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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Globales
Israels Ministerpräsident Netanjahu hat einen neuen Polizeichef berufen
Heiliges Wasser
Von Uri Avnery

ER KAM AUS dem Nichts. Buchstäblich. Die israelische Polizei brauchte einen neuen Kommandanten. Der letzte war ans Ende seiner Dienstzeit gelangt, einige höhere Offiziere waren beschuldigt worden, ihnen untergebene Frauen belästigt zu haben, und einer hatte, nachdem er wegen Korruption angeklagt worden war, Selbstmord begangen. Also musste jemand vorgeschlagen werden, der von außen käme. Als Benjamin Netanjahu seine Entscheidung verkündete, waren alle verblüfft. Roni Alscheich? Woher zum Teufel kam denn der? Er sieht nicht wie ein Polizist aus, außer dass er einen Schnurrbart trägt. Er hatte niemals auch nur die geringste Beziehung zur Arbeit der Polizei. Tatsächlich war er der Stellvertreter des Chefs von Schin Bet, des Geheimdienstes für das Innere.

Böse Zungen behaupten, es habe einen einfachen Grund für diese seltsame Ernennung gegeben: Der Schin-Bet-Chef sollte befördert werden. Netanjahu wollte nicht, dass Alscheich dessen Nachfolge antreten würde. Stattdessen sollte er von nun an die Polizei befehligen. Der Name Alscheich ist eine Abwandlung des sehr arabischen al-Scheich, „der Alte“. Sein Vater ist jemenitischer Abstammung, seine Mutter ist Marokkanerin. Er ist der erste Polizeichef, der eine Kippa trägt. Und er ist auch der erste, der einmal Siedler war. Deshalb waren wir alle neugierig auf seine erste bedeutsame Äußerung. Sie kam in dieser Woche und betraf Mütter, die um ihre Söhne trauern. Trauer um Verstorbene ist in Wirklichkeit ein jüdisches Gefühl, versicherte Alscheich. Jüdische Mütter trauern um ihre Kinder. Arabische Mütter tun das nicht. Weil das so ist, lassen sie zu, dass ihre Kinder Steine auf unsere Soldaten werfen, obwohl sie wissen, dass die Kinder wahrscheinlich totgeschossen werden. Klingt das primitiv? Es klingt primitiv, weil es das ist. Es ist auch recht erschreckend, dass unser neuer Polizeichef, der Mann, der für Gesetz und Ordnung zuständig ist, so primitive Auffassungen hat.

EIN PAAR Tage danach wiederholte unser Verteidigungsminister Mosche Jaalon, der ein weit größeres Imperium beherrscht, diese Behauptung. Die Trauer von Arabern um Tote kann man nicht mit der Trauer von Juden um Tote vergleichen. Der Grund dafür ist, dass die Juden das Leben, während die Araber den Tod lieben. Wenn unsere tapferen Soldaten (alle unsere Soldaten sind tapfer) ihr Leben opfern, dann tun sie das, um das Leben unserer Nation zu verteidigen, während arabische Terroristen ihre Selbstmordmissionen ausführen, um ins Paradies einzugehen. Ihre Mütter ermutigen sie dazu. So sind die Araber nun einmal.

Alle die Super-Patrioten, die so etwas behaupten, sind zu jung, um sich daran erinnern zu können, dass jüdische Mütter in Palästina ihre Söhne und Töchter dazu ermutigten, in Untergrundorganisationen einzutreten, um gegen die britische Besatzung zu kämpfen (das war natürlich ein Kampf für das Leben).

Propaganda aus dem Büro des Ministerpräsidenten

Vielleicht dachten die britischen Polizisten dasselbe von den jüdischen Müttern. Dabei vergaßen sie wiederum, dass nur ein paar Jahre zuvor Millionen und Abermillionen weißer christlicher Europäer mit dem Segen ihrer Mütter in die Armeen eingetreten waren, um sich gegenseitig zu töten. Für Leben und Freiheit. Wenn zwei derartig hochrangige Beamte fast wörtlich denselben erschütternden und hirnlosen Unsinn reden, kann es dafür nur einen einzigen Grund geben: Sie lesen ihn von dem „Erklärungs-Blatt“ ab, das das Büro des Ministerpräsidenten täglich an alle Minister und hochrangigen Beamten verschickt. (In Israel mögen wir das Wort „Propaganda“ nicht, wir nennen die Sache stattdessen „Erklärung“ - hasbara auf Hebräisch.)

EIN WORT über die Kippa des Polizeichefs Alscheich. Als Jugendlicher in Tel Aviv habe ich kaum jemals einen Mann mit einer Kippa gesehen. Weder in der Schule (die ich mit 14 verlassen habe, weil ich selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen musste) noch in der Untergrundorganisation Irgun noch in der Armee habe ich jemals einen Mitschüler oder Kameraden mit einer solchen Kopfbedeckung gesehen. Junge Leute schämten sich, eine Kippa zu tragen. Heutzutage trägt fast die Hälfte aller Leute im Fernsehen stolz ihre Kippa zur Schau. Es stimmt, einige von ihnen tragen sie auf eine Weise oder in einer Größe, dass die Kamera sie nicht einfangen kann. Regierungsbeauftragte tragen sie allerdings wie ein Ehrenabzeichen, um zu zeigen, dass sie stark und fest an die herrschende Ideologie glauben. So, wie ein roter Stern in China oder ein Schlips in den USA getragen wird.

In den letzen Monaten berief Netanjahu neue Leute in einige der wichtigsten Regierungsämter. Der Polizeichef ist der letzte in der Reihe. Einer ist der („Rechtsberater der Regierung“ genannte) Generalstaatsanwalt. Er ist der wichtigste Regierungsbeamte mit der am weitesten reichenden Macht. Ein weiterer ist der neue Chef von Schin Bet. Im Unterschied zu allen ihren Vorgängern tragen alle Kippot. Um die Bedeutsamkeit davon zu erklären, muss man die jüdische Religion verstehen. Sie ist, so kann man sagen, der christlichen Religion recht unähnlich und steht dem Islam sehr viel näher. Alles Gerede über eine „jüdisch-christliche“ Tradition gründet sich auf Unwissenheit.

Zionismus: ein erfundener Begriff

DAS HEBRÄISCHE Wort für Religion ist dat. Ebenso wie die arabische Entsprechung din bedeutet das Wort „Gesetz“. Das Judentum ist eine Reihe von Geboten (613 allein in der Bibel), die Gott den Menschen auferlegt hat. Im Gegenzug hat Gott uns zu „Seinem Volk“ „erwählt“ und uns das Heilige Land „gegeben“. Man kann kein Jude sein, ohne zum jüdischen Volk zu gehören, dem für immer und ewig das Heilige Land gehört. 2000 Jahre und länger waren die Juden in der ganzen Welt zerstreut. Ihre Verbindung zum Heiligen Land war rein spirituell. Das jüdische Volk war ein religiöser Begriff. Dann kam der Zionismus. Er wurde am Ende des 19. Jahrhunderts erfunden. Fast alle ihre Schöpfer waren tiefatheistisch. Sie glaubten nicht an einen Gott, der die Juden ins „Exil“ geschickt hätte.

Als ich jung war, sprach niemand in diesem Land von einem „jüdischen Staat“. Wir sprachen von einem „hebräischen Staat“. Eine extreme Randgruppe (mit Spitznamen „Kanaaniter“) behauptete sogar, wir seien eine neue hebräische Nation, die nichts mit dem Judentum zu tun habe. Die meisten in meiner Generation dachten ähnlich, wenn sie es auch nicht ganz so ausdrückten.

Oft werde ich gefragt, warum ein entschiedener Militarist wie der erste Ministerpräsident und Verteidigungsminister David Ben-Gurion Religionsschüler von der Militärpflicht befreite. Meine Erklärung dafür ist recht einfach: Wie die meisten von uns glaubte er, dass die jüdische Religion in unserem Land im Aussterben begriffen war. Der Zionismus war an ihre Stelle getreten. Die neu-hebräischen Pioniere brauchten durchaus keinen religiösen Unsinn.

Dann kam der Krieg von 1967, der „übernatürliche“ Sieg und die Eroberung des ganzen Landes bis zum Jordan mit allen seinen heiligen Stätten. Anstatt, wie erwartet, allmählich auszusterben, wurde die jüdische Religion plötzlich wieder sehr lebendig. Jetzt breitet sie sich schnell aus, überall kann man Kippot sehen. Besonders bei den Siedlern.

Die verjüngte Religion ist eng mit einer rechten, ultranationalistischen, araberhassenden Ideologie verbunden. Auf eben dieser Welle reitet jetzt der nicht religiöse, nicht koscher essende supernationalistische Opportunist Netanjahu. Buchstäblich jeden Tag schießen neue nationalistisch-religiöse Gesetze und Gesetzentwürfe aus dem Boden.

In einem dieser Gesetzentwürfe heißt es, dass Richter im Zweifelsfall das Jüdische Gesetz (die Halacha), „konsultieren“ müssten. Das alte, etwa 2500 Jahre alte Gesetz behandelt Frauen als untergeordnet und verurteilt Homosexuelle zur Steinigung. Es hat mit modernem Leben gar nichts zu tun. Ein weiterer Gesetzentwurf erlaubt der Mehrheit in der Knesset, gewählte Abgeordnete aus dem Parlament hinauszuwerfen, z.B. Abgeordnete, die den Staat nicht als „jüdisch und demokratisch“ (das klingt schon wie ein Oxymoron) anerkennen. Schulbücher in säkularen Schulen bekommen einen religiösen Unterton (aber die alten Bücher werden noch nicht verbrannt). Eigenständig denkende Lehrer werden entlassen. Der Erziehungsminister trägt natürlich eine Kippa. Sechs Mitglieder des angesehenen Rates für Höhere Bildung sind wegen der Bemühungen der Regierung, diese erhabene Körperschaft mit nationalistischen und religiösen Agitatoren auszustaffieren, zurückgetreten.

Wo bleiben die so genannten „Linken“ bei alledem? Das ist eine berechtigte Frage. Sie sind unsichtbar. Außer einigen Überbleibseln sowie der angeschlagenen arabischen Fraktion halten sie den Mund und glauben, sie müssten sich nach rechts (auch „Zentrum“ genannt) bewegen, um den Kopf über dem heiligen Wasser zu halten. Ich wäre nicht überrascht, wenn ich eines Abends den Fernseher anschalte und dort – sieh da! – Benjamin Netanjahus Kopf mit einer hübschen sauberen Kippa zu sehen wäre.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 551  vom 02.03.2016

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