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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kommentar
Über eine Rede des israelischen Generals Jair Golan
Ich war an Ort und Stelle
Von Uri Avnery

„BITTE SCHREIBE nicht über Jair Golan!“, bat mich ein Freund. „Alles, was ein Linker wie du über ihn schreibt, wird ihm nur schaden!“ Also tat ich es ein paar Wochen lang nicht. Aber jetzt kann ich nicht noch länger schweigen. Der stellvertretende Stabschef der israelischen Armee General Jair Golan hielt am Holocaust-Gedenktag eine Rede. Er trug Uniform und las einen gut vorbereiteten, gut überlegten Text, der einen Aufruhr in Gang setzte, der sich noch nicht wieder gelegt hat. Dutzende von Artikeln sind daraufhin erschienen. In einigen von ihnen wird er verurteilt, in einigen gelobt. Es sieht so aus, als könnte es niemanden gleichgültig lassen. Der wichtigste Satz war: „Wenn mich etwas beim Gedenken an den Holocaust erschreckt, dann ist es die Erkenntnis von Entwicklungen, die sich in Europa und besonders in Deutschland vor 70, 80, 90 Jahren vollzogen, und dass es Anzeichen dafür heute, im Jahr 2016, hier bei uns gibt.“ (1) Die Hölle brach los. Was!!! Spuren von Nazismus in Israel? Eine Ähnlichkeit zwischen dem, was uns die Nazis antaten, und dem, was wir den Palästinensern antun? Vor 90 Jahren war 1926, eines der letzten Jahre der Weimarer Republik. Vor 80 Jahren war 1936, es war drei Jahre, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren. Vor 70 Jahren war 1946, kurz nach Hitlers Selbstmord und dem Ende des Nazireiches.

Der Sturm brach los und hält noch an

ICH FÜHLE MICH VERPFLICHTET, doch noch über die Rede des Generals zu schreiben, weil ich damals an Ort und Stelle war. Als Kind war ich Augenzeuge der letzten Jahre der Weimarer Republik (sie wird so genannt, weil ihre Verfassung in Weimar, der Stadt Goethes und Schillers, formuliert wurde). Als politisch wacher Junge war ich Zeuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten und des ersten halben Jahres ihrer Herrschaft. Ich weiß, wovon Golan gesprochen hat. Zwar gehören wir verschiedenen Generationen an, aber wir sind derselben Herkunft: Unsere Familien kamen beide aus kleinen Städten im Westen Deutschlands. Sein Vater und ich müssen viele Gemeinsamkeiten gehabt haben. Es gibt in Israel ein strenges moralisches Gebot: Nichts darf mit dem Holocaust verglichen werden. Der Holocaust ist einmalig. Er ist uns Juden geschehen, weil wir einmalig sind. (Religiöse Juden fügen hinzu: „Weil Gott uns auserwählt hat“.)

Ich habe gegen dieses Gebot verstoßen. Kurz bevor Golan geboren wurde, veröffentlichte ich (auf Hebräisch) ein Buch mit dem Titel: „Das Hakenkreuz“. Darin zeichnete ich meine Kindheitserinnerungen auf und versuchte einen Schluss aus ihnen zu ziehen. Es war am Vorabend des Eichmann-Prozesses und ich war erschrocken, wie wenig die jungen Leute im damaligen Israel über die Nazizeit wussten. Mein Buch handelte nicht vom Holocaust. Der fand erst statt, als ich schon in Palästina lebte, sondern es handelte von einer Frage, die mich jahrelang beunruhigte und die mich auch heute noch beunruhigt: Wie konnte es geschehen, dass die damals vielleicht kultivierteste Nation der Erde, die Heimat Goethes, Beethovens und Kants, auf demokratische Weise einen rasenden Psychopathen wie Adolf Hitler zu ihrem Führer wählte? Das letzte Kapitel des Buches trug die Überschrift: „Es kann auch hier geschehen!“  Diese Überschrift leitete ich vom Titel eines Buches des amerikanischen Romanschriftstellers Sinclair Lewis ab. Er hatte es ironisch: Das ist bei uns nicht möglich (It Can’t Happen Here) genannt. Darin beschrieb er eine Übernahme der Vereinigten Staaten durch Nazis.

In dem Kapitel erörterte ich die Möglichkeit, dass eine jüdische naziähnliche Partei in Israel an die Macht käme. Mein Schluss war, dass eine Nazipartei in jedem Land der Erde an die Macht kommen könnte, wenn die Bedingungen dafür geeignet wären. Ja, auch in Israel. Das Buch wurde von der israelischen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Diese wurde damals von einem Strom von Emotionen überschwemmt, die von den entsetzlichen Enthüllungen des Eichmann-Prozesses ausgelöst worden waren. Jetzt kommt der hochgeschätzte Berufssoldat General Golan und sagt dasselbe. Und zwar nicht als eine Bemerkung aus dem Stegreif, sondern anlässlich einer offiziellen Veranstaltung, als Redner in seiner Generalsuniform, der einen vorbereiteten, gut durchdachten Text vorliest. Der Sturm brach los und hält noch an.

Bereit, die Karriere Überzeugungen zu opfern

ISRAELIS HABEN eine Gewohnheit, mit der sie sich selbst schützen: Wenn sie mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert werden, dann übergehen sie das Wesentliche daran und beschäftigen sich mit einem sekundären, unwichtigen Aspekt der Sache. Von all den Dutzenden und Aber-Dutzenden von Reaktionen in der Presse, im Fernsehen und auf politischen Foren stellte sich so gut wie keine dem schmerzhaften Argument. Nein, sondern die wütende Debatte, die losbrach, betrifft die Frage: Darf ein hochrangiger Offizier seine Meinung über Dinge äußern, die den zivilen Apparat betreffen? Und das auch noch in Armeeuniform? Und bei einer offiziellen Veranstaltung? Sollte ein Armeeoffizier von seinen politischen  Überzeugungen schweigen? Oder sie nur in Sitzungen äußern, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, „auf relevanten Foren“, wie es Benjamin Netanjahu, der wütend war, ausdrückte?

General Golan genießt in der Armee großen Respekt. Als stellvertretender Stabschef war er bis jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Kandidat für das Amt des Stabschefs und hätte das Amt übernommen, sobald der amtierende nach den üblichen vier Jahren aus dem Amt scheidet. Dass dieser Traum, den jeder Generalstabsoffizier träumt, sich erfüllen könnte, ist für Golan jetzt in weite Ferne gerückt. Tatsächlich hat er die künftige Beförderung geopfert, um seine Warnung auszusprechen und dafür zu sorgen, dass sie so viel Gehör wie nur möglich findet.

Man kann einem solchen Mut nur Hochachtung zollen. Ich habe General Golan nicht persönlich kennengelernt, glaube ich, und ich kenne seine politischen Ansichten nicht. Aber ich bewundere ihn für das, was er getan hat. (Irgendwie erinnert es mich an einen Artikel, der vor dem Ersten Weltkrieg in der britischen Zeitschrift Punch erschien. Eine Gruppe junger Armeeoffiziere hatte eine Erklärung verfasst, die sich gegen die Irland betreffende Politik der Regierung richtete. Die Redaktion der Zeitschrift schrieb, dass sie, auch wenn sie die Meinung, die die rebellischen Offiziere geäußert hätten, missbillige, doch stolz auf die Tatsache sei, dass so junge Offiziere bereit seien, ihre Karriere ihren Überzeugungen zu opfern.) 

Ein stark faschistischer Geruch wird verströmt

DER AUFSTIEG der Nazis zur Macht begann 1929, als eine furchtbare weltweite Wirtschaftskrise Deutschland traf. Eine winzige, lächerlich weit rechte Partei wurde plötzlich zu einer politischen Macht, mit der gerechnet werden musste. Von dieser Zeit an brauchte die Partei vier Jahre, um zur größten Partei im Land zu werden und die Macht zu übernehmen (allerdings war sie doch noch auf eine Koalition angewiesen). Ich war an Ort und Stelle, als es geschah. Ich war Kind einer Familie, in der Politik zum Gesprächsthema am Esstisch geworden war. Ich sah, wie die Republik allmählich, langsam, Schritt für Schritt zusammenbrach. Ich sah, wie Freunde unserer Familie die Hakenkreuzfahne hissten. Ich sah, wie mein Lehrer im Gymnasium den Arm hob, als er die Klasse betrat, und zum ersten Mal „Heil Hitler“ sagte (danach versicherte er mir unter vier Augen, dass sich nichts verändert habe).

Ich war der einzige Jude im ganzen Gymnasium. Als Hunderte von Jungen – alle größer als ich – die Arme hoben und die Nazi-Hymne sangen und ich das nicht tat, drohten sie mir damit, mir alle Knochen zu brechen, wenn sich das wiederholte. Ein paar Tage darauf verließen wir Deutschland für immer. General Golan wurde beschuldigt, Israel mit Nazideutschland verglichen zu haben. Das tat er durchaus nicht. Wenn man seinen Text genau liest, erkennt man, dass er die Entwicklungen in Israel mit den Ereignissen verglichen hat, die zum Zerfall der Weimarer Republik führten. Und das ist ein stichhaltiger Vergleich.

Was in Israel, besonders nach der letzten Wahl, geschieht, hat mit den damaligen Ereignissen erschreckende Ähnlichkeit. Es stimmt schon, der Vorgang ist ganz anders geartet. Der deutsche Faschismus erwuchs aus der Demütigung der Kapitulation am Ende des Ersten Weltkrieges, der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien in den Jahren 1923-25, der furchtbaren Wirtschaftskrise von 1929 und dem Elend von Millionen Arbeitslosen. Israel siegt bei seinen häufigen militärischen Aktionen, wir haben ein bequemes Leben. Die Gefahren, die uns bedrohen, sind ganz anderer Natur. Sie haben ihren Ursprung in Siegen und nicht in Niederlagen.

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen dem heutigen Israel und dem damaligen Deutschland sehr viel größer als ihre Ähnlichkeiten. Aber auch Ähnlichkeiten sind tatsächlich vorhanden und der General tat durchaus recht daran, auf sie hinzuweisen. Die Diskriminierung der Palästinenser auf so gut wie allen Lebensgebieten kann man mit der Behandlung der Juden in der ersten Phase Nazideutschlands vergleichen. (Die Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten ähnelt eher der Behandlung der Tschechen im „Protektorat“ nach dem Treuebruch in München.)

Die vielen rassistischen Gesetze in der Knesset, die entweder schon angenommen wurden oder die noch in Arbeit sind, ähneln stark den Gesetzen, die in den frühen Tagen des Naziregimes vom Reichstag angenommen wurden. Einige Rabbiner fordern einen Boykott der arabischen Geschäfte. Wie damals. Der Ruf „Tod den Arabern“ („Juda verrecke!“) ist regelmäßig bei Fußballspielen zu hören. Ein Abgeordneter im Parlament fordert die Trennung von jüdischen und arabischen Neugeborenen in Geburtskliniken. Ein Chef-Rabbiner hat erklärt, dass die Gojim (Nichtjuden) dazu von Gott geschaffen wurden, den Juden zu dienen. Unsere Minister für Erziehung und Kultur sind bestrebt, Schulen, Theater und Künste an der extrem rechten Linie auszurichten, etwas, das man im damaligen Deutschland  Gleichschaltung nannte. Der Oberste Gerichtshof, der Stolz Israels, wird von der Justizministerin rücksichtslos attackiert. Der Gazastreifen ist ein riesiges Ghetto.

Natürlich würde niemand, der recht bei Trost ist, Netanjahu mit dem „Führer“ vergleichen, aber es gibt politische Parteien in unserem Land, die einen stark faschistischen Geruch verströmen. Das politische Gesindel, das derzeit Netanjahus Regierung bevölkert, hätte leicht seinen Platz in der frühen Naziregierung finden können. Eine der Hauptlosungen unserer gegenwärtigen Regierung ist, die „alte Elite“, die sie als zu liberal betrachtet, durch eine neue zu ersetzen. Eine der Hauptlosungen der Nazis war, „das System“ zu ersetzen. 

Ein weiterer Todesstoß für die Demokratie in Israel

ÜBRIGENS: Als die Nazis an die Macht kamen, waren fast alle hochrangigen Offiziere der Reichswehr entschiedene Anti-Nazis. Sie wollten sogar gegen Hitler putschen. Ihre politischen Führer wurden kurzerhand ein Jahr später erschossen, als Hitler seine Gegner in seiner eigenen Partei liquidieren ließ. Es heißt, dass General Golan jetzt von einem persönlichen Bodyguard geschützt wird. Das ist etwas, das in den Annalen Israels noch nie über einen General berichtet wurde.

Der General erwähnte weder Besetzung noch Siedlungen. Beides untersteht dem Militär. Aber er erwähnte die Episode, die sich, kurz bevor er seine Rede hielt, ereignet hatte und die Israel immer noch erschüttert: Im besetzten Hebron, das der Armee untersteht, sah ein Soldat einen schwer verwundeten Palästinenser hilflos am Boden liegen, näherte sich ihm und tötete ihn mit einem Kopfschuss. Das Opfer hatte zuvor versucht, ein paar Soldaten mit einem Messer anzugreifen, stellte aber inzwischen keine Bedrohung mehr für irgendjemanden dar. Das war ein eindeutiger Verstoß gegen den Dauerbefehl der Armee und der Soldat wurde vor ein Militärgericht gestellt.

Ein Aufschrei ging durchs Land: Der Soldat ist ein Held! Er sollte ausgezeichnet werden! Netanjahu rief den Vater des Soldaten an, um diesem seine Unterstützung zuzusagen. Avigdor Lieberman betrat den überfüllten Gerichtssaal, um seine Solidarität mit dem Soldaten zu bekunden. Ein paar Tage darauf ernannte Netanjahu Liebermann zum Verteidigungsminister und übertrug ihm damit das zweitwichtigste Amt in Israel.

Zuvor hatte General Golan starke Unterstützung sowohl vom Verteidigungsminister Mosche Jaalon als auch vom Stabschef Gadi Eisenkot bekommen. Wahrscheinlich war das der unmittelbare Grund dafür, dass Jaalon aus dem Amt geworfen und Lieberman an seine Stelle gesetzt wurde. Das ähnelt einem Putsch. Anscheinend ist Golan nicht nur ein mutiger Offizier, sondern auch ein Prophet. Der Einschluss der Partei Liebermans in die Regierungskoalition bestätigt Golans finsterste Befürchtungen. Es ist ein weiterer Todesstoß für die Demokratie in Israel. Bin ich dazu verdammt, ein zweites Mal in meinem Leben zum Zeugen derselben Entwicklungen zu werden?


Fussnote:

1 zitiert nach: http://www.dw.com/de/israelischer-general-sieht-parallelen-zu-nazi-deutschland/a-19250284


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 563  vom 25.05.2016

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