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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kommentar
Über Donald Trump, den US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner
Das Känguru
Von Uri Avnery

EIN BAUER kommt zum ersten Mal in die große Stadt. Er geht in den Zoo und steht stundenlang wie festgewurzelt vor dem Känguru-Käfig. „So ein Tier gibt es nicht!”, ruft er immer wieder. Ich muss gestehen, dass ich dasselbe empfunden habe, als ich zum ersten Mal Donald Trump im Fernsehen sah und als ich hörte, er kandidiere in den USA für das Präsidentenamt. „Unmöglich“, murmelte ich vor mich hin. „Das muss eine Falschmeldung sein!“ Die Amerikaner sind zu allem Möglichen fähig. Von Zeit zu Zeit geraten sie in den Bann eines kollektiven Wahnsinns. Zum Beispiel mit Joe McCarthy. Aber doch nicht das! Das ist zu viel.

NUN SCHEINT es allerdings so, als sei Donald Trump durchaus auf dem Weg ins Weiße Haus. Warte ab, sagt man mir. Das sind bisher ja nur Vorwahlen. Nun gut, irgendetwas ist der Republikanischen Partei zugestoßen. Aber am Wahltag, wenn die große Mehrheit der Amerikaner der wirklichen Entscheidung gegenübersteht, wird diese Mehrheit zur geistigen Gesundheit zurückkehren und Trumps Gegner wählen, wer es auch sein mag. Das habe auch ich gedacht. Jetzt denke ich das nicht mehr. Jetzt weiß ich einfach nicht. Ich habe das komische Gefühl, dass ich am Morgen nach der Wahl mit Trump als dem Präsidenten der USA aufwachen werde. Undenkbar? Irrtum! Wahrscheinlich? Ich bin nicht mehr sicher.

Fähigkeit, Massen anzuziehen und eine Weltmacht zu führen?

WINSTON Churchill soll gesagt haben, Demokratie sei das schlechteste politische System – abgesehen von allen anderen. (Churchill, der viele Male für verschiedene Parteien gewählt wurde, hat auch gesagt, dass es genüge, mit einem Durchschnittswähler zu sprechen, um sich keine Illusionen über Demokratie zu machen.) Einer der Mängel der Demokratie ist es, dass sie auf einem Widerspruch beruht. Die Fähigkeit, eine demokratische Wahl zu gewinnen, und die Fähigkeit, ein Land zu führen, sind sehr unterschiedliche – und oft einander widersprechende – Begabungen. Es gibt Kandidaten, die die reinsten Genies im Gewinnen einer Wahl sind. Sie umwerben die Massen und betören die reichen Geldgeber. Wenn sie gewählt sind, haben sie jedoch nicht die leiseste Ahnung, was sie als Nächstes tun sollten. Es gibt Kandidaten, die geborene Staatsmänner oder Staatsfrauen sind, die mit Weisheit und Intuition begnadet sind, die aber nicht die geringste Chance haben, jemals gewählt zu werden. Dem Präsidentschaftskandidaten Adlai Stevenson sagte einmal jemand, dass ihn alle intelligenten Leute wählen würden. „Aber ich brauche eine Mehrheit“, scherzte er.

Und dann gibt es natürlich die äußerst seltenen geborenen Führer, die sowohl gewählt werden als auch, wenn sie gewählt sind, mit sicherer Hand ein Land führen können. Wieder Churchill. Trump, so scheint mir, gehört zu der erstgenannten Art. Diese Menschen haben die Gabe, die Massen anzuziehen, aber ihre Fähigkeit, eine Weltmacht zu führen, muss ernstlich angezweifelt werden. Außerdem ist er, glaube ich, eine sehr gefährliche Person. Zu Anfang machte er den Eindruck eines Clowns. Die Leute unterschätzten ihn. Man dachte, er werde eine Weile herumspielen und dann verschwinden. Diejenigen, die das mal gesagt haben, sind nun ihrerseits verschwunden. Dann machte er den Eindruck eines prinzipienlosen Opportunisten, eines Menschen, der in jedem Augenblick sagte, was ihm durch den Kopf ging, auch wenn es das Gegenteil von dem war, was er am Tag zuvor gesagt hatte. Kein ernsthafter Mensch. Ein Narr. Unwählbar. Nun ist er das nicht mehr. Der Trump, den wir jetzt sehen, ist ein sehr raffinierter Wahlkämpfer, ein Gewinner, ein Kandidat, der eine verblüffende Begabung darin hat, die Befürchtungen, die Ressentiments, den Ärger und die Bitterkeit der unteren Schichten der Weißen zu dirigieren, der Menschen, die das Gefühl haben, korrupte Politiker, Schwarze, Hispanics und anderes Gesindel würden ihnen das Land wegnehmen.

Würde Donald Drumpf jetzt eine extrem-rechte Partei in Berlin führen?

MOMENT MAL! Woran erinnert mich doch der letzte Satz? Er erinnert mich an einen Mann, der auch wie ein Clown aussah, der sich dann zu einem raffinierten Wahlkämpfer entwickelte, der versprach, sein Land wieder groß zu machen, der Karriere mit den Ressentiments gegen Minderheiten machte (in seinem Fall gegen Juden, Linke, Homosexuelle, Zigeuner, Ausländer und Behinderte), der alles das aussprach, was seine Rivalen auszusprechen sich fürchteten, und der unerhörtes Elend über sein Land und die ganze Welt brachte. Bitte keine Namen. Donald Trump ist deutscher Herkunft. Seine Vorfahren hießen Drumpf und arbeiteten in einem Weinberg in einer kleinen Stadt im Rheinland. Sein Großvater Friedrich wanderte 1885 nach Amerika aus. Während des Goldrauschs an der Westküste eröffnete er eine Reihe von Restaurants für einsame Goldgräber, denen dort ebenso Essen wie sexuelle Dienstleistungen angeboten wurden. Daher stammt das Vermögen der Familie Trump.

Als Friedrich jedoch ein Mädchen seiner Heimatstadt heiratete, wollte er nach Deutschland zurückkehren. Es gab ein Problem. Das neue deutsche Reich war sehr streng, was Militärangelegenheiten anging. Man entdeckte, dass Friedrich Deutschland kurz vor dem wehrpflichtigen Alter verlassen hatte und dass er gerade zwei Monate, nachdem er nicht mehr wehrpflichtig war, zurückkommen wollte. Das ging natürlich nicht. Nicht im Deutschland des Kaisers. Deshalb warf man ihn raus, gleich bis nach Amerika zurück. Es ist müßig, sich zu fragen, was geschehen wäre, wenn man ihm gestattet hätte, nach Deutschland zurückzukehren. Würde Donald Drumpf jetzt eine extrem-rechte Partei in Berlin führen?

Das vollkommene Selbstvertrauen des Führers

IN DER Blütezeit des italienischen und deutschen Faschismus schrieb der amerikanische Romanschriftsteller Sinclair Lewis seinen Roman Das ist bei uns nicht möglich. Der Titel war ironisch gemeint, denn das Buch zeigt ganz genau, dass „es“ „bei uns“ durchaus möglich war: Der Faschismus kann auch von den USA Besitz ergreifen. Aber Lewis stellte sich eine Kopie des Faschismus im europäischen Stil vor, der war Amerika allerdings fremd. Ebenso der italienische Schriftsteller Ignazio Silone, der das Buch Schule der Diktatoren über ein in der Zukunft faschistisches Amerika schrieb. Es gibt keine eindeutige Definition von Faschismus. Die Faschisten haben kein heiliges Buch, wie die Kommunisten ihr Kapital haben. Über Faschisten sagte jemand: „Ich werde einen Faschisten erkennen, sobald ich ihn sehe.“ Aber jedes Land hat seine eigene Ausprägung von Faschismus und diese Ausprägungen können sich sehr voneinander unterscheiden.

Zum Beispiel Trump. Das vollkommene Selbstvertrauen des Führers. Der Kult brutaler Macht. Der hemmungslose Nationalismus. Das Aufhetzen gegen Minderheiten. Die Verachtung des politischen Establishments (beider Parteien). Kein komischer kleiner Schnurrbart, aber komisches oranges Haar. Da Faschisten den Anspruch erheben, ihre eigene Nation übertreffe alle anderen Nationen, könnte man denken, dass die Faschisten unterschiedlicher Nationen einander feindlich gesinnt wären. Aber in der Praxis gibt es so etwas wie einen internationalen Faschismus. Eine Tatsache: Der französische Führer Jean-Marie Le Pen, den seine eigene Tochter wegen seines hemmungslosen Extremismus (und Antisemitismus) aus der Führung der Partei hinausgeworfen hat, gratulierte Trump ebenso wie der ehemalige Führer des amerikanischen rassistischen Ku-Klux-Klan zu seinem Erfolg. Keine der beiden Gratulationen hat Trump zurückgewiesen. Tatsächlich entschuldigte sich Trump auch nicht, als man ihm nachwies, dass er eine Zeile zitiert hatte, die Benito Mussolini sehr mochte („Besser einen Tag als Löwe leben als hundert Jahre als Schaf.“) (Mussolini selbst flehte wie ein Schaf um sein Leben, bevor er von italienischen Partisanen hingerichtet wurde.)

Aus diesem Blickwinkel muss man Trumps Haltung im israelisch-palästinensischen Konflikt beurteilen. Auf den ersten Blick wirkt seine Sichtweise durchaus erfrischend. Alle anderen Kandidaten beider Parteien katzbuckeln vor Benjamin Netanjahu in erbärmlicher Unterwürfigkeit und betteln bei den verschiedenen Sheldon Adelsons um Almosen. Trump braucht das jüdische Geld nicht. Deshalb sagte er durchaus Vernünftiges: Er möchte neutral bleiben, damit er einmal, wenn er Präsident ist, als neutraler Mediator wirken kann. Das klingt an sich gut. Aber es klingt nicht so gut, wenn es von einem Ku-Klux-Klan-Sympathisanten kommt.

Die letzte Posaune, die die Toten zum Jüngsten Gericht erwecken wird

DAS ALLES bringt Benjamin Netanjahu in eine Zwickmühle. Was soll er tun? Er verabscheut Hillary Clinton, wie er alle Demokraten verabscheut. Es stimmt, als Hillary vor vielen Jahren Erste Lady war, kam sie mit der Idee eines palästinensischen Staates Seite an Seite mit Israel heraus. Damals organisierte ich eine Demonstration vor der US-Botschaft in Tel Aviv, um Hillary zu unterstützen. Die amerikanischen Elitesoldaten erlaubten uns nicht, in die Nähe der Botschaft zu kommen. Aber seitdem ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen und auch viel Geld von Chaim Saban und anderen jüdischen Milliardären. Jetzt katzbuckelt Hillary wie die Übrigen.

Netanjahu ist ein ergebener Republikaner. Er wäre mit Rubio oder Cruz als Präsidenten sehr glücklich. Aber Trump als Präsident? Ein Antisemit? Ein Araberliebhaber? Wirklich: Seltsames hat sich ereignet! Nach dem Oxford-Diktionär ist ein Trumpf nicht nur die höchste Karte beim Kartenspiel, sondern auch ein ohrenbetäubendes Geräusch. „Die letzte Posaune (altenglisch: Last Trump)“ ist das Blasinstrument, das die Toten zum Jüngsten Gericht erwecken wird. Wir wollen hoffen, dass die amerikanischen Wähler schon vorher aufwachen.


Anmerkung:

Hinsichtlich Trumps Antisemitismus habe ich mich wohl geirrt. Ein aufmerksamer Leser hat mir die folgende Korrektur geschickt: „Donald ist weder Antisemit noch Sympathisant des Ku-Klux-Klan. Er hat sich im Laufe der letzten vierzehn Tage wiederholt von Duke distanziert. Er spendet beträchtliche Summen für Israel, zwei seiner Kinder sind - ganz und gar mit seiner Zustimmung - mit Juden verheiratet und eines seiner Kinder hat sich sogar zum strengorthodoxen Judentum bekehrt.“ Von alledem war hier in Israel nichts zu lesen. Ich möchte durchaus niemanden des Antisemitismus beschuldigen, schon gar nicht, wenn das unbegründet ist, und ich bitte deswegen vorbehaltlos um Verzeihung. Das ändert allerdings meine Ansichten über diesen Mann nicht. Faschismus kann es sehr gut auch ohne Antisemitismus geben, wenn dieser durch Islamhass ersetzt wird. Eine Tatsache ist: Wir haben hier ziemlich viele jüdische Faschisten.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)



Siehe auch:
Ulrich Gellermann zu Donald Trump
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22612

Online-Flyer Nr. 552  vom 09.03.2016

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