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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Kommentar
Psychologische Anmerkungen zu fataler politischer Entscheidung
Gewalt gegen Gewalt
Von Rudolf Hänsel

„Gewalt gegen Gewalt lehne ich ab“, war die Einstellung des großen deutschen Dichters und Humanisten Friedrich von Schiller (1759-1805) zur weltgeschichtlichen Erschütterung seiner Zeit. Sollte diese ethische Haltung nicht auch Richtschnur für politisches Handeln in heutiger Zeit sein? Unsere Politiker sind angesichts zunehmender terroristischer Bedrohungen jedoch der Auffassung, dass Gewalt mit Gewalt und Terror mit Terror bekämpft werden müssen, obwohl 14 Jahre Kriege gegen den Terror bisher nur viele Staaten zerstört, menschliches Leid geschaffen, gewaltige Flüchtlingsströme ausgelöst und den internationalen Terrorismus gestärkt haben. Das wissen auch unsere Politiker. Trotzdem drehen sie mit der beschlossenen Kriegsbeteiligung gegen den sog. Islamischen Staat (IS) weiter an der Spirale der Gewalt. Die willfährigen Mainstreammedien unterstützen sie dabei. Was sind die Gründe hierfür?


Jürgen Todenhöfer - fotografiert von seinem Sohn Frederic, der ihn auf seiner Reise in die Welt des IS begleitete.

Foto: Frederic Todenhöfer

Vieles deutet darauf hin, dass der IS von den westlichen Kriegsparteien entgegen aller Beteuerungen bis heute nicht ernsthaft bekämpft wurde. Wird er weiterhin gebraucht, um z.B. geostrategische Ziele wie die Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens und die Neue Weltordnung (NWO) durchzusetzen? Wenn dem so ist, sollten die Entscheidung über Krieg und Frieden wir Bürger treffen – wie in einer echten, einer direkten Demokratie. Wir Bürger wollen nämlich keine Kriegsbeteiligung in Syrien. Gewalt gegen Gewalt lehnen wir ab! Überhaupt entspricht Gewalt nicht der menschlichen Natur. Die Ursachen für Gewalt sind nicht in einem angeblichen Aggressionstrieb begründet. Das ist ein Märchen. Der Mensch ist von Natur aus nicht böse. Das wissen wir heute dank der psychologischen Wissenschaft. Eine ungünstig verlaufene Erziehung oder Gewalt fördernde äußere Umstände können einen Menschen dazu verleiten, sich aggressiv zu verhalten.

Auch der Krieg ist kein Naturgesetz. Die Menschheit sehnt sich nach Frieden. Er ist zuallererst ein gutes Geschäft. Kriege werden angezettelt von machtgierigen Kriegsherren, die armen Völker leiden darunter. Krieg ist ein systematisierter Menschenmord. Doch er ist noch immer die „ultima ratio“ der Politik. Wie ist es möglich, dass Politiker immer wieder in den Irrwahn verfallen, dass sich Konflikte zwischen Nationen oder Staaten durch kriegerische Auseinandersetzungen beseitigen lassen? (1) Kriege und Terror raffen Millionen von Menschen dahin wie die Pest des Mittelalters. Der Journalist und Autor Jürgen Todenhöfer bezeichnete die Präsidenten und Regierungschefs der Welt in einem Offenen Brief („Brief im Zorn“) im Zusammenhang mit den anhaltenden Flüchtlingsströmen als Folge der westlichen Kriegspolitik als „totale Versager“. (2)

Bereits vor einem Jahr war Todenhöfer im IS-Kalifat und erlebte ISIS aus nächster Nähe. In einem Interview („Islamischer Staat will uns in die Falle locken“) zu den Terroranschlägen in Paris bezeichnete er die verstärkten Luftangriffe Frankreichs gegen den IS als Fehler: „Die ganzen Kriege gegen den Terror, die vor 14 Jahren begonnen haben, waren ein totaler Flopp. Vor 14 Jahren gab es ein paar hundert Terroristen in den Bergen des Hindukusch. Mit Hilfe dieser Bombardements gegen Afghanistan, Libyen, Syrien usw. haben wir jetzt hundertausende internationaler Terroristen. Wir haben den Terrorismus gezüchtet. Und es ist eine absurde politische Fehlleistung, immer noch zu glauben, dass man es mit Bomben schaffen kann.“ (3) Dann legte er dar, welche vernünftigen und zielführenden politischen Lösungen es jenseits von Krieg und verheerenden Bombardierungen gäbe, den IS zum Verschwinden zu bringen, wenn man das ernsthaft wolle. Wieso wird auf die Stimme dieses erfahrenen Nahost-Experten nicht gehört?

Todenhöfer ist nicht die einzige Stimme der Vernunft. Es melden sich immer mehr Fachleute zu Wort: So warnt der Nahost-Experte Michael Lüders in einem Interview („Bombenangriffe stärken den Islamischen Staat“) davor, nicht dieselben Fehler zu machen, die man in der Vergangenheit gemacht hat, „nämlich sich ohne Plan, Sinn und Verstand in militärische Abenteuer zu verstricken“, denn die Lage in Syrien sei brandgefährlich und ein Militäreinsatz in Syrien sei mit erhöhter Terrorgefahr für unser Land verbunden. (4) Von einem Fehler spricht auch der weltbekannte britische Physiker Stephen Hawkings, wenn Politiker nach dem Terror von Paris Gewalt mit Gewalt bekämpfen wollen. Öffentlich warnt er: „Wir reagieren mit Aggression auf Aggression. Und das ist ein großer Fehler.“ (5)

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq schließlich geht in einem Gastbeitrag für den italienischen „Corriere della Sera“ („Ich klage Hollande an, verteidige die Franzosen“) mit der französischen Außenpolitik und der repräsentativen Demokratie hart ins Gericht und sieht die Lösung in der direkten Demokratie: „Seit Jahren haben die Regierungen versagt. (...) Die einzige Lösung, die bleibt, scheint mir, dass wir uns langsam der einzigen echten Demokratie zuwenden, nämlich der direkten Demokratie.“ (6) (PK)

(1) Merkel: „Der islamische Staat muss mit militärischen Mitteln bekämpft werden“ http://faz.net/aktuell/politik/terrorangst-in-europa/angela-...francois.hollande-zu-is-terror-bekaempfung-13932985.html.

(2) http://www.rtdeutsch.com/3000/meinung/offener-brief-von-juergen todenhoefer...presidenten-und-regierungschefs-der-welt-ihr-seid-totale-versager/

(3) http://www.merkur.de/politik/juergen-todenhoefer-interview-isis-islamischer-staat-is-will-uns-in-die-falle-locken-5874145.html.

(4) http://merkur.de/politik/isis/-islamischer-staat-is-michael-lueders-bombenangriffe-staerken-islamischen-sttat-5905479.html?

(5) http://huffingtonpost.de/2015/11/18/stephen-hawking-terrorism_n_8589214.html.

(6) http://welt.de/kultur/literarischewelt/article149040543/Ich-klage-Hollande-an-verteidige-die-Franzosen.html.

 

 



Online-Flyer Nr. 539  vom 02.12.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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