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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Da war doch noch was?
Pumpmaschine
Von Harald Schauff

Deutschland ist bekannt für seine Spar-Mentalität. Wo es geht, wird etwas zurück gelegt: Fürs Alter, für Reparaturen, Neuanschaffungen, Notfälle. Anders läuft es in Amerika: Dort verlassen sich die meisten bei größeren Anschaffungen auf ihre Kreditkarten. Für Notfälle gibt es kaum Puffer. In den USA sei es generell einfacher auf Pump zu leben als zu sparen, konstatiert ein Beitrag von Zeit online (‘Ein Leben im Dispo’, 8. Mai 2016). Eine Studie der US-Notenbank Federal Reserve kommt zu dem Ergebnis: 47 Prozent der US-Bürger können im Notfall aus dem Stehgreif keine 400 Dollar bezahlen, etwa für eine Autoreparatur oder einen Arztbesuch. 7 Prozent gelten als ‘working poor’. Trotz Vollzeitjobs bleiben sie unterhalb der Armutsgrenze. Besonders vor der Finanzkrise gab es einen beinahe unbegrenzten Zugang zu Krediten aller Art. Lange Zeit herrschte die übliche Praxis, eine zweite oder dritte Hypothek aufs Haus aufzunehmen. Das Eigenheim gilt in den USA als Geldautomat.

Seit der Lockerung der Kreditgesetze in den 80ern dürfen Banken beliebig viele Kreditkarten herausgeben und den Zinssatz bestimmen. Beinahe jede große Einzelhandelskette hat ihre eigene Kreditkarte, die sie aggressiv bewirbt. Umgerechnet 5.700 Dollar an Kreditschulden fallen bei jedem US-Haushalt an. Von den Haushalten mit einer negativen Bilanz stehen 38 Prozent mit mehr als 15.000 Dollar in der Kreide.

Gemessen an der Inflation sind die Löhne vieler Amerikaner seit den 70ern nicht gestiegen. Nicht gerade förderlich für die Massenkaufkraft - und für die Altervorsorge. 30 Prozent aller Amerikaner sparen nicht für den Ruhestand, meint der Beitrag. Zu ergänzen wäre: Weil sie es auch nicht können. 45 Millionen US-Bürger sind auf Essensmarken angewiesen. Inzwischen ist die Kluft zwischen Arm und Reich derart riesig, dass laut SPIEGEL (10/2016) die 400 reichsten Amerikaner so vermögend sind wie die unteren 61 Prozent.

Auf diesem Gefälle droht die US-Wirtschaft abzurutschen. Immerhin hängt sie zu 70 Prozent vom Inlandskonsum ab. Wie unschwer zu erkennen, wird dieser zu Großteilen auf Pump am Laufen gehalten. Darüber darf auch das exportabhängige Deutschland froh sein, sind doch die Vereinigten Staaten inzwischen vor Frankreich und Großbritannien der Hauptabnehmer deutscher Ausfuhrgüter. Ein etwaiger Einbruch der US-Wirtschaft würde die deutsche unmittelbar mit hinunterziehen. Dieses Mal stünde China aufgrund schwächeren Wachstums und Umstrukturierungen seiner Wirtschaft als Aushilfszugpferd nicht zur Verfügung. Wehe also, wenn die Kreditkartenblase platzt und die Pumpmaschine ins Stocken gerät.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Juli 2016, erschienen.


Online-Flyer Nr. 570  vom 13.07.2016

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