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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Gedanken über Gut und Böse
Das Silvester der Denkverbote
Von Till Nikolaus von Heiseler

Das Jahr 2015 markiert den Anfang vom Ende Europas. Das Jahr, das von Denkverboten bestimmt ist und in dem sich eine brutale Selbstzensur der Presse etabliert hat. Nur mit systemtheoretischen und poststrukturalistischen Modellen können wir verstehen, was hier passiert. Unser Steinzeitgehirn und unser Gefühl für Gut und Böse reichen dafür nicht aus. In der Silvesternacht rotten sich etwa 1000 „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ (Focus) zusammen und vergewaltigen, demütigen und bestehlen Dutzende von Frauen. Mitten im Zentrum der Zivilisation: in Kölns Innenstadt, in der Nähe des Bahnhofs.

Es ist ein kleiner Skandal, dass dies passiert. Doch ein großer Skandal ist, dass es vier Tage dauert, bis die sogenannte seriöse Presse darüber berichtet. Die Nachricht war auf Blogs und in sozialen Medien sofort präsent. Die Quellen waren so fragwürdig, dass ich mir nicht sicher war, ob es sich nicht um hetzerische Falschmeldungen handelte. Erst am Abend des 4. Januars erschienen Berichte in den Online-Versionen von Spiegel und Zeit. Dies zeigt: Wir haben de facto keine Pressefreiheit mehr in Deutschland. Denn wenn die sogenannte seriöse Presse 4 Tage braucht, um über eine sexuelle Übergriffe durch 1000 „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer” vor dem Kölner Bahnhof zu berichten, und dies schließlich allein auf Druck von Bloggern geschieht, erscheint Putins Russland als ein Paradies der freien Meinungsäußerung. Übertrieben? Wenn es vor dem Moskauer Bahnhof zu einer solchen Szene gekommen wäre und Putin alles dafür getan hätte, dass dies nicht in der Presse erscheint, hätte er wenig Erfolg damit gehabt.

Das Problem ist, dass die Welt immer komplexer wird und wir mit dem Gehirn, das wir in der Steinzeit entwickelt haben, zurechtkommen müssen. Dieses Gehirn ist auf moralische Bewertung ausgerichtet und an skandalösen Geschichten interessiert. Es interessiert sich für Handlungen, die besonders heldenhaft oder selbstlos sind, und für Handlungen, die als besonders brutal und böse erscheinen. Wenn wir mit diesem Steinzeitgehirn soziale Netzwerke benutzen, entsteht eine bestimmte Dynamik: die Selbstprofilierung als guter Mensch. Es gab einen Artikel im Focus, der dafür warb, dass PEGIDA-Anhänger und Gutmenschen mehr Verständnis füreinander haben sollten, denn beiden würde Deutschland am Herzen liegen. Genau dieses „am Herzen liegen“ ist das Problem. Denn in der Tat haben Gutmenschen und PEGIDA-Anhänger mehr gemeinsam, als sie glauben: Sie wollen gut sein. Sie leben in einer Welt von Gut und Böse – gemäß ihren Steinzeitgehirnen.

Experiment mit Steinzeitgehirnen

Machen wir ein Experiment mit unseren Steinzeitgehirnen. Ich schreibe jetzt zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt schreibe ich weiter über die Vorkommnisse und über Dinge, die man mit dem Schema von Gut und Böse behandeln kann, und in einem zweiten Absatz schreibe ich darüber, wie man die Dinge so betrachtet, dass man die Probleme vielleicht lösen kann. Wenn die Leserin oder der Leser den ersten Absatz liest, wird das Belohnungssystem ihres oder seines Gehirns mit entsprechenden Botenstoffen bombardiert. Das Bewusstsein ist wach, es entsteht der Wunsch weiterzulesen. Im zweiten Absatz wird das Belohnungssystem abgestellt. Hier werden neue Betrachtungsweisen vorgeschlagen. Mit ihnen können wir vermutlich einige Probleme, die in Europa auf uns zukommen, besser verstehen, und dennoch werden wir uns beim Lesen dieses Abschnitts langweilen. Denn dafür sind unsere Gehirne nicht gemacht.

Abschnitt I:

Ich wohne in Berlin in der Nähe der Kurfürstenstraße. Hier ist der Straßenstrich. Wenn ich vor die Tür gehe, fragen mich die Mädels: „Blasen?“ oder „Hast du Lust – ficken?“ und rufen mir dann ihre Preise hinterher. Als ich gegen neun Uhr abends in der Silvesternacht einmal ums Karree ging, habe ich lautes Stöhnen aus dem abgesperrten Park gehört und gedacht, dass hört sich ja fast nach einer Vergewaltigung an. Ich habe nicht die Polizei gerufen, weil ich Sexarbeiterinnen, die hier ihrem Gewerbe nachgehen, grundsätzlich nicht anzeige. In der Genthiner Straße dann, die am Ende des Parks beginnt, traf ich die ersten. Es waren vielleicht 30. Einer von ihnen warf sich immer wieder auf den Boden und schrie und weinte. Die andern versuchten ihn aufzuheben und drängten sich um ihn. Ich verstand die Szene nicht. Als ich einfach weiterging, machten sie Platz. Ich guckte niemanden an, um nicht zu provozieren, denn es handelte sich um „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“.

Die Kurfürstenstraße war wie leergefegt. Kein einziges Mädchen war zu sehen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Stattdessen standen zweihundert „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ in zwei oder drei großen Trauben auf dem Bürgersteig. Ich weiß nicht genau, was hier vorgefallen ist, doch nehme ich an, dass, wenn ungarische, bulgarische und rumänische Frauen, die hier anschaffen, vergewaltigt werden, unser Rechtsstaat überfordert ist. Er schafft es ja nicht einmal, Frauen in der Innenstadt Kölns zu schützen. Außerdem ist anzunehmen, dass die Frauen, die auf der Kurfürstenstraße anschaffen, keine Anzeige wegen Vergewaltigung erstatten. Ist hier etwas Ähnliches vorgefallen?

In einem Nebensatz erwähnte die Polizei, als sie über die Übergriffe in Köln berichtete: „Ähnliche Attacken fanden auch in Hamburg und Stuttgart statt.“ Wie bitte? Sind es doch keine organisierten Banden, sondern ist das vielleicht einfach nur ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch?

Das also ist der erste Abschnitt. Die Informationen sind eher mager. Ein bisschen Sex, ein bisschen persönliche Erzählung. So, wie es heute im Selfie-Journalismus üblich geworden ist. Am Ende dann die wichtige Information, dass Ähnliches in Hamburg und in Stuttgart stattgefunden hat und es auch dort zu Übergriffen kam, und dann die polemische Pointe „ist das einfach ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch“? – das würde in der sogenannten seriösen Presse der Zensur zum Opfer fallen und das mit einem gewissen Recht, denn Nordafrika ist groß und nur, weil in Deutschland Hunderte oder Tausende „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ Frauen vergewaltigen, demütigen und bestehlen, kann man nicht Männer, die aus einer bestimmen Region stammen, unter Generalverdacht stellen. Was also dieser Satz braucht, um den Gedanken, den er enthält, auszudrücken, ist eine größere Genauigkeit und eine Einschränkung. Die Frage, die dahintersteht, ist: Entstehen unabhängig voneinander mehr oder weniger spontan Szenen wie am Kölner Hauptbahnhof? Dann würde es sich hier um eine Art kultureller Vererbung von sexueller Gewalt handeln, ausgehend von Gruppen „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammender Männer“. Eine Frage, über die man nur spekulieren kann. Die aber dennoch wert ist, untersucht zu werden. Doch geht es uns hier um etwas ganz anderes, nämlich darum, wie bei der Frage „Ist das einfach ausgelassen feiern auf Nordafrikanisch?“ bei jedem Leser ein Motor in seinem Steinzeitgehirn anspringt. Entweder: „Richtig so, alles Vergewaltiger!“ oder „Was für ein rassistisches Arschloch!“ Warum springt hier der Motor an? Weil man diese Aussage mit dem Schema Gut/Böse behandeln und damit den Autor als Freund oder Feind einstufen kann. Und genau dies ist das Problem: Wir brauchen nicht mehr Moral, sondern weniger. Sexuelle Gewalt ist ein moralisches und oft religiöses Problem. Es handelt sich hierbei nicht um eine Annäherung, sondern um eine Abwehr des eigenen Begehrens. Die moralische Entrüstung die ich für die nächsten Tage voraussehe, ist nicht das  Gegenteil der Übergriffe, sondern eine Wiederholung der Gewalt.

Kommen wir nun zu dem zweiten Absatz, der unser Steinzeitgehirn nicht mit dem Ausschütten von entsprechenden Botenstoffen belohnen wird. Ich bitte die Leserin oder den Leser zu beobachten, wie ihr oder sein Interesse schwindet, und dies, obwohl es sich hier um Gedanken handelt, die Probleme lösen könnten. Um nämlich mit unserem Steinzeitgehirn die Welt zu verstehen, brauchen wir theoretische Konzepte, mit deren Hilfe wir komplexe Zusammenhänge verstehen können. Diese Modelle kommen nicht ohne ein gewisses Maß an Abstraktion aus.

Abschnitt II:

Beginnen wir mit einer kleinen hyperbolischen Einleitung: 2015 ist das Jahr, in dem ein Journalist wegen eines Smileys auf Facebook seinen Job verlor. Es ist das Jahr, in dem es faktisch keine Pressefreiheit mehr gibt, weil die Selbstzensur der Medien stärker wirkt als jede staatliche Zensur in einem totalitären System. Um dies und anderes zu begreifen, bedarf es gewisser Theorieinstrumente und gewisser Definitionen, mit denen wir dann arbeiten können.

(1) Die erste Definition besteht in der Unterscheidung zwischen einer Gesinnungsethik oder auch wertebasierten Moral und einer Moral, die auf die Wirkungen des eigenen Handelns sieht. Diese wird auch utilitaristische Moral genannt und ist mit den englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) verbunden. Eine Handlung ist dann gut, wenn sie dazu führt, dass möglichst viele Menschen möglichst glücklich sind und von möglichst vielen Menschen Unglück abgewendet wird. Mill bemerkt dazu ergänzend, dass ein unzufriedener Mensch einem zufriedengestellten Schwein vorzuziehen sei und es besser sei, ein unzufriedener Philosoph als ein zufriedener Idiot zu sein.

Die wertebasierte Moral dagegen orientiert sich an gewissen Werten, d.h. daran, was man tun soll und was man nicht tun darf. Die Frage ist natürlich, woher sollen diese wertebasierten Regeln kommen, wenn nicht von Gott? Wenn wir also aufgeklärt sind und weder an den Weihnachtsmann noch an Gott glauben, dann kann es nur eine utilitaristische Moral geben. Hier aber beginnt das Problem: Woher sollen wir wissen, wie sich unsere Handlungen auswirken? Die Chaosforschung machte von sich reden, als sie zeigen konnte, dass ein Schmetterlingsflug im südlichen Kalifornien theoretisch einen Schneesturm in Sibirien auslösen kann. Nehmen wir an, jemand schießt auf einen Salafisten, der explodiert, denn er war gerade auf dem Weg zu einem Selbstmordanschlag und hatte einen Sprengstoffgürtel unter seiner Kleidung versteckt. War dies eine gute Tat, selbst dann, wenn sie aus einem rassistischen Hass auf Araber geschah? Ein radikaler Utilitarismus würde sagen: ja. Aber löst sich dann nicht jegliche Moral auf? –

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir eine andere Frage stellen und diese lautet: Was können wir aus dem Utilitarismus lernen? Erstens: Es wäre falsch zu glauben, dass aus Guten immer nur Gutes und aus Schlechtem immer nur Schlechtes entsteht. Wenn dies so wäre, dann müsste alles Gute am Ende auf das Gute an sich, also auf Gott zurückgeführt werden – ein Gedanke den Nietzsche am Anfang seines Buches Jenseits von Gut und Böse entwickelt. Die Vorstellung von dem Guten und Bösen an sich nennen wir Moralfundamentalismus und in ihm gleichen sich Gutmenschen, Nazis und islamische Terroristen: Sie glauben, dass eine Handlung gut oder schlecht ist (und nicht nur Gutes oder Schlechtes bewirkt). [Hier reagieren unsere Steinzeitgehirne wieder: kann man Gutmenschen mit Nazis und Terroristen gleichsetzen? – Ja, das kann man, wenn man eine Gemeinsamkeit findet und die findet man darin, dass sie alle drei glauben, Gutes zu tun. Wir werden darauf zurückkommen.]

Die zweite Konsequenz des utilitaristischen Gedankens ist, dass es der Forschung bedarf. Wenn wir wissen wollen, wie unsere Handlungen sich auswirken, brauchen wir zuerst eine Theorie, mit deren Hilfe wir gesellschaftliche Entwicklung beobachten können. Dazu allerdings müssen wir zweierlei verstehen: die Struktur der Gesellschaft und die menschliche Natur. Wenn wir etwas Gutes bewirken wollen, müssen wir uns mit Gesellschaftstheorien auseinandersetzen. Das Problem besteht in der Komplexität der Gesellschaft. Die Soziologie regiert auf dieses Problem mit Theorie. Theorie ist also dafür da, komplexe Zusammenhänge durch sie zu beobachten, indem sie „auf die richtige Weise“ die Komplexität der Sachverhalte reduziert, so oder ähnlich der deutsche Soziologe Niklas Luhmann. An die Stelle des instinktiven Gut/Böse-Schemas tritt dann eine Theorie als Beobachtungsinstrument und eine funktionale Beschreibung von Gesellschaft. Angesichts unseres Steinzeitgehirns verzichte ich hier auf weitere Ausführungen und beschränke mich auf einen einzigen Satz: Die Gesellschaft muss man betrachten wie eine Zeichnung von Schaltkreisen mit dem Interesse daran, sie zu verstehen. Vermeiden müssen wir Zurechnungen auf Personen und moralische Urteile.

Der dritte Punkt betrifft die Praxis des Utilitarismus, also jener Moral, die für einen aufgeklärten Menschen die einzig mögliche ist. Das Problem ist, dass man – wie wir oben gesehen haben – theoretisch jede Handlung mit dem utilitaristischen Gedanken rechtfertigen kann. Das Glück der Vielen erscheint als Konzept zu vage um von ihm konkrete Verhaltensregeln abzuleiten. Forschung braucht Zeit, aber handeln müssen wir hier und jetzt. Der Utilitarismus ist also nicht durchhaltbar, sondern es bedarf in der Praxis gewisser Werte, auf die man sich einigen muss und die man sowieso nicht abschaffen kann, da wir anderen Menschen und uns selbst für gewisse Tätigkeiten und Unterlassungen Achtung und Missachtung zurechnen. [unsere Steinzeitgehirne sind hier auf dem Tiefpunkt angekommen: gähn!] Der Unterschied zu einer werteorientierten Moral besteht darin, dass die Werte nur als Vermittlungsinstanz eingeführt werden und deshalb immer in Hinblick auf ihre Wirkung hinterfragt werden müssen. Dies ist das genaue Gegenteil des unausgesprochenen Credos der Gutmenschen, das da heißt: „Ich bin gut – und nach mir die Sintflut.“

Wir hatten gesagt, dass Gut und Böse an sich einen Gott verlangt und dass wir uns, wenn wir aufgeklärt sind, damit auch von Gut und Böse an sich abwenden müssen. Das Problem ist, dass es uns mit unseren Steinzeitgehirnen nicht ganz und gar gelingt. Wir nehmen an, dass hinter den Dingen etwas steht. Macht, denken wir, bedeutet, dass jemand mächtig ist. Wenn es also keine Pressefreiheit gibt, dann muss es einen bösen Diktator geben, der die Pressefreiheit einschränkt. Diese Annahme lässt sich evolutionsbiologisch erklären. Die Intelligenz der Primaten ist als soziale Intelligenz entstanden. Alles, was komplex ist und nicht mechanisch erklärt werden kann, verstehen wir als das Wirken von Agenten. Wir nehmen also an, dass Missstände von den Mächtigen bewusst erzeugt werden. Damit kommen wir auch wieder zu unserer Lieblingsbetrachtungsweise: dem Schema von Gut und Böse. Der französische Psychologe und Philosoph Michel Foucault hat ein anders Konzept von Macht entwickelt. Zunächst einmal stellt er klar, dass es kein Außerhalb der Macht gibt, dass man also selbst immer auch Teil der Struktur ist, die man beschreibt. Deleuze (1993) stellt zwei von Foucault entwickelte Machtkonzepte einander gegenüber: Die Macht der Disziplinargesellschaft, diese ist dem 18. und 19. Jahrhundert zugeordnet und erreicht ihren Höhepunkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gibt hier eine reale Macht, die Interessen verfolgt, und diese Macht wird über Einschließungsmilieus organisiert: über Schule, Kaserne, Fabrik, Klinik, Gefängnis usw. Dagegen steht die Kontrollgesellschaft, die mit Selbstkontrolle, Verflüssigung, Sehnsüchten und Manipulation in offenen Verhältnissen zu tun hat. Es gibt hier kein mächtiges Subjekt, sondern die Macht liegt in der Struktur und der freiwilligen Teilnahme. Mit ihr können wir erklären, wie wir auf eine Diktatur ohne Diktator zusteuern, wie die Selbstzensur der Medien in Deutschland die Zensur in Ländern wie Ungarn, Polen und Russland in der Praxis überbietet: Demokratie wird in der Systemtheorie als ausdifferenzierte Gesellschaft beschrieben, d.h. Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft sind getrennte selbstreferenzielle Teilsysteme der Gesellschaft.

Was können wir gegen Denkverbote tun?

Eine wissenschaftliche Äußerung hat keinen Machtanspruch. Und der Rechtsstaat besteht darin, dass Moral und Recht nicht das gleiche sind. Wenn eines der Systeme alle anderen dominiert, entsteht ein totalitäres System. Politische Totalität kennen wir als die klassische Diktatur. Eine Zeitlang bestand die Befürchtung, dass die Wirtschaft alle anderen Bereiche dominieren würde und die Politik zum Diener der Wirtschaft werden könnte. Nun aber steuern wir durch die Selbstorganisationen in sozialen Medien und einer Politik, die sich dem Moralisieren der Massen unterwerfen muss, auf die Diktatur der Moral zu. Die Zensur also, die wir im Augenblick erleben ist das Ergebnis des Moralisierens, also der naiven Verwendung des Gut/Böse-Schemas. Was können wir gegen Denkverbote tun? Wir müssen mit Foucault davon ausgehen, dass wir selbst den Denkverboten unterliegen. Wie können wir also das Undenkbare denken? Indem wir zunächst verbotene Sätze formulieren und uns dann in einem zweiten Schritt fragen, ob sie die Grundlage einer verbotenen Diskussion sein könnten. Welche sind die verbotenen Sätze, die wir in unserem eigenen Kopf zensieren würden? Lasst uns dies gemeinsam tun! Was sind verbotene Gedanken?

Und die Moral von der Geschicht’? – Wenn du Gutes tun willst, entwirf eine Zukunft für Europa. Wie soll Europa in 200 Jahren aussehen? Versuche die Welt mit kühlem Kopf zu verstehen. Und moralisiere nicht, denn mit jeder Verwendung des Gut/Böse-Schemas, mit jeder moralischen Empörung (auch gegenüber den Tätern der Silvesternacht) wächst die Macht, die die Grundlage der Denkverbote bildet.

Till Nikolaus von Heiseler [http://tillnikolausvonheiseler.com/] ist Autor und Philosoph. 2013 erschien sein Buch “Friedrich Kittlers Flaschenpost”. In den Jahren 2008-2015 führte er ein Forschungsprojekt zur Entstehung der Sprachfähigkeit des Menschen durch.


Top-Foto:
Kölner Hauptbahnhof (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 546  vom 27.01.2016

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