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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kommentar
Meilers Nachbar kommentiert
Belgische Stäbchen
Von Harald Schauff

In Belgien soll es sich einst begeben haben, dass man Kartoffeln schnetzelte, um sie sodann in heißem Fett zu sieden. Die frittierten Erdäpfel, frz. pommes frites, waren erfunden. Wegen ihren hohen Fettanteiles werden sie heute häufig als ungesund angefeindet. Nun ja, vom täglichen Verzehr ist wohl abzuraten, doch ab und an dürfen sie schon munden. Wir wollen den Vitamin-Fanatismus nicht übertreiben. Zu gesund ist wieder ungesund. Es darf zwischendurch schon ruhig mal deftig zugehen, auch die Geschmacksnerven brauchen ihre Streicheleinheiten. Jene verabreicht ihnen auch die bekömmliche belgische Schokolade. Wie gern hat man sich früher davon einen Riegel abgebrochen und auf der Zunge zergehen lassen. Hatten diese nicht irgendwie die Form eines Stäbchens.

Schon kommt man von den süßen zu den strahlenden belgischen Stäbchen. Denen ist mit den Pommes gemein, dass sie im Bade sieden. Allerdings nicht im Fett der Friteuse, sondern im Wasser des Kernreaktors. Und weil sie so irrsinnig heiß und strahlend sind, sollten sie gut unter Verschluss gehalten werden. Prekär wird es, wenn die damit betrauten Stahlmäntel Risse aufweisen wie im Falle von Tihange und Doel. Immerhin an die 3000 davon zählt ein Block in Tihange. Einer in Doel weiß ihn mit 13.000 zu überbieten (Siehe ‘frontal 21’ v. 8.3.15). Wer den Brüssler Stadtteil Molenbeek für Belgiens gefährlichsten Ort hält, irrt.

Zu Rate gezogene S(chw)achverständige versuchen zu beruhigen: Seit 2012 hätten sich die Risse nicht vergrößert. Der Stahl hält. Wegen Störfällen werden die Reaktoren häufiger abgeschaltet, Dann wieder hochgefahren. AEG-Prinzip: Ausschalten-Einschalten-Geht wieder. Im Aachener Raum fürchten sie, das G könne eines nicht mehr fernen Tages für GAU stehen... Da der Wind gern und häufig aus Westen bläst, wäre man fast unmittelbar von der strahlenden Pracht betroffen. Teile des Rheinlandes würden Geigerzähler in Verzückung versetzen.

Einen Vorteil hätte es ja: Die Suche nach einer geeigneten Endlagerstätte für die abgebrannten Stäbchen wäre endlich vorüber. Die Überbleibsel der friedlich genutzten Kernenergie könnten in die Todeszonen verbracht werden. Sie würden den bereits verseuchten Kohl auch nicht mehr fetter leuchten machen. Castor-Transporte bräuchten nicht mehr bis nach Ahaus zu rollen.

Man hört bereits die Freunde des Kernstromes unken: Warum hierzulande die Meiler stilllegen, wenn man im Falle eines größten anzunehmenden Unfalles neben dem Strom von den belgischen und französischen Nachbarn auch die dabei anfallende Radioaktivität mit importiert? Dann kann man auch gleich heimische Pannenreaktoren wie Gundremmingen bei Ulm am Netz belassen. Laut SPIEGEL-Meldung (51/2015) führt die alte Reaktor-Mühle die Liste schwerer Störfälle, welche im Extremfall zu einer Kernschmelze hätten führen können, mit 14 an der Zahl an. Kein Grund, den Schrottmeiler vom Netz zu nehmen. Der Motor stottert, doch er läuft. Und erzeugt lustig weiter Strom und Strahlenmüll. Eine Kuh, die etwas wackelig auf den Beinen steht, jedoch weiter Milch gibt, würde man auch nicht gleich notschlachten.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Mai 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 562  vom 18.05.2016

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