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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Kommentar
Gedanken zur Errichtung des Staates Israel
Ein Dokument mit einer Mission
Von Uri Avnery

ALS DAVID BEN-GURION am 14. Mai 1948 Israels Unabhängigkeitserklärung (offiziell: „Erklärung der Errichtung des Staates Israel“) verlas, war ich im Kibbuz Hulda. Meiner Kompanie der (noch unbenannten) israelischen Armee war befohlen worden, in der Nacht das arabische Dorf al-Kubab nahe der Stadt Ramleh anzugreifen. Wir erwarteten einen harten Kampf und ich überprüfte meine Ausrüstung und säuberte mein (in der Tschechoslowakei hergestelltes) Gewehr, als jemand sagte, Ben-Gurion halte eine Rede, die im Speisesaal des Kibbuz im Radio zu hören sei.

Es interessierte mich nicht besonders. Wir waren alle überzeugt, dass das, was ein paar Politiker in Tel Aviv brabbelten, recht nebensächlich für unsere Zukunft sei. Ob unser Staat überleben würde oder nicht, würde auf dem Schlachtfeld entschieden. Die Berufsheere der benachbarten arabischen Staaten waren im Begriff, in den Krieg einzutreten, es würde blutige Schlachten geben und ihr Ergebnis würde über unser Leben entscheiden. Buchstäblich. Da war jedoch eine Einzelheit, die unsere Neugier weckte: Wie würde unser neuer Staat heißen? Es lagen ein paar Gerüchte in der Luft. Wir wollten es gerne wissen.

Also begab ich mich in den Speisesaal des Kibbuz, den wir Soldaten an gewöhnlichen Tagen nicht betreten durften, und tatsächlich war da die sehr besondere hohe Stimme Ben-Gurions zu hören, der das Dokument verlas. Als er zu dem Paragrafen kam: „und verkünden hiermit … die Errichtung eines jüdischen Staates in Eretz Israel - des Staates Israel“, ging ich wieder. Ich erinnere mich, dass ich vor dem Saal den Bruder einer Freundin traf, der dafür eingeteilt war, in dieser Nacht ein anderes Dorf anzugreifen. Wir wechselten ein paar Worte. Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Er wurde getötet.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung nachgeahmt

ALLES DAS ging mir durch den Kopf, als ich vor drei Tagen, am Vorabend des „Unabhängigkeitstages“, angerufen wurde, ich möge doch an einer Zeremonie teilnehmen, die in eben dem Saal abgehalten werde, in dem Ben-Gurion den Originaltext verlesen hatte. Ich gehörte zu denen, die dazu ausgewählt worden waren, den Text zum 68. Jahrestag wieder einmal zu verlesen. Als Vorbereitung auf diese Veranstaltung las ich zum ersten Mal den gesamten Text der Erklärung. Ich war nicht beeindruckt.

Der erste Entwurf des Originaltextes stammte von einigen Beamten, dann wurde er von Mosche Scharet (der am selben Tag Außenminister wurde) überarbeitet. Er war hinsichtlich der hebräischen Sprache ein Pedant, deshalb ist der Text sprachlich unanfechtbar. Ben-Gurion war mit dem Text nicht zufrieden, darum nahm er ihn sich vor und schrieb ihn vollkommen um. Der Text weist seinen unverwechselbaren Stil auf. Er hatte außerdem die Chuzpe, seine Unterschrift über die aller anderen zu setzen, die in alphabetischer Reihenfolge erschienen.

Die Verfasser der Erklärung hatten offensichtlich die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung gelesen, bevor sie ihre eigene entwarfen. Sie ahmten die allgemeine Art der Darstellung nach. Sie ist nicht in dem erbaulichen Stil eines historischen Dokuments geschrieben, sondern als ein Dokument mit einer Mission: Sie soll die Nationen der Welt davon überzeugen, dass sie unseren Staat anerkennen müssten.

Wiederholung zionistischer Wahlsprüche

DIE EINFÜHRUNG ist eine Wiederholung zionistischer Wahlsprüche. Sie behauptet, historische Tatsachen im Detail darzulegen, allerdings sind es sehr zweifelhafte Tatsachen. Das fängt schon bei den ersten Worten an: „Im Eretz Israel entstand das jüdische Volk. Hier prägte sich sein geistiges, religiöses und politisches Wesen.“ Nun ja, nicht ganz so. Ich habe in der Schule gelernt, dass Gott Abraham das Land versprochen hat, als er noch in Mesopotamien war. Die zehn Gebote wurden von Gott persönlich auf dem Berg Sinai gegeben, der im Ausland steht. Der bedeutendere der beiden Talmude wurde in Babylon geschrieben. Es stimmt, die hebräische Bibel wurde im Land zusammengestellt, aber die meisten religiösen Texte des Judentums wurden im „Exil“ geschrieben.

„Juden aller Generationen [suchten], in ihrem alten Lande wieder Fuß zu fassen.“ Unsinn. Das taten sie ganz sicher nicht. Als die Juden zum Beispiel 1492 aus dem christlichen Spanien vertrieben wurden, gingen die allermeisten von ihnen in die muslimische Welt und nur eine Handvoll siedelte in Palästina. Der Zionismus, die Bewegung, die das Ziel hatte, in Palästina eine jüdische Nation zu errichten, wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als der Antisemitismus überall in Europa zu einer starken politischen Macht geworden war und die Gründer die bevorstehenden Katastrophen voraussahen.

Grobe Verfälschung

NATÜRLICH betont die Erklärung die neue Geschichte: „Am 29. November 1947 fasste die Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Beschluss, der die Errichtung eines jüdischen Staates in Eretz-Israel forderte.“ Das ist eine grobe Verfälschung. Der UN-Beschluss verlangte die Errichtung ZWEIER Staaten: eines arabischen und eines jüdischen (und eine getrennte Zone Jerusalem). Wenn man die Forderung nach einem arabischen Staat weglässt, verändert das das Wesen des Beschlusses ganz und gar.

Das war natürlich beabsichtigt. Ben-Gurion hatte schon geheime Verbindungen zu King Abdallah von Jordanien, der das Westjordanland seinem transjordanischen Königreich anschließen wollte. Ben-Gurion war einverstanden. Ben-Gurion sah es als sein Hauptziel an, jede Spur einer separaten arabisch-palästinensischen Nation zu beseitigen. Deshalb wird diese Nation in der Erklärung überhaupt nicht erwähnt. Die Annexion des Westjordanlandes durch König Abdullah wurde stillschweigend akzeptiert, sogar noch bevor der erste jordanische Soldat, angeblich um die Araber vor dem jüdischen Staat zu retten, das Land betrat.

Hebräischer Staat - Jüdischer Staat

HIER IST der Ort, um die beiden schicksalhaften Wörter „jüdischer Staat“ unter die Lupe zu nehmen. Vor der Schaffung Israels benutzten wir, wenn wir von unserem künftigen Staat sprachen, fast alle die Wörter „hebräischer Staat“. Das war es, was wir bei unzähligen Straßendemonstrationen schrieen, das war es, was in den Zeitungen geschrieben und in politischen Reden gefordert wurde. Das war keine ideologische Entscheidung. Es stimmt schon, es gab eine sehr kleine Gruppe junger Schriftsteller und Künstler mit dem Spitznamen „Kanaaniter“, die die Geburt einer neuen „hebräischen Nation“ verkündeten und die nichts mit den Juden in der Diaspora zu tun haben wollten. Einige andere Gruppen, von denen eine ich gegründet hatte, drückte ähnliche Ideen aus, allerdings ohne zu derartig absurden Schlüssen zu kommen.

Aber auch in der Umgangssprache unterschieden die Menschen deutlich zwischen „hebräisch“ (Dinge im Land wie hebräische Landwirtschaft, hebräische Verteidigungskräfte usw.) und „jüdisch“ (wie jüdische Religion, jüdische Tradition und dergleichen). Warum also „jüdischer Staat“? Ganz einfach: Für die britische Regierung bestand die Bevölkerung Palästinas aus Juden und Arabern. Im UN-Teilungsplan war von einem jüdischen und einem arabischen Staat die Rede. Die „Unabhängigkeitserklärung“ gab sich große Mühe hervorzuheben, dass wir nur die UN-Entscheidung erfüllten. Also: „und verkünden hiermit … die Errichtung eines jüdischen Staates in Eretz Israel - des Staates Israel.“ (Man beachte: „eines“ jüdischen Staates, nicht „des“ jüdischen Staates.)

Diese unschuldigen Worte wurden Millionen Male zitiert, um die Behauptung zu rechtfertigen, Israel sei ein „jüdischer“ Staat, in dem Juden besondere Rechte und Privilegien hätten. Das wird heute akzeptiert, ohne dass man es hinterfragt. Im Allgemeinen wird jedoch übersehen, dass in dem Paragrafen, in dem es auch heißt: „Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten … die Hand“, Zusammenarbeit mit dem „unabhängigen hebräischen Volk“ gefordert wird. Das wurde offenkundig in der offiziellen Übersetzung zu „mit dem unabhängigen jüdischen Volk“ verfälscht. Wir müssen Ben-Gurion dafür dankbar sein, dass Gott in dem Dokument überhaupt nicht erscheint. Nach einem anstrengenden Kampf mit der damals kleinen religiösen zionistischen Partei ist die einzige religiöse Anspielung der „Fels Israels“. Das ist eine der Benennungen Gottes, kann hier aber auch anders verstanden werden.

Staat ohne Grenzen

EIN EKLATANTES Versäumnis ist die bloße Tatsache, dass die Erklärung überhaupt keine Grenzen des neuen Staates erwähnt. Der UN-Teilungsplan zog sehr deutliche Grenzen. Im Verlauf des Krieges von 1948 eroberte unsere Seite beträchtlich mehr Territorium. Schließlich wurde die sogenannte Grüne Linie gezogen. Die Erklärung erwähnt keine Grenzen und bis jetzt ist Israel der einzige Staat in der Welt, der keine offiziellen Grenzen hat. Hierin wie in fast jeder anderen Hinsicht hat Ben-Gurion die Weichen gestellt, die die Richtung bestimmen, in der sich Israel bis zum heutigen Tag bewegt.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 562  vom 18.05.2016

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