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Aktueller Online-Flyer vom 31. August 2016  

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Globales
Noch ist Zeit um den Staat, den wir aufgebaut haben, zu retten
Furcht vor Assimilierung
Von Uri Avnery

Das israelische Bildungsministerium hat ein Buch von der Leseliste der Studenten gestrichen. Das ist keine große Sache. In Russland, China und im Iran passiert das jeden Tag. Aber es ging nicht um das revolutionäre Werk eines feuerfressenden Rebellen. Es geht um den einfühlsamen Roman der hochgeschätzten Autorin Dorit Rabinjan. Ihre Todsünde war die Handlung: eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Araber. Sie lernten sich auf amerikanischem Boden kennen.


Israelische Ultraorthodoxe in der Armee

Quelle: Weltspiegel

Dem Ministerium schaudert. Was? Eine koschere Tochter Israels mit einem arabischen Goi? Undenkbar. Das wäre ja wie eine Liebesgeschichte zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann im Atlanta des Vom Winde verweht. Oder zwischen einer Jüdin und einem reinen Arier in Hitlerdeutschland.
Schockierend. Gut, dass die weisen Männer des Ministeriums die Verbreitung des Buches gerade noch rechtzeitig verhindert haben. 

DIE ENTSCHEIDUNG verursachte einen Aufruhr. Liberale Lehrer und Kommentatoren hatten einen großen Tag. Besonders die, die Sinn für Humor haben. (Ja, davon gibt es einige – sogar in Israel.)
Einige von ihnen verlangten ein Verbot der Bibel, da sie voller Könige und Helden ist, die ausländische Frauen geheiratet haben. Abraham nahm die ausländische Frau Hagar, hatte einen Sohn mit ihr und schickte beide in die Wüste, damit sie dort stürben, weil Sara, die Mutter des jüdischen Volkes, eifersüchtig war. Die Bibel stellt unsere Vorfahrin als einen ziemlich widerlichen Hausdrachen dar.
Moses hatte eine midianitische Frau. König David heiratete die Frau, die er begehrte, nachdem er ihren hethitischen Ehemann in die Schlacht geschickt hatte, in der er fiel. Salomon hatte viele Frauen, die meisten waren Ausländerinnen. Der Held Samson wurde von seiner Philister-Frau verraten. König Ahab, der verblutete, weil er während der Schlacht eine medizinische Behandlung ablehnte, hatte eine Frau aus Sidon. Und so weiter. Eine sehr lange Liste. Einige Erzieher forderten fröhlich die Entfernung der Bibel von der Liste des Ministeriums.
Fast genauso schlimm ist, dass einige Meisterwerke der modernen hebräischen Literatur Liebesgeschichten zwischen jüdischen Männern und Schicksen (eine abwertende jiddische Bezeichnung für nicht jüdische Frauen, die vom hebräischen Wort schekez: Unreines, Abscheu abgeleitet ist). Weg mit ihnen! 
Was mich an der Sache allerdings am meisten getroffen hat, war ein Wort in der offiziellen Erklärung des Ministeriums für die Maßnahme: hitboleluth, was Assimilierung bedeutet.
Das Buch wurde beschuldigt, es würde seine Leser, besonders die jungen im eindrucksfähigen Alter, in Richtung Assimilierung führen. 

ASSIMILIERUNG? HIER? In Israel? In einer offiziellen Regierungserklärung?
Unglaublich.
Assimilierung ist ein Wort, das in der jüdischen Diaspora viel benutzt wird. Es ist sehr abwertend. Es bezeichnet die Handlungsweise eines Juden, der sich seines Erbes schämt und versucht, in der christlichen Umgebung um ihn herum unterzutauchen. Ein Jude, der einen Goi imitiert und versucht, wie einer von ihnen auszusehen und sich so zu benehmen. Kurz gesagt: ein jämmerlicher Feigling.
Wenn man einen Juden in Los Angeles oder Moskau als „assimiliert“ bezeichnet, ist das eine schwere Beschuldigung. Viele Jahrhunderte lang war es eine der am stärksten verdammenden Bezeichnungen.
Dafür gab es gute Gründe. Juden waren überall eine bedrängte Minderheit. Sie hatten keinen eigenen Staat, keine Armee, um sich zu verteidigen, keine Macht außer ihrer Solidarität miteinander. Sie mussten zusammenhalten, um zu überleben. In kleinen Gemeinden konnte der Abfall vom Glauben auch nur einer einzigen Familie allen anderen einen starken Schlag versetzen.
Oft führte Assimilierung zum vollständigen Glaubenswechsel. Wenn eine Jüdin einen Christen heiratete, wurden die Kinder im Allgemeinen christlich erzogen und verloren die Verbindung zu ihrer jüdischen Herkunft, obwohl in der jüdischen Religion die Kinder einer jüdischen Mutter ganz und gar jüdisch sind. Der Vater zählt nicht. (Vielleicht, weil man nie ganz sicher sein kann, wer der Vater ist.)
Dies alles ist für eine Gemeinschaft in der Zerstreuung, die als Minderheit in einer fremden, oft feindlichen Umgebung lebt, recht normal. Es trägt zu ihrem Überleben bei.
Das Wort hitboleluth ist deshalb mit dem anderen hebräischen Wort galut  (wörtlich: Exil) verbunden.
Nach der akzeptierten jüdischen Anschauung ist die jüdische Geschichte in drei Teile geteilt: die Zeit des „Ersten Tempels“: von den Tagen Abrahams bis zum Babylonischen Exil, einem Exil, das Gott den Juden ihrer Sünden wegen auferlegt hatte. Nach zwei Generationen erlaubte Gott den Juden zurückzukehren und den „Zweiten Tempel“ zu bauen, aber dann sündigten sie wieder. Da wurde Gott wirklich wütend und schickte sie noch einmal ins Exil, und dieses Mal für eine unbestimmte Zeit. Die orthodoxen Rabbis sahen den Zionismus als Sünde an, weil die Rückkehr ins Heilige Land Rebellion gegen Gott sei. Juden müssten in der galut bleiben, bis Gott in seiner Gnade sie zurückbringen werde. 

DIE ZIONISTISCHE Ideologie verachtete die galut. Da sie grundsätzlich atheistisch war, kümmerte sie sich nicht um den Willen Gottes.
Ihr Gründer Theodor Herzl glaubte, dass, wenn der jüdische Staat erst einmal entstanden sei, alle wirklichen Juden dorthin kommen würden, um in diesem Staat zu leben. Von da an würden nur sie noch Juden genannt werden. Alle anderen Juden würden sich an ihre Heimatländer „assimilieren“ und aufhören, Juden zu sein. (Dieser Teil der ursprünglichen Anschauung wird in den israelischen Schulen nicht erwähnt.)
Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die zionistische Gemeinschaft in diesem Land vor der Gründung des Staates Israel stolz zwischen sich und den Juden in der galut unterschieden hat. Die Menschen der jüdischen Gemeinschaft im damaligen Palästina nannten sich spontan eine „hebräische“ Gemeinschaft und sprachen von hebräischer Landwirtschaft, hebräischem Untergrund, einem künftigen hebräischen Staat und einer hebräischen Armee und unterschieden damit zwischen sich und der jüdischen Religion, jüdischen Traditionen, einer jüdischen Diaspora usw.
Die schlimmste Beleidigung, die man jemandem in Tel Aviv (offiziell „die erste hebräische Stadt“ genannt) an den Kopf werfen konnte, war, dass er ein galuti sei. Das bedeutete, dass ihm die Eigenschaften fehlten, die wir in aller Bescheidenheit uns selbst zuschrieben: Geradlinigkeit, Mut, Aufopferungsbereitschaft und harte Handarbeit. 

NICHTS KONNTE mehr galutisch sein als die Angst vor Assimilierung.
Assimilierung an wen? Die arabischen Bürger machen 20% der israelischen Bevölkerung aus. Sie werden auf allen Gebieten diskriminiert. Meinungsumfragen zeigen, dass viele jüdische Israelis sie verachten. In dieser Woche wurde ein griechisches Flugzeug stundenlang daran gehindert, von Athen nach Tel Aviv zu fliegen, weil einige jüdische Fluggäste etwas dagegen hatten, dass zwei israelische Araber mitfliegen sollten. Die Araber wurden schließlich zurückgelassen.
(Man stelle sich zwei schwarze Passagiere in einem amerikanischen Flugzeug vor. Oder zwei jüdische Passagiere in einem deutschen.)
Woraus entspringt also die Furcht vor Assimilierung? Einzig und allein aus tiefen galutischen Wurzeln.
Liebesbeziehungen, ja sogar Heiraten, zwischen Jüdinnen und Arabern (niemals andersherum) sind in Israel nicht gänzlich unbekannt. Aber sie sind äußerst selten. Vielleicht gibt es ein paar Dutzend. Junge Leute der beiden Nationen mischen sich hier und da, besonders an Universitäten, aber die Kluft zwischen ihnen ist viel zu tief.
Der Einfall, die Liebesgeschichte eines solchen Paares müsste verboten werden, weil sie zu „Assimilierung“ führen könnte, ist lächerlich. Es sei denn, es wäre andersherum: arabische Bürger fürchteten sich vor der Assimilierung ihrer jungen Männer an eine jüdische Gesellschaft. Auch davon gibt es ein paar Fälle. (Araberinnen heiraten im Allgemeinen innerhalb ihrer Großfamilien.) 

WELCHE URSACHE hat also dieses Syndrom?
Eine einfache Erklärung ist die „Religionisierung“ des Lebens in Israel unter der gegenwärtig extrem rechts-religiösen Regierung. Die „nationalreligiösen“ Kräfte führen auf ganzer Front eine Offensive durch. Benjamin Netanjahu hat ihnen, um Ministerpräsident zu bleiben, fast alle wichtigen Posten in der Regierung übertragen. Kippatragende Männer besetzen nun die verantwortungsvollen Posten in der Polizei, dem Sicherheitsdienst, dem Mossad und vielen anderen Institutionen. Und gut aussehende extrem-rechte Frauen sind für das Übrige zuständig.
Die Armeeführung ist noch in den Händen säkularer Generäle, aber im letzten Gazakrieg hat der Kommandeur einer Brigade (noch dazu meiner alten Brigade) einen Tagesbefehl verfasst, in dem er die IDF „Armee Gottes“ nannte. Das ist dieselbe Armee, die im Krieg 1948 gegründet wurde, als fast alle ihre Kommandeure sozialistische, atheistische Kibbuzangehörige waren.
Der neue Stabschef hat es gewagt, die Armee-Abteilung für „jüdisches Bewusstsein“, eine religiöse Missionseinrichtung des Armeerabinats, abzuschaffen. Da die Orthodoxen aus religiösen Gründen – z.B. der Nähe zu Soldatinnen - den Dienst in der Armee verweigern, ist die Armee weitgehend säkular, aber sie wird bereits stark von „nationalreligiösen“ Offizieren infiltriert. Die Militär-Rabbis spielen in der Armee dieselbe Rolle wie die „politischen Kommissare“ in Trotzkys Roter Armee. Soldaten legen ihren Fahneneid an der Klagemauer, Israels religiösestem Ort, ab. 

ICH GLAUBE, dass dieser Vorgang sehr viel tiefer greift als ein Machtwechsel von der alten säkularen Elite zur neuen religiösen Elite, so schlimm er auch sein mag.
Gegenwärtig geschieht Folgendes: Die neue israelische Nation, die wir in den 30er, 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geschaffen haben, entwickelt sich zu einer neuen Auflage des jüdischen Ghettos zurück, zu einem bewaffneten Ghetto, einem nuklearen Ghetto, aber nichtsdestoweniger zu einem Ghetto.
Es ist das Gegenteil von dem, worum es im Zionismus ging: ein säkulares, demokratisches, liberales Land mit gleichberechtigten Bürgern im Gegensatz zu einer verschlossenen, religiösen, nationalistischen, rassistischen, ja geradezu halbfaschistischen Gesellschaft.
In einer solchen Gesellschaft erscheint „Assimilierung“ tatsächlich als tödliche Gefahr.
Noch ist Zeit, das Steuer herumzureißen und den Staat, den wir aufgebaut haben, zu retten.
Aber wie lange noch? (PK) 

 

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre Bücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net



Online-Flyer Nr. 545  vom 13.01.2016

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