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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Literatur
Vor 75 Jahren hat Hitlerdeutschland den Russlandfeldzug begonnen
„Können die Menschen leben ohne Krieg?“
Von Rudolf Hänsel

Im Sommer 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion. Die Bilanz des Schreckens: 13 Millionen tote Soldaten, 14 Millionen tote Zivilisten, 3 Millionen tote Kriegsgefangene. (1) Der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow beschreibt in seinen Erzählungen und Novellen, wie dieser Krieg über sein Heimatland hereinbrach und das Leben der Menschen verändert hat. (2) Nur drei Generationen später werden schon wieder die Kriegstrommeln geschlagen für einen Krieg gegen Russland. Doch wir können es sagen, es wenn möglich schreiben, es wenn nötig hinausschreien wie Mutter Tolgonai in „Goldspur der Garben“: „Ich bin damit nicht einverstanden, mein ganzes Leben bin ich nicht einverstanden damit! Die Menschen können und müssen dem Krieg Einhalt gebieten.“ (3)


Montage: Arbeiterfotografie Köln, 1997

„Das Glück des Ackerbauern liegt im Säen und Ernten“

Zu Beginn der Erzählung „Goldspur der Garben“ beschreibt Tolgonai, Tochter eines kirgisischen Taglöhners, wie sie als 17jährige bei der Ernte Suwankul, ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte: „Flammend stieg die Sonne auf, die schneebedeckten Berggipfel erglänzten in goldenem Schimmer, wie ein tiefblauer Fluss strömte uns aus der Steppe der Wind entgegen. Diese frühen Sommermorgen waren die Morgenröte unserer Liebe. Die ganze Welt verwandelte sich wie im Märchen, wenn wir zusammen dahingingen. Und das Feld, grau, zerstampft und aufgewühlt, wurde zum schönsten Feld der Erde.“ (S. 435)

Vom Glück beseelt fragte sie ihren Liebsten: „Suwan, was glaubst du, wir werden doch glücklich sein, ja?“ Darauf antwortete er: „Wenn Land und Wasser gleichmäßig unter alle verteilt werden, wenn auch wir unser eigenes Feld haben, wenn auch wir pflügen, säen und unser eigenes Getreide dreschen – dann wird das unser Glück sein. Ein größeres Glück braucht der Mensch nicht, Tolgonai. Das Glück des Ackerbauern liegt im Säen und Ernten.“ (S. 436)

Mit ihren Händen schufen beide ihr Leben. Sie arbeiteten und legten sommers und winters den Ktmen (eine Art Hacke) nicht aus der Hand: Viel Schweiß haben sie vergossen, viel Mühe aufgewandt. Sie bauten sich ein Haus und schafften sich ein paar Stück Vieh an. Sie begannen wie Menschen zu leben. Das Großartigste aber war, dass ihnen drei Söhne geboren wurden. Die Zeit verging und fast unmerklich wuchsen die Söhne heran. Jeder wählte seinen eigenen Weg.

„Es ist Krieg, Mama!“

Im Sommer 1941, an einem Morgen vor Sonnenaufgang, erblickten Tolgonai und die anderen Bauern beim Mähen auf einem neuen Getreidefeld direkt am Fluss, wie am anderen Flussufer plötzlich ein Reiter auftauchte. Er kam hinter den letzten Höfen des Ails (kirgisisches Dorf) hervorgeprescht und jagte in wildem Galopp geradewegs durch Gestrüpp und Schilf, als wäre eine Meute wilder Hunde hinter ihm her. Was trieb diesen Menschen? Es war ein junger Russe. Er fuchtelte mit den Armen und rief ihnen etwas zu, aber durch das Getöse des Flusses war nichts zu verstehen. Als der Reiter den reißenden Fluss durchquert hatte und bei einem Mähdrescher ankam, war plötzlich ein großes Geschrei. Von allen Seiten stürzten Menschen dorthin, manche zu Fuß, andere zu Pferd, wieder andere standen auf ihren Fuhrwerken und hieben mit der Peitsche auf die Pferde ein. Auch Tolgonai lief los.

„Gott behüte! Gott behüte!“, flehte Tolgonai, im Laufen die Hände emporgestreckt. Als sie endlich ankam, war der Mähdrescher von einer lärmenden Menge umringt. Sie konnte nichts hören, nichts verstehen. Verzweifelt versuchte sie, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Als sie ihren Sohn Kassym neben dem Mähdrescher stehen sah, streckte sie wie eine Blinde die zitternden Arme nach ihm aus. Der kam auf sie zu und fing sie auf. „Es ist Krieg, Mama!“, hörte Tolgonai wie von weitem seine Stimme. Sie blickte ihn an, als ob sie nicht begriffe, was das für ein Wort sei. (S. 454)

„Krieg? Krieg, sagst du?“, fragte die Mutter zurück. „Ja, Mama, Krieg ist ausgebrochen“, antwortete er. Tolgonai aber kam immer noch nicht klar zu Bewusstsein, was sich hinter diesem Wort verbarg und sie fragte: „Wie denn, Krieg? Warum Krieg? Krieg, sagst du?“ Sie  wiederholte dieses unheimliche Wort und dann packte sie jähes Entsetzen, und sie begann zu weinen nach all der ausgestandenen Angst und der unerwarteten Nachricht. Auch die umstehenden Frauen fingen an, laut zu jammern und zu klagen. (S. 454) „Mit dieser Minute“, erinnert sich Tolgonai, „begann ein neues Leben – das Leben im Krieg. Wir hörten nicht den Schlachtenlärm, aber unsere Herzen hörten die Schreie der Menschen.“ (S. 456)

Leben im Krieg


Ein Mann nach dem anderen bekam vom Boten des Dorfsowjets die Einberufung. Auch Suwankul und Kassym mussten Abschied nehmen. Die Zurückgebliebenen aber arbeiteten weiter: „Sie arbeiteten in der Mittagsglut und in den schwülen Trockenwindnächten, bei der Mahd, beim Drusch, beim Einfahren, sie arbeiteten unentwegt und kannten keinen Schlaf und keine Ruh. Dabei wurde die Arbeit immer mehr, denn immer weniger Männer blieben übrig.“ (S. 456)

Tolgonai gürtete sich nun wie ein Mann, wie es ihr der Kolchosvorsitzende gesagt hatte, setzte sich aufs Pferd und kam ihren Pflichten als Brigadier nach: „Gesunde Männer gab es nicht mehr in den Ailen, nur noch kranke und lahme, und die übrigen Arbeitskräfte waren Frauen, Mädchen, Kinder und Greise. (S. 469) Alles, was geerntet wurde, lieferten sie an die Front ab.

Auch die Kinder mussten ran. Eines Tages kam der Kolchosvorsitzende mit dem Schulleiter in die Klasse und sagte zu den Schülern: „Ich bin zu euch gekommen, Kinder, weil ein paar von euch vorübergehend wegmüssen von der Schule. Wir dürfen keine Zeit verlieren, müssen die Zugpferde für die Frühjahrsbestellung vorbereiten, dabei graust einen, sie anzusehen, sie halten sich kaum noch auf den Beinen. (...) Woher aber die Arbeitskräfte nehmen, auf wen sich stützen? (...) Uns blieb nichts anders übrig, als euch um Hilfe zu bitten.“ (4) Für viele Jungen begann ein schweres Erwachsenenleben.

Als Tolgonai eines Abends nach getaner Arbeit nach Hause ritt, erfuhr sie von ihren Nachbarinnen vor ihrem Haus, dass ihr Mann Suwankul und ihr Sohn Kassym gefallen sind. Sie schrie auf, dass es über die ganze Straße gellte. Und auf einmal wurde sie ganz taub: „Wahrscheinlich war ich von meinem Schrei taub geworden. Die Straße wankte, mir war, als fielen die Bäume um und stürzten die Häuser ein. In der unheimlichen Stille wechselten vor meinen Augen die Wolken am Himmel, vor mir erschienen entstellte, stumme Gesichter.“ (S. 484) Ihre Sonne war erloschen.

„Mutter Erde, können die Menschen leben ohne Krieg?“

Nach einiger Zeit ging Tolgonai in einem dunklen gesteppten Beschmet (Halbrock) über dem frisch gewaschenen weißen Kleid und um den Kopf ein weißes Tuch langsam zum Feld hinaus und sprach lange mit der Mutter Erde:

„Warum, Mutter Erde, stürzen nicht die Berge ein, warum treten nicht die Seen über die Ufer, wenn solche Menschen fallen wie Suwankul und Kassym? Beide, Vater und Sohn, waren tüchtige Ackerbauern. Seit Urgedenken lebt die Welt durch solche Männer, von ihnen wird sie ernährt, von ihnen im Krieg verteidigt, sie werden als erste Soldat. Wäre der Krieg nicht gewesen, was hätten Suwankul und Kassym noch alles vollbringen können, wie viele Menschen hätten sie mit den Früchten ihrer Arbeit beschenken, wie viele Felder bestellen und wie viel Korn ausdreschen können. Und sie selbst, hundertfach belohnt mit den Früchten der Arbeit anderer, wie viel Schönes hätten sie noch erleben können. Sag mir, Mutter Erde, sag mir die Wahrheit: Können die Menschen leben ohne Krieg?“

„Eine schwierige Frage hast du mir da gestellt, Tolgonai. Es gab Völker, die durch Kriege ausgerottet wurden, es gab Städte, die in Schutt und Asche fielen, und es gab Jahrhunderte, da ich davon träumte, eine menschliche Spur zu finden. Und jedes Mal, wenn die Menschen wieder einen Krieg anzettelten, rief ich ihnen zu: ‚Haltet ein, lasst das Blutvergießen!’ Und auch jetzt wiederhole ich: ‚Ihr Menschen hinter den Bergen und Meeren! Ihr Menschen auf der ganzen Welt, was fehlt euch – Land? Hier bin ich – das Land, die Erde! Ich bin für euch alle dieselbe, und für mich seid ihr alle gleich. Nicht euren Hader brauche ich, sondern eure Freundschaft, eure Arbeit! Werft ein einziges Korn in die Furche, und ich gebe euch hundert Körner dafür zurück. Steckt ein winziges Reis in den Boden, und ich ziehe euch eine Plantage groß. Legt einen Garten an, und ich überschütte euch mit Früchten. Züchtet Vieh, und ich werde Gras sein. Baut Häuser, und ich werde Mauer sein. Pflanzt euch fort, vermehrt euch, und ich werde euch allen eine herrliche Heimstatt sein. Ich bin unendlich, ich bin grenzenlos, ich bin tief, und ich bin hoch, ich habe Platz für euch alle!’ Und da fragst du noch, Tolgonai, ob die Menschen ohne Krieg leben können. Das hängt nicht von mir ab, das hängt von euch Menschen ab, von eurem Willen und eurem Verstand.“ (S. 489)

„Bedenke doch, teure Erde, gerade deine besten Arbeiter, deine geschicktesten Meister mordet der Krieg. Ich bin damit nicht einverstanden, mein ganzes Leben bin ich nicht einverstanden damit! Die Menschen können und müssen dem Krieg Einhalt gebieten.“

„Denkst du denn, Tolgonai, ich leide nicht unter den Kriegen? Doch! Ich leide sehr. Ich sehne mich nach den Händen der Bauern, ewig beweine ich meine Kinder, die Ackersleute, immer werden mir Suwankul, Kassym und alle gefallenen Soldaten fehlen. Wenn ich ungepflügt bleibe, das Getreide ungemäht und ungedroschen bleibt, rufe ich sie (...). Doch sie geben keine Antwort...“

„Hab auch dafür Dank, Erde! Du trauerst also um sie wie ich, du beweinst sie also wie ich. Hab Dank, Erde.“ (S. 490)


Fussnoten:

(1) De.wikipedia.org/wiki/Kriegstote_des_Zweiten_Weltkrieges.
(2) Aitmatow, Tschingis (2008). Erzählungen und Novellen I und II. Unionsverlag Zürich.
(3) Aitmatow, Tschingis (2008). Erzählungen-Novellen I. Goldspur der Garben, S. 431-540. Unionsverlag Zürich. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Erzählung.
(4) Aitmatow, Tschingis (2008). Erzählungen-Novellen II. Frühe Kraniche, S. 323-430. Unionsverlag Zürich, S. 347 und 349.


Dr. Rudolf Hänsel ist Diplompsychologe und Erziehungswissenschaftler. Sie erreichen ihn unter www.psychologische-menschenkenntnis.de.

Online-Flyer Nr. 552  vom 09.03.2016

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