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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Kommentar
Ist Netanjahu nach seinem Freispruch Hitlers vom Holocaust noch glaubwürdig?
Adolf, Amin und Bibi
Von Uri Avnery

Es ist nicht sehr angenehm, wenn sich ernst zu nehmende Leute in aller Welt – Historiker, Psychiater, Diplomaten – fragen, ob mein sei. Aber genau das geschieht gerade. Und nicht nur im Ausland. Immer mehr Leute in Israel stellen sich dieselbe Frage. Alles das ist das Ergebnis eines Ereignisses. Aber jetzt sehen die Leute viele andere Ereignisse – vergangene und gegenwärtige – in neuem Licht.


Großmufti Hadschi Amin al-Husseini
Quelle: http://www.eslam.de/

 

Bisher wurden viele seltsame Handlungen und Äußerungen Benjamin Netanjahus als Manipulationen eines schlauen Politikers und begabten Demagogen gesehen, der die Seele seiner Wähler kennt und sie dementsprechend reichlich mit Lügen versorgt.
Nun nicht mehr. Ein besorgniserregender Verdacht geht um: Unser Ministerpräsident ist nicht ganz bei Trost.

ALLES BEGANN vor zwei Wochen, als Netanjahu eine Rede in einer Versammlung von Zionisten aus aller Welt hielt. Was er sagte, schockierte nicht nur die Zuhörer.
Adolf Hitler, so dozierte er, habe die Juden gar nicht vernichten wollen. Er wollte sie nur vertreiben. Aber dann lernte er den Mufti von Jerusalem kennen und der überzeugte ihn, er solle die Juden „verbrennen“. Auf diese Weise wurde der Holocaust geboren.
Der Schluss daraus? Hitler war am Ende gar nicht so schlimm, wie wir bisher gedacht haben. Die Deutschen sind nicht wirklich schuld. Die Palästinenser waren es, die Hitler dazu anstifteten, sechs Millionen Juden zu ermorden. Wenn es um ein anderes Thema gegangen wäre, hätte man die Rede für eine von Netanjahus üblichen Lügen und Verfälschungen halten können: Hitler war am Ende gar nicht so schlimm, sondern die Palästinenser sind schuld, der Mufti war der Vorläufer Mahmoud Abbas’. Das wäre nur ein Beispiel für die übliche Propaganda.
Aber hier geht es um den Holocaust, das grauenhafteste Ereignis der Neuzeit und das bei Weitem wichtigste Ereignis in der jüdischen Geschichte in der Moderne. Dieses Ereignis hat direkte Bedeutung für das Leben der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels (darunter auch mich), die aus Menschen besteht, die ihre Verwandten im Holocaust verloren haben oder die selbst Überlebende sind.
Diese Rede war nicht nur eine geringfügige politische Manipulation, eine von denen, an die wir uns gewöhnt haben, seit Netanjahu Ministerpräsident geworden ist. Das war etwas Neues, etwas Furchtbares.

IN DER GESAMTEN Welt gab es einen Aufschrei. Es gibt viele Tausende Holocaust-Experten. Unzählige Bücher wurden über Nazi-Deutschland geschrieben (davon eines auch von mir). Über jedes einzelne Detail wurde immer wieder geforscht.
Holocaust-Überlebende waren schockiert, weil Netanjahu tatsächlich Hitler und die Deutschen im Allgemeinen von der Schuld an diesem grauenhaften Verbrechen freisprach. Hitler war also gar nicht so schlimm. Er wollte die Juden nur vertreiben und nicht töten. Es waren die bösen Araber, die ihn dazu veranlassten, die schrecklichste Gräueltat aller Gräueltaten zu begehen. Angela Merkel tat etwas Anständiges und gab umgehend ein Dementi heraus, in dem sie die alleinige Schuld dem deutschen Volk zuschrieb. Tausende wütender Artikel erschienen in aller Welt, viele Hunderte davon in Israel. Diese besondere Äußerung Netanjahus war nicht nur dumm, nicht nur unwissend. Sie grenzt an Irrsinn.

EIN MUFTI ist ein Religionsgelehrter, die Autorität mit dem höchsten Rang in der islamischen Gesellschaft, weit über der eines bloßen Richters. Ein Großmufti ist die höchste religiöse Autorität vor Ort. Im Islam gibt es schließlich keinen Papst.
Der Großmufti in dieser Geschichte ist Hadschi Amin al-Husseini. Er wurde von den britischen Behörden in Palästina für das Amt des Großmuftis von Jerusalem ausgewählt. Wie sich herausstellte, war das ein großer Fehler.
Der Mann, der diesen Fehler beging, war der Jude Herbert Samuel, der erste Hohe Kommissar des Britischen Mandatsgebietes von Palästina nach dem Ersten Weltkrieg. Der junge Hadschi Amin war schon als Unruhestifter bekannt und Samuel befolgte die bewährte koloniale Praxis, Feinde in hohe Ämter einzusetzen, um sie ruhig zu halten.
Die Husseini-Familie ist die tonangebende Hamula (Großfamilie) in Jerusalem. Sie hat 5.000 Angehörige und sie bewohnt ein ganzes Stadtviertel. Sie ist eine der drei oder vier vornehmsten Familien in der Stadt. Seit vielen Generationen ist ein Husseini entweder Mufti, Bürgermeister oder ein anderer Würdenträger im arabischen Teil Jerusalems.
Hadschi Amin (ein Hadschi ist ein Moslem, der die obligatorische Pilgerfahrt nach Mekka gemacht hat) war von Anfang an ein Unruhestifter. Er sah schon früh die Gefahr der Einwanderung der Zionisten für die arabische Gemeinde in Palästina und zettelte einige anti-britische und anti-jüdische Aufstände an. Das führte zum Großen Aufstand von 1936 - die Juden nennen das „die Ereignisse“ -, der das Land bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges drei Jahre lang erschütterte.
Bei „diesen Ereignissen“ wurden viele Juden und viele Briten getötet, aber die meisten Opfer waren Araber. Der Mufti (so nannten ihn alle) benutzte die Gelegenheit, seine Rivalen und Konkurrenten töten zu lassen. Für die Juden in Palästina wurde er zum Inbegriff des Bösen, zum Objekt heftigen Hasses. Inzwischen hatten auch die Briten genug von ihm. Sie jagten den Mufti aus dem Land. Er ging in den Libanon. Als das Land jedoch im Zweiten Weltkrieg von den Briten besetzt wurde (um die Soldaten der französischen Vichy-Regierung zu vertreiben), floh der Mufti in den Irak, der damals in den Händen der antibritischen und Pro-Nazi-Aufständischen war. Als die Briten den Irak zurückeroberten, floh der Mufti nach Italien, das die Bemühung der faschistischen „Achse“ anführte, die Araber für sich zu gewinnen. Der Mufti, dessen Hauptfeinde die Briten waren, handelte nach der Devise: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. (Zur selben Zeit handelte einer der Führer des Jüdischen Untergrundes in Palästina, Abraham Stern, nach derselben Devise und suchte Kontakt zu den Italienern und den Deutschen.)
Anscheinend waren die Italiener nicht darauf erpicht, Hadschi Amin bei sich zu haben, und deshalb zog der Mufti weiter nach Nazi-Deutschland. Damals versuchte die SS, muslimische Freiwillige für den Krieg gegen Russland anzuwerben, und jemand hatte den glänzenden Einfall, ein Foto, auf dem der Großmufti zusammen mit Hitler zu sehen wäre, könnte nützlich sein.
Hitler gefiel dieser Einfall durchaus nicht. Er glaubte fest an die Rassentheorie und die Araber sind ja Semiten, also eine minderwertige verabscheuenswürdige Rasse, genau wie die Juden. Aber schließlich hielt er es für gut, diesen arabischen Flüchtling für etwas zu empfangen, das wir heute „Fototermin“ nennen. Ein Foto wurde aufgenommen – das einzige Foto des einzigen Treffens dieser beiden Personen. (Es gibt auch Fotos des Muftis mit muslimischen bosnischen SS-Freiwilligen.)
Das Treffen war kurz, ein oberflächliches Protokoll wurde aufgenommen, die Juden kamen nicht darin vor. Die ganze Episode war unbedeutend. Bis zu Netanjahu.
Der Versuch, den Mufti zum Vater der palästinensischen Nation zu krönen, ist lächerlich. In allen meinen Hunderten von Treffen mit Palästinensern, von Arafat abwärts, habe ich niemals auch nur ein einziges gutes Wort über Hadschi Amin gehört, nicht einmal von dem wunderbaren Faisal al-Husseini, der ein entfernter Verwandter von ihm war. Sie beschrieben ihn übereinstimmend als wahren palästinensischen Patrioten, jedoch als eine Person mit wenig Bildung und engstirnigen Ansichten, als einen, der mit an der Katastrophe, die dem palästinensischen Volk 1948 geschah, schuld war. Das Blutbad, das er mit dem Aufruhr von 1936-1939 unter den Palästinensern anrichtete, schwächte die Palästinenser so sehr, dass dem palästinensischem Volk, als es zur schicksalhaften Prüfung kam - der Teilung Palästinas 1947 und dem Krieg 1948 -, jede leistungsfähige Führung fehlte.
Die Idee, dass der mächtige „Führer“ den Rat eines geflohenen Semiten brauchte oder auf ihn hörte, um den Holocaust zu beschließen, ist absolut lächerlich. Tatsächlich ist er irrsinnig.
Auch die Daten passen durchaus nicht. Das Foto-Treffen fand Ende 1941 statt. Die Vernichtung begann unmittelbar nach der Eroberung Polens 1939 und nahm ihre monströsen Ausmaße mit dem Einmarsch in die Sowjetunion Mitte 1941 an. Sie bekam ihre endgültige industriemäßige Form, als der „SS-Reichsführer“ Heinrich Himmler entschied, dass „man von einem anständigen Deutschen nicht verlangen kann“, dass er den jüdischen Abschaum erschießt. Mit dem allen hatte der Mufti überhaupt nichts zu tun und schon der Gedanke ist irrsinnig.
Bis 1939 förderte Hitler tatsächlich den Gedanken, die Juden zu vertreiben, weil eine physische Ausrottung in einem friedlichen Europa undenkbar erschien. Aber als der Krieg erst einmal ausgebrochen war, sah er die Möglichkeit für eine Massenvernichtung der Juden und sagte das auch in der Öffentlichkeit.


Netanjahu  kurz vor der Wahl
NRhZ-Archiv

WIE ALSO kommt dieser Sohn eines „bekannten Historikers“ dazu, etwas so Irrsinniges zu behaupten? (Diese Bezeichnung Ben-Zion Netanjahus ist jetzt in den israelischen Medien unerlässlich. Allerdings habe ich noch niemals einen getroffen, der sein Werk über die Spanische Inquisition gelesen hätte.) Vielleicht hat Benjamin Netanjahu es von einem Spinner gehört, den Sheldon Adelson gemietet hat – aber selbst dann zeigt doch die Tatsache, dass er die Idee nicht umgehend zurückgewiesen hat, nicht nur, dass er ein vollkommener Ignorant hinsichtlich des wichtigsten Kapitels der jüdischen Geschichte in der Moderne ist, sondern auch, dass er psychische Probleme hat.
In diesem Licht sehen viele seiner übrigen Entscheidungen ganz anders aus, darunter auch die Entscheidung in dieser Woche, den „Bewohner“-Status Zehntausender arabischer Jerusalemer aufzuheben. Als Israel 1967 Ostjerusalem annektierte, wurde den Bewohnern nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern es wurden ihnen nur eingeschränkte Bewohner-Rechte gewährt, die ihnen das Recht, die Knesset zu wählen, vorenthalten. Man erlaubte ihnen gnadenhalber, einzeln die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen, aber natürlich tat das fast niemand, da es die Anerkennung der Annexion bedeutet hätte.
Jetzt fürchte ich mich. Wenn wir tatsächlich von einem Mann regiert werden, der psychische Probleme hat – wohin wird er uns schließlich führen?

EINIGE MEINER Freunde haben sich bei mir beklagt, mein letzter Artikel enthalte eine terminologische Ungenauigkeit, so hätte es jedenfalls Churchill ausgedrückt.
Ich habe geschrieben, dass beim Hitler-Husseini-Treffen die Juden nicht erwähnt worden wären. Das ist eine grobe Übertreibung. Jeder, der auch nur irgendetwas über Hitler weiß, weiß auch, dass der „Führer“ nicht drei Sätze äußern konnte, ohne dass er die Juden erwähnt hätte. (Das ist wieder eine grobe Übertreibung.)
Die englische Version des offiziellen Transkriptes enthält im Ganzen etwa 2.250 Wörter. Die Juden werden zwölfmal erwähnt: dreimal von Hadschi Amin und neunmal von Hitler. Hitler benutzte seine Standardausdrücke, der Mufti offenkundige Schmeicheleien. Keiner von beiden sagte etwas Neues. Hitler wies alle Bitten des Muftis höflich zurück.
Nach Hitlers Meinung regierten die Juden Britannien und die Sowjetunion (die USA waren noch nicht in den Krieg eingetreten). Wenn Italien und Japan auf der Gegenseite gewesen wären, hätte Hitler sie seiner Liste bestimmt hinzugefügt.
Zum damaligen Zeitpunkt, im November 1941, war die Vernichtung der Juden durch die „Einsatzkommandos“ bereits in vollem Gange. Offenbar wusste der Mufti nichts davon und Hitler erzählte es ihm auch nicht. Es war Staatsgeheimnis Nummer 1.
Das Transkript ist seit Langem bekannt. Wenn Netanjahus absurde Behauptungen zutreffend gewesen wären, hätte unsere super-effiziente Propagandamaschine uns und die übrige Welt Tag für Tag mit der Nase darauf gestoßen.
Was die Beachtung des Muftis durch die Nazis angeht: Hadschi Amin blieb noch vier Jahre, bis zum Kriegsende, in Deutschland. Über seinen Aufenthalt in Deutschland ist nichts bekannt. Hitler empfing ihn nicht noch einmal. So wichtig wurde er genommen.
Übrigens: Diese Woche war Netanjahu gezwungen, eine Art Dementi abzugeben – ein Dementi auf die Netanjahu-Art. Darin heißt es: Hitler war für den Holocaust verantwortlich. Keine Entschuldigung. (PK)

 

Empfehlenswert in diesem Zusammenhang:
https://www.youtube.com/watch?v=ufcYAcO6YD0
https://www.youtube.com/watch?v=d3kM4JeROGA

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat selbst auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre Bücher findet man unter
http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords. http://ingridvonheiseler.formatlabor.net

 



Online-Flyer Nr. 535  vom 04.11.2015

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