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Aktueller Online-Flyer vom 21. Februar 2017  

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Literatur
Neue Gedichte von Renate Schoof
Immer Meer
Von Beate Grazianski

Mit ansteckender Freude und leiser Ironie zaubert Renate Schoof Bilder vor das innere Auge. Ihr neuer Gedichtband Immer Meer – erschienen in der renommierten Lyrikedition 2000 im Allitera Verlag in München – spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven. Wer mag, kann in ein Meer aus Wörtern und Gedanken eintauchen, sich mitnehmen lassen in einen Griechischen Morgen, in einen Schwalbensommer, aber auch in politische Reflexionen der Autorin.

Neben Momenten von Augenblicksglück treten fruchtbare Irritationen:

Leise den Kindheitsplatz an der
Schattenmauer verlassen. Noch einmal
in die vertrauten Verstecke spähen: In die
leeren Ställe, den Kohlenschuppen. Ja dort,
zwischen altem Gerümpel, unterm Heu,
bei den Tannen an den Boden geschmiegt,
hier und dort, dort und hier.

Überall riecht es wie damals nach Harz und
Fahrradöl, nach Hühnern und Moder. Und
im Irgendwo kauert ein sprachloses Nichts,
schwebt ein Hab-ich-dich über dem Hühnerhof …


Oft weiten sich Zeit und Raum, so etwa in dem Gedicht Wo wir zu Hause sind. Es beginnt: Vielleicht ist die Heimat des Kranichs/ der weite Luftraum … Wenn das vertraute Bild ziehender Kraniche geborgen im tönenden Keil/ nah den Wolken von Begriffen wie „zu Hause“ und „Heimat“ begleitet wird, entsteht zwischen Widersprüchlichem eine lebendige Gemeinsamkeit.

Renate Schoofs Gedichte laden zum Innehalten ein, zum Aus der Zeit fallen in ein Gefühl der Zeitlosigkeit oder in ein nahes oder fernes Damals:

Treibsand

Denn unsere Freiheit
ist die Freiheit des Windes:
Durchs Schlüsselloch hinein
und hinaus
aus dem eingestürzten Glockenturm.

Absolut ist die Freiheit
auf den Treppen des Nichts.

Halme wehen im Wind.
Die Arme des kranken Mannes
und die Röcke der Frauen.

Freundlich surren Windmaschinen,
kreiseln Dachziegel
über der schweigenden Menge.


Zeitliche Tiefe entsteht angesichts der Steine, Treppen, Säulen, grasüberwucherter Rest einer erhabenen Stadt in schützender Bucht und wenn sich der Blick aus den verwaisten Ruinen hebt: Heller Sonnenschein über glitzerndem Meer … Sonne und Meer werden zu Zeugen jener Vergangenheit. Vergängliches und Unvergängliches begegnen sich. Beunruhigend die leise Frage: Was wird mit uns sein/ in tausend Jahren?/ und was übermorgen?

In dem Gedicht Laubwald heißt es:

Das Vogelnest Erde
werden einst die Bäume
und Sträucher erben,
die Brennnesseln, die
Ameisen, Zikaden und
Heuschrecken, der
Sturm und das
salzige Meer.


Im Kapitel Kranke Sieger horchen wir dann auf das Hufedonnern/ apokalyptischer Reiter. Mit hintergründigen Metaphern übt Renate Schoof Kritik an Politik und Gesellschaft, stellt Lockvögel, Söldner und Mad Men vor das innere Auge. Sie findet aber auch ein Bild der Solidarität über den Tod hinaus: Mit „Presente!“ - Wir sind da, einem Text, der auf das Erinnerungs-Ritual für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Südamerika – insbesondere nach dem Militärputsch in Chile – eingeht, ist der Autorin ein bemerkenswertes politisches Oster-Auferstehungsgedicht gelungen.

Es gibt sie also: Lesbare Lyrik, die weder oberflächlich noch naiv daherkommt, abseits aller Exzentrik. Die Dichterin Renate Schoof ermutigt zu Achtsamkeit und genauer Beobachtung im Übergangsbereich von Innen und Außen. Eindrucksvoll!


Top-Bild: Renate Schoof

Online-Flyer Nr. 554  vom 23.03.2016

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