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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Lokales
An die Oberbergische Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit
"Ehrenwerte" Nazis
Von Lothar Gothe

Sehr geehrte Damen und Herren, ich erlaube mir nachfolgend, zu der Ausrichtung des Gedenktags an die Progromnacht einige kritische Anmerkungen zu machen. Das erste Mal habe ich teilgenommen, weil meiner verstorbenen Freundin Rachel Grünebaum - einer Auschwitz-Überlebenden - gedacht wurde. Seitdem komme ich, weil auch ich Zeichen gegen Rassismus und Fremdenhass für immer notwendiger halte. 

 


Rachel Grünebaums Biografie
Quelle: Emons Verlag

 

Denn es brüllen ja wieder Rechtsradikale ihre Hassparolen gegen Fremde auf den Straßen, sie verbreiten unsägliche Hetze im Internet, und rassistische und antisemitische Gewaltaten haben ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung auch an die Opfer des oberbergischen Nazismus wachzuhalten, und dessen geistigeWurzeln und die vielfältige Mitwirkung am Holocaust offenzulegen. 

Das erste geschieht auch jedesmal in ritualisierter Form: Es wird der deportierten und ermordeten Juden aus Nümbrecht und Waldbröl gedacht und es ist sehr richtig, immer wieder jeden Einzelnen mit Namen und Wohnort zu nennen, damit er aus der unbegreiflich riesigen Masse der Toten des Völkermords als individueller Mensch hervortreten kann.

Aber sie bleiben immer wieder Opfer ohne Täter!

Die rassistischen Aufhetzer, Verfolger, Deportierer und Mordgehilfen waren natürlich auch keine anonyme Masse, sondern ebenfalls konkrete Personen mit Namen und Adressen. Ohne ihre jeweiligen Beiträge wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Sie aber, die Täter auf den verschiedenen Ebenen, bleiben anonym, obwohl es gerade in Nümbrecht solche der schlimmsten Sorte gab, beileibe nicht nur den Spitzen-Nazi Robert Ley. 

Viele Oberberger wie z.B. der hochrangige SS-Führer Schuster aus Nümbrecht hatten ebenfalls großen Anteil an Diskriminierung und Verfolgung und damit letztlich auch am Massenmord.

Da alle die heimischen Täter aber bislang namenlos und unerwähnt bleiben, entsteht der Eindruck, die Angehörigen der Familien Baer, Goldbach, Hertz, Löwenstein und Elias  seien von „Dem Nationalsozialismus“ oder „Dem Antisemitismus“ abgeführt und umgebracht worden; als sei das „Böse“ wie eine monströse dunkle Macht über das Oberbergische und Deutschland gekommen und hätte die armen Juden verschlungen und sie ein paar teuflischen KZ-Schergen ausgeliefert. 

Weil die Täterpersonen, ihre Biografien und ideologischen Hintergründe permanent ausgespart und verschwiegen werden, bleibt nur das halbe Bild der Judenverfolgung und der Pogromnacht.

Die bloße Trauerbekundung oder die erklärte Freundschaft mit dem Staat Israel können nicht eine  Aufarbeitung ersetzen, denn sie erklären nichts.

Gerade die Schüler müssen jedoch verstehen und nachvollziehen können, wie es dazu kommen konnte, dass „ganz normale“ Menschen und auch gebildete Bürger zu Hauf in die mörderische Barbarei abgleiten konnten. Das kann nur geleistet werden, wenn die Täterpersonen, ihre Geisteshaltung, ihre Erziehung und Entwicklung betrachtet und analysiert werden. Selbst Ley wurde ja nicht als Nazi geboren. Wenn aber diese „Anfänge“ des rassistischen Exzesses im Dunkeln bleiben, wird die Mahnung „Wehret den Anfängen“ zur leeren Floskel. 

Wir wissen alle, dass auch hier schwer belastete Nazis in der Nachkriegszeit unbehelligt blieben und wie z.B. Schuster als erfolgreiche Geschäftsleute und angesehene Bürger schon Anfang der 50er politisch im Gemeinderat und Kreistag tätig werden konnten. Diese Personen und ihre Familien zu schützen, war offensichtlich der Grund dafür, dass ihre Namen, ihre Taten und ihre Biografien beharrlich weggeschwiegen wurden. Dass dies auch heute so fortgesetzt wird, erscheint angesichts des wachsenden Rechtsradikalismus als eklatantes gesellschaftspolitisches Versagen. 

Um diesem unguten Zustand etwas entgegenzusetzen, hatte ich die Veranstalter gebeten, kurz auf  das gerade erst in Deutsch erschienene Buch „Eine kleine Stadt bei Auschwitz – Gewöhnliche Nazis und der Holocaust“ der englischen Historikerin Mary Fulbrook hinzuweisen. Am Beispiel des nationalsozialistischen Landrats von Bedzin - 47km entfernt von Auschwitz - stellt sie eindringlich die grausamen Schicksale der dortigen 30 000 Juden nicht nur dem mörderischen SS- und KZ- Personal gegenüber, sondern auch den zahlreichen willigen Helfern und Zuarbeitern des Holocaust in der Zivilverwaltung. 

Frau Fulbrook kann das, weil sie mit der Landratsfamilie zeitlebens eng verbunden war, denn die Ehefrau des Landrats war die Freundin ihrer Mutter und ihre Patentante. Deren Briefe während des Kriegs und danach geben tiefe Einblicke in die Haltungen  und Weltanschauungen der abertausend ganz gewöhnlichen Funktionsträger, welche die Nazi-Rassenpolitik so effektiv umgesetzt haben. Das Buch zeigt, wie all diese Räder und Rädchen zusammenwirkten bei der kontinuierlichen  Brutalisierung der Verfolgung, bei der Entmenschlichung der Opfer bis hin zur „Endlösung der Judenfrage“.

Auch weil es Bezüge zum Oberbergischen gibt, habe ich die Veranstalter der Gedenkfeier um den Hinweis auf das Buch gebeten. Der Landrat namens Udo Klausa hatte sich nämlich bis zum Ende der Entnazifizierung im Oberbergischen vor der Verhaftung durch die Alliierten versteckt und in Morsbach gearbeitet. Durch Protektion auch des Oberkreisdirektors Goldenbogen wurde er 1954 Direktor des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) und blieb es unangefochten 20 Jahre lang.

Obwohl seine Nazibelastung weitgehend bekannt war, wurde Klausa noch 2010 posthum mit einer lobhudelnden Ausstellung („Dirigent eines großen Orchesters“) geehrt; oberster Laudator war (ohne jegliche kritische Anmerkung) der Vorsitzende der Kölner Christlich-Jüdischen Gesellschaft, Jürgen Wilhelm, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der LVR-Parlaments. 

Nach der Lektüre dieses verdienstvollen Buchs könnte die oberbergische Gesellschaft CJZ e.V. jedenfalls die Aussage, die oberbergische Bevölkerung sei „sehr stark den nationalsozialistischen Verführungen erlegen“ (also auch irgendwie Opfer) nicht länger aufrechthalten. Und der nachfolgend zitierte Satz auf ihrer Homepage müßte als unerträgliche Geschichtsklitterung sofort entfernt werden:

Die oberbergische Gesellschaft klagt hier nicht an, aber will die Erinnerung dafür wach halten, wie gutwillige und ehrenwerte Menschen durch ein feingesponnenes Netz eingefangen und zu Mitläufern und Mittätern wurden.

Die große Masse der rassistischen und antisemitischen Mitläufer war weder gutwillig noch ehrenwert, die Mittäter wie z.B. Klausa schon gar nicht. Und wer nur einmal im „Stürmer“ oder in  „Mein Kampf“ blättert, wird schwerlich ein „feingesponnenes Netz“  entdecken, mit dem die „gutwilligen“ oberbergischen Christen „eingefangen“ wurden. Die Juden sind auch nicht „nur wegen ihrer anderen Religion“ vernichtet worden, wie Bürgermeister Redenius seinerzeit äußerte, es waren rassistische Morde, sonst wären ja atheistische oder konvertierte Juden verschont worden. 

Objektiv werden mit solchen Verfälschungen und Verharmlosungen nicht nur Nazitäter sogar noch posthum geschützt, sondern Äußerungen solcher Art können ja dafür herhalten, dass sich auch die heutigen Rechtsradikalen, Fremdenhasser und Pegida-Mitläufer und -Organisatoren als „anständige“ Deutsche fühlen dürfen. Welch ein verheerendes Signal in Zeiten brennender Flüchtlingsheime besonders an die Jugendlichen! 

Fulbrooks historische Studie rückt das alles gerade und räumt auf mit dem Reinwaschen, Ablenken und Verharmlosen, indem sie nicht nur das furchtbare Ende zeigt, sondern gerade auch die Anfänge, deren wir uns heute wieder erwehren müssen.

Aber die Veranstalter, auch Bügermeister Redenius, lehnten einen Hinweis auf dieses wichtige Buch kategorisch ab! Warum? (PK) 

Lothar Gothe lebt in Bergneustadt und versucht seit 25 Jahren ein nachhaltiges Leben auf einem kleinen Subsistenzbauernhof, beteiligt sich an verschiedenen sozial-ökologischen Projekten. Nach der "68er-Revolte" bis Ende der 80er 2o Jahre lang im SSK.
Er hatte diesen Offenen Brief am 22.11.15 auch
an die Christlich-Jüdische Gesellschaft in Köln, an den LVR und an den Oberbergischen Kreis geschickt. Dessen Reaktion hat er in seiner Post an die NRhZ dargestellt. Der Geschäftsführer der Kölner C.J. Gesellschaft hat umgehend geantwortet, sie seien ja wohl nicht der Adressat, woraufhin er ihn auf die ungute Verwicklung von deren Vorsitzenden Wilhelm in den Fall Klausa hingewiesen hat. Die Oberbergische Gesellschaft und der LVR haben bisher nicht reagiert.



Online-Flyer Nr. 541  vom 16.12.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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