu Lande die Reaktion auf den abgewehrten Putsch im Nachbarland und NATO-Partner ebenso wie jenseits des Atlantik sehr verhalten war und unisono alle politischen Fraktionen jetzt die Säuberungen in der Türkei anprangern, geschieht in Wahrheit in deren Windschatten Großes. Die Reaktionen in Frankreich auf die neuerliche Terrorattacke in Nizza vom 14. Juli werden unbeanstandet nicht als unverhältnismäßig angeprangert, ebenso wenig wie die Polizeispezialeinsätze in Süddeutschland bei ebenfalls mörderischen Übergriffen. Während unterdessen der Terror immer weitere Kreise zieht, basteln die Leitmedien weiter am Feindbild Russland und allem Anschein nach auch am Negativ-Image der Türkei. Die Angst vor einem neuen allumfassenden Krieg nimmt unterdessen zu. Nicht wahrgenommen – wegen absichtlicher Blendung durch atlantisch geführte Medien – wird dagegen, dass sich unterdessen das Kräfteparallelogramm weiter, fast unmerklich und trotz alledem, zugunsten einer multipolaren Friedensachse verschiebt.

Brexit-Votum und NATO – Gipfel in Warschau (!) gingen Türkei – Putsch voran


Durch das Brexit-Votum der Briten droht eine erdrutschartige Erschütterung für die EU, der ökonomischen Basis der NATO. Das für Trans-Atlantiker Unzulässigste geschah: Volkes Stimme hatte sich – entgegen aller Manipulationsversuche im Vorfeld des Referendums – Anfang Juni 2016 erstmals unmissverständlich gegen ein US-gesteuertes Projekt ausgesprochen. Weitere Abstimmungen stehen jetzt anderen EU-Staaten ins Haus.

Die Warschauer NATO-Konferenz verlief trotz der martialischen Töne und der Einigkeitsschwüre nicht ganz im Sinne der Moderatoren. Die sich längerem schon abzeichnende türkische Wiederannäherung an den russischen Partner passt ganz und gar nicht ins geopolitische Konzept, das seit beinahe einem Jahrhundert in den US geschmiedet wird. (7) Die Türkei ist mit seiner bis dato stärksten Armee wichtigstes NATO-Mitglied an der Südostflanke Europas. Russland sollte mit dem türkischen Abschuss eines Kampfbomber im Anti-Terroreinsatz über Syrien bewusst und gezielt provoziert werden (8). Stattdessen besann sich Erdogan und war schon im Begriff, seine aggressive Syrien- und Russlandpolitik zu revidieren, als die wie bisher immer US-gesteuerten Putschisten dem Einhalt zu bieten versuchten. Der nunmehr – mit russischer Hilfe – abgewehrte Putsch des nato-getreuen türkischen Militärs führte zu einer umfassenden Säuberungsaktion. Diese richtet sich in erster Linie gegen die US-gesteuerten Gülen-Infiltrate (9), die nicht nur in Militärkreisen ihr Unwesen trieben, übrigens auch nicht nur in der Türkei. Der gewöhnlich sehr gut informierte Saker (10) meint, dass der niedergeschlagene Putsch für Syrien geradezu ‘gottgesandt’ gewesen sei, weil damit ein gewichtiger Gegner neutralisiert worden ist. Selbst eine türkisch-iranisch-russische Achse rückt er nun in den Bereich des Möglichen. Sollte es nun darüber hinaus gelingen, dass das amerikanische Volk die Wahl der Kriegerin Killary verhindert, so entstünden echte Chancen für eine multipolare und damit friedlichere Weltordnung.

In diesem Sinne ist aus friedenspolitischer Perspektive dem Treffen zwischen Erdogan und Putin am 9. August in Moskau Erfolg zu wünschen.



Fussnoten:

1 http://pwlasowa.blogspot.de/2016/07/syrien-kehrtwende-erdogan-lasst-grenze.html

2 „Auf dem NATO-Gipfel am 8. und 9. Juli 2016 wird es vor allem darum gehen, eine Spaltung im Bündnis zu verhindern…“ Arbeitspapier

Die Agenda des NATO-Gipfels von Warschau von Karl-Heinz Kamp Sicherheitspolitik Nr. 9/2015 https://www.baks.bund.de/sites/baks010/files/arbeitspapier_sicherheitspolitik_9_2015.pdf

Allerdings hatte Erdogans Türkei etwa bereits bezüglich einer geplanten Verstärkung der NATO-Präsenz im Schwarzen Meer schon vor der Tagung einen Rückzieher gemacht Laut Stratfor sprach sich die Türkei bis vor kurzem ebenfalls für die Stärkung der Nato im Schwarzen Meer aus, doch in den vergangenen Wochen versuchte Ankara, die Beziehungen zu Moskau zu normalisieren, die sich nach dem Abschuss des russischen Militärflugzeugs über Syrien durch die Türkei verschlechterten.  http://de.sputniknews.com/politik/20160707/311228704/schwarzes-meer-stratfor-zuspitzung-russland-nato.html

3 Erdogan, In Plea To NATO, Says Black Sea Has Become “Russian Lake”

May 11, 2016 – 8:04pm, by Joshua Kucera The Bug Pit NATO Russia Turkey

Turkish President Recep Tayyip Erdogan has called for a greater NATO presence in the Black Sea to counter Russia, potentially representing a policy shift for Ankara, which has traditionally jealously guarded its role as the sole Western power on the sea.

Speaking at a Balkan security conference in Istanbul, Erdogan complained that the sea has become a “Russian lake” http://www.eurasianet.org/node/78741

4 http://pwlasowa.blogspot.de/2016/07/syria-and-coup-in-turkey-saker.html

http://pwlasowa.blogspot.de/2016/07/why-russia-revealed-coup-plans-to.html

Erdogan: Turkey ready to restore regional peace together with Iran and Russia More: http://tass.ru/en/world/889162

5 http://de.sputniknews.com/politik/20160716/311507732/tuerkei-putsch-nicht-ohne-usa.html von Ulrich Gellermann

6 Erdogan wurde von Washington verwarnt, so Willy Wimmer.https://www.youtube.com/watch?v=TA1wIQWsI-U

7 Zbigniew Brzezinski „Die einzige Weltmacht Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, Frankfurt am Main ,1999 (Original 1997) hat Vorläufer in Mackinders Herzlandtheorie, und dessen Fortsetzer Spykman „Die amerikanische Strategie in der Weltpolitik 1942! Siehe dazu auch J.N. Semjonow „Die faschistische Geopolitik im Dienste des Amerikanischen Imperialismus“ Dietz-Verlag Berlin 1955

8 Siehe auch dazu Willy Wimmer in F4, der die Verantwortung dafür den USA zuschreibt.

9 http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/08/03/putsch-vorwurf-erdogan-will-nato-geheimarmee-zerschlagen/
10 Siehe FN 3


Erstveröffentlichung am 5. August 2016 bei "Arbeitskreis für Friedenspolitik"

Online-Flyer Nr. 574  vom 10.08.2016

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