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Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2017  

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Krieg und Frieden
Ein kleiner Einblick in die Strukturen der Friedensbewegung
Imperialismus braucht Gatekeeper
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am 1. November 2015 wird es soweit sein. Die eMail-Liste der "AG Zukunft" soll geschlossen werden. Der Zug ist am Ende des "Zukunft" genannten Abstellgleises angekommen. Von 30 Personen in Berlin im Mai und 28 Personen in Kassel im Juli waren am 27. September 2015, einen Tag nach den Aktionen "Stopp Ramstein", auf einem etwa 20 km von Ramstein entfernten Campingplatz noch 12 Mitglieder der "AG Zukunft" übrig geblieben. Der überwiegende Teil war offenbar nach den Erfahrungen insbesondere in Kassel abgesprungen. Der verbliebene Rest hat auf dem Campingplatz beschlossen, dass die "AG Zukunft" in der Kampagne "Stopp Ramstein" aufgehen möge. Die Autoren geben in ihrem KROKODIL-Artikel einen kleinen Einblick, mit dem sich die Strukturen in der Friedensbewegung besser einschätzen lassen.


Protest anlässlich des Besuchs von US-Präsident George W. Bush in Berlin, 21.5.2002
Foto: arbeiterfotografie.com

Was sind Gatekeeper. Das sind Personen, die dafür zu sorgen haben, dass „gefährliche“ Ideen keine Verbreitung finden. Das sind Personen, die dafür zu sorgen haben, dass potentiell kritisch denkende Menschen daran gehindert werden, ein vorgegebenes Spielfeld zu verlassen – vorgegeben von den herrschenden Kräften eines kriminell operierenden Imperiums.

Beispiel Münchhausen


In der Friedensbewegung läuft ein Projekt. Es ist nach Münchhausen benannt. Es wird dazu aufgerufen, Kriegslügengeschichten einzureichen. Geschichten mit Analysen zum „11. September“ und mit generellen Betrachtungen zu inszeniertem Terror gehen bei der Redaktion ein. Doch, stopp, die Redaktion ist mit Gatekeepern durchsetzt (Namen sind dem KROKODIL bekannt). Sie blocken ab. Eine Veto-Regelung ist erfunden. Die Geschichten erscheinen nicht. Das Spielfeld darf nicht verlassen werden. Der Imperialismus weiß sich zu schützen – mittels Gatekeepern.

Beispiel „Friedenswinter“

2014 ist eine „neue“ Friedensbewegung entstanden, die Montagsmahnwachen für den Frieden – in mehr als hundert Städten. Zahlreiche Beteiligte sind auf der Suche nach den tatsächlichen Zusammenhängen offen für Gedanken, die von der „alten“ Friedensbewegung weitgehend ausgeblendet werden. Gatekeeper treten auf den Plan. In einer breiten Front wird gegen die neue Bewegung Stimmung gemacht. Das gängige Verfahren kommt zum Einsatz: Kräfte, die den US-Imperialismus ins Visier nehmen, werden abstempelt. Ein Stempel trägt die Aufschrift „neu-rechts“. Gegen alle Widerstände entsteht der Wunsch nach Zusammengehen von „alt“ und „neu“. Gegen Ende 2014 ist es soweit. Der „Friedenswinter“ mit Teilen aus „alt“ und „neu“ ist entstanden. Gatekeeper (Namen sind dem KROKODIL bekannt) setzen sich an ihre Spitze. Es geht darum, die Friedensbewegung zu entgraten, zu entschärfen – wie ein Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt) offen sagt. Tabuthemen wie der 11. September und andere Kapitalverbrechen des US-Imperialismus sollen weiterhin Tabu bleiben. Eine Band wie „DIE BANDBREITE“, die mit ihren Songs das Tabu bricht, kommt beim „Friedenswinter“ nicht zum Zuge. Andere Gatekeeper sorgen dafür, dass die Mahnwachen zerfallen.

Im August 2015 beschreibt das „Neue Deutschland“ das Ergebnis der Liquidierung der Mahnwachen-Bewegung mit wunderbarer Klarheit: „Die Mahnwachen haben sich ausdifferenziert.“ So wird das im ND genannt. „Ein Teil ist auf Distanz gegangen und hat sich umbenannt. Die Gruppen heißen jetzt Occupeace, Agora oder ‘Bildung für Friedensbewegung’ und grenzen sich inhaltlich und organisatorisch von bisherigen Führungsfiguren... ab. Sie haben einen Koordinierungskreis [mit Gatekeepern] gewählt, der rund 20 Gruppen vertritt. Nach dem Tagungsort eines Treffens firmieren sie unter dem Namen ‘Friedenskreis Wanfried’... In seinem Grundsatzdokument steht neben der Abgrenzung von Rechtsextremisten und Verschwörungstheorien“ – wie das Verlassen vorgegebener Spielfelder diffamiert wird – „ein klares Bekenntnis zur Aufnahme von Flüchtlingen... Darüber hinaus verstetigen die Gruppen ihre Arbeit in Vereinen. Es sind diese Leute, in die [Gatekeeper] ihre Hoffnung setzen.“ „Die Führungsstrukturen 2015 sind nicht mehr die von 2014“, triumphiert ein führender Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt).

Der „Friedenswinter“ ist bald auch in anderer Weise abgestempelt. Das Impressum der Friedenswinter-Website ist überdeckt mit dem Schriftzug „Mit Abschluss-Aktion Demo am 10.05.2015 in Berlin aufgelöst.“ Wie mit einem Stempel. Als wäre es das Ziel gewesen, Kräfte mit dem „Friedenswinter“ ins AUS zu manövrieren. Mission accomplished! Auftrag erfüllt! Der Imperialismus weiß sich zu schützen – mittels Gatekeepern.

Beispiel AG Zukunft

Aus dem „Friedenswinter“ entsteht Anfang 2015 die AG Zukunft. Bei ihrem Treffen am 12. Juli 2015 in Kassel wird der Antrag gestellt, ein Grundsatzpapier mit der zentralen Forderung nach Austritt aus der NATO zu entwickeln. Doch Stopp! Ein Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt) kontert mit einem Antrag auf Nichtbefassung und behauptet, die AG Zukunft habe keinen Auftrag, ein Grundsatzpapier zu verfassen. Erregt äußert er: „So ein Papier wird es nicht geben.“

Im Vorfeld des Treffens in Kassel ist der Versuch unternommen worden, ein vorhandenes Papier mit der Forderung nach Austritt aus der NATO auf die Tagesordnung zu setzen. Stopp! Sofort ist ein Gatekeeper zur Stelle (Name ist dem KROKODIL bekannt). „Sorry. Interessante Erstunterzeichner… Bin echt erstaunt, wie man im Jahr 2015 noch so eine Erstunterzeichnerliste erstellen kann. In 2014 hätte ich es verstanden“, kontert er. Zu den Unterzeichnern gehören Mitglieder einer Initiative, die als Hauptbedrohung für den Frieden den US-Imperialismus sehen. Der „vorgesetzte“ Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt) ist zufrieden. „Besser hätte Frau oder Mann es nicht formulieren können“, schreibt er begeistert.

Beim Treffen der AG Zukunft am 10. Mai 2015 in Berlin in den Räumen der IALANA wird der Vorschlag unterbreitet, ein neues Münchhausen-Projekt – ohne Tabuisierung – durchzuführen. Doch Stopp! Die Gatekeeper (Namen sind dem KROKODIL bekannt) sorgen dafür, dass der Vorschlag nicht im Protokoll erscheint. Als der Antrag gestellt wird, das Protokoll um den Vorschlag zu erweitern, antwortet ein Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt), beim Treffen am 12. Juli in Kassel solle darüber befunden werden. Stopp! Ein Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt) behauptet dann in Kassel tatsächlich, einen solchen Vorschlag habe es nie gegeben. Als der Gatekeeper der Unwahrheit überführt ist, wird der Antrag diskutiert. Wieder schreitet der Gatekeeper ein. Er dulde keine Kritik an der „Redaktion“ des Münchhausen-Projekts.

Von den Verbänden der Freidenker und der Arbeiterfotografie wird ein Aufruf entwickelt – mit den zentralen Forderungen nach Austritt aus der NATO und Aufkündigung des Vertrages über die Stationierung fremder Truppen in Deutschland. „Sagt NEIN, ächtet Aggressionen, bannt die Weltkriegsgefahr!“ ist sein Titel. Per eMail werden die Mitglieder der AG Zukunft aufgerufen, sich dafür auszusprechen, dass die AG den Aufruf mit trägt. Doch Stopp! Sofort sind die Gatekeeper (Namen sind dem KROKODIL bekannt) zur Stelle. „Wir haben bisher nicht entschieden, ob die AG Zukunft ein Organ ist, das Aufrufe/Texte/Resolutionen unterschreiben soll. Ohne diese Entscheidung der Mitglieder ist eine Unterschrift nicht möglich. Meiner persönlichen Meinung nach widerspricht auch prinzipiell die Unterzeichung anderer Dokumente dem Charakter der AG“, ist von einem der Gatekeeper (Name ist dem KROKODIL bekannt) zu vernehmen. „Wir finden es verwunderlich“, wenn darauf gedrängt werde, „der AG Zukunft einen Charakter zu geben, den sie unserer Auffassung nach nicht hat... Unserer Meinung nach ist sie ein Forum zum Diskurs und Austausch von Friedensbewegten und kein Gremium, welches Aufrufe unterzeichnet oder Aktionen durchführt.“ So zwei weitere Gatekeeper (Namen sind dem KROKODIL bekannt).

AG ist offensichtlich die Abkürzung für Abstellgleis. Die Kräfte, die nach dem „Friedenswinter“ immer noch eine Zukunft mit einer starken Friedensbewegung im Sinn haben, sollen ins Leere laufen – und auf das Abstellgleis mit der euphemistischen Bezeichnung „Zukunft“ manövriert werden. Der Imperialismus weiß sich zu schützen – mittels Gatekeepern.

Beispiel „Stopp Ramstein“

„Stopp Ramstein“ ist der Name einer Aktion von Ende September 2015. „Stopp Ramstein“: das klingt so, als ginge es um die Schließung der US-Militär-Basis. Doch die Forderungen im Aufruf beschränken sich darauf, die Bundesregierung möge die Nutzung von Ramstein speziell für den Einsatz von Drohnen unterbinden. Der Zorn der Menschen muss sich irgendwo entladen können. Dazu haben Gatekeeper für Zornige das Feld der Drohnen eröffnet. Forderungen, die darauf hinauslaufen, alle US-Militäreinrichtungen in Deutschland zu schließen, werden torpediert. Eine Aktion im Mai 2015, die in Ramstein und Kaiserslautern unter dem Motto „USA go home“ genau diese Forderung aufstellte, wurde – es lässt sich ahnen – als „rechts“ diffamiert. Der Imperialismus weiß sich zu schützen – mittels Gatekeepern. Einige tauchen immer wieder auf: im „Friedenswinter“, bei IALANA, bei der AG Zukunft, im „Friedenskreis Wanfried“, bei der Aktion „Stopp Ramstein“.


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 14 (September 2015) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/


Online-Flyer Nr. 532  vom 14.10.2015

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