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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kommentar
Da War doch noch was?
Schummelschicht
Von Harald Schauff

Wer hat die Macht im Lande? Kanzlerin, Minister, Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsratchefs, Verlags- , Rundfunk- und Fernsehdirektoren? VIPs, deren Grimassen regelmäßig in die Kameras grinsen? Ganz so einfach hierarchisch von oben nach unten strukturiert läuft die Befehlskette nicht. Der oberste Puppenspieler, an dessen Tisch alle Fäden zusammenlaufen und der selbst dann nicht bereit ist, sie aus der Hand zu geben, wenn sie sich zu einem heillosen Knäuel verwirrt haben, kennt man höchstens noch vom patriarchalisch geführten Mittelstandsbetrieb.

In Großunternehmen und Konzernen laufen die gezogenen Strippen komplizierter, über mehrere Etagen verteilt, um mehrere Ecken gewunden. Der- bzw. diejenigen, bei denen die Strippen zusammenlaufen, hält sie nicht unbedingt alle in der Hand, dafür den Buckel hin, wenn etwas schief läuft. Auf der anderen Seite auch die Tasche nochmals ordentlich auf, wenn er/sie den Posten räumen darf. Inwieweit er die Unternehmenspolitik bestimmt und ihr seinen Stempel aufdrückt, bleibt schwer zu ermessen.

Beim VW-Abgasskandal sickerte am Rande durch, dass die Idee mit der Schummel-Software weniger auf dem Mist des Vorstandes als vielmehr dem des mittleren Managements gewachsen ist. Demnach haben zwei bis drei Dutzend Unter- und Abteilungschefs zusammen mit einigen Ingenieuren das Manöver inszeniert. Ob der Vorstand davon wusste? Vielleicht hat er es nicht wissen wollen.

Hier begegnet ein Phänomen, das den Lauf der Geschichte nicht nur durchzieht, sondern ihn wesentlich geprägt haben dürfte: Wichtige politische und unternehmerische Entscheidungen werden nicht unbedingt ganz oben, sondern etwas tiefer, also eher weiter oben, getroffen. Von sich untereinander absprechenden Abteilungs-, Büro-, Team- und sonstigen Zwischen-Leitern. Solche gibt es auch in Ministerien. Dort heißen sie ‘Staatssekretäre’. Manchmal tagen diese ‘ressortübergreifend’. Und beschließen z.B., dass Rüstungsfirmen Millionen Euro an Fördergeldern erhalten sollen, wenn sie ‘innovativ’ forschen und entwickeln.

Es gibt einen schönen Ausdruck für diese unsichtbar agierende Zunft von Entscheidern in denZwischendecks von Firmen, Ämtern, Behörden, Ministerien und anderen Einrichtungen: ‘Schimmelschicht’. Seit Menschengedenken durchwabert sie die Bürokratien und Hierarchien dieser Welt, stets angesiedelt unter der Spitze des Eisberges. Offiziell gibt sie sich weisungsgebunden von oben. Inoffiziell kochte sie schon immer ihr eigenes Süppchen und ließ es von oben wie unten auslöffeln. Und sollte einmal einer ihrer Köpfe rollen, wächst sogleich einer anderer nach. Schimmel ist sehr reproduktionsfreudig. Allerdings gibt sich der echte, natürliche ehrlich zu erkennen und zeigt, wenn Nahrungsmittel verdorben und Wohnräume zu feucht ist. Der institutionelle gedeiht dagegen lieber im Verborgenen, wo sein Treiben unbemerkt und ungestört bleibt. Dort brütet er allerhand aus, auch so krumme Dinger wie manipulierte Abgastests. Die Schimmel- wird auch leicht schon mal zur Schummelschicht, wenn es dem Geschäfte dient. Geschickt schimmelt und schummelt sie sich durch Skandale, Umbrüche, Zeitenwenden, Politik- und Systemwechsel. Komme, was wolle, sie wird immer übrig bleiben und weiter schimmeln.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Juni 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 566  vom 15.06.2016

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